Jazz im Fluss

Jazzpianist Rainer Böhm im Interview

Rainer Boehm(Bild: Joachim Gern)

Rainer Böhm wohnt in Köln und unterrichtet Jazz-Klavier und -Ensemble in Mannheim und Nürnberg. Er sagt von sich selbst, er sei neugierig gegenüber allem, was er hört, und keinem Stil verpflichtet. Seine Spielart kann er selbst schwer beschreiben, wobei er definitiv seine eigene musikalische Persönlichkeit besitzt. Dennoch lässt er sich gerne von alten Jazz-Aufnahmen und Klassik inspirieren.

Rainer Böhm kam durch seinen Vater, der hobbymäßig spielte, zum Klavier. Seine Schwester spielte ebenfalls, und so war immer ein Klavier im Haus − in ihrem Fall ein altes DDR-Klavier, bei dem ein paar Tasten nicht funktionierten. Bereits im Alter von 4 Jahren begann er, Klavierunterricht zu nehmen, und fing an, nach Gehör hauptsächlich Pop-Songs aus dem Radio nachzuspielen. An der Musikschule in Ravensburg, in deren Jazz-Band er dann auch spielte, kam er zum ersten Mal mit diesem Genre in Berührung. Um mehr über darüber zu erfahren, lieh er sich in der Stadtbibliothek regelmäßig Jazz-CDs aus und ließ sich in den Bann dieser Musik ziehen.

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Rainer Boehm(Bild: Joachim Gern)

Rainer, was meinst du, woher kam dein Interesse am Jazz im jungen Alter?

Ein Faktor war natürlich, dass ich durch die Förderungsmöglichkeiten an der Musikschule in Ravensburg viel Jazz gespielt habe. Es gefiel mir auch, dass man viele Freiheiten hat und es nicht wirklich ein Falsch oder Richtig gibt. Ich kann es selbst gar nicht genau beschreiben, wodurch das Interesse kam. Bis ich ca. 13 war, spielte ich auch Pop-Songs nach Gehör nach. Bis zum Abitur habe ich auch klassischen Klavierunterricht genommen.

Auf deiner Website fällt auf, dass du viele Auszeichnungen im Bereich Jazz erhalten hast. Wie kam es dazu?

Jeder Preis hatte einen anderen Hintergrund. Den ersten bekam ich in der Jugend, bei einem lokalen Wettbewerb. Im Nachhinein war das auf jeden Fall eine gute Sache, weil ich keine Berührungsängste hatte, bei sowas mitzumachen. Später hätte ich das aus eigenem Antrieb heraus wahrscheinlich nicht gemacht! So war das eine positive Erfahrung für mich.

Während des Studiums bekommt man dann mit, welche Wettbewerbe es so gibt. Dann habe ich zum Beispiel auch bei einem Wettbewerb in Montreux mitgemacht, der an das bekannte Jazz-Festival angeknüpft ist. Glücklicherweise habe ich aber auch ein paar Preise erhalten, bei denen man sich nicht bewerben kann, sondern einfach ausgewählt wird.

Lass uns doch mal über dein aktuelles Album Hydor reden. Wie ist es entstanden?

Das Album ist im Sommer 2018 entstanden, wo bei mir nicht so viel los war. Ich unterrichte seit den letzten beiden Jahren viel an den Musikhochschulen in Mannheim und Nürnberg. Ich hatte mich für beide Stellen beworben und sie auch beide bekommen. (lacht) Deshalb bin ich auch viel zwischen Köln, Mannheim und Nürnberg unterwegs und habe den Sommer, wo Semesterferien sind, genutzt, um ein Solo-Album aufzunehmen.

Zum Aufnehmen war ich in Köln im Loft, eine Location für Live-Musik mit angedocktem Studio, wo ein sehr schöner Flügel steht. Das Album hat einen großen improvisatorischen Anteil. Die Stücke sind innerhalb von vier Wochen entstanden. In der Zeit musste ich die Songs auch üben und Improvisationsvorlagen und Strukturen für die Aufnahmen vorbereiten. Dort lege ich dann fest, wo ich mit der linken Hand zum Beispiel eine Ostinato-Figur und welchen Rhythmus ich spiele. Manchmal lasse ich es harmonisch frei, manchmal lege ich die Harmonien oder auch Akkordverbindungen fest.

Hast du während der Aufnahmen dann verschiedene Versionen der Stücke aufgenommen und später entschieden, welche aufs Album kommen?

Ja, genau! Für die Aufnahme hatte ich zwei Tage Zeit im Studio, wo ich neben den verschiedenen Versionen der Stücke auch freie Improvisationen gespielt habe. Danach musste ich mir zwei Wochen Zeit nehmen, um alles anzuhören. (lacht) Ich habe mir dann die besten Sachen fürs Album rausgesucht.

Ist es nicht schwierig, seine eigenen Stücke selbst objektiv zu bewerten und auszusuchen?

Total! Man hört es an einem Tag so, und am nächsten findet man es doch nicht mehr so gut. Man muss sich da Zeit lassen, und in diesem Auswahlprozess wird einem dann irgendwann klar, welcher Take am besten zum ganzen Album passt.

Was macht für dich einen guter Piano-Sound aus?

Ich mag es, wenn er weich und dunkel ist. Er muss aber auch eine Art von Brillanz haben. Viele Jazzpianisten suchen einen Sound, der im Prinzip ausschließlich weich und warm ist. Ich finde das meistens aber zu extrem und mag auch etwas Glockiges und Kristallines. Ich mag Flügel, die wandlungsfähig sind, denen man alle Klänge entlocken kann − mit dem ich Gas geben kann, ohne dass er so mittig klingt.

Was ist für dich bei einer Jazz-Produktion oder schon im Songwriting die größte Herausforderung?

Das Wichtigste ist für mich, sich schon während des Songwritings vorzustellen, wer welchen Part am Ende spielt. Es gibt viele gestalterische Freiräume bei improvisierter Musik. Da finde ich, ist es wichtig, eine Vorlage zu schaffen, wo die jeweiligen Persönlichkeiten komplett aufblühen können. Man muss jedem Instrument den Song auf den Leib schneidern. Auf jeden Fall soll auch jeder Musiker zum Zug kommen und die Möglichkeit haben, im Rampenlicht zu stehen. Ich finde es schön, wenn die Musik im Kollektiv entsteht.

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Rainer Böhm − Hydor

Führt es in Jazz-Combos oft zu Diskussionen, wenn jemand sich in der Band benachteiligt fühlt?

Ja, das habe ich schon mehrfach erlebt. Ist aber in den letzten Jahren seltener geworden. Das ist sicherlich ein Problem. Ich glaube, dass jeder Jazzmusiker den Drang hat, gehört zu werden. (lacht) Es gibt natürlich Musiker, die sich gerne in der Begleiterrolle sehen und wohlfühlen. Es gibt aber auch Musiker, die Angst haben, zu kurz zu kommen. Im Idealfall ist es so, dass jedes Bandmitglied den Bandsound und nicht nur sein eigenes Instrument hört. Das klingt einleuchtend, ist aber nicht selbstverständlich. Ziel ist es, dass man den Gesamtsound in Blick hat und sich überlegt, was man selbst dazu beitragen kann und was auch gut klingt. Dann ergibt sich der Rest automatisch und man nähert sich gegenseitig an.

Natürlich liegt es auch an den Personen, mit denen man spielt. Das kristallisiert sich auch im Laufe der Zeit immer mehr heraus. Da ist das Vertrauen da, und man schätzt sich musikalisch. Das passt dann auch stilistisch und vor allem auch menschlich, was mir wichtig ist. Schließlich ist man viel zusammen unterwegs und verbringt viel Zeit miteinander.

Du bist ja in vielen Konstellationen unterwegs. Wie würdest du deine eigene Rolle in den verschiedenen Formationen beschreiben?

Bei meinem Soloprojekt ist es natürlich klar, und bei den Sachen mit Lutz Häfner oder Norbert Scholly bin ich Co-Bandleader. Da machen wir alles zusammen, und man bringt sich kompositorisch mit ein; man hat eine Vision, die man konkreter formen will.

Bei anderen Projekten spiele ich auch als Sideman. Dort versucht man dann zuerst, die Vision des Komponisten und Bandleaders umzusetzen. Klar bringt man sich auch dort mit seiner Persönlichkeit ein. Es ist für mich aber am wichtigsten, dass die Musik so klingt, wie der Komponist es sich vorstellt. Das funktioniert natürlich auch nur, wenn einem die Musik auch sehr gut gefällt. Ich habe da schöne Projekte, in denen ich mich als Sideman sehr wohl fühle.

Streaming, CD oder live?

Ich glaube nicht mehr an die CD. Die wurde auch im Jazz, obwohl das Publikum generell etwas älter ist, abgelöst. Ich bin allerdings froh, wenn sich Leute überhaupt meine Musik anhören, egal über welches Medium. (lacht)

Das Hauptgeschäft läuft natürlich über Live-Konzerte. Das geht im Jazzbereich ganz gut. Trotzdem muss man sagen, dass durch die vielen Ausbildungsstätten die Anzahl der guten Musiker extrem hoch ist – das war vor 20 Jahren noch anders. Mittlerweile reichen die alten Clubs, die es von früher noch gibt, für die ganzen Musiker nicht mehr aus. Deshalb mobilisieren sich viele Musiker, machen ihre eigenen Veranstaltungsreihen in anderen Locations, wo sie die Möglichkeit haben, ein jüngeres Publikum zu erreichen und zu generieren.

Vor einigen Jahren war es ein Problem, dass das Publikum immer älter wurde. Damals sah man hauptsächlich Leute aus der Nachkriegsgeneration in den Jazz-Clubs, die ihre Jugend in der Zeit verbracht haben, als der Jazz nach Deutschland kam. Die bekamen durch die vielen Ami-Clubs natürlich einen starken Bezug zu Jazz. Das war für sie eine sehr spannende Zeit, und ist immer noch in Erinnerung. Das war die Hauptklientel. Das Publikum wurde also immer älter, die Musiker/innen allerdings immer jünger. Aber gerade habe ich das Gefühl, dass vor allem in den Großstädten wie Berlin, Köln, Mannheim und Nürnberg etc. Jazz im Kommen ist und sich das Ganze wieder ausgleicht.

Kurze Frage: Du unterrichtest in Mannheim und in Nürnberg und lebst in Köln. Warum?

Ich habe keinen Bock auf einen Umzug! (lacht) Die Kölner Musikszene gefällt mir sehr gut, ich mag die Leute hier und kann mit dem Fahrrad einfach mal zu einer Jam fahren. Ich fühle mich hier einfach sehr wohl.

rainerboehm.de

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