Abgerechnet!

Puscifer – Existential Reckoning – Drittprojekt des Tool-Sängers Maynard James Keenan

Maynard James Keenan – eigentlich eher bekannt für sein Sänger-Dasein bei Tool und A Perfect Circle – hat natürlich auch wesentliche Erfolge mit seinem dritten Projekt Puscifer erlangt, das besonders bei Freunden elektronischer Klänge vielleicht sogar noch beliebter ist als Tool und APC. Warum? Es ist elektrifiziert.

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Bereits 2007 hat das Trio seine erste Platte veröffentlicht. Man könnte meinen, es war damals ein kreativer Ausgleich für Maynard zu den doch eher gitarrenlastigen Bands Tool und APC – ein Abstand- Nehmen zu dem immer größer werdenden Erfolg, ein Erkunden neuer musikalischer Gefilde. Und auch zeitlich passte es – fielen die folgenden Puscifer-Produktionen doch in die (un-)gewollte und lang anhaltende Schaffenspause von Tool und APC. Viel Zeit also zum Experimentieren, Ausprobieren und Schaffen von Soundkollagen.

Aus dem einstigen Nebenprojekt (wenn es denn je eins war) ist offenbar auch für Maynard ein Liebesprojekt geworden. Denn durch die Wiedererweckung von APC mit dem Album Eat the Elephant (2018) und Tools Fear Inoculum (2019) wird Puscifer nicht etwa ins Abseits gedrängt – nein! Auch Puscifer begeisterte letztes Jahr mit dem neuen Album Existential Reckoning. Wir bekamen die Möglichkeit, mit Maynards beiden Mitstreitern Carina Round (Vocals) und Mat Mitchell (Keyboards und Produktion) zu sprechen.

Ihr seid neben Maynard beide ein festes Mitglied bei Puscifer, aber ihr ladet auch gerne Gäste ins Studio ein. Wer war für Existential Reckoning mit dabei?

Mat: Da waren einige wieder mit dabei: Sarah Jones an den Drums, Gunnar Olson, ebenfalls Drums, Greg Edwards hat einiges am Bass und Keyboards eingespielt.

Die wechselnde Bandbesetzung ist ja eine Art Markenzeichen von Puscifer, oder?

Ja, seit Anbeginn war Puscifer eher eine Kollaboration, in der wir mit anderen Leuten zusammenarbeiten. Carina, Maynard und ich arbeiten inzwischen seit etwa 10 Jahren zusammen, wir sind da so etwas wie der Kern. Wir holen uns dann Leute mit dazu, um uns stilistisch noch weiter abzudecken oder mit denen wir schon immer oder wieder mal zusammenarbeiten wollen oder wenn wir eine Entschuldigung brauchen, um mit Freunden abzuhängen. Das kommt dann immer alles zu seiner Zeit.

Maynard James Keenan

Ist es manchmal ermüdend oder zäh, Gastmusikern zu erklären, welchen Sound man gerne für dieses oder jenes Stück hätte?

Mat: Nein, das Problem haben wir gar nicht, weder zwischen uns drei noch mit den Musikern, mit denen wir arbeiten. Wir achten und mögen ihre Musik, ihren Stil und was sie wie machen – wir wollen ihnen gar nicht sagen, was sie wie spielen sollen.

Carina: Richtig. Wenn man einem Musiker erst sagen muss, was er hier und da spielen soll, dann hat man vermutlich die falsche Wahl getroffen.

Mat: Exakt. Es geht mehr darum, die richtige Wahl zu treffen. Auch wenn wir in der Vergangenheit mit Musikern zusammengearbeitet haben, die jetzt nicht mit dabei waren, dann liegt das nicht etwa an persönlichen Problemen oder sowas, sondern daran, dass wir uns einfach stilistisch in eine andere Richtung bewegen wollen. Kreativ, emotional oder klanglich.

Carina: Um genau zu sein, war das diesmal sehr von Instrumenten geprägt: Der Fretless-Bass stand da sehr im Vordergrund sowie einige 80er-Synths; daher kam auch Greg Edwards mit ins Boot, der ist in dem Metier ausgezeichnet. Und anhand dieser Stilistik, die sich dann recht bald entwickelt hat, haben wir die übrigen Musiker ausgesucht; Sarah Jones z. B. hat einen ausgezeichneten und dafür passenden Groove.

Wie funktioniert bei euch das Songwriting? Wird zuerst das Instrumentarium komponiert oder parallel gleich auch die Texte?

Mat: Nicht, dass ich wüsste. Kann natürlich sein, dass Maynard schon etwas schreibt, von dem wir nichts wissen und was er dann später benutzt. Aber eigentlich läuft das so, dass primär ich Datei-Ordner mit Ideen fülle – das sind eher Sounds als Parts. D. h., es können auch ganze Arrangements sein, aber oft auch nur ein Sound, der eine Emotion darstellt. In diese Ideen hört Maynard rein, und dann bekommt er Gesangsideen für einen Text, Melodien oder manchmal gar eine ganze Geschichte, die eben auf nur einem Sound basiert.

Carina: Ich würde sagen, dass Mats Ideen bisher bei Maynard verschiedene Stimmungen auslösen, die ihn dann bei seinen Ideen und Storys begleiten. Von daher ist da zuerst die Musik, und danach folgen die Vocals.

Verstehe. Und das passiert viel in der DAW und über Dropbox o. Ä.?

Mat: Richtig. Vieles davon wird komponiert, während wir auf Tour sind, in Hotels zum Beispiel. Typischerweise, wenn Maynard etwas Konkretes hat, dann kommt er in unser Studio nach L.A. Falls er mitten in der Ernte ist [Maynard ist ebenfalls Winzer; Anm.d.Aut.], kommen Carina und ich zu ihm, er hat auch ein kleines Studio in seinem Haus. Ansonsten arbeiten Carina und ich auch viel hier.

Ein sehr typisches Ding ist bei uns, dass ein einziger Sound oft die Richtung bestimmt, in die ein Song geht. Manchmal wendet auch ein Sound die komplette Richtung.

Carina: Absolut! Und manchmal wird ein Song regelrecht zerrüttet, und Teile werden wieder auseinandergenommen und neu zusammengesetzt, ohne dass dabei etwas kaputt gemacht wird. Das ist wirklich sehr einzigartig. Würde ich einen Song schreiben und beschließen, doch alles anders zu machen, würde er vermutlich dabei draufgehen. Also kurz gesagt: Hier bleibt immer alles in Bewegung.

Mat Mitchell in seinem Studio zwischen Synths und Keys (Bild: 2020)

Gab es so etwas wie eine Hauptidee über dem Album während der Produktion?

Mat: Also, was meinerseits prägend war, war die Erfahrung, dass man manchmal – man kennt es vielleicht – dieses, dieses und jenes Album gut findet, und im Nachhinein stellt man fest, die waren alle von demselben Produzenten oder es war immer ein bestimmtes Instrument involviert. Für mich war das der Fairlight 2. In vielen Produktionen, die mich geprägt haben, zieht der sich durch wie ein roter Faden, und so habe ich entschieden, damit zu arbeiten. Das war für mich eher das Fundament als irgendeine Story.

Man kennt das eigentlich auch: Wenn man auf seinem Instrument immer die gleichen vertrauten Akkorde spielt oder Sounds macht, womöglich noch immer mit den gleichen Leuten, da passiert dann nicht viel Neues. Mit einem neuen Instrument, da kommt man auch auf ganz neue Wege. Und das war meinerseits die Idee bei diesem Album.

Abgesehen von dem Fairlight-Computer habe ich keinen Computer benutzt. Ich hatte keinen Laptop, keine DAW … ich saß einfach vor dem Ding und habe mich an seinen Sequenzer-Qualitäten bedient und dessen Sounds genutzt, die dann eben das Fundament der Songs wurden.

Da musst du aber auch Glück gehabt haben. Einen Fairlight, so rar, wie die sind, überhaupt zu bekommen, ist nicht einfach, oder?

Ja, da habe ich etwas Glück gehabt. Aber glücklicherweise gibt es ja das Internet, das uns erlaubt, fast alles zu finden, was man sucht.

Carina: Mat hat eigentlich sogar zwei. (alle lachen)

Was ich als etwas Außenstehende dazu sagen kann, ist, dass Mat, wenn er etwas hört, das ihn anspricht, extem viel in einen Sound investiert. Der Fairlight-Sound hat ihn förmlich angesprungen und deswegen haben wir einen besorgt, ungeachtet der Tatsache, dass es ja auch hätte sein können, dass das Ding so merkwürdig zu bedienen ist, dass man da gar nicht dahinter steigt oder es auch hätte kaputt sein können.

Das ist im Übrigen mit ganz viel Equipment so, dass er in seinem Studio stehen hat. Das ist alles ganz ausgewähltes Gear, welches man sonst in kaum einem anderen Studio findet. Das ist also auch kein Studio in das man geht, wenn man seine x-beliebige Musik aufnehmen will.

Letztendlich ist das ein wesentlicher Punkt, warum Puscifer so klingt, wie es klingt: Weil dort ganz viele ganz spezifisch ausgewählte Instrumente zum Einsatz kommen.

Wenn ich Puscifer höre, dann habe ich immer das Gefühl, ich stehe in einer Art Klanglabor, in dem soundtechnisch experimentiert wird wie Alchemisten in einem Science-Fiction-Film à la Metropolis. Inwiefern profitieren eure anderen Musikprojekte von diesen klanglichen Erfahrungen?

Mat: Zunächst einmal: »Experimentell« bedeutet für uns, überhaupt frei zu sein zum Experimentieren – wenn man Ideen hat, für die man nicht verurteilt wird, weil es nicht in eine bestimmte Richtung geht oder es nicht zu diesem oder jenem passt. Bei uns geht es vielmehr darum, etwas zu machen, das sich richtig und echt anfühlt.

Carina: Richtig! Und ich würde auch sagen, dass alle, die hier dran beteiligt waren, ganz entspannt ohne bestimmte Erwartungen ran gegangen sind. Das schafft viel Raum, was für Experimente essenziell ist.

Was für mich bzw. andere Projekte der große Benefit ist, ist, dass ich durch Puscifer gelernt habe, auf ganz andere Weise zu arbeiten, als ich es vorher getan habe. Dass man sich wohlfühlen muss, Freiheit braucht … dann kann es große, kräftige Bewegungen geben, die zu einem guten Ergebnis führen.

Mat ist sehr gut darin, sich in Sounds zu vertiefen. Er hat genaue Vorstellungen, wie diese klingen sollen – da kann er sich sehr einbringen, ohne dabei sich oder uns unter Druck zu setzen. Manchmal bricht er Sachen auf, um sie danach auf eine bessere Art und Weise wieder zusammenzusetzen. Und das war für mich ein Aha-Erlebnis: Da konnte ich auf einmal alles machen, und es wurde gut.

Humor und Lachen sind strengstens verboten! (Bild: 2020)

Mat, du bist bei Puscifer nicht nur Musiker, sondern auch Produzent. Was sind Vor- oder auch Nachteile, wenn man beides macht?

Mat: Beim Musikschreiben, da denke ich noch gar nicht an den Mix, da bin ich ganz der Musiker. Die Demos klingen, um ehrlich zu sein, furchtbar. (alle lachen)

Carina: Ich würde eher sagen, sie klingen sehr verschieden. (lacht)

Mat: Im Ernst, da verschwende ich keinen Gedanken dran. Erstmal geht es darum, alles zu schreiben und nicht darum, irgendetwas Fehlendes als Produzent auszubügeln. So versuche ich, das zu separieren.

Man kann auch argumentieren, dass viele Sachen beim Schreibprozess schon berücksichtigt werden, die dann erst im Mixing zum Tragen kommen …

Carina: … absolut! Ich würde sogar eher sagen, schon bereits beim Besorgen der Instrumente – natürlich denkt man sich nicht bewusst, dass man diese Entscheidung als Produzent fällt – aber da fängt das Producing trotzdem schon an. Und jeder Song dieser Platte ist ziemlich klar schon bereits auf den Demos zu erkennen. Die Entscheidungen, die du als Produzent triffst, triffst du auch bereits als Musiker und Songwriter. Du schaffst es, diese Trilogie nahtlos miteinander zu kombinieren.

Mat: Das ist richtig. Und ich wüsste auch gar nicht, wie ich agieren und reagieren würde, wenn mir im Studio jemand sagen würde, was ich am besten tun soll. Ich bin da schon gerne in der lenkenden Position.

Carina Round (Bild: 2020)

Carina, Maynard ist ein extrem ausdrucksstarker Sänger. Ist es da manchmal herausfordernd, sich neben ihm seinen Platz zu schaffen?

Carina: Nein, das ist überhaupt nicht herausfordernd. Seine Stimme ist unglaublich, und dazu zu singen ist ein Traum, aber nicht herausfordernd. Es ist extrem selten, dass er eine negative Kritik hat zu dem, was ich singe, von daher ist es sogar ziemlich einfach. Ich bringe mich einfach ein zu Mats Musik, und das passt in aller Regel einfach sehr gut.

Mat: Das Ding bei Puscifer ist, dass wir uns allen selbst und gegenseitig vertrauen.

Carina: Exakt. Der einzige Mensch, der kritisch mit meinem Gesang ist, bin ich selbst. Niemand gibt mir gutgemeinte Tipps, außer mir selbst.

Wir achten da alle sehr aufeinander und vertrauen uns.

Was denkt ihr über Humor und Ironie in der Musik?

Carina: Ich glaube, Ironie und Humor sind böse und sollten niemals jemals verwendet werden, schon gar nicht in Kunst und Musik. Denn Musik und Kunst sind ernsthafte Sachen, und das mit Lachen und Spaß zu verbinden, ist eine Unart. (Mat muss lachen, und auch Carina und ich steigen ein.)

Existential Reckoning wurde im Herbst 2020 veröffentlicht. Der Song Apocalyptical befasst sich mit düsteren Zukunftsvisionen und dem Verlangen nach Klopapier. Aus gegebenem Anlass wurde er samt Video bereits vorab auf YouTube veröffentlicht.

Puscifer – Existential Reckoning 

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