Voll retro!

Vintage Keyboards heute

Ob man nun alte Soul-Klassiker auf der Bühne nachspielt oder Tracks im Amy- Winehouse-Stil aufnehmen möchte − wer die originalen Instrumente nicht zur Hand hat, muss auf Alternativen zurückgreifen. Welches Instrument aber ist für welche Anwendung das richtige?

Vertraut man bei Live-Anwendungen lieber auf handfeste Hardware? Oder ist ein Plugin, das dank moderater Systemanforderungen bereits auf einem kleinen Laptop läuft, eine sinnvolle Ergänzung eines Live-Setups? Muss es ein analoges Original sein, oder stehen Spielspaß und Mobilität im Vordergrund, wie z. B. bei den Reface-Keyboards?

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Smoothe Chords vs. ausdrucksstarkes Solo.

Das musikalische Umfeld gibt hier schnell Aufschluss darüber, welche Detailtiefe bzw. welcher Klangrealismus gefragt ist. Braucht man Vintage-Sounds lediglich für ein paar Begleitparts, macht ein passabler Sound durchaus seinen Job. Stimmt der Klangeindruck insgesamt, ist das Ziel erreicht. Soll hingegen der Sound im Vordergrund stehen, entscheidet (neben der musikalischen Performance 😉 ) eine Summe von Details und Feinheiten, ob der Sound als authentisch wahrgenommen wird. Im Fokus stehen hier ganz klar die Spieleigenschaften, und der beste Sound ist der, in welchem ich meinen persönlichen musikalischen Ausdruck finden bzw. entwickeln kann.

Vintage − gestern und heute.

Letztendlich sind die Originale mit all ihren klanglichen Facetten sowie bezüglich Haptik und optischer Erscheinung nicht zu ersetzen. Dank der aktuellen Entwicklungen im Hardware-Bereich werden aber recht gute Alternativen angeboten. Sie sind leichter zu transportieren und oft erheblich günstiger als die originalen Vintage-Instrumente. Eine erfreuliche Begleiterscheinung ist, dass die Hersteller sich auch über die äußere Erscheinung Gedanken gemacht haben. Mit einem retro-futuristisch anmutenden Design des SV-1 transportiert Korg das Genre E-Piano in die Jetztzeit. Auch das Memotron von Manikin oder das neue digitale Mellotron sind als Instrumente mit zeitgemäßer Klangerzeugung konsequent auf Vintage-Look getrimmt.

Was die heutigen Vintage-Instrumente nicht leisten: An den Tastaturen echter Raritäten sind die Jahre nicht spurlos vorübergegangen, und entsprechend »ausgelutscht« spielen sie sich dann auch. Das kann man schön finden, sollte es aber nicht unbedingt als das authentische Spielgefühl bezeichnen. Darüber, wie sich eine funkelnagelneue Hammond B3 angefühlt haben mag, lässt sich nur orakeln − vermutlich ähnlich gut wie eine Nord C2 oder New B-3 von Hammond. Vielleicht ist diese Problematik aber auch eine Anregung an die Hersteller, Modellvarianten mit einem gewissen »Aging-Faktor« anzubieten.

Clavia Nord Stage & Electro.

Der schwedische Hersteller Clavia hat als erster die Nachfrage im Bereich der Vintage-Instrumente mit einem zeitgemäßen Instrument bedient. Zwar konnte das erste Nord Electro gerade mal einen Bruchteil von dem, was das aktuelle Modell nun drauf hat. Aber allein die Tatsache, dass das Instrument nun in der fünften Generation angelangt ist, ist ein Indiz für seinen großen Erfolg − an den übrigens das weiter ausgebaute Nord Stage lückenlos anknüpft. Die roten Keyboards sind ja gefühlt in jedem vernünftig geführten Setup zu sehen.

Über die Jahre hat Clavia sowohl die Leistungsmerkmale der Instrumente weiter aufgebohrt, aber auch an den Sounds geschraubt, womit die gebotenen Vintage-Imitate immer realistischer wurden. Inzwischen haben User von Nord Stage und Electro Zugriff auf eine riesige Sound-Library, die der Hersteller ständig erweitert und verfeinert − dieser Service ist übrigens im Kaufpreis inbegriffen.

Der immense Vorteil des Electro: Es ist klein, es ist leicht, und es ist rot. Nein im Ernst − kein anderes Retro-Instrument bietet so gut klingende Sounds von elektromagnetischen Instrumenten wie Hammond, Farfisa, Vox, Fender Rhodes, Wurlitzer, Clavinet etc. in einem kompakten Keyboard an. Mit den Sondermodellen »D« und »HP« (ab Version 4) kann man zudem wählen, ob man schwerpunktmäßig mit Drawbars und Waterfall-Tastatur orgeln oder mit der Leichtgewicht-Hammermechanik-Tastatur Piano spielen will. Wer mehr Leistung will, der greift zum aufwendiger ausgestatteten Stage.

Weitere Infos und Testberichte zu Electro und Stage findest du auf www.keyboards.de.

Korg SV-1.

Das stylische Stagepiano SV-1 ist ein starker Konkurrent des Electro − auch hier werden ansprechende Sounds geboten, wobei die Tastatur eine bessere Qualität hat als die HP-Variante von Clavia. Dafür wiegt das SV-1 auch deutlich mehr − den Unterschied darf man ganz einfach so darstellen: Ein Electro kann man bequem im Gigbag-Rucksack transportieren, mit dem SV-1 macht man das besser nicht.

Was bekommt man beim SV-1 mehr? Die Optik von Gehäuse und Bedienfeld stellt sofort den Bezug zur Vintage-Thematik her, dazu gibt’s als Zubehör ein schickes Stativ − so sieht’s auf der Bühne nach einem coolen E-Piano aus (und nicht nach einem Keyboard). Auch klanglich wird man nicht enttäuscht. Rhodes und Wurlitzer sind sehr gut gelungen und decken die typischen Varianten dieser Pianos ab. Besonderheiten sind die Ausstattung mit den entsprechenden Vintage-Effekten inklusive Amp/Speaker-Simulation und analoger Röhrenschaltung, die den detailreich gesampelten Sounds ihre authentische Patina verleihen. Auch bei den weiteren Sounds ist vintage angesagt: Ob Mellotron-Strings, Clavinet-Sounds, Hohner Electra oder RMI-Piano − die Sounds haben durchweg den analogen Vintage-Charme, wobei die »Real eXperience«- Technik ihren Beitrag leistet: Nebengeräusche und Ungenauigkeiten werden liebevoll und detailreich nachempfunden.

Was drauf steht, ist auch drin − das »Stage Vintage« bringt den ungehobelten Charme der Originale sehr gut rüber. Toller Sound, Spielspaß und auf der Bühne ein echter Hingucker.

Was bringen klassische Stagepianos?

Standardmäßig sind natürlich auch Stagepianos mit Vintage-Sounds ausgestattet, nur liegt weder bei den CPs von Yamaha noch bei den MPs von Kawai oder den RDs von Roland der Fokus auf »vintage«. Dennoch: In den letzten Jahren haben auch diese Digitalpianos bei Wurlitzer und Rhodes deutlich zugelegt. Das gilt übrigens nicht nur für die Sounds, sondern auch die eingebauten Effekte, denn sie beinhalten Amp-Simulationen und sogar Emulationen von Vintage-Stompboxen.

Für Einsteiger stellt sich hier vielleicht die Frage, was Stagepianos von Vintage-Experten wie Electro und SV-1 unterscheidet. Die meisten Stagepianos haben ein größeres Leistungsspektrum und sind vor allem auch klanglich flexibler. Einige Stagepianos kommen da sogar fast an Workstations heran und bieten MIDI-Masterkeyboard-Eigenschaften, flexible Split- und Layer-Funktionen sowie eine breit gefächerte Sound-Auswahl − Stagepianos sind regelrechte Arbeitstiere für Bühne und MIDI-Studio.

Apropos Workstations.

Auch hier hat sich in der Abteilung »Vintage« einiges getan − vor allem der Korg Kronos ist hier zu erwähnen! Denn der Kronos ist mit seinen verschiedenen Sound-Engines und Disk-Streaming die Top-Workstation schlechthin. Und wer ein All-in-One-Gerät sucht, das hier keine Kompromisse macht, der ist mit dem Kronos bestens beraten. Warum? Ganz einfach: Neben E-Pianos- und Orgel-Imitation findet man außerdem Analog-Modelling, FM-Synthese und sogar Wave-Sequencing und Vector-Synthese. Klanglich betrachtet haben wir also schon mal die 60er bis 90er im Sack − Glory, Glory, Glory!

Hinter der simplen Bezeichnung »EP-1« verbirgt sich eine sensationell gut klingende, auf E-Pianos zugeschnittene Sound-Engine. Sie kann Tines und Reeds modeln, was so viel bedeutet, dass die wichtigsten Typen Rhodes und Wurlitzer an Bord sind. Da es sich hier um eine Art Modeling-Synthese handelt, kann man auch lustig an den Sounds herumschrauben, um seinen individuellen E-Piano-Klassiker zu schaffen − inklusive der authentischen Vintage-Effekte versteht sich. Das klingt super und lässt sich prima spielen, noch besser übrigens, wenn man Kronos 73 oder 88 unter den Fingern hat.

Mit der Sound-Engine namens CX-3 hat Korg die gleichnamige Combo-Orgel in den Kronos integriert: eine per Physical Modeling liebevoll nachgebaute neunchörige Hammond B3 mit allem, was dazugehört: Key-Click, Percussion, Chorus/Vibrato. Und ja, sie schmatzt, röhrt, faucht, schwirrt und wummert!

In der Synth-Abteilung warten nicht irgendwelche Analog-Modeling-Schaltkreise, sondern detailgetreue Nachbildungen von Polysix und MS-20. Mit der Möglichkeit, die Engines innerhalb der Voice- und Combination-Architektur und damit mit dem gewaltigen Soundangebot des Kronos zu kombinieren, schlägt Korg hier den Bogen zwischen Vintage und moderner Musikproduktion. Einzig muss man als Vintage-Liebhaber vielleicht eine Hürde überwinden: Der Kronos sieht nun mal nicht vintage aus, was zu verschmerzen ist, denn beim Hören eines ausproduzierten Tracks interessiert sich niemand für den Look der Produktionsmittel. Immerhin hat die aktuelle Version des Kronos echte Holzseitenteile bekommen, das sieht schon besser aus und fühlt sich auch schön an.

Software.

Wer weniger an Hardware-Instrumenten interessiert ist oder einfach nicht das nötige Kleingeld zur Hand hat, kann sich seine Vintage-Träume auch mithilfe von Software-Instrumenten erfüllen. Denn gute Sounds werden auch hier geboten. Abstriche muss man bei Software-Lösungen hinsichtlich des Spielgefühls machen − es sei denn, man legt sich entsprechende Controller zu, wie z. B. das Orla JamKey. Auch eine Software-B3 kann gut klingen, fühlt sich aber umso orgeliger an, wenn Drawbars und Tast(en)gefühl stimmen.

Es mag die dienstälteste Library sein und ist schon lange Teil von Native Instruments Komplete, aber die »Scarbee Vintage Keys« gehören nach wie vor zum Besten, was man aus dem Rechner zu hören bekommt. Das Package kann man auch separat für NI Kontakt bekommen (149,− Euro), ansonsten kosten die drei enthaltenen Instrumente Rhodes Mark I, Wurlitzer A-200 sowie Clavinet/Pianet jeweils 69,− Euro. Unser Tipp: Installieren, glücklich sein.

Ebenso einfach geht’s mit dem Paket »Vintage Organs«, das ebenfalls als Bestandteil von Komplete oder eben einzeln den Weg auf die Festplatte findet. Mag man gar nicht glauben, wie vintage Software klingen kann. Die Hammond B3, C3 und M3 sowie auch die Transistor-Klassiker Farfisa Compact und Vox Continental tönen trés bien. Wie bei allen Instrumenten der Komplete-Library sind natürlich auch bei den Orgeln die typischen Effekte dabei.

Wer sich mehr Freiheiten beim Intonieren der E-Piano-Sounds wünscht, sollte sich auf jeden Fall »Lounge Lizard« genauer anschauen. Auch diese Software gibt’s schon länger, und sie ist längst ein Klassiker wie das Rhodes selbst. Mit dem letzten Update hat das standalone oder als VST/AU einsatzfähige Instrument wieder einmal deutliche Verbesserungen hinsichtlich der Authentizität bekommen. Aufgrund seiner Physical-Modeling-Engine hat man hier sehr detailreiche Möglichkeiten, Einfluss auf das Spiel- und Klangverhalten zu nehmen, wobei Lounge Lizard EP-4 zwar grundsätzlich zwischen den Modellen »Tine« und »Reed« (also Rhodes und Wulitzer) unterscheidet, aber auch sehr fantasievoll verballhornte Pianovarianten hervorbringen kann. Gute Grundsounds, gepaart mit stundenlangem Schraubspaß, wenn man es möchte.

Spannend für Klangtüftler können auch die Addons des Physical-Modeling-Instruments Pianoteq sein. Nach wie vor liegen die Stärken dieses fantastischen Software-instruments aber immer noch bei den akustischen Klavieren (Obacht: Version 5 ist schlichtweg der Hammer!), die E-Pianos klingen sauber und lösen dynamisch gut auf, wirken insgesamt aber etwas statisch und unterkühlt.

Eine Empfehlung ist das XLN Audio Addictive Keys Mark One. Der Name ist Programm, und so einfach erscheint das Instrument auch, aber es unterscheidet sich konzeptionell deutlich von allen anderen genannten Software-E-Pianos. Ganz ähnlich wie bei den Addicitve Drums liegt der Schwerpunkt hier auf unterschiedlichen Mikrofonierungen: Ein Fender Combo-Amp sorgte für die Verstärkung, davor wurden u. a. ein Neumann SM6, Telefunken U47, Shure SM 57 und die Grenzflächen-Mikrofone Sennheiser MKE 212 postiert, aber auch ein direktes Line-In-Signal ist vorhanden. Wen interessieren diese Details? Alle, die auf der Edit-Seite das virtuelle Studio betreten − und da öffnet sich ein kleines Eldorado an Editierparametern. Der eigentliche Clou ist, dass alle Mikrofon-Aufnahmen gleichzeitig zur Verfügung stehen und dass man sich wie ein Toningenieur nachträglich für den am besten geeigneten Sound entscheiden kann − es lassen sich sogar bestimmte Geräusche wie TUBE oder MUFF etc. hinzufügen.

Was bringt das Ganze? Klangliche Flexibilität, denn man kann mit den unterschiedlichen Mikrofonsignalen bestimmte Klangeigenschaften herausarbeiten. Etwas mehr Biss und Glocke? Das Tube SM69 ist die richtige Wahl. Oder darf es ausgewogener klingen? Dann nehmen wir doch ein wenig vom Tube TF U47 hinzu. Oder nehmen wir doch lieber das Ribbon Mike und mischen mit Shure SM57 noch etwas mittigen Biss drunter … tolles Konzept, super Sound! Ohne Einschränkungen möchten wir auch den CP-80 (Electric Grand) und den akustischen Flügel (Studio Grand) von XLN empfehlen.

deluxe
(Bild: Dieter Stork)

Mellotron-Remake.

Auf die Idee, das Mellotron als digitales und kompaktes Remake wiederkehren zu lassen, kam bereits 2006 das Berliner Manikin-Electronics-Team. Das Memotron verbindet eine digitale Sampling-Player-Engine mit der optischen Anmutung des Originals sehr gut − Mellotron-Spielen als Gesamtphänomen hatte natürlich auch immer etwas mit der Optik des Geräts zu tun. Nur wenige Tasteninstrumente lassen sich auf große Entfernung so zielsicher erkennen wie etwa ein Mellotron M400. Wer den Sound auf platzsparende Weise in seinem Setup unterbringen will, kann sich für das 1-HE große Rackmodell oder das M2D als Desktop-Ausführung entscheiden, das sich auf das Bedienfeld reduziert. Letzteres stellt im Prinzip auch die klassischen Bedienelemente bereit, die man vom Vintage-Vorbild kennt: »Track Select« zur Wahl der drei geladenen Instrumente, Volume, Pitch, Tone, der »Half Speed«-Switch dient zum Umschalten auf eine Oktave tiefer.

Seit der Musikmesse 2015 wird das Memotron mitsamt der 100 Sounds umfassenden Basic Collection geliefert. Man kann aber weitere Soundsets erwerben und per Speicherkarte ins Gerät laden. Einen ausführlichen Testbericht findest du auf www.keyboards.de.

Retro Analog.

Auch das geht! Zum Beispiel mit den aktuellen Remakes analoger Vintage-Synthesizer wie etwa dem ARP Odyssey, und auch das Rhodes gibt es als neu angefertigten Nachbau. Das Electric Piano des amerikanischen Herstellers Vintage Vibe sieht von außen verdammt schick aus und, wenn man es öffnet, wie ein Fender Rhodes. Dabei ist es fast identisch aufgebaut wie das Original aus den 70ern; Tastatur, Hämmer und Tonebars − all das findet man auch in den Geräten von Vintage Vibe. Die Tastatur spielt sich im Anschlag vielleicht etwas kantiger, aber der Klang …! Die Vintage Vibes sind eine höchst interessante Alternative zu den alten Modellen, wobei neben dem Klang besonders das liebevoll gestaltete Design von Gehäuse und Bedienelementen überzeugt.

Vintage Vibe bieten unter anderem auch Ersatzteile für Vintage-E-Pianos an. Die Pianos gibt es zu Liebhaberpreisen in unterschiedlichen Ausführungen, Classic, Deluxe, mit passiver oder aktiver Elektronik bis hin zur Suitcase-Variante mit integriertem Lautsprecher-Unterbau. Der deutsche Vertrieb EMC (www.emc-de.com) hat einige Exemplare auf Lager, die derzeit vom Rhodes-Experten Jens Lüpke getunt werden.

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Folgende VSTi’s fehlen mir in der Aufzählung, was den Gesamteindruck des Artikels etwas trübt, zumal sie doch mMn. die absoluten Spitzenreiter sind: Scarbee EP88s, Keyscape, Acousticsamples B5-V2.

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