Additive Synthese für moderne Musikproduktion
Additive Synthese wirkt auf den ersten Blick komplizierter als subtraktive oder FM-Synthese, ist aber genau genommen ein sehr logischer Ansatz: Aus vielen einfachen Bausteinen entsteht ein komplexer Klang. In dieser dritten Folge deiner Reise durch die Welt der Synthesen schauen wir uns an, wie additive Synthese funktioniert, warum sie kreativ so spannend ist und welche Synthesizer dieses Prinzip heute nutzen – von Vintage-Hardware bis zu modernen Software-Instrumenten.
Was ist additive Synthese eigentlich?
Stell dir Klang wie ein Puzzle vor. Bei der subtraktiven Synthese startest du mit einem vollen Bild und schneidest mit Filtern Teile weg. Bei der additiven Synthese ist es genau umgekehrt: Du setzt das Bild Stück für Stück zusammen. Die einzelnen Puzzleteile sind Sinuswellen, also die einfachsten denkbaren Schwingungen ohne Obertöne.
Jede komplexe Wellenform – ob Sägezahn, Rechteck oder ein realistisch wirkender Orgel- oder Glockenklang – lässt sich als Summe vieler Sinuswellen mit unterschiedlichen Frequenzen, Lautstärken und Phasenlagen beschreiben. Genau das nutzt die additive Synthese: Sie erzeugt mehrere Sinus-Oszillatoren, sogenannte Partials oder Teiltöne, und mischt sie zu einem Gesamtklang. Je mehr Partials du zur Verfügung hast, desto feiner kannst du den Sound modellieren.
Für dich als Musiker bedeutet das: Statt nur „heller“ oder „dunkler“ mit einem Filter zu regeln, kannst du sehr gezielt einzelne Frequenzbereiche gestalten und damit Klangfarben erschaffen, die mit klassischen analogen Konzepten nur schwer zu erreichen sind.
Wie additive Synthese technisch funktioniert
Auch wenn jeder Hersteller seine eigene Oberfläche und Terminologie verwendet, lassen sich typische Bausteine der additiven Synthese gut zusammenfassen:
Partials – die Bausteine des Klangs
Im Zentrum stehen die Partials. Jeder Partial ist ein eigener Sinusoszillator mit individueller Tonhöhe, Lautstärke und oft auch eigener Hüllkurve. Viele additive Synths bieten Dutzende bis Hunderte dieser Partials an. Damit kannst du zum Beispiel:
- nur wenige starke Obertöne aktivieren und so klare, glockige Klänge erzeugen
- viele eng beieinanderliegende Obertöne nutzen, um breite, schwebende Pads zu bauen
- die Lautstärke einzelner Obertöne zeitlich verändern, um lebendige, organische Verläufe zu erzeugen
Statt pauschal „Brilliance“ oder „Tone“ zu regeln, formst du die Spektralstruktur deines Sounds extrem präzise.
Hüllkurven und Modulation im Spektrum
Spannend wird additive Synthese vor allem dann, wenn sich das Obertongemisch im Zeitverlauf verändert. Viele additive Synthesizer erlauben es, nicht nur die Lautstärke des Gesamtsounds zu modulieren, sondern auch die Lautstärke und manchmal sogar die Tonhöhe jedes einzelnen Partials über Hüllkurven oder LFOs zu steuern.
Damit kannst du etwa:
- ein Spektrum aufbauen, das im Attack sehr obertonreich ist und dann langsam „sauber“ wird
- einzelne Frequenzen im Verlauf hinein- oder herausblenden und so bewegte Texturen erzeugen
- Obertöne leicht verstimmen und modulieren, um chorartige oder „glitzernde“ Klänge zu kreieren
Diese zeitliche Veränderung des Spektrums ist ein Grund, warum additive Synthese so gut für atmosphärische Pads, Soundscapes und experimentelle Sounds geeignet ist.
Spektrale Filter und Formanten
Viele additive Instrumente bieten sogenannte spektrale Filter oder Formantfilter an. Statt ein klassisches Tiefpass- oder Bandpassfilter zu nutzen, manipulierst du hier direkt die Verteilung der Obertöne. So lassen sich etwa:
- formantartige Peaks erzeugen, die an Vokal-Laute erinnern
- spektrale „Löcher“ in bestimmten Frequenzbereichen setzen
- spektrale Verläufe über die Zeit morphen
Gerade für Vocal-artige Leads, Chöre oder „sprechende“ Synth-Sounds spielt additive Synthese ihre Stärken voll aus.
Kreative Einsatzmöglichkeiten der additiven Synthese
Damit du additive Synthese besser in deine Musikproduktion einordnen kannst, lohnt sich ein Blick auf typische Anwendungsfelder. Du musst dabei nicht zwingend tief ins technische Detail einsteigen – oft liefern Presets schon einen guten Ausgangspunkt, den du dann gezielt anpassen kannst.
Organische Pads und Soundscapes
Additive Synthese ist ein Traum für alle, die gerne breite, lebendige Flächen bauen. Durch viele leicht modulierte Partials entstehen Texturen, die ständig in Bewegung bleiben, ohne dabei unruhig zu wirken. Du kannst ganz subtil einzelne Obertöne modulieren, um ein Gefühl von „Atmen“ im Sound zu erzeugen. Gerade in Ambient, Film- und Game-Musik oder atmosphärischen Intros sorgt das für Tiefe und Dimension.
Realistische und hybride Instrumentenklänge
Weil additive Synthese sich an der physikalischen Zerlegung realer Klänge orientiert, lassen sich Instrumente wie Orgeln, Glocken, Flöten oder Streicher sehr glaubhaft nachbilden. Gleichzeitig bist du nicht auf die Grenzen der Realität beschränkt. Du kannst:
- eine Orgelbasis nutzen und zusätzliche synthetische Obertöne einblenden
- eine Glocke designen, deren Ausklang sich in ein Pad verwandelt
- akustische Inspiration mit klar künstlichen Spektralanteilen kombinieren
Das Ergebnis sind hybride Klänge, die zwar vertraut wirken, aber dennoch einen eigenen Charakter haben.
Spektrale Effekte und experimentelle Sounds
Additive Engines eignen sich hervorragend für alles, was „untypisch“ klingen darf. Gerade wenn du in elektronischer Avantgarde, IDM, Glitch oder experimenteller Filmmusik unterwegs bist, eröffnet dir additive Synthese ein breites Spielfeld. Du kannst zum Beispiel:
- einzelne Frequenzbänder extrem hervorheben und andere komplett entfernen
- chaotische Modulationen auf Obertöne legen, um „zerfallende“ Klänge zu erzeugen
- Frequenzbänder in rhythmischen Mustern ein- und ausschalten und so spektrale Grooves bauen
Solche Sounddesign-Experimente sind mit rein subtraktiven Konzepten oft nur sehr umständlich oder gar nicht realisierbar.
Additive Synthesizer in Hardware und Software
Damit du additive Synthese direkt in deiner Produktion ausprobieren kannst, lohnt ein Blick auf konkrete Instrumente. Viele klassische Synthesizer kombinieren additive Ansätze mit anderen Verfahren, aber einige legen den Schwerpunkt klar auf die additive Ebene.
Hardware-Klassiker mit additiver Synthese
Kawai K5000-Serie
Ein prominenter Vertreter der additiven Synthese in Hardware ist die Kawai K5000-Serie (K5000S, K5000R). Diese Synths bieten eine hohe Anzahl von Partials pro Klang und umfangreiche Möglichkeiten zur spektralen Modulation. Sie sind bekannt für:
- organische, schillernde Pads
- glockige und metallische Klänge
- komplexe Texturen, die stark nach „Digital-Synth“ klingen, aber trotzdem musikalisch bleiben
Auch wenn diese Geräte heute eher in der „Vintage“-Ecke zu finden sind, sind sie für Liebhaber charaktervoller Digital-Synthese nach wie vor interessant.
Additive Elemente in modernen Workstations
Viele moderne Hardware-Synthesizer und Workstations nutzen zwar nicht ausschließlich additive Synthese, integrieren aber additive oder spektrale Engines. Je nach Hersteller findest du etwa:
- spektrale Oszillator-Modelle
- additive Layer innerhalb komplexerer Strukturen
- hybride Engines, die Sampling, Wavetable und additive Ansätze kombinieren
Wenn du ohnehin über eine aktuelle Workstation oder einen modernen Flagship-Synth verfügst, lohnt sich ein Blick ins Handbuch – additive Optionen sind oft versteckt, aber mächtig.
Additive Synthese in Software: Plugins und DAW-Instrumente
Im Software-Bereich ist additive Synthese deutlich weiter verbreitet, weil hier die Rechenleistung für viele Partials kein Problem mehr ist. Einige Beispiele, die sich gerade für Produzenten und Sounddesigner anbieten:
Spezialisierte additive Plugins
Image-Line Harmor
Harmor von Image-Line ist ein beliebtes Plugin, das ein spektrales, stark additiv geprägtes Konzept nutzt. Es erlaubt dir nicht nur klassische Synthese, sondern auch das Re-Synthesizing von Audio, das dann im Spektrum weiterbearbeitet werden kann. Damit sind extrem komplexe, sich entwickelnde Sounds möglich, die trotzdem gut spielbar bleiben.
Native Instruments Razor
Razor von Native Instruments setzt ebenfalls auf ein additiv orientiertes Konzept. Es ist bekannt für:
- präzise, druckvolle Bässe
- klare, moderne Leads
- spektakuläre, spektrale Effekte und „Disintegrations“
Gerade im Bereich moderner elektronischer Musik, von Techno bis Bass Music, hat Razor viele Fans.
Additive Engines in DAW-internen Synths
Viele DAWs bringen heute interne Instrumente mit, die additive oder spektrale Engines integriert haben. Beispiele sind:
Alchemy in Logic Pro
Alchemy in Logic Pro X ist ein hybrider Synth, der unter anderem additive Synthese und Spektralbearbeitung anbietet. Du kannst eigene Samples importieren, sie in spektrale Bestandteile zerlegen und anschließend mit Hüllkurven, LFOs und Morphing-Funktionen bearbeiten. Das macht Alchemy zu einem extrem flexiblen Werkzeug für Sounddesign, Filmmusik und experimentelle elektronische Musik.
Weitere hybride Synths
Auch andere DAWs und Plugin-Hersteller kombinieren additive Bausteine mit:
- Wavetable-Synthese
- granularen Engines
- klassischer subtraktiver Synthese
Wichtig ist für dich vor allem: Wenn in der Beschreibung Begriffe wie „additiv“, „spektral“, „Resynthese“ oder „Partial“-Kontrolle auftauchen, steckt in der Regel ein additiver Ansatz dahinter, den du kreativ nutzen kannst.
Additive Synthese im Produktionsalltag nutzen
Vielleicht fragst du dich, wie du additive Synthese konkret in deine Projekte integrierst, ohne jedes Mal tief ins Spektral-Labyrinth abzutauchen. Ein praxisnaher Ansatz kann so aussehen:
- Verwende additive Presets als Ausgangspunkt für Pads, Atmos und spezielle Leads.
- Modifiziere bevorzugt die spektralen Makro-Kontrollen (z. B. „Brightness“, „Odd/Even Harmonics“, „Formants“), statt sofort jeden Partial händisch anzufassen.
- Nutze additive Klänge als Layer über einem subtraktiven Grundsound, um mehr Glanz, Luft und Bewegung ins Arrangement zu bringen.
- Setze additive Synths gezielt an Stellen ein, an denen dein Mix noch etwas „besonderes“ braucht – etwa im Intro, in Breakdowns oder als Signature-Sound.
So profitierst du von der klanglichen Tiefe der additiven Synthese, ohne deine komplette Arbeitsweise umstellen zu müssen.
Fazit: Additive Synthese als Werkzeug für charakterstarke Klangfarben
Additive Synthese ist kein Ersatz für subtraktive oder FM-Synthese, sondern eine mächtige Erweiterung deines klanglichen Werkzeugkastens. Sie erlaubt dir:
- präzise Kontrolle über die Obertöne deines Sounds
- organische, sich entwickelnde Spektren
- realistische bis völlig künstliche, „außerweltliche“ Klangfarben
Ob du mit einem Vintage-Kawai K5000 arbeitest, moderne Plugins wie Harmor oder Razor nutzt oder die internen Engines deiner DAW entdeckst: Additive Synthese eröffnet dir neue Wege, deinen eigenen Sound als Musiker zu definieren. Gerade im Kontext dieser dritten Folge deiner Synthese-Serie kannst du additive Konzepte wunderbar mit den bereits behandelten Methoden kombinieren – und so einen unverwechselbaren, persönlichen Klangstil entwickeln.
Leitender Redakteur – keyboards.de
Multiinstrumentalist • Audio Engineer • Kreativer Tüftler • Familienvater • Pen-&-Paper-Enthusiast

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