Das Optigan gehört zu den ungewöhnlichsten Vorläufern des Samplers. Gleichzeitig ist es eine wichtige Wegmarke in der Geschichte des loopbasierten Musizierens. Denn lange bevor Sampler, Grooveboxen und Software-Loops den Musikmarkt dominierten, arbeitete dieses eigenwillige Tasteninstrument bereits mit vorproduzierten Klangschleifen.
Der Name Optigan steht für „Optical Organ“. Damit ist das Grundprinzip bereits beschrieben: Die Sounds werden nicht magnetisch wie beim Mellotron, sondern optisch von auswechselbaren Flexidiscs gelesen. Aus heutiger Sicht wirkt das Instrument deshalb wie eine bizarre Mischung aus Heimorgel, Plattenspieler, LoFi-Sampler und mechanischem Loop-Player.
Die Geschichte des Optigan
Mattel, Heimorgelmarkt und ein ungewöhnliches Konzept
Die Optigan Corporation war Teil des Mattel-Konzerns. Der Spielzeughersteller brachte gelegentlich auch kultverdächtige Musikinstrumente hervor, darunter beispielsweise den analogen Drumcomputer Synnsonics Drums.
Die ersten Forschungen in Richtung Optigan begannen bereits Ende der 1960er-Jahre. 1971 kam schließlich das erste Seriengerät auf den Markt. Entwickelt wurde es vor allem für den Heimorgelmarkt. Professionelle Musiker und Produzenten entdeckten das merkwürdige Instrument erst später.
Verkauft wurde das Optigan hauptsächlich über amerikanische Kaufhausketten wie Sears, Montgomery Ward und J. C. Penney. Je nach Modell kostete es zwischen 200 und 400 US-Dollar. Zum Lieferumfang gehörte ein Starter-Kit mit vier Discs. Weitere Flexidiscs wurden separat angeboten und ähnlich wie Musikalben vermarktet.
Vom Mattel-Produkt zum Opsonar
Zunächst wurde das Optigan in Compton gefertigt. Anfangs liefen die Verkäufe ordentlich, doch die Nachfrage ließ nach. Ein wichtiger Grund dafür war die geringe Zuverlässigkeit der Geräte.
1973 verkaufte Mattel die Optigan-Produktion an die New Yorker Orgelfirma Miner Industries. Dort wurde das Instrument bis etwa 1976 unter dem Namen Opsonar weitergebaut. Später gelangte die Technik zur Firma Vako, die daraus das Orchetron entwickelte. Dieses Instrument war zwar für einen professionelleren Kundenkreis gedacht, konnte sich aber ebenfalls nicht durchsetzen. Ein Grund dafür war die eher mäßige Klangqualität.
Ein weiteres Instrument mit ähnlicher Technik war der Chilton Talentmaker, der ebenfalls auf den Heimorgelmarkt zielte.
Warum das Optigan ein Samplervorläufer ist
Das Optigan kann man durchaus als primitiven Sampler bezeichnen. Zwar speichert es keine Klänge digital, dennoch basiert sein Konzept auf zuvor aufgenommenem Audiomaterial. Dieses wird über die Flexidiscs wiedergegeben und über die Tastatur spielbar gemacht.
Damit nimmt das Optigan mehrere Prinzipien späterer Sampling-Instrumente vorweg:
Vorproduzierte Klänge als musikalisches Ausgangsmaterial
Auf den Discs befinden sich aufgenommene Instrumente, Begleitpatterns und komplette Arrangements. Die Musiker spielen also nicht nur einzelne Klänge, sondern greifen direkt auf vorbereitete musikalische Bausteine zu.
Loops statt Bandlänge
Im Gegensatz zum Mellotron arbeitet das Optigan nicht mit Tonbändern. Stattdessen werden die Klänge in Endlosschleifen von einer transparenten Disc gelesen. Dadurch ist die Wiedergabe eines Loops nicht durch eine Bandlänge begrenzt.
Austauschbare Klangbibliothek
Die Flexidiscs funktionieren wie frühe Sound-Libraries. Je nach eingelegter Disc stehen andere Begleitungen, Klangfarben und musikalische Stile zur Verfügung. Dadurch wirkt das Optigan aus heutiger Perspektive wie eine frühe Hardware-Version eines loopbasierten Sample-Players.
Äußeres und Bedienung
Heimorgel-Design mit Kultfaktor
Optisch erinnert das Optigan stark an eine klassische Heimorgel. Das Design ist konsequent wohnzimmertauglich, allerdings auf eine sehr eigenwillige Weise. Insgesamt gab es mehrere Optigan-Modelle mit leicht unterschiedlichen Gehäusevarianten. Manche Versionen waren mit Reverb ausgestattet, andere nicht. Außerdem existierten mono- und stereofone Modelle.
Das abgebildete Modell gehört zu den selteneren Varianten. Es handelt sich um eine spezielle Version für die Kaufhauskette Montgomery Ward mit Echtholz-Ausführung.
Alle Versionen verfügen über eingebaute Verstärker und Lautsprecher, eine weiße Bedienkonsole, ein Volume-Pedal sowie einen Kopfhörerausgang. Das Keyboard ist nicht anschlagsdynamisch und umfasst 37 Tasten. Unterhalb der Tastatur befindet sich das durch eine Klappe geschützte Disc-Laufwerk.
Akkorde, Loops und Transponierung
Links neben der Tastatur sitzen fünf Wippen zum Aktivieren verschiedener Loops. Zusätzlich gibt es 3 x 7 Taster zum Transponieren der harmonischen Begleitloops.
Zur Verfügung stehen Dur-, Moll- und verminderte Akkorde in C, D, E, F, G, A und B. Die Auswahl ist also deutlich eingeschränkt. Hinzu kommt eine besondere Eigenheit: Offenbar um Platz auf den Discs zu sparen, wurden die Akkorde A-Dur und E-Dur durch D vermindert und G vermindert ersetzt.
Das führt zu einer ziemlich eigenwilligen Harmonieauffassung. Genau dadurch entstehen jedoch jene leicht schrägen Klangfarben, die das Optigan bis heute so interessant machen. Außerdem lassen sich mehrere Akkordtasten gleichzeitig drücken, wodurch komplexere und experimentellere Harmoniestrukturen möglich werden.
Die Klangerzeugung des Optigan
Optische Tonerzeugung statt Tonband
Technisch ist das Optigan in vieler Hinsicht eine Art Mellotron oder Chamberlain des kleinen Mannes. Allerdings nutzt es kein Bandmaterial, sondern transparente, auswechselbare Flexidiscs in der Größe normaler Langspielplatten.
Auf diesen Discs befinden sich speziell im Studio aufgenommene Klänge. Das Spektrum reicht von einfachen Orgelwellenformen bis hin zu kompletten Orchester- und Begleitloops. Auch die Keyboard-Sounds selbst werden von der Disc erzeugt.
Eine Optigan-Disc besitzt 57 Ringe. Davon sind allein 37 für die Sounds der Tastatur reserviert – also ein Loop pro Taste.
Wie die optische Wiedergabe funktioniert
Eine Lampe durchleuchtet die Disc mit den aufgedruckten Wellenformen. Auf der anderen Seite sitzt ein Photorezeptor, der die Lichtinformationen ausliest. Je nachdem, wie viel Licht in den Rezeptor fällt, wird eine elektrische Spannung gesteuert. Daraus entsteht schließlich das Audiosignal.
Die Discs werden über ein Gummirad angetrieben. Dieses nutzt sich jedoch gerne ab, was einer der Gründe für die technische Unzuverlässigkeit des Instruments ist.
Das Verfahren erinnert an frühe Tonfilmtechnik, bei der Wellenformen ebenfalls optisch auf Filmstreifen gespeichert wurden. Der Vorteil gegenüber einem Mellotron liegt auf der Hand: Die Länge eines Loops ist nicht durch ein Tonband begrenzt. Dafür muss man jedoch deutliche Abstriche bei der Klangqualität machen.
Experimentelle Tricks mit den Discs
Fortgeschrittene Optigan-Nutzer kennen verschiedene Tricks, um experimentelle Sounds zu erzeugen. So lassen sich beispielsweise mehrere Discs übereinanderlegen. Außerdem können durch umgekehrtes Einlegen der Discs rückwärts laufende Effekte entstehen.
Solche Eingriffe machen das Optigan besonders spannend für Musiker, die bewusst nach ungewöhnlichen, instabilen und schwer reproduzierbaren Klangtexturen suchen.
Der Sound des Optigan
LoFi, Vinylcharme und charmante Unzulänglichkeiten
Der Klang des Optigan ist nichts für studiotechnische Schöngeister oder LoFi-Hasser. Durch Alterung und Abnutzung beginnen viele Flexidiscs zu kratzen, zu rumpeln und zu eiern. Genau diese Unzulänglichkeiten erzeugen jedoch den besonderen Reiz des Instruments.

Das Optigan klingt oft brüchig, staubig und leicht geisterhaft. Im Handumdrehen entsteht eine Atmosphäre, die an frühes Sampling, Portishead-artige LoFi-Texturen oder Sixties-Rare-Groove erinnert. Dadurch eignet sich das Instrument hervorragend, um sterilen Produktionen mehr Charakter zu verleihen.
Zwischen Trash, Cheesiness und düsterer Atmosphäre
Einige Sounds und Begleitarrangements wirken ausgesprochen trashig. Andere strahlen eine kaum zu überbietende Cheesiness aus. Gleichzeitig gibt es aber auch Klänge, die eine seltsame, fast bedrohliche Atmosphäre erzeugen. Diese können sofort Bilder im Stil von David Lynchs Filmklassiker Blue Velvet hervorrufen.
Gerade dieser Gegensatz macht das Optigan so faszinierend. Es kann albern, nostalgisch, unheimlich und musikalisch inspirierend zugleich klingen.
Die Optigan-Discs und ihre Klangwelt
Von Big Band bis Ethno-Trip
Das Disc-Repertoire des Optigan deckt eine erstaunliche Bandbreite ab. Es reicht von Big-Band-Arrangements über Orchestersounds bis hin zu exotischeren Stilrichtungen. Titel wie „Romantic Strings in 3/4“, „Easy Does It With Vibes“, „Gay 90’s Waltz (In 3/4 Time)“, „Majestic Pipe Organ“, „Sleigh Ride“, „Dixieland Strut“ oder „Big Top Marching Band“ sprechen für sich.
Insgesamt erschienen 40 verschiedene Discs. Zusätzlich gab es zwei Test-Discs für Techniker. Besonders gesuchte Exoten wie „Polynesian Village“ sind heute unter Sammlern sehr begehrt.
Musiker hinter den Aufnahmen
Die ersten Aufnahmen für die Optigan-Discs wurden von deutschen Musikern in Köln eingespielt. Später kamen amerikanische Big-Band-Musiker, der firmeneigene Orgelspieler Johnny Largo und sogar Musiker bekannter Bands zum Einsatz. Ein Beispiel ist die Nitty Gritty Dirt Band, die an der Disc „Bluegrass Banjo“ beteiligt war.
Die Keyboard-Sounds orientieren sich an Orgelklassikern wie der Hammond B3, der Vox Continental sowie verschiedenen Modellen von Gibson und Yamaha.
Das Optigan als Kultinstrument
Vom Heimgerät zur Geheimwaffe im Studio
Ab den 1980er-Jahren entwickelte sich das Optigan immer stärker zum Kultinstrument. Produzenten entdeckten es als Geheimwaffe für spezielle atmosphärische Sounds. Wo normale Keyboards zu sauber klangen, lieferte das Optigan genau die richtige Mischung aus Nostalgie, Störgeräusch und musikalischer Eigenwilligkeit.
Hören kann man das Instrument unter anderem auf Produktionen von Fiona Apple, Tom Waits, Elvis Costello, Blur, Steve Hackett, The Wedding Present, Devo, Crowded House, The Clash, Goldfrapp und vielen weiteren Künstlern.
Damit hat das Optigan eine ähnliche Karriere gemacht wie das Omnichord: Beide Instrumente waren ursprünglich für den Heimbereich gedacht und wurden später zu gesuchten Kultgeräten.
Optigan kaufen: Seltenheit und Gebrauchtmarkt
In Europa taucht das Optigan auf dem Gebrauchtmarkt nur selten auf. Die meisten Geräte wurden an der amerikanischen Westküste verkauft. Deshalb sind gut erhaltene Exemplare heute entsprechend gesucht.
Wer ein Optigan kaufen möchte, sollte außerdem den technischen Zustand genau prüfen. Besonders wichtig sind das Laufwerk, das Gummirad, die Elektronik, die Lautsprecher und natürlich der Zustand der Flexidiscs. Denn gerade diese mechanischen und optischen Komponenten entscheiden darüber, ob das Instrument nur dekorativ wirkt oder tatsächlich spielbar ist.
Fazit: Warum das Optigan bis heute fasziniert
Das Optigan ist kein perfektes Instrument. Im Gegenteil: Es ist unzuverlässig, klanglich limitiert und technisch eigenwillig. Gerade deshalb besitzt es aber einen enormen Charakter.
Als früher Samplervorläufer zeigt es, wie kreativ schon vor der Digitaltechnik mit aufgenommenem Klangmaterial gearbeitet wurde. Gleichzeitig liefert es einen Sound, der mit modernen Mitteln nur schwer authentisch nachzubilden ist.
Wer sich für Vintage-Keyboards, LoFi-Sampling, ungewöhnliche Klangerzeugung oder die Geschichte elektronischer Musikinstrumente interessiert, kommt am Optigan kaum vorbei. Es ist skurril, charmant, fehlerhaft und inspirierend – und genau deshalb ein echtes Kultinstrument.
FAQ zum Optigan
Was ist ein Optigan?
Das Optigan ist ein Tasteninstrument aus den frühen 1970er-Jahren. Es erzeugt seine Klänge über optisch ausgelesene Flexidiscs mit zuvor aufgenommenem Audiomaterial.
Warum gilt das Optigan als Samplervorläufer?
Das Optigan nutzt vorproduzierte Klänge und Loops, die über eine Tastatur und Begleitsektion spielbar gemacht werden. Obwohl es nicht digital arbeitet, erinnert sein Konzept stark an spätere Sampler und Loop-Player.
Wie klingt ein Optigan?
Das Optigan klingt lo-fi, rau, kratzig und oft leicht instabil. Genau diese Eigenheiten machen seinen Sound für viele Produzenten interessant.
Worin unterscheidet sich das Optigan vom Mellotron?
Das Mellotron arbeitet mit Tonbändern, während das Optigan transparente Flexidiscs optisch ausliest. Dadurch sind beim Optigan längere Loops möglich, allerdings auf Kosten der Klangqualität.
Ist ein Optigan heute selten?
Ja. Besonders in Europa ist das Optigan auf dem Gebrauchtmarkt selten zu finden. Gut erhaltene Geräte mit funktionierendem Laufwerk und mehreren Discs sind entsprechend begehrt.
Spezialist für Vintage-Synthesizer


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