Pianos made in Germany

Making-Of: GEWA Digitalpianos

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(Bild: Alexander Kern)

Die ersten spielerischen Begegnungen mit Digitalpianos von GEWA (s. Test des UP380G in KEYBOARDS 5+6.2018) haben uns neugierig gemacht. Schließlich gehört einiges dazu, als Neuling im Tasteninstrument-Markt den seit Jahrzehnten dominierenden, überwiegend japanischen Herstellern die Stirn zu bieten. Wie es dazu kam, haben uns die verantwortlichen Entwickler persönlich erzählt.

Die Forschungsreise führt uns ins sächsische Vogtland, wo sich bereits im 17. Jahrhundert eine bis heute bestehende Hochburg des Instrumentenbaus etablierte. Es geht durch wildromantische Landschaften, und die böhmischen Dörfer liegen gleich hinter der Grenze auch nicht weit entfernt. Ankunft ist am Rande des Städtchens Adorf, wo sich die GEWA Music GmbH in einer ehemaligen Teppichfabrik einen modern ausgebauten Hauptsitz samt Lagern eingerichtet hat; im Ort dient ein weiteres, ähnlich nostalgisches Backsteingebäude als Produktionsstätte.

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Gut möglich, dass manchen GEWA als Hersteller von Instrumenten-Taschen bekannt ist, denn davon sind eine Menge im Umlauf. Die gibt es ja auch schon, seit Georg Walter (daher: Ge-Wa) das Unternehmen im Jahr 1925 gründete und sich auf die Produktion von Streichinstrumenten sowie die dazugehörigen Etuis spezialisierte. Nach und nach fanden Vertriebsmarken den Weg ins GEWA-Portfolio, während zwischen Ende des zweiten Weltkriegs und dem Mauerfall vorübergehend nach Mittenwald in Oberbayern übergesiedelt wurde. Heute sind die hochwertigen und extrem stabilen GEWA Carbon-Etuis europaweit führend und weltweit begehrt − ebenso wie Klavierbänke und -hocker der Marke. Darüber hinaus gibt es ein Vertriebsprogramm mit gut 30 renommierten Marken sowie Eigenmarken aus den Bereichen Drums und Percussion, Blasinstrumente, Saiteninstrumente, PA sowie vielerlei Zubehör. Dabei ist GEWA oft an der Entwicklung und Produktion von Partnern beteiligt. Eine gute Grundlage also, um in neue Bereiche zu investieren und dabei innovative Ansätze zu verfolgen.

Zurück zum klassischen Anspruch

Den Aufbau einer Digitalpiano-Produktion im Hause GEWA leitete maßgeblich Product-Manager Dennis Pelz, der ein studierter Schlagzeuger ist. Zu Beginn dieses Jahrzehnts wurden die ersten Prototypen noch in Fernost produziert, doch die Ergebnisse und überhaupt die Entwicklungsprozesse über die weite Entfernung waren schlichtweg unbefriedigend. Ausschlaggebend für die konzeptionelle Kehrtwende war neben den Qualitätsbedenken schließlich eine vergleichende Preisanfrage für Leiterplatten, die beim heimischen Lieferanten plötzlich günstiger waren als die aus China. Das bessere Angebot kam aus dem keine 15 Kilometer entfernten Nachbarort Schöneck, wo der Unterhaltungselektronik-Hersteller TechniSat eine Niederlassung hat. Generell trägt die Gegend wegen ihrer in Europa einzigartigen Dichte an Mikroelektronik-Unternehmen den Beinamen »Silicon Saxony«. So konnte sich TechniSat, die als Produzent für die Orgel-Marke Vermona bereits über musikalische Erfahrungen verfügte, viel aktuelles Know-how zum Entwicklungsprozess beitragen.

GEWA-Hauptsitz mit klassisch moderner Architektur
Product-Manager mit Musikstudium: Marius Leicht und Dennis Pelz

Das beachtliche Resultat der engen Zusammenarbeit ist ein durchdacht designtes, überraschend kompaktes Mainboard-Layout, das in allen Digitalpiano-Modellen von GEWA sämtliche Aufgaben übernimmt. Positiver Nebeneffekt dieser Verdichtung auf nur eine Baugruppe ist, dass bei Schäden oder Problemen die Händler nun selbst eingreifen und austauschen können, anstatt das komplette Klavier zum Reparaturservice zu schicken. Ebenfalls interessant für Handel und Kunden dürfte sein, dass GEWA Digitalpianos ausschließlich über ausgewählte Partner verkauft werden, um so den bestmöglichen Service in Sachen Beratung und Know-how zu gewährleisten. Zum Kennenlernen der Produkte werden interne Beraterschulungen veranstaltet, und wenn dann wieder mal jemand fragt: »Warum baut ihr denn jetzt eigentlich auch noch Digitalpianos?«, dann antwortet Dennis Pelz: »Unser Anspruch bei der digitalen Klangerzeugung ist es, ein akustisches Piano zu bauen, kein glattgeschliffenes Popmusikinstrument, eher ein klassisches Schulinstrument nach Vorbild eines Flügels. Da gibt es nicht viel Vergleichbares.«

Wohlkomponierte Technologien

So wichtig ein akustisch vorteilhaft konstruierter Klangkörper ist, letztlich ist bei Digitalpianos zuerst einmal die Technik entscheidend, die drinsteckt. Die stammt bei der GEWA komplett aus Europa, während die Gehäuse im firmeneigenen Werk in Asien vorproduziert werden. Das Herzstück ist ein DSP-Chip, der ohne Koprozessor auskommt und in Kooperation mit der französischen, auf Musik spezialisierten Hard- und Softwarefirma Dream entwickelt wurde. Als Hintergrund: Dream-Gründer Christian Deforeit erfand in den Synth-Anfangstagen ein eigenes Synthese-Verfahren; er und GEWA-Seniorchef Hans-Peter Messner kennen sich von ihrer gemeinsamen Zeit bei Hohner. Der große Vorteil dieses Chips ist, dass die digitale Signalverarbeitung auch parallel ablaufen kann, was ideal für polyfone Effekte ist. Die meisten anderen Chips, wie beispielsweise der wegen seiner Schnelligkeit für musikalische Zwecke sehr häufig eingesetzte, aber auch dreimal so teure Sharc, arbeiten ausschließlich seriell.

Zu den weiteren klangkritischen Komponenten zählen natürlich die Lautsprecher. Hier entschied man sich für den seit über 50 Jahren auf Akustik spezialisierten, nordrhein-westfälischen Lieferanten Visaton.

Bei der für Spielgefühl und -dynamik so wichtigen Hammermechanik-Tastatur gab es nicht wirklich Alternativen, wie Dennis Pelz meint. Seines Erachtens kann ausschließlich Fatar aus Italien eine hochqualitative Tastatur liefern. Nun gut, Fatar ist nicht umsonst weltgrößter Tastaturhersteller und hat das für authentisches Spielgefühl sorgende Hammermechanik-Design erstmals eingeführt. Darauf vertrauen tonangebende Marken wie Clavia/Nord, Kurzweil und viele mehr. Die von GEWA verbauten Tastaturen werden speziell angefertigt und weichen in Details von den Standardausführungen ab.

Echtes Holz − GEWAs Wooden Keys haben nicht nur ein Furnier.
Nur ein kompaktes Mainboard für alle Sounds und Funktionen

Was geht über die Dynamik eines Steinways?

Neben den grundlegenden materiellen Details zählt letztlich das nicht-greifbare Hörbare. Hier profitiert GEWA von langjährig bestehenden Beziehungen zur deutsch-amerikanischen Flügel-Koryphäe Steinway & Sons, die mit einigen Tochtermarken im GEWA-Vertrieb ist. Als klangliches Vorbild der Digitalpianos aus Adorf dient somit kein geringerer Flügel als der Steinway D274 − für viele Pianisten und Hörgenießer die Referenz auf internationalen Bühnen!

Die Samples wurden gemeinsam mit Akustik-Experten von Steinway im Hamburger Home-Tonstudio von Franz Plasa mithilfe aufwendiger Mikrofonierung aufgenommen − jede Taste einzeln, hochauflösend in vier Stereo-Layern. Marius Leicht, der in Teilzeit Product-Manager und Klangdesigner bei GEWA ist, Klavierspiel an der Dresdener Hochschule für Musik lehrt und als Tastenmensch in einigen zeitgenössisch rockigen bis experimentellen Projekten aktiv ist, erklärt, warum das so wichtig ist: »Wir haben bei Mitbewerbern sehr genau analysiert, wie dynamisches Spiel umgesetzt wird. Da werden stärker angeschlagene Töne in der Regel zwar lauter und spitzer, aber es passiert nicht so viel Klangänderung. Das liegt daran, dass Obertöne weggerechnet oder mehr oder weniger beliebig hinzugefügt werden. Deshalb haben wir durch möglichst detailgenaues Sampling versucht, die originale Dynamik des Instruments auch in der Digitalversion beizubehalten.«

Selbstverständlich stehen neben dem Hauptdarsteller-Klang von Steinway je nach Modell bis zu 30 weitere Sounds zur Wahl. Das Klangspektrum authentischer Nachbildungen reicht vom Bösendorfer-Klavier über verschiedene Streicher und Orgeln einschließlich Hammond über Rhodes oder Clavinet bis hin zu populären Synthesizern. Zusätzlich sind stets diverse Hall- und Modulations-Effekte zuschaltbar.

Vielfalt (nicht nur) für den Hausgebrauch

Mit aktuell sechs Digitalpiano-Modellen deckt GEWA Preisklassen von knapp 1.000 bis etwas mehr als 2.500 Euro ab. Wesentliche Unterschiede sind einerseits im Design augenscheinlich, das sich überwiegend an klassischen Upright-Pianos orientiert, aber auch ein offen gestaltetes Modell mit herausnehmbarem Keyboard bietet. Auf Bedienpanels oberhalb der Tastatur wird durchweg verzichtet; stattdessen ordnet sich die einfach gehaltene Bedienoberfläche (im Topmodell mit Touchscreen) linksseitig ein. Andererseits steigen mit dem Preis die verfügbaren Funktionen − dazu gehören beispielsweise individuell kalibrierbare Tasten, editierbare Effekte, speicherbare Soundeinstellungen, Aufnahmemöglichkeiten mit bis zu acht Kanälen, Lernprogramme und noch einiges mehr.

Wiederum Unterschiede in der Hardware gibt es bei der Dimensionierung der Lautsprecher − da geht es bis hin zum auch für größere Räume und volumenstarke Einsätze geeigneten 3-Wege-System! Für die Tastatur ist eine edle Echtholzvariante verfügbar, außerdem Graded-Hammer-Feeling, das den schwereren Anschlag auf dickeren Saiten simuliert, oder haptisch elfenbeinartige Ivory-Touch-Oberflächen. Mit Blick auf die gebotene Ausstattung und Qualität sind die aufgerufenen Preise insgesamt keineswegs abgehoben. Im Gegenteil, das stilvolle Gesamtkonzept ist wettbewerbsfähig und hat längst Bewegung in den Markt gebracht.

Seniorchef Hans-Peter Messner (Bild: GEWA)

Made in Germany − played worldwide

Aktuell schafft die Produktion in Adorf mit zehn Mitarbeitern ca. 20 Pianos pro Tag. Zuerst werden die einzelnen Komponenten im Gehäuse montiert und alle Funktionen getestet. Durch computerunterstützte Kalibrierung der Tasten wird sichergestellt, dass wirklich jedes Instrument die gewünschte Ansprache entfaltet, wenn es gespielt wird. Schlussendlich gibt es vor der Auslieferung noch einen zwölfstündigen Dauertest. Unser Fazit nach dem Firmenbesuch: In Zeiten der Globalisierung ist es immer erfreulich, wenn eine Produktion »nach Hause geholt« werden kann − umso mehr, wenn dabei erschwingliche Produkte herauskommen.

Nachdem die Welt der Pianospieler/-innen nun ein bisschen perfekter geworden ist, geht GEWA schon mit der nächsten Innovation an den Start: einer ziemlich revolutionären Digital Drum Workstation, die bereits auf Musikmessen vorgeführt wurde. Dann zählt mal ein, wir freuen uns auf den Groove!

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