Michael Messer – Blues mit DJ-Loops

Michael Messer The Band

Ideen, analoge Instrumente wie E-Gitarre oder Bass in Drum & Bass, Breakbeat und Jungle zu integrieren, sind beileibe nicht neu. Umgekehrt einen DJ in einer „traditionellen“ Live-Band einzusetzen, ist abgesehen von Nu-Metal eher selten. Der britische Slide-Gitarrist Michael Messer kombiniert Blues mit Samples. Messer hat vor Jahren mit seiner „Second Mind Band“ den DJ Louis Genis Loops und Schnipsel live zuspielen lassen. Dabei verzichtete die Truppe größtenteils auf den Einsatz von „klassischem“ digitalen Equipment. Loops ohne Sampler? Das macht neugierig.

Michael Messer – Slide-Gitarre plus Samples & Loops

Die Songs bestehen beispielsweise aus einem Drumloop, der durchläuft und über den die gesamte Band spielt, oder aus kleinen zusätzlichen Wortphrasen, die eingespielt werden – mitunter aber auch ganze Duette, die Michael Messer auf der Bühne zu Ausschnitten aus den Originalen singt. Mit seiner „Second Mind“-Band tourte der 69-jährige Slide-Gitarrist aus Middlesex zusammen mit Bass, Gitarre, Drums und einem DJ, der Loops und Samples aus alten Blues-Platten in die Songs einstreut.

Auf dem Michael Messer-Album „Second Mind“ von 2002 steht dann auch stolz im Booklet, dass tatsächlich kein Chip benutzt wurde: „There were no computers or digital recording equipment used in the making of this record.“

Michael Messer Stage
Michael Messer im kleinen Rahmen mit der Second-Mind-Band (Foto: Alan Messer)

„Sowas hatten wir vorher noch nicht von jemandem gehört“

Erstmals aufgenommen hat der Gitarrist das Experiment 1995 bei dem Album „Moonbeat“, mit Louie Genis als DJ, der Sohn seines zweiten Gitarristen Ed Genis. Bei zwei Songs wurde zu den Aufnahmen klassische Blues-Platten gescratched und gesampelt.

„Wir haben Robert Johnson’s Stimme auf ‘Robert Johnson’s Wake’ benutzt und Furry Lewis’ Stimme auf seinem eigenen Song, ‚Going to Brownsville‘. Sowas hatten wir vorher noch nicht von jemandem gehört. Wir mochten einfach die Idee, diese Stimmen aus der Vergangenheit in ein heutiges Blues-Setting mitzunehmen. Mir gefiel die Idee, einen alten Song zu covern und das Original in meine Version einzubringen,“ erklärt Michael Messer.

Die Band dachte dabei nicht an einen neuen Stilmix, erklärt er. Die ungewöhnliche Konstellation, die im ersten Moment grob an Mobys Klangwelt („Why does my Heart feel so bad?“) erinnert, ergab sich demnach praktisch von selbst. Messer, der seinen Gitarristen Ed Genis 1983 kennenlernte, traf damals auf dessen vierjährigen Sohn Louie. Der wuchs als Musikbesessener auf und hörte entsprechend auch die Musik, die die beiden Gitarristen zusammen machten.

„Wir haben immer in Eds Haus geprobt. Louie kam als Teenager zu dem Thema Sampling und Scratching mit Schallplatten und hatte einen Plattenspieler zu Hause. Manchmal, wenn Ed und ich zusammen geübt oder Songs geschrieben haben, kam Louie dazu und versuchte, Scratching in unsere akustischen Blues- und Roots-Song einzupassen.“

Das 1995er Album wurde kaum beworben und so verschwand die ungewöhnliche Mischung aus den Regalen. Nach einer Pause sollte sich die Zusammenarbeit wiederholen, und seitdem war der Louie Genis festes Bandmitglied der Second Mind-Band.

Michael Messer Loue Genis
Lieferte Loops und Samples in der „Second Mind Band“: Louis Genis (Foto: Alan Messer)

Loops mit „Loop Records“

„Im ersten Moment war die analoge Arbeitsweise für mich einfach ein Teil der Mischung“, erklärt Messer. „Ich mochte die Idee, Vinyl und die ganze Zeremonie, meine Lieblings-Blues-Platten als Teil unserer Musik zu verwenden. Louie arbeitete zu der Zeit nur mit Vinyl, und ich selbst war auf einem völlig analogen Trip. Für die ‚Second Mind‘-Platte haben wir einen Plattenspieler und jede Menge Loops benutzt, die wir finden konnten. Das Ganze hatte einen geringen technischen Aufwand. Wir nahmen zehn Minuten Drumloops auf und haben dann als komplette Band einfach live dazu gespielt“, so Messer.

Die Loops kamen von sogenannten „Loop Records”, die für DJ’s gemacht waren: “‘Loop Records‘ sind inzwischen ein alter Hut aus den 1980ern und 90ern – Platten in 33 RPM-Geschwindigkeit mit verschiedenen Drum-Patterns als Loops. Sobald die Nadel in einem der Loops sitzt, bleibt sie dort so lange, bis du sie rausnimmst. Das ist eine einfache Technologie mit all ihren Nachteilen, da die Platte sich abnutzt und Nebengeräusche bekommt. Das war für das ‚Second Mind‘-Projekt perfekt! Durch Louies abgespielte Loop-Platten mussten wir auch nie ein Sample eines Vinyl-Geräuschs verwenden, weil es einfach schon da war! Das hört man deutlich auf dem Song ‚Blue Letters‘“.

„Wir mussten nie ein Sample eines Vinyl-Geräuschs verwenden“

Die Einspieler, die Louie Genis zu den Tracks aus verschiedenen Platten sampelte, spielte er bei den Aufnahmen live direkt zur Band dazu. Das Konzept setzte die Truppe auf der Bühne gleichermaßen um – allerdings kamen hier Verschleißerscheinungen dann doch zum Tragen, sodass sie der Bequemlichkeit halber auf ein digitales Setup umstiegen.

„Nach ein paar Jahren auf Tour wurde mir klar, dass wir dabei waren, alle meine besten Blues-Platten zu zerstören! Louie und ich entschieden uns dafür, einen CD-Scratcher zu kaufen. Der Sound ist zwar anders, aber das Touren und natürlich Sampling und Loops wurden viel einfacher, und wir konnten Dinge umsetzen, die mit Vinyl nicht gingen.“

Der Pioneer DJ-CD-Player kam beim 2006 veröffentlichten Folgealbum „Lucky Charms“ und auf der zugehörigen Tour zum Einsatz: „Für die Aufnahmen versorgte ich Louie mit Schnipseln von mir mit Harmoniegesängen oder Gitarrenlinien, mit denen er experimentieren konnte. Das führte dazu, dass Louie meinen Gesang und meine Gitarre in einen Song reinscratchen konnte – so entwickelte sich die Basis für den ‘Lucky Charms’-Sound. Die alten Blues-Stimmen stammen alle aus der Public Domain, und weil eine Vielzahl davon unbekannt ist, wurde das ganze Projekt dadurch ein bisschen unheimlich und geheimnisvoll – was es in meinen Augen interessanter macht. Die beiden Platten, ‚Second Mind‘ und ‚Lucky Charms‘ sind für mich Teil 1 und 2 des gleichen Projekts.“

Da alles live zugespielt wurde, blieben die Kosten für das Setup auch entsprechend gering – lediglich die Turntables und die Loop-Platten waren für die Anschaffung nötig, für die „Lucky Charms“-Songs wurde entsprechend für den CD-Scratcher vorproduziert.

„Ich habe einige Loops mit SoundForge erstellt, auf CD gebrannt und wir haben live dazu gespielt, beispielsweise bei dem Titeltrack ‚Lucky Charms‘. Früher habe ich Loops mit zwei Tonbandgeräten gemacht, wie etwa Robert Fripp auf seinem ‚Frippertronics‘-Album in den 1970ern, aber das ist so aufwendig und unpraktisch, dass ich es schon ewig nicht mehr gemacht habe.“

Die „altmodischen“ CDs

Das vorherige, rein analoge Setup blieb indes im Einsatz nicht unproblematisch: „Mit dem Plattenspieler hatten wir ein echtes Problem, was die Vibrationen angeht, die von den Drums auf der Bühne kommen. Plattenspieler mögen Rüttler und Stöße logischerweise einfach nicht. Die CD ist da komfortabler und sie ist vergleichsweise altmodisch, weil ja jeder einen Laptop für Sampling einsetzt.“

Ansonsten blieb die Band von Problemen mit den Loops auf der Bühne verschont: „Wir haben einfach das simpelste Mono-Setup verwendet. Das Hauptproblem bestand meist darin, dass die Tontechniker an den verschiedenen Veranstaltungsorten verstehen, welchen Stellenwert die Samples im Mix haben. Once they get that, we’re fine!”

Michael Messer Pic
Songwriter und Slide-Gitarrist: Michael Messer (Foto: Michael Messer)

Michael Messer & The Second Mind Band

Die Second-Mind-Band existierte von 2000 bis 2013. „Währenddessen haben wir zwei Alben aufgenommen, einige Live-Sessions für Radio und Fernsehen aufgenommen, und viele Teile der Welt bereist. Wir hatten dabei zusammen viel Spaß, das war eine fantastische Band! Ich glaube nicht, dass wir in der Besetzung jemals wieder spielen, die Zeit verstreicht und wir sind alle mit anderen Projekten beschäftigt, aber sag niemals nie.“

Musikmachen ist Messers Hauptberuf seit 1982. Über die Jahre hatte er prominente Fans, Johnny Cash zählte etwa dazu, der zu Messers Album Rhythm Oil” die Liner Notes beisteuerte. Neben der Musik betreibt Messer seit 2008 die kleine Gitarrenfirma Michael Messer Resonator Guitars. Aus Leidenschaft und als Zusatzeinkommen, wie er sagt.

Musikalisch hat er seit dem Ende der Second Mind Band zwei Hauptprojekte. “2013 – dasselbe Jahr, in dem die Second Mind Band nach Mumbai reiste, um auf einem Festival zu spielen, traf ich Manish Pingle, einen klassischen indischen Slide-Gitarristen.“

Sie spielten zusammen und das gefiel Messer so gut, dass er Pingle nach London holte und mit dem Tabla-Spieler Gurdain Rayatt „Michael Messer’s Mitra“ gründete. Das Album „Call of the Blues“ mischte Delta und Chicago Blues mit nordindischer klassischer Musik, wie Messer erklärt. „Wir haben acht Tourneen miteinander gemacht, und ich hoffe, wir können so lange wie möglich weitermachen.“

Das zweite Projekt: Mit dem Musiker und Songwriter Chaz Jankel hat er nach einem Duo-Album („Mostly we drive“, 2023) mittlerweile eine Band gegründet, Michael Messer & Chaz Jankel’s Dance Of Life. „Wir hoffen, dieses Jahr ein Album aufnehmen zu können.“

Website von Michael Messer

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