Electro-Harmonix EH 8000 (1979): der sagenumwobene Gitarrensynthesizer mit drei VCOs
Wenn es um Kultfaktor bei Effektgeräten geht, führt an Electro-Harmonix (EHX) kaum ein Weg vorbei. Big Muff, Blackfinger und Co. haben nicht nur Sounds geprägt, sondern gleich ganze musikalische Lebensläufe. In diese Liga gehört auch ein Gerät, das selbst unter EHX-Fans fast schon als Mythos gehandelt wird: der Electro-Harmonix EH 8000 – ein monofoner analoger Gitarrensynthesizer, der Ende 1979 / Anfang 1980 erschien und heute zu den seltensten Geräten der Marke zählt.
Der EH 8000 ist eng verwandt mit dem bekannten EHX Micro Synth, allerdings eher im Sinne eines „großen Bruders“: Die Synthese- und Routing-Möglichkeiten gehen deutlich weiter als beim späteren, preisgünstigeren Nachfolger. Entsprechend taucht er auf dem Gebrauchtmarkt ungefähr so häufig auf wie ein legendärer Schatzfund – und wenn doch, dann meist zu Sammlerpreisen. Klanglich und konzeptionell spielt er in einer Kategorie, die man bei analogen Gitarrensynthesizern sonst vor allem mit dem ARP Avatar verbindet: viel Substanz, viel Charakter und eine Menge Möglichkeiten, sich kreativ zu verlieren.
Design, Bedienung und Anschlüsse des Electro-Harmonix EH 8000
Optisch ist der EH 8000 überraschend zeitlos. Das schwarze, extrem robuste 3-HE-19″-Gehäuse wirkt wie Studiohardware, lässt sich aber auch ohne Rack gut als Pultgerät nutzen, weil die Unterseite leicht angeschrägt ist. Statt Potis setzt Electro-Harmonix konsequent auf Fader und Schalter – und das zahlt sich aus: Einstellungen sind schon aus der Entfernung erkennbar, was bei einem Gitarrensynthesizer im Live- oder Jam-Kontext wirklich praktisch ist. Die bunten Gumminoppen auf den Bedienelementen geben dem Ganzen zusätzlich einen charmanten „Smarties“-Vibe.

Bei den Anschlüssen bleibt es angenehm funktional: Es gibt einen Mono-Ausgang für das Synth-Signal, einen separaten Mono-Ausgang fürs Originalsignal, den Gitarren-Eingang, einen Fußschalter-Eingang (u. a. für Portamento) sowie einen Pedalanschluss, mit dem sich die Filtereckfrequenz steuern lässt – ideal für expressive Sweeps.
Tracking: zwischen anspruchsvoll und inspirierend eigenwillig
Wie bei vielen analogen Gitarrensynth-Konzepten steht und fällt der Spaß mit dem Tracking. Der diskret aufgebaute, monofone Synth wird über das anliegende Gitarren- bzw. Audiosignal gesteuert; die Empfindlichkeit regelst du in der Tracking-Sektion über SENSITIVITY. In der Praxis ist der EH 8000 allerdings nicht immer „brav“: Gerade bei obertonreichen Signalen kann die Tonhöhen-Erkennung gelegentlich kippen, wodurch unerwartete Sprünge und analoge Glitches entstehen.
Mit einer sauberen, monofonen Spielweise und eher cleanen Sounds wird es deutlich zuverlässiger. Wirklich entspannt wird es jedoch, wenn man den EH 8000 statt mit Gitarre mit einem anderen Signal füttert – etwa einem Synth, der ein simples Sinus-Signal liefert. Und genau hier wird das „Problem“ zur Stärke: Wer experimentell denkt, kann den EH 8000 auch mit Drumloops, Vocalsamples oder Effektsounds ansteuern und erhält Ergebnisse, die irgendwo zwischen „kontrolliert“ und „herrlich daneben“ liegen. Für Sounddesign ist das Gold wert.
Klangarchitektur: eher Modular-DNA als Bodentreter
Schon in der Tracking-Abteilung steckt mehr als nur Tonhöhen-Erkennung: Du kannst Portamento-Tempo einstellen, das Originalsignal beimischen und zusätzlich einen Distortion/Fuzz aktivieren, der teilweise auf dem EHX Muff Fuzz basiert. Je nach Schalterstellung lässt sich der EH 8000 sogar als reines Analog-Multieffektgerät ohne Synth-Anteil nutzen – dann stehen dir Filter, Ringmodulator, Fuzz, Chorus und Modulationen als eigenständige Klangformung zur Verfügung.
Specs (kompakt)
- Synthese: monofon, analog, diskret aufgebaut
- Oszillatoren: 3× VCO + White Noise
- Modulation: 2× LFO (bis nahe in den Hörbereich), PWM, Ringmodulator
- Filter: 24 dB wahlweise Lowpass / Bandpass, Resonanz bis Selbstoszillation
- Hüllkurven: Filter- und VCA-Hüllkurve mit AD-Charakter, jeweils auch als Gate/„Orgel“-Modus nutzbar
- Routing: VCOs wahlweise durch Filter oder direkt zum Ausgang routbar
- Effekte: zuschaltbarer Chorus (Intensity nicht regelbar), Fuzz/Distortion
- Gehäuse: 19″, 3 HE
Spannend wird es bei den VCOs:
VCO 1 bietet Sägezahn oder Rechteck, inklusive einstellbarer und modulierbarer Pulsweite; außerdem gibt es Hard Sync zu VCO 2. VCO 2 arbeitet mit Sinus oder Sägezahn, VCO 3 mit Sägezahn oder Rechteck. Die ersten beiden Oszillatoren besitzen jeweils Grob- und Feintuning, was gerade beim Layern und beim Erzeugen von Schwebungen enorm hilft. Das eigentliche Highlight ist aber das Routing: Bei jedem der drei VCOs lässt sich festlegen, ob er durchs Filter geht oder am Filter vorbei direkt auf den Ausgang geroutet wird – ein Ansatz, den man sonst eher aus Modularsystemen kennt und der den EH 8000 in Sachen Klanggestaltung extrem flexibel macht.
Der Ringmodulator verarbeitet die Signale der ersten beiden Oszillatoren, zusätzlich steht White Noise bereit. Das 24-dB-Filter kann als Lowpass oder Bandpass arbeiten; Resonanz bis Selbstoszillation ist möglich, und über SWEEP stellst du die Modulationsstärke der Filterhüllkurve ein. Filter- und VCA-Hüllkurve sind schnell genug für perkussive Sounds und lassen sich zudem von LFOs triggern – damit sind diese typischen, leicht aggressiven „Modulationsorgien“ drin, die man sonst gerne mit EMS-Ästhetik verbindet.
Nach dem VCA sitzt ein zuschaltbarer Chorus, dessen Intensität nicht regelbar ist, klanglich aber grob in Richtung EHX Small Clone schielt – also eher „schmatzend analog“ als „HiFi“.
Sound: kalorienreich, breit, kernig – und bei Bedarf richtig böse
Klanglich ist der Electro-Harmonix EH 8000 ein Statement. Schon mit einem VCO erinnert der Grundcharakter in Teilen an den Microsynth, allerdings wirkt das Filter hier spürbar druckvoller. Sobald du jedoch mehrere Oszillatoren mischst (plus optional Originalsignal, PWM und Modulation), wird es schnell massiv: breite Lead-Sounds, aggressive Sync-Textures, sägende Bässe und knurrige Ringmod-Spektren sind sein Zuhause.
Die Tuning-Range der Oszillatoren ist groß genug, um ultratiefe Bässe zu liefern, bei denen man im Mix manchmal dankbar ist, den Bandpass aktivieren zu können, um Platz zu schaffen. Das Filter kann sowohl seidige Sweeps als auch brutale Resonanzspitzen – und genau dieser Spagat macht ihn musikalisch. Mit mehreren VCOs erinnert das Ergebnis nicht selten eher an einen ARP Odyssey-Vibe als an einen „Gitarren-Synth-Effekt“.
Electro-Harmonix EH 8000 Fazit: Meisterstück mit Sammlerhaken
Unterm Strich ist der EH 8000 ein echter „Hammersynth“: drei VCOs, ungewöhnlich flexibles Routing, viel Modulation, dazu Filter, Ringmod und Chorus – das ist für einen analogen Gitarrensynthesizer dieser Ära beeindruckend. Er kann klassische fette Analogsounds genauso wie abgefahrene Effekttexturen, und er belohnt sowohl präzises Spielen als auch mutiges Experimentieren.
Der Haken ist klar: super selten und entsprechend teuer. Auf Plattformen wie eBay werden je nach Zustand und Angebotssituation Preise um ca. 1.800 € und teils darüber aufgerufen. Wer einen findet, bekommt weniger „Pedal“, sondern eher ein eigenständiges Stück Synth-Geschichte – mit Ecken, Kanten und genau dem Charme, der solche Geräte unsterblich macht.
Herstellerlink: Electro-Harmonix
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