Der Erica Synths Razornator ist kein klassisches Delay, kein Multi-Effekt und auch kein einfacher Filter. Das Desktopgerät, das gemeinsam mit den niederländischen DSP-Spezialisten von 112dB.com entwickelt wurde, versteht sich vielmehr als musikalisch spielbarer Stereo-Resonator: Es legt fünf einzeln stimm- und über MIDI spielbare Resonatorlinien über ein externes Audiosignal. Für 549 Euro richtet sich der Razornator damit an Musiker und Produzenten, die Klangquellen nicht nur veredeln, sondern gezielt in etwas Eigenständiges überführen möchten.
Ob Drum-Machine, monophone Bassline, Flächen, Vocals oder ein komplettes Stereo-Submix-Signal: Der Razornator kann einem Eingangssignal eine tonale Struktur geben, es räumlich verbreitern, perkussiv aufladen oder bis zur kontrollierten Rückkopplung verfremden. Seine eigentliche Stärke liegt dabei in der Verbindung aus direkter Bedienung und einer Klangarchitektur, die eher an physikalische Klangkörper als an gewöhnliche Effektprozessoren erinnert.
Fünf Resonatoren im Stereo-Signalweg
Im Kern arbeitet der Razornator mit fünf chromatisch stimmbaren Resonatoren. Diese lassen sich in musikalischen Intervallen zueinander setzen und formen aus dem Eingangsmaterial akkordische Schimmer, metallische Texturen, gestimmte Räume oder resonierende Objektklänge. Anders als bei einem Effekt, der dem Signal lediglich Hall oder Wiederholungen hinzufügt, greift der Razornator deutlich stärker in dessen harmonische Struktur ein.
Der Signalweg beginnt mit einer Eingangsstufe, die bis zu 24 dB Gain bereitstellt. Das ist in der Praxis sinnvoll, weil sich sowohl zurückhaltende Line-Signale anheben als auch bereits kräftige Quellen bewusst in eine stärker gesättigte Arbeitsweise bringen lassen. Danach folgt ein resonanzfähiger Tiefpassfilter, der nicht nur den Grundcharakter des Signals bestimmt, sondern auch erheblichen Einfluss darauf hat, wie deutlich und aggressiv die nachfolgenden Resonatoren reagieren.
Die Resonatorsektion arbeitet delaybasiert und kann manuell gestimmt oder über den integrierten Envelope Follower in Bewegung versetzt werden. Dadurch reagiert der Effekt nicht nur auf MIDI-Daten oder feste Parameterwerte, sondern auch auf die Dynamik des eingespeisten Materials. Gerade bei rhythmischen Quellen entstehen so sehr lebendige Verläufe: Hi-Hats können zu tonal schillernden Obertonwolken werden, eine Snare erhält einen gestimmten Nachklang, während eine Bassline mit gezielt gesetzten Resonanzen plötzlich harmonische Doppelungen erzeugt.
Kontrolle statt Zufall – mit Raum für Überraschungen
Die Bedienoberfläche ist klar live-orientiert angelegt. Zwölf zentrale Parameter befinden sich direkt am Gerät, während weiterführende Funktionen über das Menü erreichbar sind. Das Konzept ist nachvollziehbar: Die klangentscheidenden Eingriffe lassen sich ohne Tauchgang in Untermenüs vornehmen, während Preset-Verwaltung, MIDI-Zuweisungen oder tiefere Einstellungen nicht unnötig Platz auf dem Panel beanspruchen.
Der Razornator verlangt allerdings Aufmerksamkeit. Resonatoren und Rückkopplung reagieren naturgemäß stark auf Eingangspegel, Filterstellung und Stimmung. Kleine Eingriffe können große klangliche Folgen haben. Das ist kein Nachteil, sondern Teil des Konzepts: Wer das Gerät wie einen subtilen Insert-Effekt behandelt, wird sein Potenzial nur teilweise ausschöpfen. Wer jedoch bewusst mit Pegeln, Resonanz und Dämpfung arbeitet, erhält ein ausgesprochen ausdrucksstarkes Klangwerkzeug.
Zur Beherrschbarkeit trägt der integrierte Kompressor bei. Er fängt kräftige Pegelspitzen nach der Resonatorsektion ab und sorgt dafür, dass auch intensivere Einstellungen nicht sofort unbrauchbar werden. Der anschließende Damping-EQ arbeitet weniger wie ein klassischer Klangformungs-EQ, sondern hilft dabei, übermäßige Härten oder störende Resonanzbereiche wieder einzufangen. Besonders bei dichtem Ausgangsmaterial ist diese Sektion wichtig, damit der Effekt nicht den gesamten Mix überlagert.

Negative Polarity und Magic Mode
Eine der interessantesten Funktionen ist der Negative-Polarity-Modus. Er kehrt die Polarität der Rückkopplung aller Resonatoren um und verändert damit deren Obertonstruktur. Laut Hersteller treten in diesem Zustand nur ungerade Obertöne in der Rückkopplung auf. Praktisch führt das zu einer anderen, oft etwas hohleren und eigenwilligeren Resonanzfarbe, die sich deutlich vom normalen Betriebsmodus absetzt. Die Funktion lässt sich direkt am Gerät, per MIDI oder über einen angeschlossenen Fußschalter aktivieren – eine sinnvolle Option für Performance-Setups.
Der Magic Mode bringt gezielten Kontrollverlust ins Spiel. Hinter diesem Namen steckt ein Parameter-Randomizer, der neue Kombinationen erzeugt und damit schnell zu Klangideen führt, auf die man manuell nicht unbedingt gekommen wäre. Entscheidend ist, dass gelungene Ergebnisse anschließend gespeichert werden können. Der Randomizer ist also kein bloßer Gimmick, sondern ein brauchbares Werkzeug für Sounddesign und Live-Improvisation.
Mit insgesamt 100 Presets – 40 Factory- und 60 User-Speicherplätzen – bietet der Razornator genügend Raum für eigene Setups. Besonders gelungen ist das Preset-Morphing: Wechsel zwischen Programmen können über Zeiten von 0,1 bis 10 Sekunden weich überblendet werden. Das verhindert harte Klangabbrüche und macht Preset-Wechsel zu einem musikalischen Bestandteil einer Performance.

MIDI macht den Razornator zum spielbaren Klangkörper
Die vollständige MIDI-Implementation erweitert den Razornator deutlich über die Rolle eines Desktop-Effekts hinaus. Die fünf Resonatoren können über MIDI angesteuert werden, wodurch sich der Prozessor wie ein klangerzeugender Resonanzkörper spielen lässt. Ein perkussives oder geräuschhaftes Eingangssignal kann dadurch etwa harmonisch an eine Sequenz gekoppelt werden, ohne dass ein zusätzlicher Synthesizer die Klangfläche erzeugen muss.
MIDI In und Thru, USB-B sowie Stereo-Ein- und Ausgänge machen die Integration in Hardware- und DAW-Setups unkompliziert. Der Razornator akzeptiert am Eingang auch Mono-Signale, verarbeitet intern jedoch in einem echten Stereo-Signalweg. Gerade bei Stereo-Synthesizern, Drum-Bussen oder Effektreturns kann das zu breit aufgefächerten und bewegten Ergebnissen führen.

Fazit: Erica Synths Razornator
Der Razornator ist vor allem dann stark, wenn eine Klangquelle Charakter gewinnen soll. Er eignet sich weniger dafür, einen Sound unauffällig aufzuwerten, sondern vielmehr dafür, dessen Identität zu verändern. Bei Drums entstehen metallische, gestimmte Räume und resonante Transienten. Bei Synthesizern kann das Gerät Flächen organischer, komplexer und räumlich greifbarer machen. Auch auf Vocals, Gitarren oder Field Recordings sind ungewöhnliche Ergebnisse möglich, sofern man bereit ist, den Effekt als Teil des Instruments zu verstehen.
Für einen Preis von 549 Euro ist der Erica Synths Razornator ein klarer Spezialist. Seine Funktionsdichte, der echte Stereo-Signalweg, MIDI-Spielbarkeit und das klanglich sehr eigene Resonator-Konzept rechtfertigen die Positionierung. Er ersetzt keinen universellen Multi-Effekt und will auch keiner sein. Stattdessen ist er ein Werkzeug für Klangdesigner, Live-Performer und Produzenten, die aus bestehenden Signalen neue musikalische Objekte formen möchten.
Pro
- Fünf chromatisch spielbare Resonatoren mit eigenständigem Klangcharakter
- Echter Stereo-Signalweg, Preset-Morphing und vollständige MIDI-Implementation
- Direkte Bedienung mit kreativem Magic-Mode-Randomizer
Contra
- Reagiert stark auf Pegel und Parameterstellungen
- Als Spezialeffekt nicht für jede Produktion die naheliegendste Wahl
Link zur Herstellerseite: Erica Synths

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