Was ist ein Ribbon-Controller am Synthesizer?

Ribbon-Controller am Synthesizer für Midi Daten

Was ist ein Ribbon-Controller – und warum lieben Synth-Nerds dieses unscheinbare Band?

Wenn man zum ersten Mal vor einem Synthesizer mit Ribbon-Controller steht, sieht das Ding fast ein bisschen unspektakulär aus: ein schmaler, oft gummierter Streifen irgendwo oberhalb der Tastatur oder links neben den Wheels. Legst du aber den Finger darauf und ziehst ihn über das Band, wird klar, warum viele Performer dieses Bedienelement feiern: Plötzlich werden Slides, Vibrato, Filterfahrten und abgefahrene FX-Modulationen zu einer einzigen, fließenden Handbewegung.

In diesem Artikel schauen wir uns an, was ein Ribbon-Controller genau macht, wozu du ihn brauchst und in welchen aktuellen und klassischen Synthesizern er eingebaut ist – inklusive ein paar praktischer Einsatzideen für deinen nächsten Track oder Live-Gig.


Was ist ein Ribbon-Controller am Synthesizer?

Ein Ribbon-Controller (oft auch einfach „Ribbon“, „Ribbon Strip“ oder „Bandmanual“ genannt) ist ein berührungsempfindlicher Streifen, auf dem du mit dem Finger hin- und hergleitest. Die Position deines Fingers wird in einen Steuerspannungs- oder MIDI-Wert übersetzt und kann beliebige Parameter im Synth modulieren – meistens Tonhöhe, Filter oder Lautstärke. Beim Korg Kronos beschreibt das Handbuch den Ribbon treffend als touchsensitiven Streifen, über den man den Finger links und rechts bewegt, um Klang- oder Effektparameter zu steuern.

Anders als ein klassisches Pitch-Wheel arbeitet ein Ribbon nicht zwangsläufig zentriert. Je nach Implementierung ist entweder die Mitte oder der Punkt, an dem du den Finger aufsetzt, der „Nullpunkt“, von dem aus du nach oben oder unten benden kannst – legendär umgesetzt beim Yamaha CS-80, dessen Ribbon polyphone Glissandi und Pitch-Bends ermöglicht.

Ein Ribbon kann zwei Dinge sein:

  • Kontinuierlicher Controller: Position auf dem Band entspricht direkt einem Wert (z.B. Filter-Cutoff).

  • „Spielbare“ Oberfläche: Das Ribbon verhält sich wie eine Art berührungsempfindliche Ein-Finger-Tastatur – inklusive Theremin-Style-Glissandi, teilweise sogar mit Skalen-Quantisierung (dazu gleich mehr beim Hydrasynth).


Was macht man musikalisch mit einem Ribbon-Controller?

Der eigentliche Zauber entsteht dadurch, dass du lange, zusammenhängende Gesten spielen kannst, die mit Wheels, Joysticks oder Potis nur schwer so organisch gelingen. Typische Anwendungen:

1. Pitch-Bends und Glissandi

In vielen Synths ist das Ribbon zunächst einfach mit Pitch Bend belegt. Du spielst einen Akkord und fährst mit einem Finger über das Ribbon – schon gleitet der komplette Klang nach oben oder unten. Beim CS-80 konntest du den Finger an einer beliebigen Stelle aufsetzen und von dort nach oben oder unten benden; so wurden die charakteristischen Vangelis-Slides in „Blade Runner“ & Co. erst möglich.

Moderne Synths wie der ASM Hydrasynth bieten sogar einen Theremin-Mode: Das Ribbon löst die Note direkt aus, kann kontinuierliche Tonhöhen oder quantisierte Skalen spielen und funktioniert so wie ein horizontal gelegtes Theremin mit bis zu mehreren Oktaven Reichweite.

2. Ausdrucksvolle Filterfahrten und Modulationen

Mindestens genauso spannend ist der Einsatz als frei zuweisbare Modulationsquelle. Du kannst etwa:

  • den Filter-Cutoff über das Ribbon aufziehen,
  • die Resonanz anpfeifen,
  • Wavetable-Positionen durchfahren,
  • Effektparameter wie Delay-Zeit oder Reverb-Mix modulieren.

Im Kronos und vielen Workstations ist das Ribbon im Mod-Matrix-System eingebunden, sodass du es praktisch auf jeden internen Parameter routen kannst.

Gerade live ist es extrem intuitiv: Eine Bewegung – ein hörbar dramatischer Effekt.

3. Mikrotonal, expressiv, performativ

Weil das Ribbon kontinuierliche Werte liefert, eignet es sich perfekt für:

  • Mikrotonale Verzierungen, also ganz kleine Tonhöhenverschiebungen zwischen den Halbtonstufen.
  • Leichte Vibrati, die du durch kleine Hin-und-Her-Bewegungen erzeugst.
  • Morphing zwischen Sounds, wenn du mehrere Parameter gleichzeitig über eine Mod-Matrix an das Ribbon hängst.

Beim Hydrasynth kannst du z.B. das Ribbon nutzen, um mehrere Modulationsziele gleichzeitig anzufahren oder als CV-Quelle ein Eurorack-System zu kontrollieren – ein echtes Performance-Werkzeug.


Warum brauchst du einen Ribbon-Controller überhaupt?

Natürlich kann man vieles auch mit Wheels, Joystick, Aftertouch oder einem Expression-Pedal lösen. Der Ribbon-Controller hat aber ein paar klare Stärken:

  1. Direkte visuelle Zuordnung: Du siehst und fühlst sofort, wo du dich auf der Strecke befindest – links „wenig“, rechts „viel“, ganz ohne Neutralposition in der Mitte.

  2. Großer Weg, feine Auflösung: Im Gegensatz zu einem kleinen Wheel ist die Strecke deutlich länger. Dadurch kannst du extrem fein dosieren oder große Modulationsfahrten über mehrere Zentimeter ziehen.

  3. Gestrige Gesten – heutige Technik: Viele empfundene „analoge“ Spielgesten (z.B. Portamento-Slides) kommen von kontinuierlichen Bewegungen. Ein Ribbon überträgt genau diese Gestik in die moderne Synth-Welt.

  4. Kombination mit anderen Controllern: Gerade auf großen Workstations kannst du Joystick, Ribbon, Aftertouch und Pedale kombinieren und so richtig komplexe, aber dennoch performativ spielbare Patches bauen.

Kurz: Wenn du ausdrucksstarke Leads, lebendige Pads oder cineastische Soundscapes spielst, ist ein Ribbon-Controller mehr als nur nettes Spielzeug – er wird schnell zum zentralen Performance-Tool.


Klassiker: Berühmte Synths mit Ribbon-Controller

Yamaha CS-80 – die lebende Legende

Der Yamaha CS-80 aus den späten 70ern ist wahrscheinlich der Synth, den die meisten spontan mit einem Ribbon-Controller verbinden. Neben polyphonem Aftertouch bietet er ein breites Ribbon über der Tastatur, mit dem sich polyphone Pitch-Bends und Glissandi spielen lassen – ein Hauptgrund dafür, dass der CS-80 als extrem ausdrucksstarkes Performance-Instrument gilt.

Vangelis nutzte den CS-80 als sein wichtigstes Instrument, u.a. für die Soundtracks zu Blade Runner und Chariots of Fire. Die typischen langen Tonhöhenfahrten und „singenden“ Leads sind ohne Ribbon praktisch undenkbar.

Mid-90s: Die Ribbon-Renaissance

In den 90ern erlebte der Ribbon-Controller eine kleine Rückkehr: Synths wie der Korg Prophecy, die Workstation Korg Trinity oder Kurzweils K2500-Serie integrierten wieder Ribbons – teilweise als kurze Druck-/Positionsbänder, teilweise als lange, in Zonen teilbare Controller.

Damit rückte das Konzept erneut in den Fokus von Performern, die mehr wollten als nur Modwheel und Pitchbend.


Moderne Synthesizer mit Ribbon-Controller

Auch heute musst du nicht vintage kaufen, wenn du einen Ribbon-Controller spielen möchtest. Einige aktuelle oder noch gut erhältliche Synths haben ihn serienmäßig an Bord.

Korg Kronos – Workstation mit Ribbon-Power

Der Korg Kronos (und Kronos X) bietet links neben der Tastatur eine komplette Spielhilfe-Sektion mit Joystick, Vector-Joystick, Tastern und eben einem Ribbon-Controller.

Je nach Program oder Combi steuert das Ribbon z.B.:

  • Tonhöhe (Pitch-Bend),
  • Filterfahrten,
  • Effekt-Parameter,
  • oder frei definierte Modulationen über die interne AMS-Matrix.

Für Live-Keyboarder in Cover-Bands oder im Worship-Bereich ist das super, weil du komplexe Layer-Sounds mit einem einzigen Fingerstrich dramatisch verändern kannst.

Yamaha Montage & Montage M – Performance-Monster mit Ribbon

Die Yamaha-Flaggschiffe Montage und Montage M setzen stark auf expressive Kontrolle: Pitch- und Mod-Wheel, das große Super-Knob-Konzept – und zusätzlich einen Ribbon-Controller unter der linken Hand, dessen Funktion frei zuweisbar ist. In den offiziellen Spezifikationen wird der Ribbon-Controller explizit als Teil der Controller-Sektion geführt, inklusive zusätzlicher „Ribbon Controller Hold“-Funktion.

Gerade bei FM-X- oder Motion-Sequenz-Sounds kannst du damit dramatische morphende Verläufe erzeugen, ohne überhaupt an den Knöpfen drehen zu müssen.

ASM Hydrasynth – 4 Oktaven Ribbon inklusive Theremin-Mode

Der ASM Hydrasynth Keyboard (und der Hydrasynth Deluxe) treibt das Konzept noch weiter: Über der Tastatur sitzt ein 4-Oktaven-Ribbon-Controller, der mehrere Betriebsarten kennt. Er kann:

  • als frei zuweisbare Modulationsquelle dienen,
  • Pitch-Bends erzeugen,
  • oder im Theremin-Mode selbst als monophones Instrument fungieren, inklusive skalierter oder kontinuierlicher Tonhöhen.

Ein Workshop beschreibt den Hydrasynth-Ribbon treffend als Bandmanual, mit dem sich im Theremin-Mode nuancierte Glissandi und Modulationen spielen lassen – perfekt, um Solostimmen oder Oberstimmen expressiv hervorzuheben.

Durch die Einbindung in die Mod-Matrix kann das Ribbon außerdem MIDI-CC-Daten senden und externe Geräte oder DAW-Parameter steuern.

Korg Monotron-Familie – Ribbon als „Tastatur“

Ein ganz anderer Ansatz ist die Korg Monotron Serie (Monotron, Monotron Duo, Monotron Delay). Hier ist der Ribbon-Controller nicht nur zusätzliche Spielhilfe, sondern die komplette Tastatur:

  • Der ursprüngliche Monotron besitzt eine einfache Ribbon-Tastatur über 16 Halbtöne, ideal für schnelle Glides und Vibrato.
  • Monotron Duo und Monotron Delay nutzen ebenfalls ein Ribbon-Keyboard mit größerem Umfang; Korg bewirbt explizit, dass man mit einfachen Fingerbewegungen Vibrato und Glide spielen kann.

Gerade für Einsteiger oder als Zweitinstrument im Live-Setup ist das eine günstige Möglichkeit, den eigenen Fingern die Ribbon-Gestik beizubringen.


So integrierst du den Ribbon-Controller in deinen Workflow

Damit der Ribbon nicht nur „nett“ ist, sondern fester Bestandteil deiner Spielweise wird, helfen ein paar Praxis-Tipps:

  1. Einen Parameter pro Patch im Fokus: Entscheide dich bei wichtigen Performance-Sounds bewusst, welche Funktion der Ribbon übernehmen soll – etwa „Pitch-Glide für Leads“ oder „Filter-Sweep für Pads“. So entwickelt sich Muskelgedächtnis.

  2. Mod-Matrix kreativ nutzen: Hänge mehrere Ziele leicht skaliert an das Ribbon, z.B. Cutoff, wenig Resonanz, etwas Reverb-Mix. Deine eine Handbewegung erzeugt dann nicht nur lauter/heller, sondern einen kompletten Klangzustand.

  3. Skalen-Quantisierung, wo verfügbar: Bei Instrumenten wie dem Hydrasynth kannst du die Ribbon-Tonhöhen auf eine Skala quantisieren. Das macht Theremin-artige Soli wesentlich treffsicherer und bühnensicher.

  4. Kombiniere Aftertouch und Ribbon: Aftertouch eignet sich super für interne Modulation, während das Ribbon eher als „Makro-Controller“ arbeitet – etwa: Aftertouch = Vibrato, Ribbon = Pitch-Glide + Filter-Morph.


Fazit: Ein schmaler Streifen mit großer Wirkung

Der Ribbon-Controller ist eines dieser Bedienelemente, die man leicht unterschätzt, wenn man nur am Datenblatt liest. In der Praxis verwandelt er deinen Synth aber in ein deutlich lebendigeres, spielerisches Instrument.

Vom Vintage-Klassiker Yamaha CS-80 über Workstations wie Korg Kronos und Yamaha Montage bis hin zu modernen Sound-Monstern wie dem ASM Hydrasynth oder den kompakten Korg-Monotrons – überall dort, wo ein Ribbon verbaut ist, lädt er dich ein, mit dem Klang zu „malen“, statt nur Tasten zu drücken.

Wenn du also das nächste Mal einen Synth mit diesem unscheinbaren Band siehst, lohnt es sich, den Finger darauf zu legen und einfach loszugleiten. Deine Leads, Pads und FX-Sounds werden es dir danken.

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