Marion Systems MSR-2: Der seltene Oberheim-Synthesizer von 1993

Synthesizer Marian Systems MSR-2 Frontplatte

Dass Banken nicht immer die besten Freunde kreativer Visionäre sind, musste Tom Oberheim bereits Mitte der 1980er-Jahre erfahren. Obwohl Oberheim Electronics volle Auftragsbücher hatte, geriet das Unternehmen unter massiven Druck der Gläubigerbanken. 1985 musste Tom Oberheim seine Firma schließlich schließen – ein bitterer Einschnitt für den Entwickler, der mit den SEM-Modulen, dem OB-X und weiteren Klassikern Synthesizer-Geschichte geschrieben hatte.

Doch Tom Oberheim gab nicht auf. Noch im selben Jahr entstand unter neuer Leitung Oberheim ECC, wo unter anderem Geräte wie der Matrix-6 und der Sample Player DPX-1 entwickelt wurden. Tom Oberheim verließ das Unternehmen jedoch 1987 wieder. Die Firma wurde später von Gibson übernommen. Oberheim selbst gründete Marion Systems, um erneut unabhängig arbeiten zu können.

Eine seiner großen Ideen war ein moderner modularer Synthesizer: ein Mainframe, der sich mit verschiedenen Klangerzeugungsmodulen erweitern lässt. Musiker sollten so ein Instrument erhalten, das exakt zu ihren individuellen Anforderungen passt. Das erste Produkt dieser Vision war der Marion Systems MSR-2.

Ein modularer Synthesizer-Mainframe mit analoger Klangerzeugung

Der Marion Systems MSR-2 kam 1993 auf den Markt. Er war als Mainframe konzipiert und wurde serienmäßig mit einem achtstimmigen analogen Synthesizer-Modul ausgeliefert. Zusätzlich bot das Gehäuse Platz für ein weiteres Modul.

Geplant waren unter anderem Erweiterungen mit Sampler, FM-Klangerzeugung, Wavetable-Synthese und sogar Effektmodule. Diese Module wurden jedoch nie realisiert. Damit blieb das modulare Konzept des MSR-2 weitgehend ein Versprechen – technisch spannend, kommerziell aber schwierig.

Der Preis von rund 4.000 DM machte den Marion Systems MSR-2 zudem zu einem kostspieligen Spezialisten. Da keine weiteren Module erschienen, blieb der praktische Nutzen des Mainframe-Konzepts eingeschränkt. Entsprechend verkaufte sich der Synthesizer trotz seines innovativen Ansatzes und seiner guten Klangeigenschaften nur mäßig.

Zwei Jahre später folgte mit dem Marion Systems Pro-Synth ein günstigerer Synthesizer-Expander für rund 1.990 DM. Er basierte auf der analogen Klangerzeugung des MSR-2, verzichtete aber auf einige Ausstattungsmerkmale wie Audioeingänge und EQ. Auch dieses Modell konnte sich am Markt nicht dauerhaft durchsetzen. Marion Systems verschwand schließlich in den 1990er-Jahren wieder von der Bildfläche.

Gehäuse und Bedienung des Marion Systems MSR-2

Auf den ersten Blick sieht man dem Marion Systems MSR-2 sein modulares Konzept kaum an. Das schwarze 19-Zoll-Gehäuse benötigt lediglich eine Höheneinheit. Das serienmäßige Analogmodul, das sogenannte ASM, belegt nur eine halbe Höheneinheit. Darüber wäre theoretisch Platz für ein zweites Modul gewesen.

Einige wenige Exemplare des MSR-2 wurden tatsächlich mit zwei Analogmodulen ausgestattet. In dieser Konfiguration ergibt auch die 16-fache Multitimbralität des Mainframes richtig Sinn. Zudem lässt sich die Klangerzeugung des späteren Pro-Synth in den MSR-2 einbauen.

Die Frontplatte ist übersichtlich, aber nicht gerade luxuriös ausgestattet. Zwei Endlosregler mit zugehörigen Cursor-Tastern dienen der Werteingabe und Navigation durch die Menüseiten. Hinzu kommen neun Funktionstaster und ein Lautstärkeregler. Das zweizeilige Display mit 2 x 20 Zeichen macht die Programmierung nicht besonders komfortabel. Da der MSR-2 eine beachtliche Parameteranzahl bietet, braucht man etwas Geduld und Einarbeitungszeit.

Einen Kopfhöreranschluss sucht man leider vergeblich.

Anschlüsse: Audio, MIDI und ein ungewöhnlicher DB-25-Port

Auf der Rückseite wird das modulare Konzept sichtbarer. Dort befinden sich die Slotbleche für das obere und untere Modul. Zur weiteren Ausstattung gehören Stereo-Audio-Eingänge und -Ausgänge, zweimal MIDI In und Out, der Anschluss für das externe Netzteil sowie ein ungewöhnlicher DB-25-Port.

Modularer Synthesizer Marian System MSR-2
Marian Systems MSR2 Rückseite

Dieser DB-25-Anschluss ist besonders interessant: Über ihn kann der Klangerzeugung externes Audiomaterial für jede der acht Stimmen einzeln zugeführt werden. Dieses Feature ist bei Synthesizern äußerst selten. Die als Klinkenbuchsen ausgeführten Stereo-Eingänge dienen dagegen lediglich dazu, externe Klangquellen in den Mixer des Mainframes einzuspeisen.

Klangerzeugung: Analoger Synthesizer mit High-Resolution-Oszillatoren

Die achtstimmige subtraktive Klangerzeugung des Marion Systems MSR-2 erinnert in ihren Grundzügen an die Oberheim-Matrix-Serie, insbesondere an Matrix-6 und Matrix-1000. Für die Marion-Modelle entwickelte Tom Oberheim jedoch neue Oszillatoren: die sogenannten HROs, also High-Resolution-Oscillators.

Diese digital kontrollierten Oszillatoren sind sehr stimmstabil und sorgen vor allem in den oberen Frequenzbereichen für mehr Brillanz. Pro Stimme stehen zwei Oszillatoren zur Verfügung. Sie erzeugen Pulswellen mit variabler und modulierbarer Pulsweite sowie eine „Sloped Waveform“, die per Waveshaping flexibel geformt werden kann.

Die höchste Waveshaping-Einstellung erzeugt eine geclippte Dreieckswelle, die mittlere Einstellung eine klassische Dreieckswelle und die niedrigste Einstellung einen Sägezahn. Die Wellenformen lassen sich gleichzeitig aktivieren. Außerdem sind die Oszillatoren synchronisierbar, wobei drei Sync-Intensitäten zur Auswahl stehen: weich, mittel und hart.

Zusätzlich bietet der MSR-2 Portamento und einen Rauschgenerator mit Pink Noise.

Filter, Hüllkurven und Modulation

Das Lowpass-Filter des Marion Systems MSR-2 arbeitet wahlweise mit 24 dB oder 12 dB Flankensteilheit pro Oktave. Eine Selbstoszillation des Filters ist nur im 4-Pol-Modus bei hohen Resonanzwerten möglich.

Pro Stimme stehen drei Hüllkurven zur Verfügung: eine für den VCA, eine für das VCF und eine frei belegbare Hüllkurve. Sie besitzen eine DAHDSR-Struktur mit Delay- und Hold-Phase. Die Hold-Phase kann Sounds mehr Durchsetzungskraft verleihen, besonders wenn die Sustain-Phase kurz eingestellt ist. Die Hüllkurven bieten vielfältige Trigger-Möglichkeiten, zählen allerdings nicht zu den schnellsten ihrer Art.

Eine der großen Stärken des MSR-2 ist seine Modulationsmatrix. Sie bietet zehn frei verknüpfbare Routings und erlaubt komplexe Klangbewegungen. Als Modulationsquellen dienen unter anderem zwei LFOs und zwei Ramp-Generatoren, die sich als einfache einphasige Hüllkurven einsetzen lassen.

FM-artige Sounds sind über die Modulation des Filters durch einen Oszillator möglich. Eine gegenseitige Frequenzmodulation der DCOs ist jedoch nicht vorgesehen.

Effekte sind nicht integriert. Lediglich eine modulierbare Panorama-Sektion ist vorhanden. Dafür verfügt der Mainframe über einen Mixer mit sechs Kanälen und eine siebenbandige EQ-Sektion.

Speicherplätze und Layer-Funktionen

Die Speicherstruktur des Marion Systems MSR-2 ist großzügig ausgelegt. Zur Verfügung stehen:

  • 200 Presets
  • 200 RAM-Speicherplätze für eigene Sounds
  • 100 Layer-Speicher

Durch Layer und Unisono-Funktion lassen sich besonders breite und druckvolle Klangkreationen erstellen. Gerade für Pads, Leads und massive Synth-Brass-Sounds ist der MSR-2 damit sehr gut geeignet.

Sound: Oberheim-DNA mit eigener Handschrift

Beim ersten Hören wird schnell klar: Der Marion Systems MSR-2 trägt unverkennbar Oberheim-DNA in sich. Klassische Pads, Leads, sägende Sync-Sounds, Synth-Brass und druckvolle Bässe gehören zu seinen Stärken. Auch experimentelle und ungewöhnliche Klänge lassen sich dank der flexiblen Modulationsmöglichkeiten überzeugend erzeugen.

Die organische Breite eines legendären Oberheim OB-X erreicht der MSR-2 zwar nicht. In der Liga kleinerer Oberheim-Synthesizer wie Matrix-6 und Matrix-1000 kann er jedoch sehr gut mithalten. Gegenüber einem Matrix-1000 punktet der Marion Systems MSR-2 vor allem mit mehr Brillanz im oberen Frequenzbereich. Das liegt maßgeblich an den neu entwickelten High-Resolution-Oszillatoren.

Seine Schwäche sind die eher langsamen Hüllkurven. Supertighte Bässe, knackige Sequencer-Sounds oder Electro-Percussion im Stil von Kraftwerk gehören daher nicht unbedingt zu seinem Kerngebiet. Bei bestimmten Parameteränderungen kann außerdem Zipper Noise auftreten.

Im Vergleich zum Oberheim OB-Mx wirkt der MSR-2 etwas weniger lebendig, ist dafür aber deutlich stimmstabiler.

Fazit: Ein unterschätzter Vintage-Synthesizer für Oberheim-Fans

Der Marion Systems MSR-2 ist ein faszinierender Synthesizer-Expander aus den frühen 1990er-Jahren. Sein modulares Konzept war visionär, wurde jedoch nie konsequent ausgebaut. Ohne die geplanten Erweiterungsmodule blieb der MSR-2 ein spannender, aber kommerziell schwer vermittelbarer Spezialist.

Klanglich überzeugt er mit analoger Oberheim-Verwandtschaft, brillanten High-Resolution-Oszillatoren, flexibler Modulationsmatrix und einer vielseitigen Speicherstruktur. Seine langsamen Hüllkurven und die umständliche Bedienung über das kleine Display muss man allerdings akzeptieren.

Heute ist der Marion Systems MSR-2 ein äußerst seltener Vintage-Synthesizer. Wer ein Exemplar findet, bekommt keinen klassischen Oberheim-Klon, sondern ein eigenständiges Instrument mit Charakter, Geschichte und einer der interessantesten Synthesizer-Visionen von Tom Oberheim.

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