Heute wirkt es selbstverständlich, doch 1984 war der Korg Poly-800, ein polyfoner Synthesizer für 795 US-Dollar (rund 1.700 DM), eine kleine Sensation. Wer damals polyfon spielen wollte, musste üblicherweise deutlich mehr investieren. Selbst relativ preisnah positionierte Alternativen wie die Roland-Juno-Serie lagen häufig darüber.
Der Korg Poly-800 traf damit einen Nerv: MIDI und ein integrierter Step-Sequencer waren in dieser Preisklasse keineswegs Standard. Entsprechend wurde der Poly-800 zu einem der meistverkauften Synthesizer seiner Ära. In den 1990ern wurde er im Zuge der Analog-Renaissance wiederentdeckt und u. a. von Jimi Tenor, Sneaker Pimps und Orbital eingesetzt.
Kurzfakten zum Korg Poly-800
Seine Attraktivität ergibt sich aus einer Mischung aus Preis, Ausstattung und Charakter:

- polyfoner Vintage-Synth mit typischem 80s-Charme
- Step-Sequencer (bis 256 Schritte) und MIDI
- kompakt und leicht (ca. 4,3 kg), auch batteriebetrieben
- eigenständiger Sound mit warmem Filter und praktischem Chorus
Korg Poly-800 Design und Bedienung: 80s-Charme mit Zahlenfeld-Workflow
Korg-typisch ist der Poly-800 solide gebaut, auch wenn das stabile Vollplastikgehäuse optisch eine gewisse „Tischhupen“-Anmutung hat. Gleichzeitig hat er diesen pfiffigen 80er-Jahre-Look, der heute wieder gefragt ist. Mit rund 4,3 kg zählt er zu den angenehm transportablen Synthesizern seiner Zeit – zumal er mit Batterien betrieben werden kann und sich sogar umhängen lässt.
Die Bedienung folgt klar dem Mid-80s-Prinzip „Reduktion und Knöpfchendrücken“: Neben einem Lautstärkeregler gibt es drei Fader (Gesamtstimmung, Bend-Range, Sequencer-Tempo). Die restlichen Parameter werden über Zahlenfeld und Value-Up/Down angewählt. Das funktioniert nach kurzer Eingewöhnung zügig, allerdings vermisst man in der Praxis öfter einen komfortablen Data-Slider. Zur Kontrolle dienen drei zweistellige LED-Displays.
Praktisch und musikalisch interessant sind die Play-Modi: Neben dem normalen Spiel gibt es Hold und Chord. Gerade der Chord-Modus macht den Poly-800 zu einer kleinen Spaßmaschine für frühe Techno-Anmutungen, stabiles Pattern-Spiel und schnelle Harmonieskizzen. Ein eigenwilliger Joystick übernimmt Pitchbend sowie Tonhöhen- und Filtermodulation. Die vieroktavige Tastatur ist nicht anschlagsdynamisch, klappert leicht, spielt sich aber ordentlich.
Korg brachte außerdem eine Reverse-Version mit farblich invertierter Tastatur – eine Idee, die später auch beim microKORG wieder auftauchte.
Anschlüsse, Speicher und MIDI: Wichtiges zu frühen Serien
Auf der Rückseite finden sich Stereo- und Kopfhörerausgang, ein Kassetteninterface zur externen Sicherung der 64 Speicherplätze, ein Fußschalteranschluss zum Weiterschalten der Sounds sowie MIDI In/Out.

Bei frühen Geräten ist die MIDI-Implementation eingeschränkt: Der Omni-Off-Modus lässt sich nur extern setzen, zudem steht dann nur MIDI-Kanal 1 zur Verfügung (Sequencer auf Kanal 2). Ab Seriennummer 028727 gibt es freie Kanalwahl und die Möglichkeit, Omni intern zu deaktivieren (Reverse-Version ab 031827). Bei ganz frühen Geräten wurden außerdem Berichte bekannt, dass im MIDI-Betrieb Sounds verloren gehen konnten. Eine Speicherbatterie kam erst später.
Erwähnenswert für Studio-Setups: Korg bot auch den EX-800 als Expander-Variante an, die – anders als frühe Tastaturgeräte – SysEx unterstützt.
Klangerzeugung: Subtraktiv, DCO-basiert, clever erweitert
Der Poly-800 arbeitet mit klassischer subtraktiver Synthese und digital kontrollierten Oszillatoren (DCOs). Die maximale Klangerzeugung basiert auf acht stimmstabilen DCOs, die im Double-Modus häufig zu zwei gegeneinander verstimmbaren Strängen (je vier DCOs) gebündelt werden. Das sorgt für mehr Fülle – macht viele typische Poly-800-Sounds aber faktisch vierstimmig.
Als Grundwellenformen stehen Sägezahn und Rechteck in drei Oktavlagen bereit. Der entscheidende Twist: Die Wellenformen lassen sich wie bei einer Orgel additiv in vier Fußlagen (16’, 8’, 4’, 2’) gleichzeitig aktivieren. Damit wird aus der scheinbar begrenzten Architektur ein überraschend formbarer Klanggenerator. White Noise ist ebenfalls an Bord.

Bei den Hüllkurven geht Korg über Standard-ADSR hinaus: Es gibt eine Filter-Hüllkurve sowie zwei Lautstärke-Hüllkurven (für die beiden Oszillatorstränge), jeweils ergänzt um Breakpoint und Slope-Phase. Das analoge, resonanzfähige Vierpol-Filter klingt ausgesprochen angenehm und ist maßgeblich für den warmen Grundcharakter verantwortlich. Die Kehrseite: Es gibt nur ein gemeinsames Filter für alle Oszillatoren – eine der größten Einschränkungen des Instruments.
Der LFO arbeitet mit Sinus und kann auf DCO sowie Filterfrequenz geroutet werden. Für Breite sorgt ein einfacher Chorus, der musikalisch gut passt, aber nicht weiter editierbar ist. Ein zweibandiger EQ rundet die Klangformung ab.
Sound: Unterschätzt, warm, eigenständig
Trotz seiner Grenzen wird der Korg Poly-800 oft unterschätzt. Sein Sound ist warm, charakterstark und wirkt gerade bei Flächen und Leads erstaunlich organisch – nicht zuletzt durch das gut klingende Filter. Auch Bleeps und orgelartige Sounds liegen ihm naturgemäß, weil die additive Fußlagen-Schaltung schnell in „Orgel-Register“-Territorium führt.
Im Bass ist er weniger „massiv“ als manche Juno-Modelle, liefert aber absolut überzeugende Ergebnisse, vor allem wenn man den internen EQ sinnvoll einsetzt. Die Programmierung geht nach kurzer Eingewöhnung flott, einzig die relativ grobe Rasterung der Resonanz kann beim Feintuning stören. Das Chorus-Rauschen bleibt dabei insgesamt im Rahmen.
Korg Poly-800 II: Der sinnvolle Feinschliff
Mit dem Poly-800 II wollte Korg die wichtigsten Kritikpunkte adressieren: Die MIDI-Implementation wurde deutlich verbessert, inklusive SysEx-Übertragung. Außerdem reagieren die Hüllkurven etwas schneller. Der Sequencer-Speicher wurde erweitert, und statt des eher unflexiblen Chorus gibt es nun ein einfaches, programmierbares Digital-Delay. Optisch bleibt er nah am Vorgänger, die Farbgebung wurde jedoch leicht angepasst.
Modding („Pimp My Poly“): Mehr Kontrolle im Alltag
Ein großer Pluspunkt des Poly-800 ist seine Modding-Freundlichkeit. Besonders beliebt ist die Nachrüstung echter Regler für Cutoff und Resonanz, weil das Instrument dadurch im Live- und Studioeinsatz spürbar direkter wird. In der Praxis greifen Modder dabei häufig die entsprechenden Trimmer auf der Klangerzeugungsplatine ab und ersetzen sie durch Potis.

Wichtig: Solche Eingriffe setzen sauberes, sicheres Arbeiten voraus. Wer nicht absolut lötsicher ist, sollte den Umbau einer Fachwerkstatt überlassen – das ist meist kostengünstig, schnell erledigt und reduziert das Risiko von Schäden deutlich. Je nach Resonanz-Einstellung kann der Poly-800 außerdem zu kräftiger Selbstoszillation neigen; ein vorsichtiges Abhören mit niedriger Lautstärke ist daher Pflicht.
Neben Cutoff/Resonanz sind weitere Modifikationen wie externe Filter-Einspeisung oder zusätzliche Parameter-Potis möglich. Unterm Strich gilt: Wer analoge Klangästhetik mag, aber gebraucht nicht allzu tief in die Tasche greifen will, sollte den Korg Poly-800 unbedingt antesten – er ist ein eigenständiger Vintage-Synth, der musikalisch mehr bietet, als sein Bedienkonzept zunächst vermuten lässt. Wir bedanken uns bei Jürgen Stiemert für den Korg Poly-800 zur Ansicht.
Herstellerlink: KORG (EU – DE)

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