Analoger Sequenzer für Puristen

Die Marble Machine der schwedischen Band Wintergatan

Wintergatan Marble Machine
(Bild: Samuel Westergren)

2.000 Murmeln, eine Kurbel und die Schwerkraft: Die »Marble Machine« des Schweden Martin Molin bietet analoges Sequenzer-Feeling in Reinform und spielt Vibrafon, E-Bass und Drums. Molin, Vibrafonist und Frontmann der Folkpop-Elektro-Band Wintergatan, hat 14 Monate an dem komplexen Ungetüm gebastelt. Ein Video mit speziellem Song wurde zum viralen Ereignis. Von einem Getriebenen und der Umsetzung einer Fantasie − ein Blick hinter die haptische Klangtüftelei.

Experimente sind abseits des musikalischen Mainstream der Nährboden vielerlei kreativer Ausprägungen, mitunter gar Bedingung für das Überschreiten der Reizschwelle aufgrund medialer Sättigung. Das gipfelt oft genug in optischem »Paradiesvogel«-Aufmerksamkeitsbuhlen à la Lady Gaga, gelegentlich resultieren daraus ungewöhnliche musikalische Projekte.

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Das schwedische Quartett Wintergatan produziert experimentellen, elektronisch angehauchten Folk-Pop mit allen möglichen Instrumenten − darunter Vibrafon, Glockenspiel, Synthesizer, Bass, Schlagzeug, Akkordeon und Schreibmaschine. Die Truppe hat bislang ein Album veröffentlicht, trat letztes Jahr beim dänischen Roskilde-Festival auf und hat sich mittlerweile ein festes Publikum erspielt.

Frontmann und Vibrafonist Martin Molin gehört zur Kategorie exzentrischer musikalischer Tüftler: Der 33-Jährige hat einen überdimensionalen Spielautomaten konstruiert − aus 2.000 Murmeln, Holzbausteinen, Zahnrädern und Lego-Technik-Teilen, kombiniert mit Instrumenten, die durch herabfallende Murmeln ausgelöst werden. Das Konzept erinnert an selbstspielende Klaviere mit Stiftwalzen und an sogenannte »Symphonic Organs«, die in den 1930erJahren in den USA ein Orchester-Instrumentarium ansteuerten.

Die ursprüngliche Idee kam Molin nach dem Besuch eines Spieluhrenmuseums im niederländischen Utrecht. »Ich stieß auf den YouTube-Kanal von Matthias Wandel, der unter anderem ein Computer-Programm zum Entwurf von Holzbauteilen geschrieben hatte.« Murmelautomaten haben ihn schon immer fasziniert, erzählt Molin. »Als ich wusste, wie ich die Bauteile entwerfen konnte, wollte ich eine Murmelmaschine bauen. Ich dachte mir, es könnte interessant sein, die Murmeln so zu programmieren, dass sie gezielt auf Töne fallen.«

Die Marble Machine enthält Bassdrum-, Snare- und Hi-Hat-Klangfarben sowie ein Sizzle-Becken, E-Bass und Vibrafon. Nach dem Auftreffen auf das jeweilige Instrument werden die Murmeln von Trichtern aufgefangen und über vorgefertigte Bahnen zum Transportband geleitet. Kleine »Baggerschaufeln« bieten Platz für vier Murmeln, die sie − ähnlich wie ein Paternoster-Aufzug − nach oben transportieren. Dort angekommen, werden sie durch eine ausgeklügelte Zahnrad-Umschaltung auf die unterschiedlichen Instrumente verteilt.

Wintergatan Marble Machine
Molin hat 14 Monate am Instrument gebaut. (Bild: Samuel Westergren)

Das Konzept erinnert an selbstspielende Klaviere mit Stiftwalzen und an sogenannte »Symphonic Organs«, die in den 1930er-Jahren in den USA ein Orchester-Instrumentarium ansteuerten.

Die ursprüngliche Idee kam Molin nach dem Besuch eines Spieluhrenmuseums im niederländischen Utrecht. »Ich stieß auf den YouTube-Kanal von Matthias Wandel, der unter anderem ein Computer-Programm zum Entwurf von Holzbauteilen geschrieben hatte.« Murmelautomaten haben ihn schon immer fasziniert, erzählt Molin. »Als ich wusste, wie ich die Bauteile entwerfen konnte, wollte ich eine Murmelmaschine bauen. Ich dachte mir, es könnte interessant sein, die Murmeln so zu programmieren, dass sie gezielt auf Töne fallen.«

Die Marble Machine enthält Bassdrum-, Snare- und Hi-Hat-Klangfarben sowie ein Sizzle-Becken, E-Bass und Vibrafon. Nach dem Auftreffen auf das jeweilige Instrument werden die Murmeln von Trichtern aufgefangen und über vorgefertigte Bahnen zum Transportband geleitet. Kleine »Baggerschaufeln« bieten Platz für vier Murmeln, die sie − ähnlich wie ein Paternoster-Aufzug − nach oben transportieren. Dort angekommen, werden sie durch eine ausgeklügelte Zahnrad-Umschaltung auf die unterschiedlichen Instrumente verteilt.

Angetrieben wird das Gerät manuell durch eine Kurbel. Ein Zahnrad überträgt den Antrieb auf zwei gekoppelte Räder. Auf beiden Laufflächen hat Molin eine Sequenzer-Matrix aus Lego-Technik-Bausteinen konstruiert, in die er Stifte steckt. Die lösen die Murmeln in der gewünschten Reihenfolge aus − wie ein analoger Step-Sequenzer in Reinform. Die Matrix ist in 16tel-Auflösung gerastert, insgesamt 256 Schritte auf jedem der beiden Sequenzer-Laufflächen. Eine Lauffläche steuert das Vibrafon an, die zweite Bass und Drums. 64 Kurbelumdrehungen entsprechen einer Umdrehung der Räder, er nutzt sie passend für einen Loop aus 64 Takten. Der Beat − die »1« − kommt immer auf der unteren Position seiner Kurbel, erzählt Molin: »Das hilft, mit der Musik ›in time‹ zu bleiben.« Er arbeitet mit großen Schwungrädern, um durch die Schwungmasse den mechanischen Gleichlauf zu stabilisieren. Auf der Seite hat Molin die 64 Takte markiert, damit er weiß, an welcher Position im Loop er sich gerade befindet.

Molin schätzt, dass die Maschine aus rund 3.000 Teilen und ebenso vielen Schrauben besteht, 500 Lego-Technik-Teilen sowie 2.000 Murmeln. Ursprünglich hatte er 500 Murmeln anvisiert. Der Grund für den Mehrbedarf: »Die Maschine hat 22 Kanäle. In jedem warten 50 bis 60 Murmeln, ich dachte, es würden weniger sein. Dazu kommen noch die Murmeln, die gerade in der Maschine unterwegs sind.« Die klanglich passende Murmelsorte? »Zuerst probierte ich eine Art, die zu leicht war − schließlich kaufte ich größere, schwerere Murmeln.«

Statt der ursprünglich anvisierten Bauzeit von zwei Monaten dauerte die Konstruktion 14 Monate, das Ungetüm wurde Anfang 2016 fertig. Die größte Herausforderung stellten die »Murmelgeber«, die jeweils nur eine Murmel auf das passende Instrument fallen lassen sollten, dar. »Das erwies sich als problematisch, manchmal fiel ein knappes Dutzend Murmeln heraus, gelegentlich gar keine«, erzählt Molin. Nach einem halben Jahr habe er letztlich beschlossen, das Konzept zu ändern. »Ich wurde sieben Monate zurückgeworfen und musste nochmal anfangen. Das war eine schwerwiegende Entscheidung!« Aufgeben kam indes nicht infrage: »Das wäre viel schlimmer gewesen als die Maschine zu bauen.« Wie er verhindert hat, während der Bauzeit zum »Ultra-Nerd« zu werden, der sich im Projekt verliert? »Gar nicht! Ich bin für ein Jahr komplett abgetaucht!«

Die Kriterien, nach denen er die Instrumente ausgewählt hat? »Es ging darum, Rhythmus, Akkorde und Melodien abzudecken. Sie sollten sich gegenseitig ergänzen und mussten natürlich durch Murmeln ausgelöst werden können.« Als größte Hürde erwies sich der E-Bass: »Es war schwierig, die Murmeln so zu steuern, dass sie die Saiten sinnvoll anschlagen.« Die Murmeln werden von einem Holzkamm auf die Saiten gelenkt, sie treffen wie bei einer Slap-Spieltechnik auf den Saiten auf. Den Bass hat er auf E-G-e-g gestimmt, statt der üblichen Stimmung. »Die Murmeln spielen die Rolle der rechten, anschlagenden Hand. Ich verändere mit der linken die Noten und Akkorde.«

Für den Bassdrum-Sound fallen Murmeln auf eine Filzscheibe, darunter befindet sich ein Piezo-Mikrofon. Das Ergebnis erzeugt einen kurzen, elektronisch anmutenden Klang. Molin bearbeitet die Spur mit einem Noise-Gate, sonst sind die mechanischen Geräusche der rotierenden Holzteile über den Tonabnehmer zu hören. Das Ergebnis klingt wie ein isolierter Bassdrum-Track.

Der Snare-Klang wird ebenfalls von einem Piezo-Pickup wiedergegeben. Diesmal unter zwei Filzschichten, darunter eine längliche Box, gefüllt mit Basmati-Reis. Sie übernimmt die klangliche Funktion eines Snare-Teppichs. Das Ergebnis wird bereits über den Tonabnehmer mit übertragen.

Der ebenfalls elektronisch anmutende Hi-Hat-Sound wird über eine Streichholzschachtel erzeugt und gleichsam per Piezo-Mikrofon übertragen. Das Editieren der einzelnen Schlagzeug-Sounds am Rechner helfe, einen wuchtigeren Klangeindruck zu vermitteln, meint Molin. »Ich wollte, dass alles analog entsteht, ohne MIDI-Trigger. Das Vibrafon wäre viel einfacher zu triggern gewesen!«

Das Sizzle-Becken wurde ganz getreu dem Vorbild »traditionell« umgesetzt: Martin Molin hat in ein Crash-Becken Löcher gebohrt, um für den Sizzle-Klang lose hängende Drahtstücke zu montieren. Für das Vibrafon hat er eine mechanische Verbindung hergestellt. Die Bewegung öffnet und schließt Löcher unterhalb der Vibrafon-Klangstäbe, was die typischen Schwebungen des Instruments erzeugt, die sonst mit motorgetriebenen Abdeckklappen produziert werden.

Molin nimmt die Vibrafon-Klangstäbe mit zwei Mikrofonen ab. Zusätzlich mikrofoniert er die »Marble Machine« mit drei Raummikrofonen, um die Atmosphäre »auf angenehme Art« einzufangen, wie er sagt − dadurch wird das geruhsame Rollen der Kugeln in ihren Bahnen übertragen. Die Kombination beider Signalanteile vermittelt bei direkt abgenommenen Bass- bzw. den Percussion-Signalen die notwendige »Live-Atmosphäre«.

Wintergatan bedeutet auf Deutsch übrigens Milchstraße. Molin: »Ich begeistere mich für das Universum und die Idee von Parallel-Universen. Es beruhigt mich, daran zu denken, wie klein wir eigentlich sind. Die Milchstraße zu beobachten halte ich für eine unglaubliche Perspektive auf das große Ganze. Ich lese Bücher über theoretische Physik, zur Entspannung.« Die entspannende Wirkung durch die »Marble Machine« hat Molin mindestens einem Hörer vermitteln können: Auf YouTube hat ein Hardcore-Fan Molins Performance als zehnstündigen Loop eingestellt.

www.wintergatan.net

www.instagram.com/wintergatan2000

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ich finde die Marble Machine total super! Der Sound macht einfach Spaß. Nur eins ist sie nicht: analog. Ich finde die Verwendung der Begriffe digital/analog immer sehr witzig. Die Marble Machine wird sowas von digital programmiert, digitaler geht’s kaum … es sind Kugeln, die mit fester Taktfrequenz ausgelöst werden … hach. Aber das ist dann wahrscheinlich so ähnlich wie mit dur und moll gleich lustig und traurig.

    Aber ich will nicht beckmessern. Ich bin von der Idee und der Ausführung UND der musikalischen Qualität begeistert.

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  2. Hallo Herr Prüfer,

    ich denke, ‘analog’ ist in Bezug auf den Klang des Instruments gemeint,
    nicht auf die Klangerzeugung. Dass der Klang dieses wunderbaren
    Instruments nicht digital ist, da sind wir uns bestimmt einig :^)

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