Nach über einem Jahrzehnt haben Boards of Canada mit „Tape 05” endlich wieder etwas Neues veröffentlicht. Das schottische Duo stach schon immer durch einen ungewöhnlichen Mix aus IDM, Ambient und Trip-Hop sowie durch abstrakte Videokollagen hervor, die mit der Musik zu einer psychedelischen Collage verschmelzen.
Boards of Canada – Releases in langen Abständen
Obwohl die Brüder Michael und Marcus Eoin Sandison schon früh mit Bild- und Audiomaterial experimentierten, begann ihre Karriere erst mit dem 1998 erschienenen Debütalbum „Music Has the Right to Children“. Ihr Weg führte sie über mehrere Stationen, u.a. Warp Records, wo sie im Abstand von mehreren Jahren ihre Musik (vier Alben und diverse Einzelprojekte) veröffentlichten.
Ab 2016 erschienen im Grunde nur noch Remixe, wobei es zuvor bereits rund drei Jahre lang keine Veröffentlichung mehr gegeben hatte. Es kam sporadisch zu Kollaborationen mit anderen Musikern, aber die Fans mussten bis jetzt auf einen neuen Track warten. Trotz der geringen Anzahl ihrer Veröffentlichungen gelten sie als einer der einflussreichsten Acts ihres Genres.
Der Track „Tape 05“ und das dazu gehörende Video zeigen einerseits, dass sich BoC treu geblieben sind, andererseits aber auch klanglich weiterentwickelt haben. Das Stück ist atmosphärisch sehr dicht und könnte mit dem Modewort „cinematic“ beschrieben werden. Rhythmische Elemente fehlen gänzlich, es dominieren Soundscaps und Flächen, die mit Klangfragmenten unterlegt sind.
Der Sound von BoC
Wenn Projekte stilprägend sind, möchte man gern wissen, mit welchem Equipment die Musiker arbeiten. Das ist natürlich nur ein Aspekt, aber ein Ansatzpunkt, wenn man auf eine ähnliche Weise an Musik herangehen möchte.
BoC hatten bislang einen ausgesprochenen Hang zu altem Outboard-Equipment und Bandmaschinen. Sie nahmen klangliche Unzulänglichkeiten, die von digitalen wie analogen Geräten ausgingen, nicht nur in Kauf, sondern setzten sie bewusst in Szene. Obwohl die Aufnahmen anschließend in Apple Logic Pro arrangiert werden, wird weitgehend auf den Einsatz von Plug-ins verzichtet.
Das ist auch ein Grund, warum der Akai S1000 seit Langem im Einsatz ist. Zwar arbeitet der Sampler mit 16 Bit, doch sein Time Stretching klingt sehr körnig und ist speziell bei hohen Werten unpräzise.
Ein zentrales Instrument von BoC ist der Yamaha CS-70M, mit dem warme, satte Flächen gespielt werden. Das Instrument kam bei den allermeisten Produktionen zum Einsatz. In Equipmentlisten tauchen außerdem u. a. die Roland SH-101, der Yamaha CS-1x und der Kawai K5000 auf.
Entscheidend sind jedoch auch Field Recordings und ihre kreative Bearbeitung. Die Klangaufnahmen werden mit unterschiedlichen Effekten, die teils selbst gebaut sind, bearbeitet, zerschnitten, rückwärts abgespielt und auf andere Arten verändert, bevor sie subtil in die Musik eingebettet werden. Dadurch erhalten die Stücke ihren unbestreitbaren Eigencharakter.
Boards of Canada geben aber nicht alle Geheimnisse preis. Es geht nach wie vor das Gerücht einer „Geheimwaffe“ um, die zu ihrem Sound beiträgt. Auch sind nicht alle Techniken bekannt, mit denen sie Samples und Aufnahmen manipulieren. Somit kann das bekannte Equipment nur als Orientierungspunkt dienen. Es ist aber ohnehin erstrebenswert, seine eigenen Wege zu finden. Für eine ähnliche Ausstattung an Synthesizern, Outboard-Equipment und Tape-Saturation könnte man als Alternative durchaus zu Plug-in-Emulationen greifen.



Editor und Redakteur, Spezialist für Themen der Musikbranche und Modular-Synthesizer

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