Erica Synths Xenodrive Test: Der neue Desktop-Effekt aus Lettland wurde gemeinsam mit 112dB.com entwickelt und dreht sich voll und ganz um Verzerrung, Overdrive und Waveshaping. Für 549,00 € erhält man einen Stereo-Verzerrer im Desktop-Format mit live-orientierter Bedienung und innovativen Algorithmen. „Nur die Harten kommen in den Garten“ – getreu diesem Motto reicht das Xenodrive von subtiler, harmonischer Sättigung bis hin zur totalen Zerstörung. Wir haben uns angeschaut, welche Features das Gerät bietet und wie es in der Praxis abschneidet.
Ausstattung und Bedienung
Das Erica Synths Xenodrive kommt in einem kompakten Desktop-Gehäuse aus hochwertigem Aluminium daher. Die Verarbeitung macht einen robusten Eindruck – perfekt für Studio und Bühne. Zwölf griffige Regler auf der Oberseite bieten direkten Zugriff auf die wichtigsten Parameter, sodass menüarmes Arbeiten möglich ist (nur wenige erweiterte Funktionen verstecken sich im Menü). Ein kleines Display zeigt Parameterwerte an und dient als Oszilloskop, das die Wellenformen in Echtzeit visualisiert – ein praktisches Feature bei einem Waveshaper. Für den Live-Einsatz gibt es einen Eingang für einen Fußschalter, mit dem sich beispielsweise der Scream-Modus (dazu später mehr) auf Knopfdruck aktivieren lässt.
Auch anschlussseitig ist das Xenodrive großzügig ausgestattet. Stereo Ein- und Ausgänge (6,3 mm Klinke) ermöglichen echten Stereobetrieb, wobei am Eingang auch ein Mono-Signal akzeptiert wird. Zur Integration ins Setup bietet das Gerät MIDI In und Out (5-Pol DIN) sowie einen USB-B-Anschluss, über den ebenfalls MIDI-Daten gesendet/empfangen werden können. Alle Parameter des Xenodrive sind vollständig MIDI-steuerbar, was Automation und Fernbedienung per DAW oder Sequencer erleichtert. Trotz der digitalen Signalverarbeitung verleihen die analoge Eingangsstufe und das stabile Gehäuse dem Gerät eine wertige Haptik und ein professionelles Handling.

Verzerrstufen und Klang
Im Fokus des Xenodrive steht der ausgeklügelte Signalweg mit gleich mehreren Verzerrer-Stufen. Dieser mehrstufige Aufbau ermöglicht eine breite Palette an Klangfärbungen. Der Signalfluss im Xenodrive durchläuft insgesamt sechs Stufen:
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Eingangsstufe: Analoge Vorverstärkung mit bis zu +24 dB Gain. Hier kann das Eingangssignal schon ordentlich angefettet werden – bei Bedarf bis zur leichten analogen Sättigung.
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Kompressor: Glättet heftige Pegelspitzen bereits vor der digitalen Verzerrung, um ein homogeneres Eingangssignal zu erzeugen.
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Germanium-Dioden-Verzerrer: Emulation einer klassischen Germanium-Diode mit Drive– und Tone-Reglern. Dieser Overdrive liefert den typischen warmen Distortion-Sound und bildet die erste digitale Zerrstufe.
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Waveshaper: Wavetable-basierter Waveshaper als zweite digitale Zerrstufe. Zwei überlagerte Wavetables mit jeweils 16 Wellenformen dienen als verzerrende Kennlinie für das Signal. Das Ergebnis dieser Stufe klingt unglaublich brachial – hier erreicht die Verzerrungs-Orgie ihren Höhepunkt. Über den Shaper Mix-Regler lässt sich der Waveshaper stufenlos zumischen oder komplett aus dem Signalweg nehmen, um bei Bedarf mehr vom ursprünglichen Klang durchzulassen.
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2-Band EQ (Freq & Scream): Klangregelung mit zwei Bändern, deren Center-Frequenz verschoben werden kann. Zusätzlich lässt sich ein Resonanz-Boost („Scream“) zuschalten, der dem Sound einen aggressiven, schreienden Charakter verleiht. Damit kann man dem Signal entweder den letzten Feinschliff geben oder es noch heftiger ausformen.
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Noise Gate: Zum Schluss entfernt ein einstellbares Noise Gate Rauschen und Nebengeräusche in spielpausierten Passagen – essentiell bei hohen Verzerrungsgraden, um das Ergebnis sauber zu halten.
Diese Kaskade an Effektstufen ermöglicht es, aus jedem Sound genau den gewünschten Zerrgrad herauszukitzeln – von subtiler harmonischer Anreicherung bis zu vollkommen zerstörten Industrial-Klängen. Besonders der Waveshaper erweist sich als wahres Biest: Ohne Zurückhaltung verwandelt er Wellenformen in rasende Klang-Fragmente. Dank des Mix-Reglers hat man aber stets die Kontrolle und kann den Anteil dieser Radikal-Verzerrung dosieren, sodass der Ursprungssound noch erkennbar bleibt, falls gewünscht. Wer es auf die Spitze treiben will, aktiviert den Scream-Schalter im EQ und erzeugt eine zusätzliche Resonanzspitze – nichts für schwache Nerven, aber hervorragend, um Leads oder Drums im Mix zum Schreien zu bringen. Das Noise Gate am Ende hält im Anschluss alles im Zaum, indem es Störgeräusche in Spielpausen effektiv unterdrückt.
Für dynamisch reagierende Verzerrungen besitzt das Xenodrive zudem einen Envelope Follower. Dieser analysiert die Eingangslautstärke und moduliert damit in Echtzeit die Waveshaper-Parameter (Stichwort X-Wave). Lautere Signale können somit z.B. eine andere Wellenform ansteuern als leise – der Verzerrungsgrad passt sich dynamisch dem Spiel an. Dadurch wirkt das Ergebnis lebendiger und erinnert eher an analoges Verhalten, obwohl hier digitale Algorithmen am Werk sind.
Praxis: Presets, Morphing und Magic Mode
Trotz seiner brachialen Möglichkeiten bleibt das Xenodrive ein hands-on Effektgerät, das sich intuitiv bedienen lässt. Hat man einmal einen Sound kreiert, kann man ihn als Preset abspeichern: Insgesamt 100 Speicherplätze stehen zur Verfügung, von denen 40 ab Werk mit Factory-Presets belegt sind. Die restlichen 60 User-Slots bieten genug Raum, um eigene Kreationen festzuhalten. Besonders spannend ist der versteckte Magic Mode im Menü – ein Parameter-Zufallsgenerator, der auf Knopfdruck wild neue Einstellungen erzeugt. Dieser Randomizer lädt zum Experimentieren ein und fördert mitunter überraschend musikalische Resultate zutage. Natürlich lassen sich auch solche zufällig gefundenen Klangperlen als Preset sichern.
Für fließende Übergänge zwischen unterschiedlichen Sounds beherrscht der Erica Synths Xenodrive ein Preset-Morphing. Anstatt beim Umschalten abrupt den Klang zu wechseln, kann man eine Überblendzeit einstellen: von sehr schnellen 0,1 Sekunden bis hin zu sanften 10 Sekunden. So ist es möglich, live im Performance-Kontext geschmeidig von einem Preset in das nächste zu gleiten – ein beeindruckender Effekt, der besonders auf der Bühne für staunende Ohren sorgt.
Die Steuerungs-Features des Xenodrive runden das Gesamtpaket ab. Alle Parameter reagieren auf MIDI-CCs, wodurch sich das Gerät nahtlos in ein MIDI-Setup integrieren lässt. Man kann z.B. die Verzerrer-Parameter aus der DAW heraus automatisieren oder an einem Hardware-Sequencer live tweaken. Neben den klassischen MIDI In/Out Buchsen ist hierfür auch der USB-Anschluss praktisch, um das Xenodrive direkt mit dem Computer zu verbinden. Der bereits erwähnte Fußschalter-Eingang ist frei konfigurierbar – typischerweise wird er genutzt, um den Scream-Modus spontan zu aktivieren oder das Effektgerät bypass zu schalten, was gerade Gitarristen und Live-Musiker freuen wird. Apropos Gitarre: Obwohl das Xenodrive vor allem für Synths, Drum-Machines und elektronische Setups gedacht ist (Stichwort True-Stereo Signalpfad), lässt es sich dank der Eingangsstufe auch vor einer Gitarre oder Bass verwenden, um diesen Instrumenten ungeahnte Zerrtexturen zu entlocken.
Zusätzliche Features auf einen Blick:
- Magic Mode: Zufälliges Einstellen aller Parameter für inspirierende Klangexperimente
- Preset Morphing: Weiches Überblenden zwischen Sounds (0,1–10 s Übergangszeit)
- 100 Speicherplätze: 40 Werkspresets + 60 User-Presets für eigene Sounds
- MIDI + USB: Volle MIDI-Implementierung (In/Out und USB-MIDI) zur Fernsteuerung aller Parameter
- Footswitch-In: Anschluss für Fußpedal, z.B. um den Scream-Effekt oder Bypass per Fuß zu schalten
- Stereo/Mono-Betrieb: Stereo Ein- und Ausgänge, mono-kompatibel am Input
Praxis mit Synthesizern – vom Charakterformer zum Sound-Zerstörer
Im praktischen Einsatz mit Synthesizern zeigt sich sehr schnell, dass der Erica Synths Xenodrive kein klassischer „Immer-drauf“-Effekt ist, sondern ein aktiver Klanggestalter, der stark auf das Quellmaterial reagiert. Besonders deutlich wird das bei analogen Synthesizern mit hohem Dynamikumfang: Basslines, Leads oder Sequenzen mit viel Transienten treiben die Eingangsstufe und den Waveshaper unmittelbar in Bereiche, in denen der Sound schnell aggressiv, kantig und teilweise schwer kontrollierbar wird. Genau hier bestätigt sich der Eindruck, dass der Xenodrive nicht automatisch „musikalisch“ bleibt, sondern bewusst fordert.
Bei monophonen Analogsynths mit stabiler Grundwelle – etwa klassischen VCO-basierten Bass- oder Lead-Sounds – lässt sich der Xenodrive sehr gezielt einsetzen, um Obertöne aufzubauen und dem Klang eine massive Präsenz zu verleihen. Schon moderate Einstellungen in der Eingangsstufe und im Germanium-Drive reichen aus, um einem eher schlichten Patch deutlich mehr Gewicht zu geben. Wird zusätzlich der Waveshaper beigemischt, kippt der Sound jedoch schnell von „charakterstark“ zu „radikal“. Hier zahlt es sich aus, den Shaper-Mix bewusst niedrig zu halten und den Xenodrive eher als Parallel-Distortion zu denken.
Bei polyphonen Synthesizern, Pads oder komplexen digitalen Klangquellen zeigt sich der Xenodrive deutlich kompromissloser. Akkorde, Wavetables oder bewegte Texturen führen im Waveshaper rasch zu dichten Intermodulationen, die im oberen Frequenzbereich sehr präsent werden. Ohne gezielte EQ-Arbeit – insbesondere das Zurücknehmen der kritischen Mitten und Höhen – kann der Sound schnell harsch und überladen wirken. Gleichzeitig liegt genau darin auch seine Stärke: Für Sounddesign, Industrial-Textures oder experimentelle Ambient-Flächen erzeugt der Xenodrive Klangfarben, die mit klassischen Overdrives kaum erreichbar sind.
Besonders spannend ist der Einsatz in modular-nahen Workflows. In Kombination mit Sequenzen, Hüllkurven oder dynamisch gespielten MIDI-Patterns entfaltet der Envelope Follower sein volles Potenzial. Die Verzerrung reagiert spürbar auf Spielweise und Lautstärke, wodurch sich lebendige, fast „atmende“ Sounds ergeben. Das Verhalten erinnert dabei eher an modulare Waveshaper als an typische Studio-Distortion – ein klarer Pluspunkt für erfahrene Synthesizer-Nutzer.
Im Kontext von Drum-Machines und Percussion-Synths funktioniert der Xenodrive ebenfalls hervorragend, verlangt aber ebenfalls Disziplin. Transienten werden extrem betont, was Kicks, Snares oder Synth-Drums brachial nach vorne bringt, gleichzeitig aber schnell zu Überzeichnung führen kann. Hier ist das Noise Gate unverzichtbar, um den Sound zwischen den Schlägen sauber zu halten und das typische Dauerbrodeln zu vermeiden.
Unterm Strich zeigt sich im Synthesizer-Alltag sehr klar: Der Xenodrive ist kein Effekt, der Fehler verzeiht, sondern ein Werkzeug, das Erfahrung belohnt. Wer weiß, wie sein Synthesizer klingt, wo dessen problematische Frequenzen liegen und wie viel Verzerrung sinnvoll ist, kann mit dem Xenodrive extrem charakterstarke Ergebnisse erzielen. Wer hingegen schnelle, gefällige Ergebnisse sucht, wird ihn als zu dominant und schwer zu zähmen empfinden.

Fazit: Erica Synths Xenodrive – vielseitiger Zerr-Prozessor für brachiale Sounds
Mit dem Xenodrive ist Erica Synths ein vielseitiges Verzerrer-Tool gelungen, das sich an Sounddesigner, elektronische Musiker und Live-Performer richtet, die nach drastischen Klangbearbeitungen suchen. Die Kombination aus analoger Vorstufe und digitalen High-End-Algorithmen (entwickelt mit 112dB) bringt klanglich das Beste aus beiden Welten: von warmer Sättigung bis zu schreiender Distortion bietet das Gerät ein breites Spektrum an Sounds. In der Praxis überzeugt der Xenodrive durch seine intuitive Bedienung – zwölf direkte Regler und nur minimale Menü-Navigation – sowie durch seine durchdachten Performance-Features wie Preset Morphing und Randomizer. Besonders im Live-Betrieb spielt der Xenodrive seine Stärken aus, wenn z.B. per Fußtritt der Scream-Boost gezündet oder ein Übergang zwischen zwei Presets gefahren wird.
Natürlich hat so viel Zerstörungskraft und Technik auch ihren Preis: Mit 549,00 € bewegt sich das Xenodrive im gehobenen Segment für Effektgeräte. Doch dafür erhält man einen einzigartigen Stereo-Verzerrer mit Features, die in dieser Kombination kaum ein anderer bietet. Wer auf der Suche nach frischen Verzerrer-Algorithmen mit kreativem Potenzial und zugänglicher Hardware-Bedienung ist, sollte sich das Erica Synths Xenodrive unbedingt genauer anschauen – hart, härter, Xenodrive in Bestform!
Pro
- Extrem eigenständiger, aggressiver Verzerrer-Charakter
- Vielseitiger Signalweg aus analoger Eingangsstufe
- Live-taugliches Konzept mit Preset-Morphing
Contra
- Klanglich sehr dominant
- Nicht als dezenter „Always-on“-Saturator geeignet
- Relativ hoher Preis
Link zur Herstellerseite: Erica Synths


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