Der Klangriese

Vintage Park: Moog Memorymoog – Analoger Synthesizer (*1982)

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Memorymoog

Der Memorymoog ist eine polyfone Synth-Legende und gilt als Soundmonster, aber er markiert auch das letzte Aufbäumen der Traditionsfirma vor der Pleite in den 80er- Jahren. Mit dem Moog One hat er kürzlich einen würdigen Nachfolger gefunden.

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Anfang der 80er-Jahre waren die Synthesizer-Kriege um den besten polyfonen programmierbaren Synth in vollem Gange. Sequential Circuits hatte 1977 mit dem damals fast konkurrenzlosen Prophet-5 gut vorgelegt und die Mitbewerber in argen Zugzwang gebracht. Oberheim konterte mit dem klangstarken OB-X und dessen Nachfolgern, und die japanischen Firmen hatten mit Yamahas CS-Serie und Rolands Jupiter-8 ebenfalls heiße Eisen im Feuer. Der Druck bei der Traditions-Firma Moog mit einem konkurrenzfähigen Synth-Boliden gegenzuhalten, wurde immer größer. Die Moog-Fans fantasierten natürlich schon lange von einem polyfonen Minimoog, nur, wann würde der kommen?

Ok, wird jetzt mancher einwenden, Moog hatte doch den Polymoog am Start, der schon 1976 vorgestellt wurde, also gab es doch ein entsprechendes Produkt … In der Tat ist der Polymoog ein polyfones Instrument und wurde auf vielen Produktionen eingesetzt, aber er war nicht programmierbar und wies auch klangliche Limitationen auf, da er mit einer Frequenzteilerschaltung arbeitet (wie Orgeln oder Stringmachines). Seine Produktion wurde 1980 eingestellt.

Es war höchste Zeit, dass Moog nun seinem Ruf gerecht wurde und einen eigenen »echten« Poly-Synth präsentierte. In der Firma stand in den frühen 80er-Jahren sowieso nicht alles zum Besten; Moog-Gründer Robert Moog hatte die Firma bereits 1977 verlassen.

Zu spät? 1982 war es nach einer vierjährigen Entwicklungs-Phase endlich soweit: Der Memorymoog wurde vorgestellt und konnte von betuchten Musikern für ca. 4.800 Dollar erworben werden. Moogs ganze Hoffnungen ruhten auf dem neuen Schlachtschiff. Der Synth wurde von vielen namhaften Musikern wegen seines großartigen Sounds geschätzt; er ist u. a. auf Produktionen von Leuten wie 808 State, Duran Duran, George Duke, The Orb, The Crystal Method, Air, Jean-Michel Jarre, Freddy Fresh, Jan Hammer, Bon Jovi, INXS, Moog Cookbook oder Rick Wakeman zu hören.

Memorymoog
Die Oszillatorsektion des Memorymoog (Bild: Erik Nielsen)

Style & Spiegeleier.

Das Design des 20 kg schweren Boliden ist absolut gelungen und verweist deutlich auf den Minimoog. Das Holzfurnier verträgt sich großartig mit dem leicht angeschrägten und in silbernes Stahlblech gefassten Bedienpanel. Das fünfoktavige Keyboard ist gut spielbar und die Bedienoberfläche übersichtlich gestaltet, muss aber ohne Anschlagsdynamik auskommen. Einige Parameter werden mithilfe des Zahlenfelds und des Displays aufgerufen. Ab Werk war der Memorymoog leider mit einem unterdimensionierten Netzteil ausgestattet, das so heiß wird, dass man nach kurzer Betriebsdauer auch Spiegeleier auf dem Gehäuse braten konnte.

Memorymoog
Als Spielhilfen kommen natürlich die Moog-typischen Handräder für
Modulation und Pitch zum Einsatz.
(Bild: Erik Nielsen)

Minimoog x 6?

Alle erhofften nun einen polyfonen Minimoog, und tatsächlich wurden viele Erwartungen erfüllt. So liefert die sechsstimmige Klangerzeugung (wie beim Minimoog) drei Oszillatoren pro Stimme, womit sich der Memorymoog auch von seinen Konkurrenten wie dem Prophet-5, OBXa oder dem Jupiter-8 (die mit zwei Oszillatoren pro Stimme auskommen müssen), absetzen konnte. Allerdings klingt er doch ein wenig anders als der Minimoog, denn seine VCOs sind nicht diskret aufgebaut und basieren auf den Curtis CEM3340-Chips, die u. a. auch im Prophet-5 (Rev 3) sowie im Oberheim OB-8 und OBXa verbaut wurden − sie werden (zum Glück!) neuerdings wieder gefertigt.

Die Grundzüge der Klangarchitektur jedoch ähneln dem Minimoog: Es kommen pro Stimme drei VCOs mit den Wellenformen Sägezahn, Puls und Dreieck zum Einsatz; die Pulswellenbreite lässt sich manuell einstellen und mit einem LFO (mit vier Wellenformen, darunter Sample&Hold) modulieren. Beim Minimoog muss VCO 3 für den Einsatz als LFO geopfert werden, auch diese Möglichkeit bietet der Memorymoog. Ein Noise-Generator ist ebenfalls an Bord, und VCO 2 lässt sich zu VCO 1 synchronisieren (der Minimoog hat dieses Feature nicht). Als Filter dient natürlich das bewährte 4-Pol-Kaskadenfilter, das vor allem durch den Minimoog Weltruhm erlangte.

Memorymoog
Rückseitig findet man die Audioausgänge (XLR und Klinke), CV-, Voltage- und Switch-Trigger-Ausgänge, zwei Fußpedal-Anschlüsse, Fußschalter-Buchsen (für Release, Hold, Programm-Anwahl und Glide) sowie ein Kassetteninterface zum Speichern der Programme. (Bild: Erik Nielsen)

Die Envelope Sektion ist mit zwei auf Curtis-Chips basierenden ADSR-Hüllkurven für Lautstärke und Filter ausgestattet, die einige Besonderheiten aufweisen. Sie bieten Optionen wie Keyboard Follow, Return to Zero (Anschlag startet bei Null) und Unconditional Contour (bestimmt, ob die Hüllkurve nach dem Triggern komplett durchlaufen wird oder nicht).

Zusätzlicher Spielspaß ist durch einen einfachen Arpeggiator und eine Chord-Memory-Funktion garantiert

Seinen mächtigen Sound verdankt der Memorymoog dem Moog-Filter und der Möglichkeit, das Signal in der Mixersektion subtil oder auch böse zu übersteuern. Die Pad-, Brass- und String-artigen Klänge des Synths sind manchmal so massiv, dass er alles andere verdrängt und man ihn im Arrangement meist per EQ zähmen muss. Auch kraftvolle, durchsetzungsfähige und ausdrucksstarke Solo-Patches stellen für den Memorymoog kein Problem dar. Dank Oszillator-Modulation sind auch ungewöhnliche Sounds möglich, allerdings gehören experimentelle Klanglandschaften (mangels Ringmodulator etc.) nicht zu seiner Kernkompetenz. Die Oszillatoren lassen sich bei Bedarf auch zur sechsfachen Klangkeule übereinanderlegen.

Memorymoog
Die Hüllkurven des Memorymoog arbeiten mit CEM3310-Chips.

Risiko …

Trotzdem hatte der Memorymoog einen schlechten Ruf, was seine Zuverlässigkeit betrifft. Besonders die frühen Versionen gelten als notorisch anfällig für Tuning-Probleme oder auch Komplettausfälle, die vor allem gern im rauen Bühnengeschehen stattfinden. Die Band Saga hatte 1983 auf Tour drei Memorymoogs dabei.

Update.

Die Original-Version des Memorymoog musste noch ohne MIDI auskommen, aber schon circa ein Jahr nach dem Release kam der Memorymoog Plus heraus. Er ist mit einer sehr rudimentären MIDI-Schnittstelle (nur Omni-Mode) ausgerüstet und bietet eine Autotune-Funktion sowie einen einfachen, polyfonen Sequenzer. Die Plus-Version war auch als Nachrüstsatz erhältlich.

Die ultimative Memorymoog-Version aber ist der Lintronics Advanced Memorymoog (LAMM) von Rudi Linhard (siehe Interview). Seine ab 1992 angebotene LAMM-Nachrüstung macht den Synth fit für die Zukunft und stattet das Instrument mit einer leistungsfähigen MIDI-Schnittstelle, einem neuen Betriebssystem, einem neuen Netzteil, stimmstabileren Oszillatoren, einem neuen Noise-Generator (das Original erzeugt einen störenden digitalen Loop-Effekt), einem Filter-Input für externes Audiomaterial, neuen VCAs und vielen weiteren Verbesserungen aus. Teile wie die anfälligen Voice-Card-Komponenten und die Multi-Pin-Verbindungen werden ausgetauscht. Der Preis hängt vom Zustand des jeweiligen Synthesizers ab (www.lintronics.de/lamm.html).

Ein neuer VCA von Lintronics für den Memorymoog
Das LAMM-Update stattet den Synth mit einem neuen Netzteil aus.

Heiliggesprochene Analogsynths …

Der Memorymoog wurde bis 1985 gefertigt; die Firma war zu diesem Zeitpunkt in üblen Schwierigkeiten (vor allem die erfolgreiche Konkurrenz, allen voran Yamahas DX7, machten Moog zu schaffen) und brauchte dringend Geld. Die letzten 100 Memorymoogs wurden von dem genialen Verkäufer, Entertainer und zeitweisen Moog-Vizepräsident Dave Van Koevering, der aus einer Familie fundamentalistischer Geistlicher stammt, in einer Nacht-und-Nebel-Aktion umgelabelt: Nun prangte die Bezeichnung »Sanctuary Synthesizer by Moog« auf dem Synth. Er verkaufte sie in allerkürzester Zeit persönlich an Kirchen, geistliche Institutionen und christliche Musik-Gruppen in den USA. Man versuchte bei Moog noch, einen etwas kostengünstigeren, achtstimmigen Memorymoog-Nachfolger namens SL 8 fertigzustellen, aber der Untergang des Hauses Moog war in der zweiten Hälfte der 80er-Jahre, als es überall hieß »Digital ist besser«, unvermeidlich: 1986 meldete die Firma Konkurs an.

Moog One - 16
Das gelungene Design des neuen Moog One ist klar an den Memorymoog angelehnt.

Die Wiederauferstehung von Moog gelang Firmenchef Bob Moog aber glücklicherweise (2002 bekam er die Namensrechte wieder), und heute gibt es sogar seit Kurzem einen würdigen Memorymoog-Nachfolger: Der Moog One ist mit drei Synth-Engines ausgestattet und als 8- oder 16-stimmige Version (für ca. 6.700 bzw. 8.700 Euro) erhältlich. Er besitzt eine analoge Klangerzeugung mit drei neuentwickelten VCOs (mit Hard-Sync) und zwei Multimode-Filtern pro Stimme, vier LFOs sowie drei DAHDSR-Hüllkurven; es gibt außerdem eine hochwertige Effektsektion, Sequenzer, Arpeggiator und ein Touchpad.

Der Memorymoog wurde uns freundlicherweise von Ingo Rippstein (www.synthmaster.de) zur Verfügung gestellt.

Memorymoog
Ein Memorymoog-Prospekt aus den 80er-Jahren

Interview mit Rudi Linhard

Wir haben Rudi Linhard (im Bild mit Thee J Johanz) von Lintronics (www.lintronics.de) einige Fragen über den Memorymoog gestellt:

Glaubst du, der Memorymoog könnte geklont werden?

Könnte man schon, da es ja jetzt wieder die Curtis-Chips günstig gibt. Aber machen wird das niemand, weil es zu teuer ist und meistens Ideen der Kopierer in so ein Gerät einfließen, welche dann vom Original abweichen.

Wie beurteilst du den neuen Moog One? Kann er eine Memorymoog-Alternative sein?

Ich habe bis jetzt nur die Demos auf YouTube gehört und tue mich schwer, einen Charakter auszumachen. Er scheint nur die Optik des Memorymoogs zu haben − die Sound- Erzeugung und Modulationen sind wahrscheinlich völlig anders.

Hat der Memorymoog zu Recht den Ruf, anfällig und unzuverlässig zu sein?

Ja, das haben aber andere Synthies aus der Zeit auch. Mittlerweile sind bei den meisten 30 Jahre alten Geräten die Steckverbindungen das größte Problem.

Memorymoog(Bild: Rudi Linhard)

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