Produkt: Keyboards 02/2019
Keyboards 02/2019
DIGITAL SUMMER+++DON AIREY: An den Tasten von Deep Purple+++GEWA MUSIC: Ein Blick in die Produktion+++SAMPLING VS. PHYSICAL MODELING: Die Unterschiede zwischen Konserve und Original
Die Geheimwaffe der Chemical Brothers

Vintage Park: Octave The Kitten *1977

In den Mittsiebzigern tobte der Kampf um die Vorherrschaft im Synthesizer-Empire. Vorherrschend waren hier besonders US-Firmen wie Moog und ARP. Diese wurden aber immer wieder von kleineren Start-Ups attackiert, die versuchten, die (damaligen) Giganten mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Eines der Resultate der damaligen Synth-Wars ist ein Analogbolide, der zu den Lieblingsgeheimwaffen der Chemical Brothers zählt.

VintagePark 1 2012 The Kitten

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Eine volle Breitseite gegen ARP wurde damals von der New Yorker Firma Octave abgefeuert. Der Octave-Chef und ausgebildete Ingenieur Carmine Bonnano konzipierte zwei Synths, die den ARP-Erfolgsmodellen ähnelten, aber günstiger zu haben waren. Da gab es einmal The Cat, einen duofonen Analogsynth, dessen Aufbau z. T. dem 1972 herausgekommenen ARP Odyssey entsprach, und den kleinen Bruder des Cat, The Kitten, dessen Konzept sich etwas am ARP Axxe orientierte. Obwohl viele Features der Octave-Synthesizer dem Konkurrenten entsprachen (Duofonie beim Cat, ein Oszillator beim Kitten, Hüllkurvendesign, Keyboard-Schaltung, Bedienpanel etc.), sind die Octave-Synths keine Copycats, sondern eigenständige, sehr leistungsfähige Instrumente mit eigenem Sound.

Der Kitten kam 1977, ein Jahr nach der Einführung des Cat, auf den Markt; eine weitere Version erschien 1981. Er war mit ca. 320 Dollar sehr preiswert; trotz der Kampfpreise wurden die Octave-Synths kein sehr großer Erfolg, und entsprechend sind sie heute rar. Octave fusionierte 1980 mit der New Yorker Firma Plateau und hieß nun „Octave Plateau“. Mit vereinten Kräften entwickelte man einen achtstimmigen Synthesizer, den Voyetra Eight, der 1983 auf den Markt kam. Wohl auch wegen der übermächtigen japanischen Konkurrenz auf dem Synthesizermarkt 1986 spezialisierte sich die jetzt in „Voyetra“ umbenannte Firma auf die Produktion von MIDI-Software und vereinte sich in den 90er-Jahren mit dem Soundkartenhersteller Turtle Beach.

Zu den Usern des Octave Kitten gehören das britische Progressive House-Duo Way Out West und die Chemical Brothers, die das Gerät im Studio und auch auf der Bühne verwendeten.

Äußeres

Vom Design her ist das Kätzchen mit seinen mit weißen Plastikleisten versehenen Seitenteilen ein typisches Kind der 70er-Jahre. Das schwarze großzügige Bedienpanel ist aus stabilem Stahlblech, auf der Unterseite wurde (wie übrigens beim ARP Axxe) Pappe verwendet – irgendwo muss man ja sparen. Das Bedienfeld ist sehr großzügig und übersichtlich gehalten, sodass das Schrauben viel Spaß macht. Als Spielhilfen kommen ein Pitch- und ein LFO-Fader zum Einsatz. Das 37-Tasten-Keyboard ist dagegen eher durchschnittlich. Die Fader haben leider die Angewohnheit, mit zunehmendem Alter schwergängig zu werden.

Anschlüsse

Auf der Rückseite findet man zwei Audioausgänge (Hi und Low), einen Fußschalter zum Aktivieren der Portamento-Funktion sowie zwei Eingänge für das Steuern der Filtereckfrequenz und der Oszillatortonhöhe. Ein CV/Gate-Interface (in Form von zwei Stereobuchsen) ist ebenfalls vorhanden. Erfreulicherweise gibt es auch einen Eingang für externes Audiomaterial, wie in unserem Audiobeispiel zu hören, bei dem ein Drumloop eingespeist und gefiltert wurde.

VintagePark 1 2012 The Kitten chemical brothers
Die Chemical Brothers setzten den Kitten u. a. auf ihrem 1995 erschienenen Debütalbum Exit Planet Dust ein.

Klangerzeugung

Im Gegensatz zu seinem großen Bruder The Cat ist die (ebenfalls analoge) Klangerzeugung des Kätzchens mit nur einem spannungsgesteuerten Oszillator ausgestattet. Dafür kann der Kitten neben Dreieck- und Pulswelle zur Unterstützung des Bassbereichs gleich zwei Suboktaven erzeugen. Die Wellenformen lassen sich stufenlos zusammenmischen, was eine nuancierte Klanggestaltung möglich macht. Außerdem stehen eine Glide-Funktion und ein Rauschgenerator mit White Noise zur Verfügung. Das Resonanz-Filter besitzt wie der VCA eine eigene Hüllkurve und ist als Lowpass mit 24 dB Absenkung pro Oktave ausgelegt. Es lässt sich bei hoher Resonanz zur Selbstoszillation bewegen. Neben dem LFO, der mit einer Dreieckswellenform arbeitet und eine Delay-Funktion besitzt, lässt sich auch ein Sample& Hold-Generator als Modulationsquelle aktivieren. Als Modulationsziele stehen VCA und Filtereckfrequenz zur Verfügung; Letztere kann übrigens auch mit dem Oszillator moduliert werden, was die Erstellung böser experimenteller Sounds erleichtert.

Sound

Der Grundklang des Haustiers ist rund und warm, es lassen sich problemlos griffige Leads und voluminöse Bässe erzeugen, ganz wie man es von einem Analogklassiker der 70er-Jahre erwartet. Die Unterstützung der beiden Subbassgeneratoren tun dem tiefen Frequenzbereich sehr gut. Das Filter greift beherzt ins Klanggeschehen ein und klingt meist sehr ausgewogen, was nicht verwundert, beruht die Filterschaltung doch auf einem SSM 2044-Chip (u. a. verbaut in Banana, CMI Fairlight, Korg Mono/Poly & Polysix, PPG Wave 2.2 etc.). Das Kätzchen kann aber auch die Krallen ausfahren und zum Panther werden, wenn extreme Klangeinstellungen und Modulationen gewählt werden. Dann sind dank schneller Hüllkurven auch aggressive Sequenzersounds oder mittels Filter-FM metallische oder geräuschhafte Spektren möglich, wie man z. B. am Ende der Klangbeispiele hört. Klanglich unterscheidet sich der Kitten deutlich von seinem Konkurrenten ARP Axxe; Letzterer verfügt über einen etwas „hohleren“ Grundsound (das ist nicht negativ gemeint!) und klingt einen Tick konturierter, während der Kitten einen etwas weicheren und breiteren Klangcharakter hat.

Kitten II

Der Ende der 80er-Jahre auf den Markt gekommene Kitten II bietet im Gegensatz zum größtenteils diskret aufgebauten Vorgänger einen chipbasierten und damit stimmstabileren Oszillator, eine digital gescannte Tastatur sowie ein verbessertes CV/Gate-Interface. Außerdem besitzt er einen Pitch-Bend-Steuereingang, einen Audioeingang zum Steuern der Filtereckfrequenz und einen digitalen Keyboard-Ausgang. Das Gerät wurde uns freundlicherweise von der Firma Touched By Sound (www.touched-bysound.com) zur Verfügung gestellt, die neben Neuware auch viele Vintage-Geräte mit Garantie anbieten.

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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Schöner Bericht über diesen sehr seltenen Synthesizer! Ich bin der Besitzer des auf dem Foto abgebildeten Exemplars. Er hat es sogar auf das Cover meines 2×12″ Albums geschaff, das viele Kitten-Sounds enthält: http://astro-chicken.com/stuff/AC06_Sleeve_Front_1200x1200.jpg
    Der Kitten taucht in Deutschland auf dem Gebrauchtmarkt praktisch nicht auf. Ich mag ihn sehr. Er hat zwar “nur” einen VCO, doch dank seiner 2 Suboszis bringt er mächtig was auf die Waage. Die Tastatur ist wirklich schlecht (klappert, anfällige J-Wire-Kontakte…). Aber ferngesteuert per anderem CV-Keyboard oder CSQ-600 Sequencer tuckert er fröhlich vor sich hin. Eine Korrektur noch: Frühe Kitten-1 Modelle (also nicht die SRM-Variante) haben den SSM-2040 Filterchip, nicht den SSM-2044. Der 2040er klingt noch mal deutlich anders als der 2044er, den man ja aus dem MonoPoly und dem Polysix kennt. Der 2040 ist für meiner Ohren weniger “bubbly”, die Resonanz hat weniger Sweetspot, ist etwas schärfer, dafür ist alles ein bisschen erdiger. Wie gesagt, für meine Ohren. Ein fetter Synthie, und auf jeden Fall weit mehr als nur ein halber Cat.
    Hyboid

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