Das Kawai CX102 B positioniert sich als Einstiegsmodell der CX-Serie und richtet sich klar an Spielerinnen und Spieler, die ein klassisch anmutendes Digitalpiano für Zuhause suchen, dabei aber nicht auf zeitgemäße Funktionen verzichten möchten. Mit einem Straßenpreis von 899 Euro bewegt sich das CX102 B im oberen Einstiegssegment – eine Preislage, in der Erwartungen an Tastaturgefühl, Grundklang und Alltagstauglichkeit deutlich höher liegen als bei reinen Übungsinstrumenten. Kawai setzt hier bewusst auf pianistische Tugenden: eine gewichtete Hammermechanik, ein fokussiertes Klangkonzept und ein aufgeräumtes Bedienlayout. Aus Sicht eines langjährigen Synthesizer- und Studioanwenders ist das CX102 kein „Alleskönner“, sondern ein klar umrissenes Instrument mit pädagogischem Schwerpunkt.
Ausstattung und Bedienkonzept – Reduktion als Prinzip
Auf den ersten Blick wirkt das CX102 fast puristisch. Das schlanke Gehäuse in schwarzer, mattierter Ausführung integriert die komplette Technik unauffällig in ein wohnraumfreundliches Möbel. 88 gewichtete Tasten mit RH-Lite-Hammermechanik bilden das Herzstück. Zwei Sensoren pro Taste erfassen Anschlag und Dynamik zuverlässig, wenn auch ohne die fein abgestufte Repetition höherklassiger Mechaniken. Für Einsteiger und fortgeschrittene Hobbypianisten ist das Spielgefühl dennoch stimmig und vorhersehbar.
Die Bedienung erfolgt größtenteils über wenige Taster und Status-LEDs. Ein klassisches Display ist vorhanden, tritt aber optisch stark in den Hintergrund. Kawai verfolgt hier konsequent die Idee, komplexere Einstellungen auszulagern: Über die Piano Remote App für iOS und Android lassen sich Klangparameter, Virtual-Technician-Funktionen und Lernfeatures deutlich komfortabler steuern. Im Alltag funktioniert dieses Konzept erstaunlich gut – vorausgesetzt, ein Smartphone oder Tablet ist griffbereit. Ohne App bleibt das Instrument bewusst reduziert, was im Übebetrieb sogar als Vorteil empfunden werden kann.
Klangarchitektur und technische Basis
Klanglich basiert das CX102 auf der Harmonic-Imaging-Klangerzeugung mit 88-tastigem Sampling. Grundlage sind mehrere Varianten des Shigeru-Kawai-SK-EX-Konzertflügels (Classic, Jazz, Mellow), die jeweils über den gesamten Dynamikbereich sauber abgestuft sind. Mit 192 Stimmen Polyphonie ist ausreichend Reserven vorhanden, selbst bei Pedaleinsatz und komplexeren Passagen.
Der interne Signalweg ist klassisch aufgebaut: Tastensensorik → Sample-Engine → Virtual Technician → Effektsektion → Verstärker → Lautsprecher. Besonders der Virtual Technician verdient Beachtung, da sich hier Dämpferresonanzen, Hammergeräusche oder Saitenabklang gezielt anpassen lassen. Diese Eingriffsmöglichkeiten bewegen sich bereits auf einem Niveau, das man eher aus dem gehobenen Digitalpiano-Segment kennt.
Die integrierten Hall-Effekte sind dezent abgestimmt und dienen primär der räumlichen Einbettung, nicht der klanglichen Dramatisierung. Für Studio-Puristen ist das sinnvoll, für Wohnzimmer-Spieler angenehm unaufdringlich.

Spielgefühl und Kontrolle im Detail
Die RH-Lite-Tastatur ist klar auf Konsistenz ausgelegt. Gewichtung und Rückstellverhalten sind gleichmäßig, der Druckpunkt sauber definiert. Schnelle Repetitionen sind möglich, stoßen aber bei sehr filigranem Spiel früher an Grenzen als bei dreisensorigen Mechaniken. Für das tägliche Üben, klassische Literatur und Pop-Begleitungen ist die Kontrolle dennoch präzise.
Die Velocity-Kurven lassen sich anpassen, was gerade im Zusammenspiel mit externen Klangerzeugern oder DAWs wichtig ist. In der Praxis reagiert das CX102 berechenbar und ohne überraschende Dynamiksprünge – ein Punkt, der im Lernkontext nicht hoch genug bewertet werden kann.
Praxis im Studio- und Home-Setup
Im Studioeinsatz versteht sich das CX102 weniger als Produktionszentrale, sondern als zuverlässiges Master- und Übeinstrument. Über USB-MIDI und Bluetooth MIDI lässt es sich problemlos in DAWs integrieren. Die MIDI-Implementation ist stabil, wenn auch bewusst schlank gehalten. Mehrspurige interne Aufnahmen oder komplexe Editierfunktionen sucht man hier vergeblich.
Die interne Einspur-Recording-Funktion erlaubt das Festhalten von bis zu drei Songs – ausreichend zum Kontrollieren des eigenen Spiels, nicht mehr. Für ambitionierte Produktionen empfiehlt sich ohnehin die direkte Aufnahme via MIDI oder Audio in der DAW.
Die 2 × 11-Watt-Stereo-Lautsprecher liefern einen überraschend ausgewogenen Klang. Der Fokus liegt klar auf Mitten und oberem Bassbereich, was dem Pianoklang zugutekommt. Tieffrequente Wucht ist nicht das Ziel, dafür bleibt der Klang auch bei höheren Lautstärken kontrolliert und frei von Gehäusevibrationen.

Presets, Performance-Modi und Lernfunktionen
Mit 17 Sounds bleibt das CX102 bewusst überschaubar. Neben mehreren Flügel- und E-Piano-Varianten finden sich Streicher, Orgeln und Pads, die primär als Ergänzung im Dual- oder Split-Modus gedacht sind. Klanglich sind sie solide, aber klar zweckorientiert.
Die Split-, Dual- und Vierhand-Modi erweitern das Einsatzspektrum deutlich, insbesondere im Unterricht. Bluetooth Audio ermöglicht zudem das Abspielen externer Musik direkt über die internen Lautsprecher – ein praxisnahes Feature beim Üben.
Besonders ausgeprägt ist der Lernbereich: integrierte Etüden von Burgmüller, Czerny und Beyer, ein flexibles Metronom mit zehn Taktarten sowie 40 Concert Magical Songs und 15 Demo-Tracks unterstreichen den pädagogischen Anspruch. Das CX102 ist hier klar als langfristiger Lernpartner konzipiert.

Einordnung: Werkzeug, Instrument oder Spezialist?
Das Kawai CX102 B ist kein universelles Keyboard-Werkzeug und auch kein Sounddesign-Instrument. Es ist ein spezialisierter Pianisten-Arbeitsplatz, der sich konsequent auf Spielgefühl, Grundklang und Übe-Workflow konzentriert. Genau darin liegt seine Stärke – und zugleich seine klare Abgrenzung.

Fazit – klare Zielgruppe, klarer Preisrahmen
Mit einem Preis von 899 Euro ist das Kawai CX102 B kein Schnäppchen, aber auch kein überambitioniertes Prestigeobjekt. Es bietet einen überzeugenden Einstieg in die CX-Serie für alle, die ernsthaft Klavier spielen lernen oder ihr tägliches Üben auf ein solides Fundament stellen möchten. Wer ein wohnraumfreundliches Digitalpiano mit verlässlicher Tastatur, authentischem Grundklang und starkem Lernfokus sucht, findet hier ein stimmiges Gesamtpaket. Für Produzenten oder Live-Keyboarder mit erweitertem Performance-Anspruch ist das CX102 dagegen bewusst zu spezialisiert.
Pro
- Authentischer Pianoklang mit fein justierbarer Dynamik
- Klar strukturierter Lern- und Übe-Workflow
- Unaufdringliches Design mit solider Verarbeitung
Contra
- Tastatur mit zwei Sensoren limitiert schnelle Repetition
- Sehr eingeschränkte interne Recording-Funktionen
- Starke Abhängigkeit von der App für Detail-Einstellungen
Link zur Herstellerseite: Kawai


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