Beim Namen Syntex denken viele Synthesizer-Fans zunächst an den legendären polyfonen Elka Synthex. Der hier vorgestellte Welson Syntex hat damit jedoch kaum etwas gemeinsam. Zum einen schreibt sich das Elka-Instrument mit zusätzlichem „h“, zum anderen handelt es sich beim Welson Syntex um einen monofonen Synthesizer aus dem Jahr 1975. Und genau dieses seltene Instrument verdient deutlich mehr Aufmerksamkeit, denn unter seinem unscheinbaren Äußeren steckt eine erstaunlich eigenständige Technik.
Welson Syntex: Ein seltener Synthesizer aus Italien
Italien gehörte in den siebziger Jahren zu den spannendsten Ländern für elektronische Musikinstrumente. Neben bekannten Namen gab es zahlreiche Hersteller mit einer beeindruckenden Modellvielfalt, von denen viele heute fast vergessen sind. Eine dieser Marken ist Welson, ein bewusst englisch klingender Name der italienischen Firma Webo Electronics aus Passatempo bei Ancona. Das Unternehmen war seit Ende der sechziger Jahre vor allem für Orgeln bekannt.

Mit dem Welson Syntex brachte Webo Electronics seinen ersten Synthesizer auf den Markt. Das Konzept orientierte sich an Instrumenten wie dem ARP Pro Soloist, die Live-Musikern per Presets schnellen Zugriff auf typische Solosounds boten. Der 1975 vorgestellte Welson Syntex ging aber noch einen Schritt weiter: Zusätzlich zu den Presets besitzt er eine vollständige Manual-Sektion, mit der sich eigene Klänge erstellen lassen. Damit verbindet er schnelle Bedienung mit direkter Klangformung auf eine Weise, die für seine Zeit bemerkenswert war.
Der Synthesizer wurde außerdem in die Welson-Orgel M 400 integriert. 1980 zeigte Welson auf der Frankfurter Musikmesse sogar den Prototypen eines polyfonen Nachfolgers namens Polisyntex, dessen Klangerzeugung auf dem Syntex basierte. Zur Serienproduktion kam dieses Modell allerdings nie.
Das Design des Welson Syntex: typisch siebziger Jahre
Schon optisch ist der Welson Syntex fest in den siebziger Jahren verankert. Das Holzgehäuse wirkt wohnzimmertauglich und verrät zugleich, dass das Instrument auch als Aufsatz für eine Orgel gedacht war. Dazu passt die leicht angewinkelte, dreioktavige Tastatur ohne Anschlagdynamik, die sich besonders gut für sitzende Organisten bedienen lässt.
Links neben der Tastatur sitzen die Regler zur Klangprogrammierung, darunter liegen die farbigen Preset-Taster. Auch hier zeigt sich die Nähe zu anderen presetorientierten Synthesizern dieser Zeit, etwa dem Roland SH-1000 oder SH-2000. Der Welson Syntex wirkt auf den ersten Blick konservativ, doch genau hinter dieser Fassade verbirgt sich seine eigentliche Stärke.
Ungewöhnliche Technik im Welson Syntex
Digital gesteuerte Oszillatoren mit eigenem Charakter
Eine der größten Besonderheiten des Welson Syntex ist seine analoge, monofone Klangerzeugung mit zwei speziell entwickelten digital gesteuerten Oszillatoren. Diese DCOs sorgen nicht nur für eine hohe Stimmstabilität, sondern auch für einen sehr eigenen Klangcharakter.
Jeder DCO arbeitet mit einem Master-Oszillator, einem Countdown-Timer, einem Teiler und mehreren Mischstufen. Auf diese Weise erzeugt das System mehrere Rechteckwellen, aus denen über Walsh-Funktionen Pseudo-Sägezahnwellen in verschiedenen Oktavlagen aufgebaut werden. Die Fußlagen sind klassisch wie bei einer Orgel beschriftet, was gut zum Gesamtkonzept des Instruments passt.

Bemerkenswert ist dabei, dass der Syntex ohne Mikroprozessor auskommt. Stattdessen wird der Zähler über eine aufwendige diskrete Logik abhängig von der gespielten Taste mit einem Countdown-Wert geladen. Die Mischverhältnisse der Wellenformen wurden nicht rein mathematisch festgelegt, sondern offenbar nach klanglichen Gesichtspunkten abgestimmt. Genau das trägt stark zum Charakter des Instruments bei.
Vor allem in den tiefen Lagen kommen die 32′- und 16′-Wellen einem echten Sägezahn sehr nahe. In höheren Bereichen wie 4′ und 2′ werden die Wellenformen deutlich rauer und entfernen sich stärker vom Ideal. Das Ergebnis ist kein steriler Standard-Synth-Sound, sondern ein eigener, leicht kantiger Grundton mit viel Persönlichkeit.
Filter, LFO und Modulation
Auch der Rest der Klangerzeugung ist klassisch, aber wirkungsvoll aufgebaut. Der als „OSC 3“ bezeichnete LFO arbeitet im Bereich von 1 bis 50 Hz und lässt sich auf Oszillatoren, Verstärker oder Filter routen. Das VCF ist ein resonanzfähiges 4-Pol-Tiefpassfilter und erinnert in seiner Auslegung an die damals populären Kaskadenfilter.
VCA und VCF teilen sich eine gemeinsame ADSR-Hüllkurve, dazu kommen Portamento, regelbares weißes oder rosa Rauschen sowie eine Sample-and-Hold-Funktion. Letztere ist über einen Taster aktivierbar, der bei eingeschaltetem Effekt blinkt. Schon daran erkennt man, dass der Welson Syntex trotz seiner überschaubaren Architektur viel Raum für lebendige und expressive Sounds bietet.
Wie klingt der Welson Syntex?
Der Welson Syntex ist ein ausgesprochen durchsetzungsfähiger Solo-Synthesizer. Sein Grundcharakter ist leicht aggressiv, direkt und präsent. Gerade Leads profitieren von dieser Mischung aus Druck, Klarheit und Eigenwilligkeit. Gleichzeitig liefert das Instrument auch kräftige Bässe und ungewöhnlichere, kantigere Klangfarben.

Ein Teil dieses markanten Sounds dürfte auch damit zusammenhängen, dass der Eingang des Tiefpassfilters leicht in die Sättigung gefahren werden kann. Dadurch gewinnt der Welson Syntex zusätzlichen Biss und wirkt im Mix erstaunlich selbstbewusst. Genau diese Qualität macht ihn heute so interessant: Er klingt nicht wie ein weiterer Standard-Monosynth, sondern hat eine eigene Stimme.
Auch die Presets sind in der Praxis durchaus brauchbar, selbst wenn ihre Bezeichnungen manchmal mehr Charme als Eindeutigkeit besitzen. Wer sich tiefer mit dem Instrument beschäftigt, entdeckt schnell, dass der Welson Syntex weit mehr ist als eine historische Kuriosität. Er ist ein musikalisch ernst zu nehmender Synthesizer mit unverwechselbarer Klangästhetik.
Welson Syntex bei Grobschnitt: Krautrock mit italienischem Synth
Dass der Welson Syntex mehr war als ein Exot für Sammler, zeigt auch sein Einsatz bei Grobschnitt (zur offiziellen Homepage von Grobschnitt). Die 1970 gegründete Krautrock-Band war bekannt für ihren progressiven Sound, ihre ausufernden Kompositionen und ihre oft spektakulären Bühnenauftritte. Im berühmten Stück Solar Music und weiteren Songs der siebziger Jahre setzte Keyboarder Volker Kahrs den Welson Syntex als Leadsynth ein.
Gerade in diesem Kontext spielte das Instrument seine Stärken aus: expressive Solostimmen, markanter Klang und genug Durchsetzungskraft für dichte Bandarrangements. Dass eine stilprägende Band wie Grobschnitt auf den Welson Syntex setzte, unterstreicht seinen musikalischen Wert. Die Band ist übrigens seit 2019 wieder in kleinerer Besetzung aktiv.
Warum der Welson Syntex heute unterschätzt wird
Trotz seines eher konservativen Äußeren ist der Welson Syntex ein bemerkenswert innovativer und klangstarker Monosynth. Seine ungewöhnliche DCO-Technik, die hohe Stimmstabilität und der charaktervolle Sound heben ihn deutlich von vielen Zeitgenossen ab. Dazu kommt seine Herkunft aus einer italienischen Synthesizer-Szene, in der noch immer zahlreiche spannende Instrumente auf ihre Wiederentdeckung warten.
Wer sich für seltene Vintage-Synthesizer interessiert, sollte den Welson Syntex deshalb unbedingt auf dem Zettel haben. Er ist nicht nur ein kurioses Kapitel der Synthesizer-Geschichte, sondern ein ernstzunehmendes Instrument mit Profil. Die Frage, ob er der beste italienische Mono-Synth ist, bleibt Geschmackssache. Dass er zu den interessantesten gehört, steht jedoch außer Zweifel.
Externer Link: Aktuelle analoge Synthesizer bei MUSIC STORE professional
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