Der RMI Harmonic Synthesizer wird heute ungefähr so selten angeboten wie das Bernsteinzimmer. Kein Wunder: Dieser außergewöhnliche Vintage-Synthesizer ist nicht nur extrem rar, sondern bot schon Mitte der 1970er-Jahre Funktionen und Klangeigenschaften, die ihrer Zeit weit voraus waren. Gerade deshalb gilt der RMI Harmonic Synthesizer heute als faszinierender Exot unter den frühen elektronischen Instrumenten.
RMI Harmonic Synthesizer: Der Synthesizer, der aus der Zukunft kam
Der RMI Harmonic Synthesizer gehört zur ersten Generation digitaler Synthesizer, die überhaupt in Serie gefertigt wurden. Gleichzeitig setzt das Instrument auf ein hybrides Konzept: Digitale Oszillatoren liefern die Basis, während analoge Schaltungen die weitere Klangformung übernehmen. Genau diese Mischung macht den Reiz des Geräts aus.
Vor allem in Europa ist der RMI Harmonic Synthesizer äußerst selten. Wenn überhaupt einmal ein Exemplar auftaucht, wechselt es oft für sechsstellige Summen den Besitzer. Vorgestellt wurde das Instrument bereits 1974 zum Preis von 3.000 US-Dollar. Allerdings entstanden nur vergleichsweise wenige Exemplare, und schon zwei Jahre später stellte RMI die Produktion wieder ein.
Geschichte: Rocky Mount Instruments und die frühen Digital-Keyboards
RMI war eine Tochterfirma der Allen Organ Company und hatte ihren Sitz in Rocky Mount, North Carolina. Zu den frühen Instrumenten des Herstellers gehörten verschiedene Orgeln wie die „Band Organ“ oder die „Calliope“, die ab Mitte der 1960er-Jahre angeboten wurden. Ab 1967 folgten die ungewöhnlich benannten Rock-Si-Chord-Keyboards, die unter anderem Spinett-ähnliche Klänge auf Basis zweier Oszillatoren erzeugen konnten.

Bekannt wurde RMI jedoch vor allem durch die erfolgreiche Electra-Piano-Serie, die ab 1970 ausgeliefert wurde und unter anderem bei Sparks und Genesis zum Einsatz kam. 1974 erweiterte RMI das Portfolio dann um digitale Klangerzeuger wie den polyphonen Keyboard Computer und eben den Harmonic Synthesizer. Dessen Konzept war nicht nur mutig, sondern auch erstaunlich modern, denn im Vergleich zum Keyboard Computer bot er deutlich mehr Eingriffsmöglichkeiten in die Klanggestaltung.
Bekannte Nutzer: Jean-Michel Jarre, Aphex Twin und Stevie Wonder
Zu den prominentesten Nutzern des RMI Harmonic Synthesizer zählt Jean-Michel Jarre. Er setzte das Instrument als Lead-, Bass- und Sequence-Synthesizer unter anderem auf Oxygène ein, etwa in den Parts 4, 5 und 7 bis 13. Auch auf Équinoxe und Rendez-Vous kam der Synth zum Einsatz. Besonders bei den Aufnahmen zu Oxygène schickte Jarre das Signal gern durch einen Electro-Harmonix Electric Mistress Flanger, was den ohnehin eigenwilligen Klang zusätzlich veredelte.
Doch auch andere Musiker und Produzenten griffen zum RMI Harmonic Synthesizer. Dazu zählen unter anderem Aphex Twin, der ihn auf dem Album Syro von 2014 verwendete, ebenso wie Isaac Hayes, Stevie Wonder, Stephen Parsick und der französische Elektronik-Pionier Zanov alias Pierre Salkazanov.
RMI Harmonic Synthesizer – Aufbau und Bedienung: ungewöhnlich, aber direkt
Schon beim ersten Kontakt erinnert der RMI Harmonic Synthesizer eher an ein E-Piano als an einen klassischen Synthesizer. Das Gehäuse mit Kunststoffhaube lehnt sich sichtbar an das RMI Electra Piano an. Gleichzeitig überzeugt das Instrument mit einer robusten und roadtauglichen Verarbeitung.
Besonders auffällig ist der direkte Zugriff auf die Obertonstruktur der Oszillatoren: Dafür stehen 2 x 16 Fader bereit. Die vieroktavige Tastatur arbeitet zwar nicht anschlagdynamisch, doch dafür gibt es mit dem oberhalb der Tastatur platzierten Metallbügel eine ungewöhnliche Spielhilfe, über die sich zum Beispiel das Portamento aktivieren lässt. Zusätzlich kann das mitgelieferte Doppelfußpedal zur Steuerung von Filter und Lautstärke genutzt werden.
Digitale Harmonic Generators: additive Synthese mit Charakter
Die Klangerzeugung des RMI Harmonic Synthesizer ist monophon, bietet jedoch zwei voneinander unabhängige Klangblöcke für die rechte und linke Seite des Stereo-Panoramas. Jeder dieser Blöcke verfügt über einen eigenen Oszillator.
Das Besondere: Die beiden Harmonic Generators arbeiten additiv. Mit jeweils 16 Fadern lässt sich die Obertonstruktur gezielt formen, indem zum Grundton bis zu 15 Harmonische hinzugemischt werden. Grundlage dafür sind digital erzeugte 5-Bit-Sinuswellen. Für die Mitte der 1970er-Jahre war das ein spektakulärer Ansatz.
Darüber hinaus besitzt jeder Harmonic Generator einen eigenen Lautstärkeregler, einen vierstufigen Oktavschalter sowie Portamento und Pitch-Bend. Letzteres erlaubt sowohl abwärts gerichtete als auch aufwärts gerichtete Bends – inklusive der typischen „Piuuu“- und „Puiii“-Effekte, die dem Instrument zusätzlichen Wiedererkennungswert verleihen.
Analoges Filter: ungewöhnliches Konzept mit drei mischbaren Ausgängen
Nach der digitalen Oszillatorsektion wird das Signal analog weiterbearbeitet. Hier kommt ein resonanzfähiges Multimode-Filter zum Einsatz, dessen Lowpass-, Bandpass- und Hochpass-Ausgänge gleichzeitig zugemischt werden können. Schon das allein macht den Aufbau des RMI Harmonic Synthesizer besonders.
Außerdem lässt sich die Resonanz per LFO modulieren. Hinzu kommt eine einfache Filterhüllkurve mit zwei Modi – Up und Down – sowie Parametern für Intensität und Geschwindigkeit. Dadurch sind einfache, aber wirkungsvolle Filter-Sweeps möglich.
Tremulant, Noise und Hüllkurven
Ein weiterer analoger Klangbaustein ist der LFO für Vibrato- und Tremolo-Effekte. Dessen Wellenformsektion mit der Bezeichnung Tremulant Shape lässt sich pro Oszillator individuell einstellen und bietet unter anderem auch Sample & Hold. Zusätzlich kann ein Noise-Generator zur Modulation der Oszillatorfrequenz verwendet werden, wodurch sich noch experimentellere Klangfarben realisieren lassen.

Ergänzt wird die Architektur durch eine einfache Hüllkurvensektion mit Attack und Release pro Harmonic Generator, wobei Release am Gerät irrtümlich als Decay bezeichnet wird. Dazu kommt ein Percussion-Mode, der die Attack-Phase stärker betont. Für zusätzliche Bewegung im Klangbild sorgt außerdem ein integrierter Arpeggiator.
Presets: simpel, aber effektiv
Per hintergrundbeleuchteten Tastern lassen sich fünf Presets abrufen: Clarinet, Pulse, Flute, Horn und Reed. Hinzu kommt eine Sync-Funktion. Interessant ist dabei, dass mehrere Presets gleichzeitig aktiviert werden können. Dadurch entstehen zusätzliche Klangvarianten, die den experimentellen Charakter des Instruments noch unterstreichen.
Klang: rau, digital und trotzdem musikalisch
Der Sound des RMI Harmonic Synthesizer muss in den 1970er-Jahren wie ein Echo aus einer anderen Galaxie gewirkt haben. Die additiven Digital-Oszillatoren arbeiten extrem stimmstabil, klingen dabei aber hart, spröde und eigenwillig. Genau diese digitale Schärfe wird jedoch durch die analoge Nachbearbeitung abgefedert, sodass ein ungewöhnlicher, aber sehr charakterstarker Gesamtklang entsteht.
Auch das Filter trägt seinen Teil dazu bei. Es ist zwar ungewöhnlich aufgebaut und dank der drei mischbaren Ausgänge vielseitig einsetzbar, greift aber nicht besonders aggressiv ins Klanggeschehen ein. Vermutlich arbeitet es mit einer Flankensteilheit von nur 6 dB pro Oktave. In Verbindung mit dem Noise-Generator lassen sich dennoch auch geräuschhafte und spektral komplexe Sounds erzeugen.
Gerade dieser sperrige, leicht raue und zugleich futuristische Charakter macht den Reiz des Instruments bis heute aus. Allerdings war der RMI Harmonic Synthesizer dem damaligen Zeitgeschmack womöglich einfach zu weit voraus.
RMI Harmonic Synthesizer – Specs:
- Hersteller: Rocky Mount Instruments (RMI)
- Modell: Harmonic Synthesizer
- Baujahr: ab 1974
- Klangerzeugung: hybrid, digital/analog
- Stimmen: monophon
- Oszillatoren: 2 digitale Harmonic Generators
- Syntheseform: additive Synthese mit 16 Fadern pro Oszillator
- Filter: analoges Multimode-Filter mit Resonanz
- Modulation: LFO, Sample & Hold, Noise-Modulation
- Hüllkurven: Attack/Release, Percussion-Mode
- Besonderheiten: Stereo-Aufbau, Arpeggiator, Presets, Doppelfußpedal
Externer Link: Aktuelle Synthesizer bei MUSIC STORE professional ansehen
Spezialist für Vintage-Synthesizer

Unsere neuesten Beiträge
RMI Harmonic Synthesizer, digitale Klangerzeugung und analoger Charakter
Der RMI Harmonic Synthesizer wird heute ungefähr so selten angeboten wie das Bernsteinzimmer. Kein Wunder: [...]
> WEITERLESENBehringer JT-2 vorgestellt: Analoger monophoner Synthesizer
Behringer JT-2 vorgestellt: Analoger Dual-VCO-Synth mit Arpeggiator und Eurorack-Option Mit dem Behringer JT-2 bringt Behringer [...]
> WEITERLESENStyles beim Keyboard: Was sie sind und wofür man sie braucht
Wer sich mit modernen Tasteninstrumenten beschäftigt, begegnet früher oder später dem Begriff Styles beim Keyboard. [...]
> WEITERLESEN