SOUL MUSIC

Von Neo zu Retro —from Soul to Soul

Welcher Sinn liegt darin, einen Stil der 60/70er-Jahre Jahrzehnte später zu imitieren? Ist das pure Nostalgie von Retro-Soulern, die sich als Hüter des heiligen (Soul-)Grals verstehen? Können die neuen Soul-Scheiben in puncto Energie und Authentizität mit den alten Aufnahmen mithalten, oder ist das nur Musik für eine Ü40-Party? Vielleicht taugen die auf alt getrimmten Neuerscheinungen immerhin als Konzert-Ersatz für die schon verblichenen Soul-Akteure?

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wikipedia

 

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Das sind natürlich üble polemische Äußerungen zur Welle des Retro-Soul, denn die Soul- Szene ist differenzierter zu betrachten: Nicht alle Wiederbelebungsversuche sind primär kommerziell motiviert, bei den meisten hört man wirklich die Liebe zum handgemachten Soul. Und der neue alte Soul besteht ja nicht nur aus Coverversionen, sondern auch aus einer großen An zahl originärer Songs. Und während der Begriff Retro-Soul als Sammelbegriff für alles in den letzten zwei Jahrzehnten veröffentlichte Soul-Material herhalten muss, gibt es auch eine authentische Neuausrichtung des Soul zu Beginn der 90er-Jahre.

Neo Soul Beispiel 1

Contemporary R&B: Hinterm Disco-Horizont Geht’s weiter

In den 80er-Jahren beginnt die Neuorientierung des Soul mit der Wiederbelebung des Stilbegriffs „R&B“. Dieser Begriff entstand Anfang der 40er-Jahre und ersetzt den diskriminierenden Namen „Race Music“ als Bezeichnung für schwarze Musik – dieser Stil gilt als Vorläufer des Rock’n’Roll. Nach der Disco-Ära suchte man in den 80ern ein neues Etikett und fand es in „Contemporary R&B“. Luther Vandross, Michael Jackson, Janet Jackson oder Whitney Houston waren die Stilikonen dieser neuen Richtung, die stark vom Pop geprägt war.

Als neues Element kommen Anfang der 90er HipHop-Grooves ins Spiel. Einer der führenden Produzenten war Teddy Riley, der z. B. auch für wesentliche Teile des Michael- Jackson-Albums Dangerous (1991) sowie für Bobby Browns Don’t Be Cruel (1988) verantwortlich zeichnete. Auch heutzutage ist Riley noch ein begehrter Produzent, u. a. für Robin Thicke und Snoop Dogg. Diese Richtung wurde „New Jack Swing“ genannt und brachte verstärkt funkige Elemente sowie Drumcomputer-Grooves und Samples in die Musik – für die weiblichen Interpretinnen wurde übrigens der Begriff „New Jill Swing“ verwendet.

Eryka Badu

Sean Combs, Produzent der R&B-Diva Mary J. Blige, prägte Anfang der 90er den Begriff „HipHop Soul“. Unter dem Etikett R&B gelangten Künstler wie R. Kelly, Aaliyah, TLC oder Boyz II Men zu Weltruhm. Das Label „HipHop Soul“ überlebte nicht das Ende der 90er, ab der Jahrtausendwende setzte sich die Bezeichnung „Black Music“ durch. Im Rap gab es nun fast immer einen Refrain mit Hit- Potenzial (notfalls auch mit einem alten, geklauten Hit wie bei P. Diddy), im R&B hingegen ging es mit Elektro-Beats erheblich mehr zur Sache, wie bei Ashanti, Beyoncé, Ciara, Rihanna oder Usher und Craig David.

Wie potent diese Kombination bis heute ist, hat wohl niemand so gut ausgelotet wie Jay Z., vom 99er Hard Knock Life (mit dem Sample aus dem Broadway Musical „Annie“) bis zum 10 Jahre jüngeren Empire State Of Mind mit der immer fantastischen Alicia Keys im Refrain –der Song gewann in den Kategorien „beste Zusammenarbeit Rap/Gesang“ und „bester Rap-Song“ zwei Grammys.

Übrigens war für Empire State of Mind zunächst Mary J. Blige als Queen des HipHop Soul vorgesehen, aber weil das Harmoniegerüst des Songs eben so sehr auf dem Klaviersound steht, wurde Alicia Keys gefragt.

Neo Soul Beispiel 2

Neo-Soul: Hip-Hop meets Soul

In den späten 90ern taucht dann der Begriff „Neo-Soul“ auf, der nach den vielen Fusionen und Crossovern von Hip-Hop und Dance die Rückbesinnung auf den alten, echten Soul bringen sollte. Die Namensschöpfung geht auf den Produzenten William „Kedar“ Massenburg zurück, er war von 1997–2004 Präsident von – ganz richtig! – Motown Records. Sein größter Star war Erykah Badu; Ihr 1997er- Album Baduizm darf sicherlich als einer der Höhepunkte dieses Genres eingeschätzt werden.

Als R&B-Protagonisten gelten z. B. Mary J. Blige und Alicia Keys, die weniger poppige Richtung von Neo-Soul oder Soulful R&B präsentieren Anthony Hamilton, D’Angelo, Maywell, India.Arie, John Legend und zwei ganz wichtige Impulsgeber: Lauryn Hill und Erykah Badu. Beide Frauen verbindet nicht nur der stimmliche Schmelz, längere Babypausen und die fantastischen Frisuren (mal raspelkurz, mal mit einer derart raumgreifenden Haarpracht, dass selbst Bayerns Dante neidisch werden würde). Für beide Künstlerinnen ist die Musik und ihr Gesang auch eine geschichtliche und soziale Standortsuche und Selbstbestimmung (und das war nebenbei auch die afrikanische Afrolook-Frisur).

Kurze Beschreibung des Neo-Soul

Das Tempo ist oft in den 70/80er-Regionen der BPM-Skala angesiedelt, und einige Hip-Hop-Grooves weisen z. T. einen extremen Shuffle auf, der eher schon zur „3/16tel plus 1/16tel“-Einteilung tendiert. Vor allem die Bassdrum kommt manchmal ganz dicht vor den Beat. Es gibt zwar auch funkige, geslappte Basslinien, allerdings kommen auch butterweiche Synthbässe zum Einsatz. Die Synth-Riffs klingen oft mit fiepsigen Filter-Resonanz- Sounds, und das Rhodes als favorisiertes Harmonie-Instrument ertönt häufig mit einem Tremolo-Panning und nicht glockig.

Auch die Stimmung hat sich geändert: Weniger die kraftvollen Stimmen und die schweißtriefenden Bühnenshows, sondern das kühle Sinnieren und Beschreiben verleihen vielen Neo-Soul-Produktionen eine chillige Note. Die Notenbeispiele zeigen einige verbreitete Patterns und auch Ausschnitte von Lauryn Hill und Erykah Badu. Die Akkorde sind meist vierstimmig mit einem gewissen Jazz-Appeal ausgelegt und nicht streng funktionsbezogen verknüpft. Gerne werden Moll7-Akkorde verschoben (oft in Terzab- ständen), und der Einsatz der Dur- und Moll-Akkorde erfolgt auch nicht immer nach den Regeln der konventionellen Musiktheorie – aber das macht ja gerade den Reiz aus.

Retro-Soul —

Neo Soul Beispiel 3

Die Vermarktung des „guten alten“ Soul

Unter diesem Verkaufsschirm wird alles präsentiert, was mit dem Soul-Revival der letzten 20 Jahre zu tun hat – seien es die Vorläufer der Bewegung wie Johnny Adams, Robert „Duke“ Tillman und Chuck Roberson oder Sharon Jones & The Dap Kings, Amy Winehouse, Adele und Joss Stone – wobei die Letzt- genannten auch zum Blue eyed Soul gerechnet werden, weil sie als britische Musiker als weiß und blauäugig gelten, auch wenn sie es in natura nicht immer sind. Raphael Saadiq, Eli „Paperboy“ Reed, Mayer Hawthorne und Jamie Lidell sind weitere herausragende Könner, die z. T. schon in den vorangegangenen Workshops vorgestellt wurden.

Sharon Jones

Vielleicht wirken manche Produktionen des Retro-Soul ein wenig kommerziell kalkuliert und glatt, aber einige davon sind durchaus im Geiste des ursprünglichen Soul passend zu unserer Zeit weiter entwickelt worden und verharren nicht in der bloßen Kopie des nostalgischen Sounds. Wobei es durchaus interessant ist, dass eine Künstlerin wie Adele in ihrer Jugend eher Aaliyah, Destiny’s Child und Mary J. Blige gehört hat und nicht etwa Aretha Franklin, wie es Joss Stone von sich berichtet – ändert das aber die Qualität und Glaubwürdigkeit ihres künstlerischen Schaffens?

Ein kleines Fazit: Mit dem Retro-Soul ist das, was ursprünglich in den 60ern entstanden ist, nun durch alle Feuer der Musikgeschichte wie Funk, Fusion, Disco, R&B, Hip-Hop und Rap gegangen und hat alle Inkarnationsstufen durchlaufen. Wer heute unter dem Begriff „Soul“ erfolgreich sein möchte und gehört werden will, braucht den Soul vor allem im Geiste und in der Stimme, ebenso wie originelle Kompositionen mit der Verbindung zur Jetztzeit.

So long, eure Soul-Brothers Markus und Wolfgang.

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