Guy Fletcher und Jim Cox – Keyboarder bei Mark Knopfler

Mark Knopfler Bühne

Die Dire Straits sind längst Geschichte und der ehemalige Frontmann Mark Knopfler besinnt sich mittlerweile auf ruhigere Folk- und Americana-Anleihen. Seitdem er mit dem früheren Dire-Straits-Keyboarder Guy Fletcher zusammen. Ein Gespräch über die Praxistauglichkeit von Synthesizer-Sounds in einer gitarrenlastigen Band, warum sie bis zuletzt noch Hardware-Sampler statt Rechner auf der Bühne einsetzten – und warum eigentlich kaum ein Keyboarder den „Walk Of Life“-Sound hinbekommt. Darüber hinaus erläutern Fletcher und sein Pianisten-Kollege Jim Cox, warum Piano-Samples klanglich eher nicht in einem Rockkonzert funktionieren.

Guy Fletcher, Jim Cox und Mark Knopfler – langjährige Freunde

Guy Fletcher beschäftigt sich, wenn er nicht gerade an einem neuen Mark-Knopfler-Album arbeitet, beispielsweise auf Twitter. Er erzählte dort vor Jahren, wie Knopfler und er den neuen Porsche 991S zu einer Testfahrt luden – phänomenal, ein „Monster“, wie er dort sagt, „aber ohne den Charakter, wie ihn mein alter 993 hat.“ Das Altherren-Rockstar-Landleben trägt immer noch die Früchte typischer Jugendträume.

Mark Knopfler Guy Fletcher live
Begleitet Mark Knopfler seit über 30 Jahren: Keyboarder Guy Fletcher (Foto: Mike Humeniuk)

Jene Rock-Legenden könnten sich theoretisch alles leisten – trotzdem herrschte auf der Bühne bis zum Ende von Knopflers Tour-Karriere 2019 Pragmatismus. Fletcher hatte Hardware-Sampler statt Software-Pendants im Gepäck, sein Kollege Jim Cox spielte „künstliche“ Piano-Sounds mit einem Roland „V-Piano“ auf der Bühne, keinen echten Flügel. Das mutet seltsam an für Knopfler, der allgemein einem klanglich hohen Anspruch verbunden scheint. Warum eigentlich? Wir haben Fletcher und Cox seinerzeit auf Tour getroffen, um dem Pragmatimus nachzuspüren.

Keyboarder bei Roxy Music und Dire Straits

Mit Guy Fletcher hat Mark Knopfler einen „Synthesizer-Pionier“ mit an Bord: Der Keyboarder spielte Anfang der 1980er bei Roxy Music, bevor er 1984 – nach einer Soundtrack-Zusammenarbeit mit Knopfler – zu den Dire Straits stieß. Seit dem Ende der Band Mitte der 1990er Jahre begleitet er Knopflers Solo-Band und macht nebenbei Filmmusik. Er betreibt auch ein Forum, in dem er sich Fragen der alten Dire-Straits-Fans widmet. In der breiten Wahrnehmung war die Truppe – klar – eine Gitarren-Band. Knopfler sah sich allerdings schon immer mehr als Songwriter, entsprechend waren die Songs „ganzheitlich“ arrangiert, durchaus mit prominenten Rollen anderer Instrumente.

Fletcher Keyboards
Keyboard-Setup auf Tour (Foto: Guy Fletcher)

DX7 als Ausgangsbasis für „Walk of Life“

Den Dire-Straits-Song „Walk Of Life“ kennt jeder – und doch bekommt kaum ein Keyboarder den Sound hin. Der Song zeigt, wie eng eine gute Pop-Idee und ein schlimmes Klischee beieinander liegen. Nur ein ähnlicher Hammond-Sound ohne die Chorus-artige Schwebung und die Melodie wirkt nahezu unerträglich belanglos. „Das Hauptriff besteht aus zwei parallel gespielten Tastaturen: Ein modifiziertes Yamaha DX1-Organ-Preset, das einen Farfisa-artigen Orgel-Sound liefert. Der zweite, Akkordeon-artige Sound entstammt dem Synclavier. Kein Wunder, dass das bisher keiner richtig hinbekommen hat!“, erzählt Fletcher.

Er schlägt einen DX7 als Ausgangsbasis vor, um dem zumindest nahezukommen. Das hat Guy Fletcher, neben seinem Keyboard-Spiel selbst, letztlich bei den Dire Straits ausgemacht; die „Sound-Lücke“ zu finden, in der etwas unverbraucht und interessant klingt. So auch beim Synthesizer-Intro zu „Money For Nothing“, dessen grundtöniges Pattern ebenfalls vom Synclavier stammt. „Das habe ich damals die ganze Zeit gemacht: Presets modifizieren, als Synthesizer zum ersten Mal mit Presets auf den Markt kamen. Ich fand praktisch heraus, dass es eine Nische für Soundprogrammierung gab, weil sich noch niemand wirklich damit auskannte.“

Retro-Presets als Tribut sind „doppelter Schwachsinn“

Durch seine Arbeit mit dem sündhaft teuren Synclavier verstand er, wie FM-Synthese funktionierte. Heute mache er das kaum noch. Bei aktuellen virtuellen Instrumenten, den Emulationen der Vergangenheit, werden die berühmten Sounds bereits fertig mitgeliefert, eine Liste zum Durchklicken durch die Pop-Geschichte, fast so, als ob die heutige Klangwelt lediglich eine Art Tribut an die alte Zeit darstellt. „Doppelter Schwachsinn!“, meint Fletcher lachend.

Fletcher Keboards Sampler
Fletcher setzt auf Hardware-Sampler statt Rechner-Konstrukten, darunter zwei alte Akai S6000 (Foto: Guy Fletcher)

Hardware vs. Software

Die Vergangenheit kommt einem auch bei dem Blick auf Fletchers Tour-Setup – etwa 2012 auf der „Privateering“-Tour – in den Sinn: Er verwendete immer noch alte Akai-Sampler, das S6000-Modell, den letzten klassischen Hardware-Sampler. Der sei fantastisch, versichert Fletcher. Warum sie bei Mark Knopfler keine Rechner-Systeme verwenden, etwa für modellierte Piano-Sounds? Sie meiden normale Computer auf der Bühne, erzählt er, das seien offene Systeme mit entsprechender Anfälligkeit.

„Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn ein derart komplexes System ausfällt und du keinen sofort verfügbaren Ersatz hast.“ Auf Tour hatten sie für alle Keyboards, Hardware-Synthesizer und Sampler Ersatzgeräte dabei. „Wir wissen aus langer Tour-Erfahrung, dass alles kaputtgehen kann, und tauschen es schnell aus.“ Mit seinen Akai-Samplern hatte er allerdings all die Jahrzehnte noch keine Probleme, betont er. „Früher sind oft die Hammond B3-Orgeln ausgefallen.“

Digitale Flügel-Sounds

„Die Tour wollte keinen richtigen Flügel mitschleppen, was ich verstehen kann.“ erzählt Pianist Jim Cox. Auf der Bühne setzt die Band ein Roland V-Piano ein. Der Grund für den Verzicht auf einen akustischen Flügel liegt schlicht in der Logistik. „Es wird immer einzelne Auftrittsorte geben, wo sich Temperatur und Feuchtigkeit stark ändern.

Die Crew lädt morgens alles aus, und am Abend auf der Bühne ist es 30 Grad wärmer. Das Klavier wird heiß und kühlt danach wieder runter.“ Temperatur- und Feuchtigkeitsänderungen erschwerten das Halten der Stimmung ungemein, erzählt er. „Normalerweise engagiert eine Produktion jeweils einen lokalen Klavierstimmer am Auftrittsort. Der wird dann immer irgendwann aufgeben und sagen: ‚ich hab getan, was ich konnte! Vor fünf Minuten hat es noch gestimmt!‘“ (lacht)

Piano-Kollege Jim Cox: „Das Roland V-Piano kommt dem Flügelempfinden auf der Bühne recht nahe.“ (Foto: Guido Karp)

Beim Improvisieren fehlt der akustische Impuls vom Instrument

Ob digitale Pianos ein „Flaschenhals“ des eigenen Ausdrucks sind, weil der Klang nicht akustisch „mit den eigenen Fingern“ erzeugt wird? “Ja, es ist eine Limitation, aber sie werden besser und besser.“ erzählt Cox. „Wie gut das Ergebnis funktioniert, hängt davon ab, wie die Tastatur reagiert. Ein Vorteil vom V-Piano besteht in den normalgroßen Piano-Tasten.“ Die Textur fühle sich wie bei einem Flügel an.

„Bei In-Ear-Monitoring, wie wir es verwenden, ist der Unterschied zum akustischen Original am auffälligsten – dann kommt kein Sound von außerhalb. Wenn man also improvisieren will, fehlt der akustische Impuls vom Instrument.“ Das sei abstrakter, gerade wenn man nur auf einer Seite einen Stöpsel im Ohr hat – er habe bei der damaligen Tour dann den Monitormann gebeten, noch etwas vom Signal über eine normale Monitorbox zu schicken.

„Über die Monitorbox entstehen um einen herum Geräusche und Vibrationen.“ Das theoretische Ideal auf der Bühne bleibe indes die „klassische“ Variante: „Ein großartiges Piano, gut abgenommen, in einer kontrollierten Situation.“ Aber auch manche aktuelle Produktion schlägt trotz der logistischen Hürden noch bewusst den „klassischen“ Weg ein: Cox war jahrelang mit der Tour-Band von Lyle Lovett unterwegs, die Produktion hatte einen großen Yamaha-Flügel im Gepäck.

Je komplexer die Piano-Emulation, desto schlechter im Saal

Und der digitale Piano-Klang selbst, im Vergleich zu moderner Sampling- oder Modeling-Software? „Wir fanden heraus: Je komplexer der emulierte Piano-Klang, desto schlechter trägt er draußen im Konzertsaal“, erzählt Fletcher. Es gehe um Durchsetzungsfähigkeit im Bandgefüge, und in den selten optimalen Konzertsälen. „Das ‚V-Piano‘ klingt im Konzertsaal besser als ein komplexeres, gesampeltes Piano.“

Jim Cox sekundiert den Eindruck: „Du willst einen Piano-Sound live nicht zu breit und ‚fett‘. Wir spielen in Myriaden verschiedener Hallen. Wenn ein Piano-Sound zu breit ist, ist es viel Arbeit, den ‚einzudampfen‘ und einzupassen.“ Mit dem Roland V-Piano seien sie klanglich sehr zufrieden gewesen, auch im In-Ear-Mix habe der Sound gut funktioniert.

Samples ergänzen sich indes anders als die Töne bei einem akustischen Instrument. „Es gibt viele großartige Piano-Samples, aber sie funktionieren oft nur für bestimmte Anwendungen, zum Beispiel langsame Balladen, mit viel Platz zum Entfalten der Töne. Wenn man ‚rockt‘, haben sie oft nicht den nötigen Biss und die Durchsetzungsfähigkeit“, gibt Fletcher zu bedenken. Samples seien ungemein praktisch, aber man müsse sich der Einschränkungen bewusst sein.

Fletcher Cox Hammond
Links: Eine alte Hammond auf der Bühne? „Täuscht jeden, bis auf den Spieler“: Tatsächlich handelt es sich um eine digitale doppelmanualige Hammond XK-3C im Holzgehäuse

Täuschend echte Hammond-Optik

Stichwort digitale Klangerzeugung: Guy Fletchers Hammond auf der Tour sieht auf den ersten Blick wie eine große, alte, schwere B3 aus. Darauf angesprochen, glänzen die Augen. „Es sieht so aus, nicht? Ich habe von Hammond das Prototypen-Gehäuse gekauft. Man kann es in zwei Teile zerlegen: Oben ist eine XK-3C, die du herausziehen kannst, darunter ist ein zusätzliches Manual im Gehäuse eingebaut. Es täuscht jeden, nur nicht mich als Spieler.“

Sie klinge sehr nah am Original, aber er mag das Spielgefühl nicht. Die Tasten sprächen viel direkter, härter an. „Die Tasten bei einer normalen B-3 gehen tiefer nach unten, bevor der Ton erklingt.“ Das sei für Glissandi hilfreich, für die typischen „Schweinerock“-Fahrten quer über die Tastatur. „Bei der Tastatur der digitalen Variante kommen die Töne schneller, dadurch entstehen Vorschlagsnoten, die gar nicht kommen sollten.“ Die Einstellung sei zu sensibel, man könne sie leider nicht anpassen. „Dafür klingt das Ergebnis gut.“

„Bandtaugliche“ Keyboard-Sounds

Und der Klang im dichten Bandgefüge an sich? Worin besteht eigentlich ein „bandtauglicher“ Keyboard-Sound? Fletcher fällt sein Nord-Synthesizer ein, verbunden mit der Tatsache, dass er nicht zu kompliziert sei. „Synthesizer mit guten, einfachen Oszillatoren funktionieren immer besser in einer großen Band. Oft passen da keine großen, breiten, Multi-Layer-Klänge.“

Die sind ihm ohnehin ein Gräuel: „Wenn du ein Keyboard im Laden anspielst, hat es Presets mit diesen großen, breiten Sounds. Die sind komplett unbrauchbar! Keines davon macht musikalisch im Kontext Sinn. Moderne Synthesizer haben den Faden verloren, was das angeht.“

Er bevorzuge etwa einen Minimoog, einen Prophet, Roland Jupiter-8 oder einen Yamaha CS80. Warum sie funktionieren? „Sie produzieren Sounds, die nicht mehr Platz im Mix beanspruchen als eine Gitarre. Dadurch passen sie in ein Arrangement und sind nicht zu massiv. Die Sounds, die ich mit Mark verwende, sind meist sehr einfach gehalten. Oft sind es Pads, die kommen mit der Gitarre nicht ins Gehege. Die Art, wie die Songs geschrieben und arrangiert sind, macht es überhaupt möglich, dass eine so große Band sie umsetzen kann. Natürlich spielen wir auch nicht immer alle gleichzeitig.“

Wahrt den musikalischen „Gesamt-Überblick“: Guy Fletcher spielte bei Knopfler live neben Keyboards gelegentlich auch Mundharmonika oder Akustikgitarre (Foto: Guido Karp)

Die Reduktion gilt dann auch für die Sounds selbst, die blieben beim Konzert meist banddienlich spartanisch, etwa bei „Brothers In Arms“: Im Studio kam hier neben einer Hammond ein Yamaha GS-1 zum Einsatz. Er wünschte, den hätte er noch, meint Fletcher: „Diesen wunderbaren, lebendigen Yamaha-Chorus-Pad-Sound wie beim CS80, allerdings war er beim GS-1 noch besser.“ Zuletzt spielten sie den Song nur mit dem Hammond-Sound. „Walk Of Life“ war unterdessen schon lange nicht mehr im Knopfler-Tour-Programm. Auch Guy Fletcher schloss bereits vor Jahren mit der Vergangenheit ab. Bei einer Online-Auktion verkaufte er seinen Roland Jupiter-8 Synthesizer, die alte Version, noch mit 12-Bit-Wandlern und ganz ohne MIDI. Der Jupiter-8 war sein Hauptsynthesizer zu Dire Straits-Zeiten.

Website von Guy Fletcher

Website von Mark Knopfler

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