In der Vinylwelt gab es vor wenigen Jahren von Vielen fast unbemerkt eine kleine Veränderung. Keine Revolution, keine Erschütterung der Macht, aber es entstand in England eine weitere und bis dato unbekannte Methode seine eigenen Musikproduktionen als Vinylproduktionen an die Fans der schwarzen Scheibe zu bekommen. Zeit für eine Bestandsaufnahme der Methode „ElasticStage“ anhand der letzten Vinylproduktion der umtriebigen Düsseldorfer Band SixTurnsNine, die ich ton- und masteringtechnisch betreuen durfte.
ElasticStage hat die Weltbühne der Vinylproduktion im Jahre 2016 betreten und ist in London ansässig. Wenn man diese eigenständige „reichlich andere“ Methode Vinylproduktionen auf die Welt loszulassen findet, ist man daher normalerweise zunächst verwundert, dass es die doch schon eine ganze Weile gibt.
Im Oktober 2022 eröffnete ElasticStage seine 10.000 Quadratmeter große Produktions-, Forschungs- und Entwicklungsanlage im Nordwesten Londons. Das Unternehmen erlangte schnell eine große Aufmerksamkeit für seinen „On-Demand-Service ohne Mindestbestellmenge und ohne Vorabkosten“, nachdem es damals ca. 3,5 Millionen Pfund an Finanzmitteln aufgebracht hatte und anschließend auch mit Plattformen wie SoundCloud für On-Demand-Vinyl zusammen wirkte. Weiterhin schmückt sich Elastictage damit umweltverträglich und nachhaltig Vinyl zu produzieren. Wie geht das alles zusammen?
Die Methode ElasticStage
Statt eine Vinylauflage in Auftrag zu geben, auf der man theoretisch sogar sitzen bleiben könnte, vertraut man ElasticStage die Erstellung, die Bestellung und den Versand von Einzelexemplaren an. Das Prinzip ist ungewöhnlich, aber in seiner Form extrem zeitgemäß. Es berührt das Thema IoT, also „The Internet of Things“, wo Produkte des Konsums und Kommerz überall online bestellbar, einzeln produzierbar (z. B. über 3D Drucker) und nach fast überall hin weltweit lieferbar werden.
Schon in Friedrich Nietzsches Bild des „letzten Menschen“ – „‚Wir haben das Glück erfunden‘, sagen die letzten Menschen und blinzeln“ (Also sprach Zarathustra, Vorrede §5) – trifft genau jene Haltung, aus der Smart‑Home‑Systeme, algorithmische Alltagssteuerung und Liefer‑an‑die‑Haustür‑Routinen entstehen. Dabei läuft passend „We‘ve come a long way“ von Fat Boy Slim als Musikvideo und Soundtrack im Hintergrund. U get the picture.

Und so geht die Sache
Statt, wie bei einer herkömmlichen Vinylproduktion üblich, eine E.P. oder ein Vinylalbum zu einer Pressagentur zu geben, die dann einen Cutter für den Lackfolienschnitt und die Erstellung der Galvanik beider Seiten beauftragt und am Ende eine komplette Auflage von mindestens 300 Stück im Presswerk in erhitztes PVC stanzen lässt, dass anschließend in parallel gedruckte LP-Cover konfektioniert wird, geht der geneigte Kunde einen stark vereinfachten Weg.
Der Kunde geht hier nicht für mehrere tausend Euro in Vorkasse. Ebenso fällt Lagerung und Logistik weg, denn die Einzelexemplare werden von der Bestellung bis hin zur Lieferung über Elasticstage abgewickelt. Der Plattenfan- und käufer, nicht also der Künstler oder das Label, zahlt den Endpreis eines einzelnen Stückes Vinyl in seinem eingeschweißten Vinylcover in dem sämtliche Kosten inklusive sind. Sogar Garantiefälle sind bei dieser Leistung berücksichtigt und inkludiert, doch dazu weiter unten mehr im Text.
Patente Kanadier
ElasticStages Vinyl‑Produktionsmethode ist seit September 2023 in der kanadischen Patenbehörde CIPO (Canadian Intellectual Property Office) als „patent pending“‑Verfahren registriert. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es uns hart interessierten Audionerds daher leider nicht möglich in das exakte hier zur Anwendung kommende Verfahren hinein zu schauen. Öffentlich einsehbar – und auch kein Geheimnis – sind nur zwei Dinge: Es handelt sich bei der Methode „ElasticStage“ um eine neue Variante des Vinyldirektschnitts, aber es wird statt auf umweltbelastenden und wenig nachhaltigem PVC lieber, ohne elektrochemische Erstellung einer Galvanik und Pressmatritze, direkt auf PETG geritzt.
So gesehen ist die ElasticStage-Methode vergleichbar mit einem herkömmlichen LatheCut auf Lack oder eben PVC, wie der den Auskenner von Souris Automaten und dem berühmten süddeutschen „Vinylrekorder“ her kennen und ebenfalls sehr gute Ergebnisse liefern konnte. Über Souris „Vinylrecorder“ habe ich persönlich vor über 20 Jahren für das deutsche GROOVE-Magazin auf meinen Technikseiten berichtet und es mir auch während der Präsentation im Kölner Eigelsteintor damals selbst anhören können. Bei idealen Bedingungen, wie einem vinylkompatibles Master und realistischen Laufzeiten, konnte man schon damals von einem 1 zu 1-Schnitt sprechen. Mittlerweile ist Direktschnitt auf PVC statt schnell verschleißendem Lack durchaus eine amtliche Variante für Kleinstauflagen am Markt geworden.
Was ist PETG?
PETG (Glykol-modifiziertes Polyethylenterephthalat) gilt aus mehreren Gründen als umweltverträglicher als PVC (Polyvinylchlorid), insbesondere im Hinblick auf Herstellung, Nutzung und Entsorgung. Der Hauptunterschied liegt darin, dass PETG frei von Halogenen (wie Chlor) ist und sich daher leichter recyceln lässt. Im Gegensatz dazu gilt PVC (Polyvinylchlorid) als bedenklich, da es oft gesundheitsschädliche Weichmacher (insbesondere Phthalate) enthält, die ausgasen und über Hausstaub oder Hautkontakt aufgenommen werden können.
Da reines PVC hart und spröde ist, werden Weichmacher (bis zu 70 % des Produkts) hinzugefügt, um es elastischer zu machen. Diese Verbindungen sind leider nicht fest im Kunststoff gebunden und lösen sich im Laufe der Zeit. Diese Stoffe wirken hormonell, können Funktionsweisen der Leber, Nieren und Hoden modulieren, sowie krebserregend oder erbgutverändernd sein. Soviel zu den erquicklichen Neuigkeiten zu unserem kostbaren Vinylschrank und den älteren Vinylböden aus Deinem Baumarkt (Stöhn!)! Wenigstens gibt es im Themenbereich Vinylboden mittlerweile Gute Nachrichten, denn unbedenklichere Mischungen und sogar sogenanntes „Bio-Vinyl“ sind mittlerweile normal geworden.
Wie funktioniert ElasticStage konkret?
Als erstes registriert man sich für den Online-Service wie bei jedem anderen digitalen Dienstleister da draußen. Der geneigte Künstler lädt dann seine Audio- und Grafikdateien hoch, die von ElasticStage final überprüft werden. Am Ende dieses Prozesses generiert ElasticStage einen Shoplink wie diesen hier und das Vinyl ist damit real am Markt vorhanden und ist fortan an die eigene Haustür bestellbar.
Spezielles Mastering
Sicher die Tracks sollten so gut wie möglich für eine Vinylproduktion vorbereitet, also gemastert sein, was normalerweise ein darauf spezialisierter und damit erfahrener Masteringtechniker übernehmen sollte. Er wird für Euch dann beispielsweise zu starke Peaks aus den Hochmitten frequenzselektiv limitieren und die Höhen begrenzen, die Stereobasisbreite unterhalb von 300 Hz monosummierbar machen und generell die dynamische Masteringkompression auf ein Maß bringen, das nicht automatisch zu unangenehm verzerrten Schallplatten führt.
Die Ziellautheiten von klassischen Digitalmasters sind für Vinyl nicht geeignet. Ich rate dringend vor dem Anlegen einer ElasticStage-Vinyl-Produktion einen Mastering-Ingenieur zu Rate zu ziehen der nicht mehr in die klassischen Fallen einer Vinylproduktion hinein tappt und Euch erklären kann, was mit Eurer kostbaren Musik getan werden muss.
Und noch was: Theoretisch kann eine reine Hörbuchproduktion aufgrund ihrer starken Monozentrierung und der spektral eingegrenzten Bandbreite menschlicher Stimme auch Spielzeiten von bis zu 25 Minuten pro Seite erreichen, für die breitbandige Musik unserer moderner Zeiten sind das aber absolut utopische Laufzeiten. Der Idealbereich einer 33 1/3 RPM-LP mit hochdynamischer und stereofoner Musik von Pop, Rock bis Dancefloor beträgt eher 15 bis 18 Minuten pro Seite.

SixTurnsNine – Soul Glitches
Für die Düsseldorfer Postpunk / Trip Hop-band SixTurnsNine habe ich über die Jahre viele Produktionen von E.P.s zu Alben masteringtechnisch betreut. Manchmal waren es Stereomasterings, bei difizileren Tracks auch mal Stem-Masterings, also Masterings die aus den Subgruppen (Bussen) der Songs erstellt wurden. Ihr einzigartiger Musikstil oszilliert zwischen New Wave mit postpunkigen, manchmal industrial-artigen Anleihen und Vocals, während die Beats durchaus auch an darkere Trip Hop-Gefilde erinnern.
Hier galt es beim Mastering für Digital, CD oder Vinyl eine Balance aus stilistisch unverzichtbarer Aggressivität, Brillianz, Linearität und Druck zu erzielen. Da die Band bisher vor allem CDs am eigenen Merchstand auf ihren Konzerten verkauft hat, gab es Interesse auch mal Vinyl anbieten zu können. Gesagt, getan. Die Band entschloss sich ElasticStage mal eine Chance zu geben.
Im Rahmen meines Albummasterings für die CD „Soul Glitches“ exportierte ich ebenfalls für eine Vinylproduktion kompatible Masters mit entsprechend geringerer Energiedichte und montierte diese auf zwei separaten WAV-Dateien für den ElasticStage-Cutter. Traditionell bekommt ein Vinylschneidemeister pro Seite außerdem ein TOC-File (Table Of Content) mitgeschickt, wo die genauen Start- und Laufzeiten aller Tracks eingetragen sind.
Pflicht ist ebenfalls der zusätzliche Vermerk „PLEASE ADD OPTICAL PAUSES“ (Auch VTMs genannt = Visual Track Markers) der dafür sorgt, dass der Cutter zwischen den Songs die Geschwindigkeit des nach innen rotierenden Schneidevorgangs kurz mal beschleunigt um eine deutlich sichtbare Lücke zwischen zwei Songs zu generieren. Das vereinfacht später das optische Auffinden verschiedener Tracks beim händischen Auflegen der Schallplatte.
Gesagt getan – wie klingts?
Nach dem Hochladen der Audio- und Grafikdateien stand SixTurnsNines neues Vinylalbum „Soul Glitches“ bei ElasticStage UK noch am selben Tag im Onlineshop. In diesem Falle beträgt der finale Kaufpreis stolze 32,90 EUR ohne Versandkosten. Dank Brexit liegt der Versand mit der königlichen Kutsche bei aktuell 9,88 EUR zusätzlich.
Sobald ein Kunde eine Bestellung ausgelöst hatte, wurde gecuttet und parallel ein Digitaldrucker mit den Grafikdaten beschickt um das passende LP-Cover auszudrucken. Die Lieferzeiten, bis der geneigte Fan das fertige Vinylprodukt in seinen vor Vorfreude schwitzig-nervösen Händen hielt, betrugen dabei zwischen vier bis sechs Wochen.
Eines dieser cellophanierten LP-Exemplare bekam ich zur Evaluation dann ins Studio geschickt. Der erste Eindruck war in meinem Falle ein Guter. Sowohl war die gebotene Qualität der Drucksachen ansprechend, auch wirkte die Vinylscheibe stimmig und professionell erstellt. Das Label fühlte sich ungewohnt rauh an, wahrscheinlich ist das einem wie auch immer geartetem Digitaldruck zu verdanken. Ich gehe von einem Labelsticker aus, da diese Platten ja Einzelstücke sind, die nicht automatisch bedruckt werden wie normale und gepresste Vinyl-Scheiben einer Auflage.
Wenn die Nadel die Rille trifft …
.. ist das der entscheidende Moment: Auf einem quartzbetriebenen Technics Plattenspieler der Mittelklasse, mit einem hochwertigen Audio-Technica 4TP Abnehmer an einem ordentlichen Dynavox Phono-Vorverstärker klang die LP, trotz einer Laufzeit von knapp unter 18 Minuten pro Seite besser als erwartet. Aussetzer oder ungewollter Klirr waren nicht auszumachen, im Großen und Ganzen entsprach die Qualtät einem ordentlichen Lackfolienschnitt vergleichbarer Acts.
Leider waren nicht sämtliche an Fans gelieferte Exemplare klanglich einwandfrei. Im Laufe der Wochen kam es bei insgesamt drei von 25 verkauften LPs zu Problemen. Bei zwei Kunden war ein durchgängig hörbarer leichter Klirr über die gesamte Laufzeit der LP zu hören, ein anderer hatte statt dessen einen kompletten Audioaussetzer von etwa einer Sekunde mitten in einem Song.
In allen drei Fällen hat ElasticStage allerdings ohne mit der Wimper zu zucken die Reklamationen durchgewunken und innerhalb von recht kurzer Zeit ein komplett neues Ersatzprodukt portofrei an den Käufer versandt. Das darf man ruhig als hervorragenden Service betrachten.

Nachgefragt
Nach unseren Recherchen entspricht die Quote „3 von 25“ tatsächlich in etwa dem was auch andere Kunden online berichteten und in unserer Szene mittlerweile als Erfahrungswert kursiert. Da ich persönlich schon oft Vinylauflagen erlebt habe in denen bis zu 10% mäßige Pressungen mit ähnlichen Problemen geliefert wurden, beurteile ich die Ausfallquote bei ElasticStage UK als durchaus vertretbar.
Aus dem Grunde etwaiger „Ausschüsse“ gibt es auch öfters mal Vinyl-Auflagen mit leichter Überproduktion, die dem Kunden i.d.R. nicht extra berechnet werden. Wer ein Problem auf seinem ElasticStage-Exemplar fest stellt, kann davon eine Audioaufnahme machen, diese reklamieren und bekommt fortwendend einen Ersatz aus England zugesandt. Wichtig dabei für die Band oder das Label ist es aber einzukalkulieren, dass es schnell passieren kann, dass die Vinyl-Käufer sich wegen einer Reklamation direkt bei der Band melden und nicht etwa bei ElasticStage UK. Einen Mehraufwand in dieser Hinsicht sollte man also unbedingt im Hinterkopf halten oder das beim Verkauf im Vorhinein kommunizieren.
Fazit und was verdiene ich dabei eigentlich?
Die berechtigste Frage lautet: Bei einer durch ElasticStage hergestellten und für typische 39,90 EUR online verkaufte und an den eigenen Fan versendete LP beträgt der eigene „Revenue“ 9,97 EUR, also ca. 10,- Euro. Wer es unerwarteter Weise schafft 1.000 Vinyle zu verkaufen, verdient also bereits ca. netto 10.000,- Euro ohne weitere Kosten wie Lager und Logistik aufbringen zu müssen.
Legion sind die traurigen Anekdoten aus dem Labelbusiness, wo ein befreundetes Label mehrere tausend Euro an GEMA Freistellungsgebühr nachzahlen sollte und daher gezwungen war den noch großen Rückbestand aus dem eigenen Kellerlager nachweislich zur beglaubigten Müllentsorgung zu bringen. Kein seltener Fall von Fehlplanung im Vinyl-Geschäft.
ElasticStage ist die weltweit erste On-Demand-Plattform für Vinyl und CDs für Musikschaffende, darunter unabhängige Künstler, Labels, Manager und Rechteinhaber. Sie ermöglicht es diesen Kreativen, individuell gestaltete Vinyl-Platten zu erstellen, zu verkaufen und weltweit zu versenden – ohne Kosten, ohne Lagerrisiken und ohne Mindestbestellmengen.
Ein Künstler oder Label kann auch „Bulks“ von 25 Stück auf einmal bestellen, wobei der Eigenanteil (Gewinn) heraus gerechnet wird. Dabei wiegt allerdings die Tatsache schwer, dass England sich aus dem europäischen Wirtschaftsbund mit dem Brexit heraus gestohlen hat. Zoll kommt nämlich oben drauf und das macht so einen Versand leider reichlich teuer.
Im Großen und Ganzen ist die Methode „ElasticStage“ aber eine echte Alternative für all Jene die die teilweise horrenden Kosten einer Vinylproduktion nicht stemmen wollen oder können, aber dennoch ihre eigene E.P. oder LP-Produktion auf echtes schwarzes Gold schneiden wollen.
Achtung: Im letzten Augenblick vor Fertigstellung dieses Artikels erreichte mich die Info dass England wohl auch 20 % der Einnahmen als Steuervorschuss haben möchte. Inwiefern ein Artist / Label aus Deutschland diese Steuern zurückfordern kann, konnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht herausfinden.
Producer und DJ für facettenreichen Electro von tanzbar bis experimentell. Spezialist für UK Bass & Breaks, Dubstep sowie D‘n‘B

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