Casio Keyboard

Es ist kein Wunder, dass viele Casio Keyboards mittlerweile Kultobjekte sind. Die Produkte der japanischen Firma konnten häufig mit pfiffigen Features überraschen und haben geholfen, die Popmusikgeschichte mitzugestalten.

» weiterlesen

Auch heute wissen die aktuellen Casio Instrumente – vornehmlich in den Sparten Digitalpianos und Keyboards platziert – mit vielen zeitgemäßen Features zu überraschen. Ebenfalls darf man immer mit einem Funktionsumfang rechnen, der – gemessen am Verkaufspreis – große Freude macht (und den Mitbewerbern zuweilen Rätsel aufgibt: „Wie haben die das bloß wieder gemacht?“).

Wenn’s um Consumer-Kleinstelektronik geht, ist der japanische Hersteller eine ganz große Nummer: Digitaluhren, Foto- und Video-Kameras, Taschenrechner, Mini-Computer und, und, und … Was heute vielleicht nicht jeder weiß: Den Synthesizer-Boom der 80er hat Casio ebenso erfolgreich mitgestaltet, verstand es der Hersteller doch, Instrumente mit aktuellsten Synthese-Konzepten zu präsentieren, die für kleines Budget die angesagten Sounds auf Lager hatten.

So entstand das Casio Keyboard…

Casio wurde 1946 von dem Ingenieur Tadao Kashio in Tokio gegründet. Schon das erste erfolgreiche Produkt der Firma hatte den gewissen Casio-Charme: die sogenannte „Yubiwa Pipe“ ist ein Fingerring, der dem Träger erlaubte, eine Zigarette zu rauchen und trotzdem die Hände frei zu haben. Das Geld des skurrilen Erfolgsrings steckten Kashio und seine Brüder in die Entwicklung von Rechenmaschinen.

Bürorechenmaschinen wurden in den frühen 50er-Jahren meist mechanisch betrieben; Kashio fertigte 1954 Japans ersten elektro-mechanischen Rechner (der u. a. mit Zylinderspulen arbeitete und Schreibtischgröße hatte). Drei Jahre später brachte Casio Computer LTD den ersten elektronischen Kompaktrechner (mit Relais) auf den Markt. In den 70er-Jahren werden Casio Taschenrechner weltweit Verkaufsschlager – ein weiteres erfolgreiches Produkt sind multifunktionale Digital-Uhren.

1979 beschließt das Casio-Managment, seine Geschäftsaktivitäten über die Fertigung von Taschenrechnern und Uhren hinaus auf elektronische Musikinstrumente auszudehnen. Das erste Produkt ist das kompakte Casio Keyboard Heimkeyboard Casiotone 201.

Das Casio Keyboard besitzt eine analoge Klangerzeugung und bietet drei Sounds (Piano, Orgel, Gitarre).  Dies war der Startschuss für viele erfolgreiche elektronische Musikinstrumente, von denen etliche mittlerweile Kultstatus haben oder eine begehrte Beute der Circuit-Bender-Szene geworden sind. Die legendärsten werden wir im Folgenden vorstellen.

Aha, aha, aha – das VL-1

Markante Spuren im Popmusikuniversum hinterließ der Mini-Synth VL-1, der 1981, im Jahr seiner Markteinführung, ziemlich futuristisch wirkte. Dazu trug neben dem slicken Star-Wars-Design auch die Tatsache bei, dass das Casio Keyboard nicht nur Synthesizer und Drumcomputer beinhaltet, sondern auch einen Taschenrechner.

Bands, die damals in Zuge der New Wave-Bewegung an einer vom Punk beeinflussten Neukonzeption der Popmusik arbeiteten, setzten das Gerät gerne als innovatives Gadget ein (z. B. The Fall The Man Whose Head Expanded oder Human League Get Carter). Auf einen Schlag bekannt wurde das Minikeyboard durch die deutsche Band Trio, die das Gerät in ihrem minimalistischen Hit Da verwendeten.

Dass das skurrile Instrument bis heute nichts von seiner Faszination eingebüßt hat, belegen zahlreiche Songs, bei denen das VL-1 zum Einsatz kam (z. B. bei Robbie Williams Rudebox, Fergies Clumsy oder bei der Electronik-Band Yip Yip).

Der Preis des Casio Keyboard VL-1, das auch auf den Namen „VL-Tone“ hört, war übrigens mit 149 Mark ziemlich volksnah, was sich auch in den Verkaufszahlen niederschlug. Das reduzierte Sci-Fi-artige Design des Minisynths machte es zu einem Designklassiker.

Um trotz der winzigen Tasten die Spielbarkeit des Casio Keyboards zu gewährleisten, wurde ein einfacher Stepsequenzer mit 100 Schritten implementiert, dessen Speicherinhalt sich mit der „One-Key“-Funktion auch manuell abrufen lässt; so kann man auch komplexe Melodien durch Drücken der beiden blauen „One-Key“-Taster problemlos performen. An Bord ist außerdem ein einfacher Drumcomputer mit zehn Preset-Grooves und drei schön trashig klingenden Instrumenten; das Preset „Rock 1“ bildet übrigens die Grundlage für Da Da Da.

Die Klangerzeugung des monofonen Synthsektion basiert auf unterschiedlich gefilterten Rechteckwellen mit diversen Pulsbreiten und bietet fünf Presets (mit z. T. euphemistischen Bezeichnungen wie „Piano“, „Violin“ oder „Guitar“), die man in drei Oktavlagen spielen kann. Darüber hinaus besteht aber die Möglichkeit, eigene Klänge zu gestalten, indem man achtstellige Zahlenkombinationen eingibt.

Dabei bietet der Winzling überraschend viele Parameter: So gibt es zehn Oszillator-Wellenformen, und zur Programmierung der Lautstärke-Hüllkurve lassen sich neben den Zeiten von Attack, Decay, Sustain und Release auch das Sustain-Level programmieren. Als Effekte stehen außerdem Tremolo und Vibrato mit einstellbaren Effektintensitäten zur Verfügung. Der Klang des Minisynths ist schön bleepig und extrem synthetisch.  Dem VL-1 folgten noch eine Reihe weiterer VL-Geräte, darunter das rare polyfone VL-5.

Casio Keyboard CZ-101

Der CZ-101 ist der erste Casio-Synthesizer für den Profimusiker. Er kam Ende 1984 auf den Markt, wurde bis Anfang 1987 gefertigt und kostete 499 Dollar. Das kompakte Gehäuse des mit 49 Minitasten, zweizeiligem LC-Display und MIDI-Schnittstelle ausgestatteten Synths ist aus einem stabilen silber-metallischen Plastik. Musiker mit stark narzisstischem Charakter können den Synth auch an einem Gitarrengurt befestigen und batteriebetrieben als Umhängekeyboard nutzen.

Da für User-Sounds nur 16 Speicherplätze zur Verfügung stehen, bietet das Gerät auf der Rückseite noch einen Slot für eine RAM-Cartridge.  Um der FM-Synthese von Yamaha etwas entgegenzusetzen, entwickelte man bei Casio eine eigene digitale Klangsynthese, die „Phase Distortion“, kurz PD, getauft wurde. Die Basis der PD-Synthese ist die gezielte Verzerrung digitaler Sinuswellenformen mithilfe einer Veränderung des Phasenwinkels. Es werden keine Filter eingesetzt, vielmehr wird der Soundcharakter durch direkte Modifikation der Phasenlage der Wellenformen gestaltet.

Je nachdem, welcher Algorithmus zur Verzerrung der Wellenform verwendet wird, kann die Auswirkung dramatisch sein. Manchmal hat eine geringfügige Parameterveränderung eine große Wirkung zur Folge. Ähnlich wie bei der FM-Synthese ist es manchmal schwer, die klanglichen Auswirkungen vorherzusehen. Allerdings lässt sich die CZ-Serie viel leichter programmieren als ein FM-Synth mit sechs Operatoren.

Es stehen zwei gegeneinander verstimmbare Oszillatorenstränge zur Verfügung, wobei aus einem Fundus von acht Wellenformen geschöpft werden kann, der außer Bekanntem wie Dreieck und Rechteck auch resonanzartige Waves bietet. Sowohl DCO als auch DCW und Amplifier sind mit speziellen achtstufigen Hüllkurven ausgestattet. Sie gehören zu den Stärken der CZ-Synths und ermöglichen weitaus komplexere Klangverläufe als eine klassische ADSR-Hüllkurven-Charakteristik. Als Modulations-Effekte stehen neben Vibrato und Portamento ein Ringmodulator sowie eine Noise-Modulation zur Verfügung, die gut für perkussive Sounds ist.

Der CZ-101 gehörte übrigens zu den ersten multitimbralen Synths; bis zu vier war, gehört nicht zu den Stärken der CZ-Synths.  Dafür lassen sich einfacher typische Analogsounds programmieren – nicht umsonst gehört Analogfreak Vince Clarke (Depeche Mode, Erasure) zu den größten Liebhabern des CZ-101 und besaß gleich mehrere Exemplare.

Aber auch experimentelle Klangereignisse oder metallische Sounds sind leicht realisierbar. Dass der CZ-101 kein Spielzeug ist, beweist auch die Tatsache, dass sich unter seinen Usern eine Reihe namhafter Musiker finden, die keineswegs alle den 80er-Jahren zuzuordnen sind.  Neben V. Clarke gehören u. a. die Neptunes, Fannypack, Jean Michel Jarre, Moby, Jimi Tenor, Joe Zawinul und They Might Be Giants zur CZ-Riege.

Gleichzeitig mit dem CZ-101 kam auch der CZ-1000 auf den Markt, der etwas mehr kostete (799 Dollar) und 49 Normaltasten bietet, ansonsten aber baugleich ist. Weitere Modelle der CZ-Serie sind der CZ-230S (Minitasten, 100 Presets, Drumcomputer), der CZ 2000-S (Lautsprecher), CZ-3000, CZ- 5000 (integrierter Sequenzer), AZ-1 (Umhängekeyboard) und das Top-Modell der CZ-1 (je 64 RAM- und ROM-Presets, Aftertouch, Chorus etc.).

RZ-1

Die RZ-1 wurde von Casio 1986 herausgebracht und war mit einem empfohlenen Verkaufspreis von 1.390 Mark die erste – auch für einen weniger betuchten Anwenderkreis bezahlbare – Rhythmusmaschine mit PCM-Sounds und der Möglichkeit, eigene Sounds zu samplen. Die RZ-1 kann man wohl mit Fug und Recht zum erlauchten Kreis der Kult-Rhythmusmaschinen zählen.

Das Äußere der RZ-1 besticht durch eine „seriöse“ und professionelle Aufmachung. Insgesamt wirkt die Bedienungsoberfläche übersichtlich und ist logisch gegliedert, sodass man auch ohne Handbuch sofort loslegen kann. Anschlussseitig bietet das Gerät neben einem MIDI-Trio auch zehn Einzelausgänge. Der Sequencer der RZ-1 überzeugt durch einen guten und tighten Groove. Die Werkssounds klingen „nach 80 Jahre Rhythmusmaschine“, besitzen einen eigenen Charakter und setzen sich gut im Mix durch. Sie sind sicherlich nicht jedermanns Sache, haben aber Charme, und besonders Hi-Hat und Clap lassen sich gut einsetzen. Mit 12 Bit/20 kHz ist eine spezifische Raubeinigkeit eben unvermeidbar. Das Sahnehäubchen der RZ-1 war die Möglichkeit, vier Sounds à 0,2 Sekunden (wow!) zu sampeln. Was sich heute bescheiden anhört, war 1986 der Hammer (besonders angesichts des im damaligen Vergleich günstigen Preises).

SK-1

Ebenfalls im Jahr 1986 kam der Minisampler SK-1 auf den Markt, der ein riesiger Verkaufserfolg für die Firma wurde. Das 199 Mark teure Gerät besitzt ein eingebautes Mikro, einen Lautsprecher und kann auch mit Batterien betrieben werden. Außerdem sind ein Drumcomputer, ein Sequenzer und ein einfacher additiver Synthesizer an Bord. Das Sample kann geloopt und mit einer VCA-Hüllkurve versehen werden.

Trotz der geringen Samplingzeit von maximal 1,4 Sekunden mit einer Samplerate von 8 Bit bei einem Frequenzgang von 9,38 kHz ist das Lo-Fi-Teil bei vielen Musikern beliebt. Zu den Nutzern gehören z. B. Bomb The Bass, Krush, Fatboy Slim, Beck, Autechre, Portishead und Blur. Der Kultfaktor des SK-1 wird zusätzlich dadurch erhöht, dass es eines der begehrtesten Opfer der Circuit-Bending-Gemeinde wurde.  Bending-Guru Reed Ghazala erkannte als einer der ersten, dass sich die offene Multichip-Architektur des SK-1 gut für Modifikationen eignet.

FZ-1

Ein Jahr später, 1987, erschien ein Casio-Sampler für die Profi-Fraktion. Der FZ-1 war einer der ersten Sampler, der mit 16-Bit-Auflösung punkten konnten. Bereits 1986 stellte Casio auf der Musikmesse einen 16-Bit-Sampler namens ZZ-1 mit integrierter Effekt-Sektion vor, der jedoch mangels positiver Resonanz nie in Serie ging.  Der Preis des FZ-1 bewegte sich mit ca. 3.400 Mark noch in moderaten Regionen, wenn man ihn z. B. mit Fairlight-Systemen vergleicht; in diesem Preissegment waren bestenfalls 12-Bit-Sampler erhältlich.

Der Sampler ist achtfach polyfon und arbeitet mit wählbaren Sampleraten von 36, 18 oder 9 kHz. In der höchsten Auflösung fasst der 1 MB große Speicher 14,5 Sekunden, in der niedrigsten 58 Sekunden. Das Gerät hat viele Features an Bord, die ihn zu einem leistungsfähigen Synthesizer machen. Die Samples durchlaufen eine umfangreiche Nachbearbeitungsabteilung mit einer achtstufigen Lautstärkehüllkurve und der Möglichkeit, bis zu acht (!) Loops zu definieren.

Es steht ein digitales, aber trotzdem gut klingendes Lowpass-Filter mit Resonanz zur Verfügung, das energisch in den Klang eingreift und bei hohen Resonanzwerten schöne, leicht angezerrte Sounds generiert. Weitere Möglichkeiten der Klangestaltung ohne Samples ergeben sich durch einen integrierten additiven Synthesizer auf der Basis der Fouriersynthese.

Der FZ-1 war die Geheimwaffe der britischen Sample-Wizards Coldcut (Bits & Pieces) und wurde von vielen bekannten Musikern wie Dee Lite (z. B. bei Groove Is In The Heart), Kitaro, Underworld 2 Live Crew, das Kronos Quartett, Erasure, EMF, M-ZIQ und Karlheinz Stockhausen eingesetzt.

… and more Casio Keyboards

Weitere Highlights in der Casio-Synthesizergeschichte waren die Kompaktkeyboards der MT-Serie mit zahlreichen Modellvarianten und die VZ-Synthesizer, die die Nachfolge der CZ-Serie antraten und eine erweiterte Form der PD-Synthese bieten. Wegen ihres analogen Tiefpassfilters sind auch Synthesizer der HZ/HT-Serie (wie z. B. der HZ-600 von 1987) begehrt.

Instrumente mit hohem Kultfaktor sind außerdem der Rapman von 1991 und die futuristische E-Gitarre DG-20 mit digitaler Klangerzeugung, integriertem Drumcomputer und MIDI-Schnittstelle.

Statement von unserem Casio Keyboard Experten Joker Nies:

Casios Mini-Keyboard SK-1 war der erste für die breite Masse erschwingliche Sampler und ist heutzutage ein „Prime-Target“ für die Gemeinde der Circuit-Bender. Durch die übersichtliche und großzügig dimensionierte Technik der 80er-Jahre – ohne unlötbare SMD-Bauteile waren Manipulationen an den ROM-Bausteinen ein Leichtes. Das simple Betriebssystem, das mit minimalem RAM und Befehlssatz auskam, lies sich so leicht zu „Neuinterpretationen“ des ROM-Inhaltes überreden, was sich in zuverlässig reproduzierbaren schrägen bis bizarren Sounds und Rhythmus-Patterns äußert.

« Zurück nach oben