Interview mit Paul-Christian Ernstges von Hauch Records

Label-Gründer Paul-Christian Erntges (Foto: Mareike Zammataro / Instagram - mari_mundtot)

Über sein Düsseldorfer Label Hauch Records hat Paul-Christian Erntges seit 2015 gut 40 Releases veröffentlicht, hauptsächlich elektronische Musik zwischen Ambient, Drone und Electronica/IDM. Ein Schwerpunkt stellt die Veröffentlichung vieler Alben auf Musikkassette in Kleinauflagen an. Ein Gespräch über die Szene, verbunden mit der Frage, für welche Künstler die Kassette als Verkaufsprodukt interessant sein könnte.

Zumindest aus Mainstream-Sicht ist die Musikkassette längst „totgeglaubt“. In der Musikbranche, die seit Jahrzehnten einem Wandel unterliegt, verbunden mit der parallelen Existenz aus Download, CD und Schallplatte werden die einzelnen Vertriebswege immer segmentierter. In dieser gefühlten „Marginalisierung“ kann für Nischen-Künstler auch eine kleine Chance stecken, dank günstiger Fertigung – wie Paul Christian-Ernstges erzählt. Die zehn Jahre seines eigenen Labels sind eine gute Gelegenheit für ein Gespräch zum Thema Musikkassette, die aus seiner Sicht mehr als „nur“ Retro-Charme haben kann.

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Mittlerweile bietest du auf deinem Label bei vielen Veröffentlichungen auch Kassetten als Medium an. Was war der Grund, die Kassette wieder als Tonträger „auszugraben“?

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Paul-Christian Erntges
Die Kassette ist für mich eine kostengünstige Alternative zur Vinyl, wenn Label und Artist Interesse haben, neben der digitalen Veröffentlichung einen Tonträger auf den Markt zu werfen, oder auch etwas zum Verkaufen auf Konzerten haben möchten. Sie ist praktisch die Vinyl des kleinen Mannes. Ohne Förderung ergibt es heutzutage eigentlich für neue Artists keinen Sinn, eine Vinyl zu veröffentlichen. Bundesweit ist zum Beispiel die Förderung der Initiative Musik relevant. Ansonsten existiert in manchen Städten eine Tonträgerförderung, zum Beispiel in Köln, für lokale Artists. Je nach Ausstattung und Auflage ist eine Vinyl mindestens 1.000 Euro teurer in der Produktion.

Nur auf Kassette inklusive Download-Code erhältlich: Die 50er Kleinauflage des Albums „300-1“ der Drone/Ambient-Band rhein ist beim Label Hauch Records mittlerweile ausverkauft (Foto: Steffen Seth Prohn)

„Ohne Förderung ergibt es heutzutage für neue Artists keinen Sinn, Vinyl zu veröffentlichen.“

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Mittlerweile hast Du rund 40 Releases veröffentlicht, vertrieben über Deine Webseite, über Bandcamp sowie über den Hamburger Vertrieb Word and Sound. Wie kam’s 2015 zu der Labelgründung?

Paul-Christian Erntges
Das war eine Art Berufung, die sich mir aufdrängte, nachdem ich jahrelang im Bereich Musikjournalismus unter anderem für „Zolin sagt“ [Musik-Blog, d. Autor] tätig war, verbunden mit allgemeiner Musik-Nerdigkeit. Ich konnte praktisch nicht anders. Die Düsseldorfer Post-Krautrock-Band „Ai“ hatte 2015 ihr gleichnamiges Debütalbum fertig und war auf Label-Suche. Das Label startete offiziell mit der Veröffentlichung im Mai 2015. Die Grundidee ist schlicht gute Musik zu veröffentlichen, die mich überzeugt und eine Haltung verkörpert. Eigentlich sind mir Genre-Kategorien dabei weniger wichtig.

Dass dann hauptsächlich elektronische Musik zwischen Ambient, Drone, Electronica/IDM Genres erschienen sind, hat sich ungezwungen in der Zeit ergeben. Ich wäre nicht abgeneigt, eine gute Post-Punk-Band aus Düsseldorf und Umgebung zu veröffentlichen. Bisher ist mir da allerdings nichts untergekommen, was ich gut genug fand. Dabei interessiert mich übrigens kein „Nationen-Konstrukt“, es ist auch schon Musik von Leuten aus Australien, England und den USA bei mir erschienen, wenngleich die meisten Artists im Rheinland und Rhein-Ruhr-Gebiet beheimatet sind.

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Kassette ist physikalisch ein eher problematisches Medium: Das Band kann leiern, sich abnutzen, im Abspielgerät als Bandsalat enden – und nicht zuletzt ist der Frequenzgang gegenüber dem digitalen Ausgangsmaterial – oder auch gegenüber Vinyl – eingeschränkt. Welcher Hörer und Fan interessiert sich denn heute für das Medium?

Paul-Christian Erntges
Abnutzungserscheinungen haben ja eigentlich alle Tonträger. Und auch digitale Zugänge von Musik bieten keine absolute Sicherheit. Kassetten sind auf jeden Fall eher für Leute interessant, deren Publikum noch einigermaßen an einen DIY-Charme oder subkulturellen Spirit andocken kann, was leider nach und nach ausstirbt. Das ist auch interessant, weil über Streaming derzeit nicht wirklich Geld reinkommt. Auch größere Bands wie Beak> oder sehr große Bands wie Radiohead veröffentlichen teilweise kleine Kassetten-Auflagen, weil sie noch an diese Kultur anknüpfen, nicht den Verfall akzeptieren wollen. Wer als Artist allerdings nur von einer frenetischen TikTok-Kultur lebt, wird sicherlich Probleme haben, Kassetten zu verkaufen – das gilt in dem Fall allerdings auch für andere analoge Medien.

Das Album des Elektronik-Projekts Pondskater, „Mount in Porter“, ist ebenfalls in Kleinauflage mit 50 Exemplaren als MC erschienen, digital wird es separat als mp3 oder FLAC angeboten

„Auch größere Bands veröffentlichen kleine Kassetten-Auflagen, weil sie an eine DIY-Subkultur anknüpfen wollen“

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Welche Nische bevölkert denn die Kassette bei den Verkäufen?

Paul-Christian Erntges
Für kleinere Artists ergibt eine Auflage von mehr als 50 Exemplaren keinen Sinn. Eigentlich gehts da nur um den Unterschied zwischen digital und analog.

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Welchen Anteil machen denn Alben-Verkäufe am Merch-Stand nach dem Konzert, verglichen mit beispielsweise mit Online-Verkäufen?

Paul-Christian Erntges
Das kommt ganz auf die Veranstaltung an. Beim Festival für DIY-Synth-Soundart im Weltkunstzimmer in Düsseldorf habe ich immer die meisten Absätze, was Tonträger angeht. Auf einem regulären Konzert im Off-Kultur-Bereich bin ich froh, wenn ein paar Exemplare abgesetzt werden. Online hängt es vom Vertrieb und dem Artist ab – aber es ist heute schwerer denn je, Tonträger zu verkaufen.

„Kassettenherstellung beginnt bei 50 Exemplaren“

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Du lässt die Kassetten über den Anbieter neophon in Düsseldorf fertigen. Dort werden reichlich Optionen bei der Kassettenfertigung und dem Zubehör an: Allein 30 Farben sind für die MCs selbst möglich, darunter beispielsweise verschiedene Pink-Schattierungen, Neongelb oder Gold. Lieferzeiten liegen zwischen zehn und 15 Tagen laut Webseite – deutlich unter den üblichen Wartezeiten für Vinyl-Fertigungen. Auch der Duisburger Anbieter AZCD bietet viele Farb-Optionen zu Kassetten und Ausführungen an, samt Einlegern und der Hülle, der sogenannten „Snap-Box“. Eine Kleinauflage von 50 Exemplaren wird dort, je nach Optionen, mit rund 200 Euro bepreist. Wenn ich auf Kassette veröffentlich will – was brauche ich? Wie groß sind die sinnvollen Mindest-Auflagen für Kassetten, und wie entstehen die Drucksachen?

Paul-Christian Erntges
Kassettenherstellung beginnt bei 50 Exemplaren. Für gewöhnlich übernimmt ein sogenannter Broker die Arbeit, die Herstellung abzuwickeln, so dass nur das Master der Musik und die Druckdaten angeliefert werden müssen. Bei mir macht das Michael Heiber von neophon, den ich ausdrücklich empfehlen kann.

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Die Kassette hat klangliche Einschränkungen: Michael Heiber von neophon erklärt auf seiner Webseite, dass beispielsweise Material unter 30 Hz problematisch sein, und Höhenanteile über 12 kHz beeinträchtigt werden, über 16 kHz praktisch nicht mehr vorkommen. Das Audiomaster für eine CD-Produktion dürfte laut Heiber zu laut für eine Kassetten-Herstellung sein, daher müsse der Pegel – auch in Abhängigkeit der Bandqualität bedingt durch lange Laufzeiten – angepasst werden. Dazu empfiehlt er entsprechenden Headroom und ein separates Mastering erfolgen zu lassen – Kassetten könnten grundsätzlich hervorragend klingen, sofern das Audio-Material in der notwendigen Qualität vorliegt. Wie gehst du das Thema an, um den Klang so gut wie möglich übersetzen zu lassen? Verfremdet die Sättigung des Bandes das Ergebnis aus deiner Sicht deutlich?

Paul-Christian Erntges
Für die Produktion brauchts einen guten Mastering-Engineer. Ich arbeite fest mit Bob Humid (Fat Of Excellence) in Köln zusammen, den ich empfehlen kann. Von den technischen Details zu Frequenzgang oder Sättigung des Bandes habe ich gar keine Ahnung. Da vertraue ich neophon, dass sie mit einem guten Werk arbeiten.

Der Fokus auf elektronische Musik hat sich für Erntges ergeben: „Ich wäre nicht abgeneigt, eine gute Post-Punk-Band aus Düsseldorf und Umgebung zu veröffentlichen.“ (Foto: Mareike Zammataro / Instagram – mari_mundtot)

„Geringe Herstellungskosten im Vergleich zu einer Vinyl“

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Bei Platten werden in der Presse die Schallplatten gepresst. Früher waren bei den großen Kassetten-Kopierwerken jede Menge Kopierstationen, bei denen die Bänder parallel in vielfacher Geschwindigkeit auf großen Bandmaschinen überspielt und dann in die Kassette eingearbeitet wurden. Bei den geringen Stückzahlen läuft das inzwischen vermutlich anders ab. Neophon verweist noch auf seinen Hersteller, wo auf einem Bild einzelne große Maschinen zu sehen sind. Wie darf ich mir die Fertigung aktuell vorstellen?

Paul-Christian Erntges
Da bin ich tatsächlich überfragt, da ich mit der Herstellung der Kassetten nicht unmittelbar zu tun habe.

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Dann lass uns nochmal kurz auf die „Markt-Seite“ blicken: Kassetten wurden ja in den späten 1990ern weitgehend verdrängt, durch digitale Medien. Die selbstgebrannte CD ersetzte praktisch das „Mix-Tape“. War das Medium – noch fast mehr als Vinyl – auf dem Fan-Markt komplett verschwunden und musste nun reaktiviert werden? Oder gab es immer eine „Kassetten-Szene“?

Paul-Christian Erntges
Soweit ich weiß, war die Kassette ähnlich wie die Vinyl in den 1990ern durch die Dominanz der CD nicht mehr relevant. In meiner Wahrnehmung gabs dann in den Nullerjahren ein kleines Revival für „nischige“ Angelegenheiten, das sich bis heute gehalten hat.

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Gibt es für dich einen Grund für Kassetten als Medium, abseits von Retro-Charme?

Paul-Christian Erntges
Die geringen Herstellungskosten im Vergleich zu einer Vinyl sind ein guter Grund. Durch das Analoge ist auf die Art auch bereits eine charmante Repräsentation des Artworks möglich. Dazu kommt die Darstellung der Musik, die dazu verleitet, ähnlich wie bei einer Vinyl, der Musik mehr Aufmerksamkeit zu schenken und eine Seite als Ganzes zu hören.

„Ähnlich wie bei einer Vinyl verleitet die Darstellung auf Kassette dazu, der Musik mehr Aufmerksamkeit zu schenken und eine Seite als Ganzes zu hören.“

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Mastering-Ingenieur Bob Katz hat der CD vor Jahren im Interview einen langsamen, schmerzhaften Tod prophezeit. Tatsächlich verkaufen sich absolut gesehen noch viele CDs. Bei deinen Veröffentlichungen werden statt CDs größtenteils nur die digitalen Downloads, dafür bei Bedarf auch in unkomprimiertem CD-Format – angeboten. 2021 stieg der gesamte Anteil an den Verkäufen erstmals seit 17 Jahren wieder. Wie schätzt du das aus Label-Sicht für dich ein?

Paul-Christian Erntges
Vor ein, zwei Jahren meinte ein Bekannter von mir, es gäbe Zeichen, dass die CD zurückkommt. Davon habe ich nichts gemerkt. Für Jazz- und Klassik-Hörende ist die CD sicherlich weiterhin ein relevantes Medium. Ich habe in den zehn Jahren des Labels nur eine CD veröffentlicht, weil es der Wunsch des Künstlers Martin Weinreich war, dass die CD das Medium für sein autobiographische Industrial-Werk „Points Of Entry (1989-1995)“ sein soll. Das passte auch für das Konzept seines Artworks gut. Derzeit sehe ich generell aber nicht besonders viel Bedeutung für die CD.


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