Vincent Röhr im Interview: Keyboards und Synthesizer bei den Böhsen Onkelz

Vincent Röhr Interview: Welche Aufgabe übernimmt ein Keyboarder in einer Band, deren Sound vor allem von massiven Gitarren, Bass und Schlagzeug geprägt ist? Vincent Röhr zeigt bei den Böhsen Onkelz, dass Tasteninstrumente auch dann eine entscheidende Rolle spielen können, wenn sie nicht immer sofort herauszuhören sind. Im Interview spricht er über seinen musikalischen Werdegang, sein Studium am Berklee College of Music, selbst erstellte Gitarren-Samples, sein aktuelles Nord-Stage-Setup und die Kunst, einen ohnehin mächtigen Rocksound gezielt zu erweitern.

Vincent Röhr Interview – Vom Klavierunterricht zum Sounddesign-Studium

KEYBOARDS: Vincent, wie bist du ursprünglich zur Musik und speziell zum Keyboard- und Synthesizerspiel gekommen?

Vincent Röhr: Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie und habe bereits in jungen Jahren Klavierunterricht genommen. Dadurch wuchs mein Interesse an Tasteninstrumenten immer weiter.

Während meiner Zeit auf dem Gymnasium begann ich außerdem, mich intensiver mit Musikproduktion zu beschäftigen. Schließlich entschied ich mich dazu, Musik in den USA zu studieren. Während meines Studiums tauchte ich dann tief in die Welt der Synthesizer ein. Seitdem habe ich mich, was Equipment angeht, zu einem echten „Gear-Addict“ entwickelt.

Synthesizer, Filmmusik und das Berklee College of Music

Welche musikalischen Stationen haben deinen Werdegang geprägt, bevor du Keyboarder bei den Böhsen Onkelz wurdest?

Bevor ich 2018 als neuer Keyboarder zu den Onkelz kam, studierte ich am Berklee College of Music in den USA. Meine Schwerpunkte waren Sounddesign und Filmkomposition.

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Ich verbrachte damals sehr viel Zeit im „Synth Room“ der Universität. Dort beschäftigte ich mich intensiv mit analogen Synthesizer-Klassikern, aber auch mit Eurorack-Systemen und moderner Klangerzeugung.

Eines Tages bekam ich eine E-Mail von meinem Vater. Die Band wollte für ihre Live-Auftritte den Synthesizer-Sound aus dem Onkelz-Song „Wer nichts wagt, kann nichts verlieren“ verwenden. Allerdings konnte sich niemand mehr daran erinnern, welcher Synthesizer ursprünglich für die Albumversion eingesetzt worden war. (Link: Was ist ein Synthesizer?)

Die Frage lautete deshalb: „Könntest du diesen Sound noch einmal nachbauen?“ Zu dieser Zeit arbeitete ich viel mit Massive von Native Instruments und programmierte den Sound mit diesem Software-Synthesizer nach. Offenbar war die Band mit dem Ergebnis zufrieden, denn kurze Zeit später wurde ich gefragt, ob ich als Live-Keyboarder einsteigen möchte.

Vincent Röhr Interview – Warum brauchen die Böhsen Onkelz einen Keyboarder?

Die Musik der Böhsen Onkelz ist stark von Gitarren, Bass und Schlagzeug geprägt. Welche Aufgabe übernimmt das Keyboard in diesem dichten Bandsound?

Meine Aufgabe am Keyboard ist sehr vielseitig und häufig weniger offensichtlich, als man zunächst vermuten könnte. Bei vielen Songs spiele ich beispielsweise E-Gitarren-Samples.

Dabei kann es sich um einzelne Powerchords handeln, die den Bandsound zusätzlich verdichten. Außerdem spiele ich Gitarrenmelodien, welche die echten Gitarren ergänzen oder verdoppeln. Hinzu kommen rhythmische Samples, bei denen ein sehr präzises Timing erforderlich ist.

Daneben gibt es Songs, bei denen eine B3-Orgel eine weitere Klangschicht unter den eigentlichen Bandsound legt. Eine Ausnahme ist dagegen ein Stück wie „Erinnerungen“. Hier steht das Klavier deutlich im Vordergrund und bildet die emotionale Grundlage des Songs.

Im Kern geht es beim Keyboard deshalb nur selten darum, permanent als eigenständiges Instrument herauszustechen. Viel häufiger soll es den Bandsound stützen, verdichten und um zusätzliche Klangfarben erweitern, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen.

Wann ein zusätzlicher Sound sinnvoll ist

Wie entscheidest du, an welchen Stellen ein Keyboard- oder Synthesizer-Sound die Musik ergänzt und wann du dich bewusst zurückhältst?

Zunächst höre ich mir die Albumversion eines Songs sehr genau an. Anschließend bespreche ich mit meinem Vater, der Gitarrist der Band ist, was er an einer bestimmten Stelle spielt.

Wenn er beispielsweise ein Solo übernimmt, auf der Albumaufnahme im Hintergrund aber noch eine weitere Gitarrenschicht zu hören ist, nehme ich auf, wie er die entsprechenden Powerchords spielt. Diese Aufnahmen ordne ich anschließend auf meinem Nord Stage einzelnen Tasten zu. Dadurch kann ich die zusätzlichen Gitarrenspuren während des Konzerts gezielt abrufen.

Auf diese Weise bilde ich live das nach, was bereits auf der Albumversion als zusätzliche Klangschicht vorhanden ist. Dadurch wirkt es nicht künstlich hinzugefügt, sondern ergänzt den Song genau dort, wo der Sound auch auf der ursprünglichen Aufnahme vorkommt.

Bei manchen Songs füge ich allerdings bewusst eine zusätzliche Schicht hinzu, die auf dem Album nicht existiert. Das kann insbesondere bei großen Stadionkonzerten sinnvoll sein, damit der Sound noch voller wirkt und die Energie besser durch den Raum getragen wird.

Gleichzeitig ist es wichtig, sich zurückzuhalten. Wenn eine Stelle bereits genügend Wucht besitzt, muss nicht zwangsläufig eine weitere Ebene hinzukommen, nur weil es technisch möglich wäre.

Vincent Röhr Interview – Zwischen Gitarrenwand und klanglichem Kontrast

Versuchst du, dich klanglich eher mit den Gitarren zu verbinden, oder möchtest du mit deinen Sounds einen deutlichen Kontrast schaffen?

Das hängt davon ab, welchen Sound ich gerade verwende. Bei den Gitarren-Samples geht es darum, mich möglichst eng mit den echten Gitarren zu verbinden. Der Bandsound soll dadurch dichter werden, ohne dass die Samples als eigenständige Klangquelle auffallen.

Bei der B3-Orgel und beim Klavier ist es dagegen genau umgekehrt. Hier möchte ich bewusst einen Kontrast schaffen und als eigene klangliche Stimme wahrgenommen werden.

Bei „Erinnerungen“ und „Nichts ist für die Ewigkeit“ übernimmt das Klavier beispielsweise eine tragende Rolle und bestimmt die emotionale Wirkung des Songs. Bei Stücken wie „Der Platz neben mir“ und „Signum des Verrats“ setzt sich dagegen die B3-Orgel bewusst von den Gitarren ab. Sie bildet eine eigenständige Klangebene innerhalb des Arrangements.

Es ist daher ein ständiges Wechselspiel: Manchmal möchte ich vollständig mit dem Gitarrensound verschmelzen. An anderen Stellen soll das Keyboard ganz bewusst als eigenständiges Instrument hörbar werden.

Zusammenarbeit mit Band, FOH und Backline

Wie eng arbeitest du bei der Gestaltung deiner Parts mit der Band, dem Produzenten oder dem FOH-Team zusammen?

Einige Wochen vor jeder Tour proben wir gemeinsam mit dem FOH-Team (Link: Was bedeutet FOH?)und den Backlinern. Während dieser Proben gehen wir sämtliche Songs und Arrangements noch einmal detailliert durch.

Manchmal fällt dabei ein Part weg, manchmal kommt spontan eine neue Idee hinzu. Grundsätzlich wird jedoch erwartet, dass jeder Musiker seine Parts bereits weitgehend vorbereitet hat, bevor die gemeinsamen Proben beginnen.

Die Probenphase dient daher eher dem letzten Feinschliff. Die eigentliche Vorbereitung und Programmierung findet vorher bei jedem Musiker individuell statt.

Das Keyboard-Setup von Vincent Röhr

Wie sieht dein aktuelles Keyboard-Setup für die Konzerte der Böhsen Onkelz aus?

Mein Setup hat sich im Laufe der Zeit deutlich verändert. Früher hatte ich einen Laptop und zwei Keyboards auf der Bühne. Die Samples wurden über Ableton Live abgespielt, während eines der Keyboards hauptsächlich als MIDI-Controller diente.

Mittlerweile stehen zwei Nord-Stage-Keyboards auf der Bühne, und ich kann vollständig auf eine DAW verzichten. Ein Nord Stage 4 übernimmt die Samples und Orgelsounds. Ein Nord Stage 3 ist dagegen hauptsächlich für die Klavierklänge zuständig.

Vincent Röhrs Keyboard-Setup mit zwei Nord Stage Keyboards bei einem Live-Konzert der Böhsen Onkelz.
Vincent Röhrs Keyboard-Setup mit zwei Nord-Stage-Keyboards auf der Bühne der Böhsen Onkelz.

Dank der Split-Möglichkeiten und der leistungsfähigen Sampler-Engine des Nord Stage 4 benötige ich keinen Laptop mehr. Dadurch ist das Setup schlanker, flexibler und bei Live-Auftritten weniger fehleranfällig.

Gleichzeitig kann ich sehr schnell zwischen unterschiedlichen Sounds wechseln, ohne dass im Hintergrund zusätzliche Software laufen muss.

Manuelle Programmwechsel statt Vollautomatisierung

Wie organisierst du deine Sounds und Programmwechsel während einer großen Show?

Ich habe sämtliche programmierten Sounds auf dem Nord Stage 4 chronologisch entsprechend der Setlist organisiert. Die Programme sind also genau in der Reihenfolge abgelegt, in der die Songs während des Konzerts gespielt werden.

Nach jedem Song wechsle ich manuell zum nächsten Programm. Es laufen keine automatisierten Programmwechsel im Hintergrund.

Dadurch behalte ich während der gesamten Show die volle Kontrolle. Falls sich die Reihenfolge kurzfristig ändert, ein Song spontan ergänzt wird oder ein Titel ausfällt, kann ich sofort reagieren. Ich bin somit nicht von einer vollständig automatisierten Abfolge abhängig.

Vincent Röhr Interview – Presets oder eigene Sounds?

Programmierst du die Sounds vollständig selbst, oder greifst du auf vorhandene Presets zurück?

Die Gitarren-Samples nehme ich gemeinsam mit meinem Vater auf und bearbeite sie anschließend für den Live-Einsatz. Auch die Orgel- und Klavier-Sounds programmiere beziehungsweise passe ich selbst an.

Die Nord-Stage-Keyboards besitzen eine kompakte, aber sehr flexible Orgel-Engine. Sie orientiert sich am Aufbau einer klassischen Hammond-B3-Orgel und ermöglicht es, den Klang sehr präzise zu gestalten.

Auch die Klavier-Sounds werden von Song zu Song verändert. Bei „Erinnerungen“ soll das Klavier beispielsweise etwas mehr Höhen besitzen, damit es klanglich besser zur Atmosphäre und Emotionalität des Stücks passt.

Es geht daher nicht darum, ein Preset auszuwählen und unverändert zu verwenden. Vielmehr passe ich jeden Sound an seine konkrete Funktion im jeweiligen Song an.

So setzen sich Keyboard-Sounds gegen Gitarren durch

Welche Parameter sind bei der Soundprogrammierung besonders wichtig, damit sich ein Keyboard gegen laute Gitarren behaupten kann?

Wenn es um den Gesamtmix geht, bespreche ich mich während der Proben intensiv mit dem FOH- und dem Monitor-Team.

Bei einigen Songs sollen meine Sounds hauptsächlich als zusätzliche Schicht dienen und dem Bandsound mehr Gewicht verleihen. In diesem Fall geht es nicht darum, dass sich das Keyboard deutlich hervorhebt. Stattdessen soll der gesamte Sound voller und kräftiger wirken.

Bei anderen Klängen stellen wir gemeinsam fest, dass beispielsweise das Voicing eines Akkords verändert werden muss. Dadurch kann sich der Keyboard-Sound im Mix besser behaupten, ohne dass einfach nur die Lautstärke erhöht wird.

Gerade in einem sehr gitarrenlastigen Arrangement ist die Wahl der Tonlage häufig entscheidender als der reine Pegel. Ein angepasstes Voicing kann dafür sorgen, dass sich Instrumente weniger stark überlagern und jedes Element seinen eigenen Platz im Frequenzspektrum erhält.

Gitarren-Samples, B3-Orgel und spezielle Synthesizer-Sounds

Welche Sounds kommen bei den Böhsen Onkelz besonders häufig zum Einsatz?

Den größten Anteil machen E-Gitarren-Samples und B3-Orgel-Sounds aus. Daneben gibt es jedoch einige besondere Fälle.

Vincent Röhr am Nord Stage 4 und Nord Stage 3 bei einem Konzert der Böhsen Onkelz.
Vincent Röhr mit Nord Stage 4 und Nord Stage 3 bei einem Live-Konzert der Böhsen Onkelz. Foto: Christian Thiele.

Bei „Ohne mich“ kommt beispielsweise ein spezieller Synthesizer-Lead zum Einsatz, der im zweiten Teil des Songs eine Melodie übernimmt. Bei Stücken wie „Kirche“ verwende ich dagegen Kirchenorgel-Sounds. Diese verleihen dem Song eine beinahe sakrale und gleichzeitig sehr wuchtige Klangwirkung.

Das Setup besteht deshalb einerseits aus wiederkehrenden Grundelementen wie Gitarren-Samples und B3-Orgel. Andererseits gibt es Songs, die ihre eigene, sehr spezifische Klangwelt benötigen.

Buchla Music Easel und Klavier als musikalische Basis

Welches Keyboard oder welcher Synthesizer ist derzeit dein persönlicher Favorit?

Zurzeit habe ich sehr viel Spaß mit meinem Buchla Music Easel. Ich habe ihn mir kurz vor der Tour gekauft und während der ersten Hälfte der Tour immer wieder im Hotelzimmer verwendet.

Mit dem Instrument kann ich Sounds und Sequenzen erzeugen, die sich mit vielen anderen Synthesizern in dieser Form nicht realisieren lassen. (Link: Was ist der Unterschied vom Keyboard zum  Synthesizer?) Der Music Easel inspiriert deshalb zu anderen musikalischen Herangehensweisen und Ergebnissen.

Musikalisch am stärksten geprägt hat mich jedoch das Klavier. Es ist auch heute noch das Instrument, mit dem ich beginne, wenn ich einen Song komponiere. Das Klavier bildet gewissermaßen die Grundlage für alles, was anschließend entsteht.

Ein Sequential Prophet-5 auf der Wunschliste

Gibt es einen Synthesizer oder ein Keyboard, das noch auf deiner Wunschliste steht?

Ein Synthesizer, der mich nach wie vor fasziniert, ist die zehnstimmige Version des Sequential Prophet-5. Immer wenn ich dieses Instrument sehe, bekomme ich sofort Lust, darauf zu spielen. Der Prophet ist wunderschön verarbeitet und gleichzeitig angenehm unkompliziert in der Bedienung. Manchmal ist es gerade diese Einfachheit, die einen Synthesizer so besonders macht. Keine überladenen Menüs, keine endlosen Unterseiten – einfach hinsetzen und Musik machen.


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Sequential Prophet-10

Vincent Röhr Interview – Fazit: Die unsichtbare Kraft hinter dem Onkelz-Sound

Das Vincent-Röhr-Interview macht deutlich, wie vielseitig die Rolle eines Keyboarders in einer gitarrenbetonten Rockband sein kann. Bei den Böhsen Onkelz steht das Keyboard nicht zwangsläufig als klar erkennbares Soloinstrument im Vordergrund. Stattdessen übernimmt es häufig eine unterstützende Funktion.

Gitarren-Samples verdichten den Bandsound, B3-Orgeln schaffen zusätzliche Ebenen und individuell angepasste Klavierklänge verstärken die emotionale Wirkung einzelner Songs. Gleichzeitig erfordern große Live-Shows ein zuverlässiges und flexibel bedienbares Setup.

Mit zwei Nord-Stage-Keyboards, manuell organisierten Programmen und selbst erstellten Samples setzt Vincent Röhr auf eine Lösung, die ohne Laptop und DAW auskommt. Sein Ansatz zeigt, dass gutes Live-Sounddesign nicht allein von spektakulären Klängen lebt. Entscheidend ist vielmehr, für jeden Sound den richtigen Platz innerhalb des Arrangements zu finden.

Externer Link: Webseite des Künstler/Band: böhse onkelz


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Clavia Nord Stage 4 88

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