Streetly Electronics – die Mellotron-Experten

All Things Mellotronic

Das Mellotron hat es trotz oder gerade wegen seiner zunächst nur sehr kurzen Existenz auf dem Markt zu einem respektablen zweiten Leben gebracht. Ein Umstand, der die Herren von Streetly Electronics erfreulicherweise immer noch beschäftigt …

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Florian Zwißler

Nachdem sich das Instrument ab 1963 für gerade einmal 15 Jahre erfolgreich auf dem Markt behaupten konnte, versank es zunächst in tiefster Versenkung, schien es doch als technisch allzu unzuverlässig durch vielfach bequemere Geräte wie polyfone Synthesizer und Sampler vollständig abgelöst. Aber der eigentümliche Sound dieser merkwürdigen Tonbandmaschinen hatte es dann doch zu vielen Musikern angetan, und so wurde seit Mitte der 90er- Jahre wieder verstärkt zum Mellotron gegriffen, zumal wenn man sich klangästhetisch in der Gegend von Produktionen der 60er- und 70er- Jahre positionieren wollte.

Während im Zuge der Computerisierung der Produktionsmittel von Instrument bis Studio inzwischen diverse sehr gute und auch günstige Mellotron-Sample-Libraries auf den Markt gekommen sind, haben doch einige hartgesottene Fans weiterhin nur mit einem echten Hardware- Mellotron so richtig Spaß. Neben der Aura des Geräts spielen dabei einige spieltechnische Feinheiten eine Rolle, die sich auch in den aktuellen gelungenen Softwarelösungen nie so ganz umsetzen lassen.

John Bradley, Sohn von Mellotron-Mitentwickler Les Bradley, und Martin Smith haben seitdem als „Mellotron Archives UK“ über die Jahre immer gut zu tun gehabt, jenen Exemplaren, die sich noch im Besitz von Musikergrößen wie Paul McCartney oder Robert Fripp und natürlich vielen weiteren Liebhabern befanden, eine Frischzellenkur zu verpassen oder sie gegebenenfalls einem neuen Besitzer zuzuführen. Nachdem auch die Nachfrage nach Bandrahmen wieder angezogen hatte, entschloss man sich vor einigen Jahren dann zur Entwicklung und Veröffentlichung des neuen Modells M4000, einer Art „Best of“- Modell, das Eigenschaften verschiedener Mellotron-Typen in sich vereint.


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KEYBOARDS 4/2016

Das sind die Themen dieser Ausgabe:

  • Sampletalk mit And.Ypsilon (Die fantastischen Vier)
  • Tobias Enhus spricht über sein Synclavier
  • Die Groove-Mutter: Yamaha RS7000
  • Real Samples – Historische Tasteninstrumente digitalisiert
  • Software-Sampler am Rande der Wahrnehmung
  • Korg DSS-1 als Hardware-Plug-in
  • Cinematique Instruments – Filmreife Sample-Instrumente
  • Groovesampler in der Praxis
  • Die Mellotron-Story
  • Vintage Park: Fairlight CMI
  • Transkription – Ten Sharp: You

 

 

 


Zwischenzeitlich wurde auch der alte Firmenname Streetly Electronics wieder angenommen. Ein kurioser Umstand des „zweiten Frühlings“ des Mellotrons ist, dass das M4000 als Neuentwicklung sogar schon Konkurrenz hat – das konzeptionell etwas anders gelagerte Mark VI von Markus Resch gibt es bereits seit 1999.

Ich erreiche das Städtchen Lichfield mit dem Vorortzug von Birmingham, wo mich Martin Smith herzlich in Empfang nimmt. Die knappe halbe Stunde Fahrt bis zu seinem idyllisch gelegenen und frei in der Landschaft stehenden Haus vergeht dank angeregter Gespräche wie im Fluge. Vor Ort treffen wir dann John Bradley und Brian Soukal, den hauseigenen „Engineering Wizard“.

Einiges hat sich hier verändert seit meinem letzten Besuch: Jene Garage, die sich damals noch als komplett überfüllter Lagerraum präsentierte (mehrere Mellotrons aus dem früheren Besitz von King Crimson und Barclay James Harvest teilten sich den Platz mit Fahrrädern und Rasenmähern), ist zwar immer noch gut gefüllt, nun aber befindet sich hier die gemütliche Werkstatt von Streetly Electronics. Hier werden neue Modelle montiert und die zum Service eingelieferten Schätzchen restauriert. Ich habe Glück und erwäge einen Kniefall: Ein wunderbar erhaltenes Mark II und eines der extrem raren M300 stehen da frisch gewartet nebeneinander und dürfen auch noch ausprobiert werden. Wahnsinn! Das Handling eines echten Mark II zeigt dann tatsächlich noch einmal, wie groß der Unterschied der Mellotron-Modelle untereinander ist! Sowohl klanglich als auch vom Spielgefühl her ein völlig anderes Erlebnis als das klassische M400.

Und à-propos „anderes Erlebnis“: Das Modell 300 besetzt allein schon von der Soundauswahl sein ganz eigenes Terrain. Es bekam seinerzeit eine komplett neu produzierte Library mit auf den Weg, die eine ganz eigene Charakteristik aufweist. Ebenso kann der eingebaute Federhall noch eine besondere Note hinzufügen. Der Regler links neben der Tastatur dieses Exemplars ist eine Nachrüstung und verweist auf einen kuriosen Umstand: Man war bei Streetly gegen Ende der 60er offenbar der Meinung, dass ein Mellotron ja nun eigentlich nicht gestimmt werden müsse (!?!!), und sparte bei der Modellrevision des M300 aus Kostengründen tatsächlich den Pitch-Drehregler für die Motorgeschwindigkeit ein: Nicht nur aus heutiger Sicht eine gelinde gesagt mutige Entscheidung …

Als weiteres Schmankerl steht der Prototyp des neuen Modells M4000 ebenfalls spielbereit in der Ecke. John Bradley und Martin Smith leiten mich durch die Library an Bord, die auch einige neu produzierte Sounds zu bieten hat. Diese können klanglich samt und sonders voll überzeugen, da sie offenbar mit viel Liebe und Wissen um die Spezifika guter Mellotron-Sounds produziert wurden. Ein echtes Highlight daraus ist die „McDonald Flute“, ein charakteristischer Flötensound, den Ur-King Crimson-Mitglied Ian McDonald einspielte.

Das M4000 ist innen ähnlich wie ein Mark II aufgebaut – es ist nicht kompatibel mit den Bandrahmen des M400, sondern hat seine Bänder an beiden Enden auf Trommeln aufgespult. Die Soundsets (drei Sounds liegen ja auf jedem Band nebeneinander an) können über einige Tipptaster exakt angefahren werden. Acht Sets à drei Sounds bedeuten 24 Sounds, die direkt an Bord verfügbar sind – für Tron-Verhältnisse also eine ganze Menge!

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Florian Zwißler

Eine kleine Kammer nebenan beherbergt neben den alten Kopier- und Bandschnitt – maschinen auch das Skellotron, ein kleines Mellotron ohne Gehäuse, das quasi als M400- Referenzexemplar sowie zu Testzwecken häufig seinen Dienst zu verrichten hat. Die „Streetly Tapes“-Library wurde übrigens auch mit diesem Gerät eingespielt.

Eine Tür weiter befindet sich eine weitere Werkstatt mit einer Drehbank und diversen anderen Maschinen. Hier fertigt Brian Soukal, den Martin und John vor einiger Zeit als Kompagnon hinzugewinnen konnten, sämtliche Umlenk – rollen und sonstige Custom-Bauteile für das M4000 selbst in Handarbeit an. Dieser beträchtliche Aufwand erklärt auch den stolzen Anschaffungspreis von derzeit 5.500 britischen Pfund (zzgl. Steuer) für ein neues M4000.


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Das sind die Themen dieser Ausgabe:

  • Sampletalk mit And.Ypsilon (Die fantastischen Vier)
  • Tobias Enhus spricht über sein Synclavier
  • Die Groove-Mutter: Yamaha RS7000
  • Real Samples – Historische Tasteninstrumente digitalisiert
  • Software-Sampler am Rande der Wahrnehmung
  • Korg DSS-1 als Hardware-Plug-in
  • Cinematique Instruments – Filmreife Sample-Instrumente
  • Groovesampler in der Praxis
  • Die Mellotron-Story
  • Vintage Park: Fairlight CMI
  • Transkription – Ten Sharp

Der so obligatorische wie leckere Tee, den Martin zwischendurch aus der Küche bringt, markiert die einzige kurze Pause in diesem luxuriösen Testmarathon, und nachdem die knapp zwei Stunden vor Ort natürlich wie ein Wimpernschlag verflogen sind, heißt es schon wieder Abschied nehmen. Ich checke noch mal eben, ob ich mich auch wirklich ausreichend auf allen verfügbaren Mellotron-Modellen ausgelebt habe, um schließlich die Pritsche von Johns Lieferwagen für die Rückfahrt zu besteigen.

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