Unter dem Radar: Hillwood, Firstman und Multivox – Japans vergessene Synthesizer
Hillwood Firstman Synthesizer: Es gibt Synthesizer, die man gefühlt an jeder Ecke zitiert – und solche, die trotz eigenständigem Sound nie in den kollektiven Musiker-Mainstream gerutscht sind. Genau diese zweite Kategorie ist oft der Grund, warum bestimmte Klassiker wohl niemals „geklont“ werden: nicht, weil sie schlecht wären, sondern weil kaum jemand ihren Namen auf dem Schirm hat.
Zwei wunderbare Beispiele sind der Firstman Pulser M 75 und der poetisch benannte Hillwood Blue Comets 73. Beide stehen sinnbildlich für eine Marke(n)geschichte, die bis heute für Verwirrung sorgt – und genau deshalb für Sammler, Sounddesigner und Sequencer-Nerds so reizvoll ist.
Hillwood/Firstman Synthesizer in 5 Minuten: Wer war wer?
Die japanische Firma Hillwood wurde Anfang der 1970er gegründet und baute nicht nur Synthesizer, sondern auch Sequenzer und Effektgeräte. Der Kopf dahinter: Kazuo Morioka, der später u. a. in Entwicklungszusammenhängen bei großen Herstellern mitgewirkt haben soll. Klingt nach klassischer „Hidden Figure“-Story: kompetent, innovativ, aber nie laut genug, um im Rampenlicht zu bleiben.
Warum man Hillwood heute selten in Vintage-Listen findet, hat vor allem einen praktischen Grund: Viele Geräte erschienen unter anderen Namen. Ein großer Teil lief unter dem Brand Firstman (Firstman International). Wer dann noch in den USA einkaufte, stolperte häufig über ein drittes Logo: Multivox.
Kurz gesagt:
Hillwood (Hersteller) → Firstman (Brand/Exportname) → Multivox (US-Label/Rebranding)
Kein Wunder, dass diese Geräte in vielen Sammlungen „irgendwie existieren“, ohne dass die Besitzer die Verwandtschaft sofort erkennen.
Multivox: Rebrand-Kultur und „Copycat“-Ästhetik der 70er
In den USA tauchten Hillwood/Firstman-Synths oft als Multivox auf – teilweise schlicht per Logo-Überklebung für den amerikanischen Markt. Multivox hatte damals den Ruf, viele Konzepte anderer Hersteller zu übernehmen und unter eigenem Namen zu verkaufen. Neben Synthesizern gab es im Multivox-Kosmos auch Gitarren, Bässe, Drum-Kisten, Tape-Echos, Amps und Bodeneffekte (Sammler kennen hier häufig die „Big Jam“-Pedale).
Für dich als Musiker ist das vor allem aus einem Grund interessant: Wenn du nach Hillwood/Firstman suchst, findest du manche Geräte leichter (oder günstiger) unter Multivox-Bezeichnungen – oder umgekehrt.
Hillwood Firstman Synthesizer – die Instrumente: 5 Highlights, die heute noch Spaß machen
1) Hillwood Blue Comets 73: Preset-Mono mit Stil

Der Blue Comets 73 ist ein früher Hillwood-Synth und wirkt wie ein Design-Statement: silber/schwarz, klare Linien, orgelartige Register-Schalter. Technisch bewegt er sich in einer spannenden Übergangszone: Preset-basiert, aber dennoch mit Eingriffsmöglichkeiten.
Typische Performance-Parameter (je nach Ausführung/Panel) sind:
- Lautstärke und Hüllkurvenverlauf (Attack/Sustain)
- Vibrato (Speed/Depth)
- Filterformung (Cutoff/Resonanz + Filterhüllkurve)
- Portamento
- Bend/Mod-Intensität
Das ist nicht „Modular-Wahnsinn“, aber genau das macht den Reiz aus: Presets als Startpunkt, dann mit Fadern „in Position ziehen“. Für Live-Lines, frühe Elektronik-Ästhetik und Library-Sounds ist das eine sehr direkte Arbeitsweise.
Klang-Tipp:
Wenn du Preset-Synths magst, behandle den Blue Comets wie ein Performance-Instrument: eine Hand am Fader, die andere am Timing. Der Charme liegt in Bewegung, nicht in 200 Parametern.
2) Firstman Pulser M 75 (aka Multivox MX-75): Zwei VCOs, Ringmod und Aftertouch
Der Pulser M 75 ist ein kompakter, monophoner Analog-Synth, der deutlich tiefer geht, als sein „Preset-Look“ vermuten lässt. Die Klangarchitektur ist für die Zeit erstaunlich musikpraktisch:
- 2 VCOs für fette Unison-Leads, Intervall-Stacks und Schwebungen
- Lowpass-Filter für klassische subtraktive Kontrolle
- LFO, der nicht nur moduliert, sondern (je nach Modus) auch Hüllkurven triggern kann – ideal für pseudo-sequenzierte Verläufe
- Ringmodulator für metallische, geräuschhafte, experimentelle Farben
- Aftertouch-fähige Tastatur, oft für „Growl“/Druck-Modulationen nutzbar
Gerade die Kombination aus Ringmod + Aftertouch ist Gold für Sounddesign: Du kannst aggressive Obertöne erzeugen und sie spielerisch dosieren – ohne externes Mod-Routing.
Praxis:
Der Pulser ist kein „nur Bass“-Synth. Er kann das zwar, aber seine Stärke ist Charakter: schmutzige Leads, kaputte FX-Stabs, electroide Sweeps und perkussive Mod-Momente.
3) Polyphon: PS-86, Pulser 85/MX-3000 und der Four-Voice-Hybrid
Hillwood/Firstman blieb nicht bei Mono-Kisten stehen. Spannend sind vor allem die Geräte, die mehrere Welten kombinieren: klassische subtraktive Stimmen plus „Ensemble/String“-Färbung – also genau die Ästhetik, die heute in Synthwave, Italo-Revival und Retro-Pop wieder hoch im Kurs steht.
Ein besonders erwähnenswertes Konzept ist ein Four-Voice-Hybrid, der:
- eine 4-stimmige subtraktive Sektion (VCO/Filter/Noise/LFO/ADSR)
- mit einem String-Synth-Teil (mischbare Fußlagen, eigene Hüllkurve)
kombiniert. Das ist kein „One-Trick-Pony“, sondern eher ein komplettes Arrangement-Instrument für Pads, Brass-Layers und arpeggierte Flächen.
4) Firstman SQ-01 / SQ-1: Der „Was wäre wenn“-Groove-Synth
Wenn du auf Bass-Synths mit Sequencer stehst, wirst du am SQ-01 hängen bleiben. Die Idee: monophoner Bass-Synth + integrierter Sequenzer, minimalistische Klangregelung, dafür direkter Output.
Warum dieses Gerät so oft als „Acid-Paralleluniversum“ beschrieben wird: Es hat die Zutaten, die man für druckvolle Sequencer-Lines braucht, ohne sich in Optionen zu verlieren.
- Fokus auf Cutoff/Resonanz und grundlegende Tonhöhenkontrolle
- ein Filter, das für druckvolle, durchsetzungsfähige Sequenzen prädestiniert ist
- ein Sequenzer, der (je nach Ausführung) fein auflösen und lange Pattern speichern kann
- Eingabe über eine kompakte Tasten-/Folienlogik (Oldschool, aber schnell, wenn man’s einmal draufhat)
Wichtig für die Erwartung:
Solche Geräte sind keine 1:1-TB-303-Kopie. Aber sie liefern eine eigenständige, sequencerfreundliche Monosynth-Sprache, die in Techno, Electro, EBM und Minimal hervorragend sitzt.
5) Firstman SQ-10: Sieht aus wie ein Synth, ist aber ein echter Sequencer
Der SQ-10 ist ein kleines Sammlerstück für Leute, die externe Klangerzeuger wirklich „fahren“ wollen: Trotz Tastatur ist er ein Analogsequencer ohne eigene Klangerzeugung.
Besonders praktisch (und historisch spannend): Er kann unterschiedliche CV-Standards bedienen, u. a.
- Hz/V (z. B. manche Korg-/Yamaha-Welten)
- V/Oct (klassische „Oktave/Volt“-Logik vieler Systeme)
Mit mehreren Spuren und getrennten Ausgangssektionen wird der SQ-10 zum kreativen Steuermodul – ideal, wenn du Vintage-Synths oder Modular-Gear in eine „hands-on“ Sequencer-Performance überführen willst.
Mehr als Synths: Fullroter, Karten-Speicher und Disco-Effekte
Hillwood/Firstman war nicht nur „Synthesizer“. Gerade die Randprodukte sind charmant:
- Fullroter: frühes Leslie-Simulator-Konzept mit mehreren Geschwindigkeiten
- FS-10C: monophoner Expander, teils mit Speicherung über Magnetkarten (sehr zeittypisch)
- BS-999: bassorientierte Spezialkiste (Pedal-/Performance-Denke)
- Synpuls SD-1 / MX-57: Drum-/Perc-Sounds, die im Disco-Kontext beliebt waren (Stichwort: klassische „Piuu“-Effekte)
Diese Geräte zeigen: Die Firma hatte immer wieder Ideen, die nicht nur „noch ein Subtraktiver“ waren, sondern echte Anwendungsszenarien im Blick hatten.
Warum das heute relevant ist (auch ohne Sammlerbudget)
Du musst keinen dieser Synths besitzen, um von der Story zu profitieren. Hillwood/Firstman ist ein Lehrstück für zwei Dinge:
-
Preset-Synths können Performance-Instrumente sein.
Wenn Parameter sinnvoll gewählt sind, entsteht Musikalität über Bewegung – nicht über Menü-Tiefe. -
Sequencer + reduziertes Sounddesign = schneller Charakter.
Der SQ-01 zeigt eine Arbeitsweise, die in moderner Musikproduktion wieder hochaktuell ist: wenige Regler, klare Reaktion, sofortige Ergebnisse.
Wenn du den Sound „in der Richtung“ suchst, aber die Hardware nicht findest, orientiere dich bei modernen Alternativen an diesen Kriterien:
-
monophoner Analog-Signalweg oder überzeugende Emulation
-
Sequencer mit Slide/Legato-Optionen und pro Step Variation
-
Filter mit musikalischer Resonanz und stabilem Bassfundament
-
Performance-Modulation (Aftertouch/Velocity/Mod-Wheel)
Kauftipps für Vintage-Hardware (kurz und praxisnah)
Wenn du dich auf die Jagd machst, helfen diese Checks:
- Rebranding-Namen mit suchen: Hillwood / Firstman / Multivox (Modellnummern variieren)
- Bedienelemente prüfen: Fader, Wippen, Potis – Kratzen ist normal, Totalausfälle sind teuer
- Tastatur & Aftertouch: Funktion testen, Reparaturen können aufwendig sein
- Netzteil/Spannung: Original-PSUs sind oft ein Thema, Umbauten sauber dokumentieren lassen
- CV/Gate beim SQ-10: Sicherstellen, welche Standards wirklich anliegen und ob Adapter nötig sind
- Service-Fähigkeit: Gibt es Techs in deiner Nähe, die Vintage-Analog zuverlässig warten?
FAQ Hillwood Firstman Synthesizer
Sind Hillwood und Firstman dieselbe Firma?
Hillwood ist der ursprüngliche Herstellername; Firstman war eine verbreitete Marken-/Vertriebsschiene. Viele Geräte sind technisch eng verwandt.
Was hat Multivox damit zu tun?
Multivox war in den USA ein Label, unter dem u. a. Hillwood/Firstman-Geräte rebranded verkauft wurden.
Ist der SQ-01 eine Alternative zur TB-303?
Eher eine alternative Idee derselben „Bass + Sequencer“-Denke. Er kann in ähnliche Pattern-Gefilde kommen, hat aber seinen eigenen Klang und Workflow.
Warum sind diese Synths so unbekannt?
Vor allem wegen wechselnder Markennamen, regionaler Vertriebswege und der allgemeinen Verschiebung Richtung Digital in den 80ern.

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