Vom Emil Brandqvist Trio

Transkription: Tuomas A. Turunen – Savotta

(Bild: Juho Kolehmainen)

Es ist selten, dass ein Jazz-Trio, besetzt mit Klavier, Bass und Schlagwerk, nicht nach seinem Harmonie- und Melodiespieler benannt ist. So ist es bei Tuomas A. Turunen: Der finnische Pianist ist Teil des überaus erfolgreichen Emil Brandqvist Trios, bei dem der Schlagzeuger und hauptsächliche Songschreiber namensgebend ist. Doch Turunen wandelt auch auf solistischen Pfaden: Mit seiner zweiten CD Falling Crystals landete er auf Platz 7 der deutschen Jazz-Charts und ist seitdem nicht nur Insidern ein Begriff.

Die musikalischen Stile und Einflüsse des mittlerweile in Südfrankreich lebenden Pianisten bilden ein Crossover aus Jazz, Klassik und skandinavischer Volksmusik und sprengen die gängigen Genre-Schubladen (genau wie bei seinem Kollegen Martin Tingvall, vgl. KEYBOARDS 3/2019). Seine instrumentalen Fähigkeiten im Jazz zeigte er bereits in frühen Jahren in dem Song Moment’s Notice von John Coltraine:

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Sein Stück Savotta ist eine Neu-Interpretation; er nahm es bereits 2015 mit dem Emil Brandqvist Trio auf der CD Seascapes auf – hier stand thematisch die markante Unisono-Phrase mehr im Vordergrund. Savotta ist ein filigraner Song im 5/4-Takt.

Der Titel startet zurückhaltend, die rhythmische Struktur tritt im Intro1 noch nicht so eindeutig zutage, im anschließenden Intro2 folgt die linke Hand dem 5/4-Takt-Pattern. Mein Tipp ist, mit den Abschnitten 4A oder 7A zu beginnen, um sich zunächst an die Rhythmik zu gewöhnen, danach erschließen sich die anderen Parts leichter. Die Unisono-Passage »fetzt« schön und ist in dem flotten Tempo nicht ganz einfach zu spielen – auf YouTube gibt es einen Ausschnitt aus dem Song zu bewundern. Zu finden auch unter Tuomas Antero Turunenharjoituksissa.

 

Im ersten A-Thema präsentiert Turunen eine einprägsame, folkloristische Melodie, die eher transparent arrangiert ist. Häufig fehlt die Terz (vgl. D5), auch das harmonische Genderspiel zwischen Dur, Moll und »neutral« setzt Turunen gerne ein, ebenso wie den Wechsel zwischen gleichnamigen Dur- und Moll. Der B-Teil scheint aus dem A-Teil weiterentwickelt worden zu sein, neu sind die Harmonien Bb, Am und Cm. Die A- und B-Themen werden in verschiedenen Lagen angeboten, nach A-B-A-A-B folgt der C-Abschnitt, der sich mit Cm und Ebj7 noch ein Stück weiter von der Dm-Tonalität entfernt. Der zweite Unisono-Teil ist etwas verkürzt und trennt die Themen-Teile vom Solo, das sich als Folge der drei Abschnitte A-B-C präsentiert. Der erste zwölftaktige Abschnitt ist ausnotiert, zwei weitere Durchläufe (insgesamt 24 Takte) folgen, und hier zeigt Turunen vermehrt virtuose und kraftvolle rhythmische Elemente, wie bereits in Takt 49–51 angedeutet – da lohnt es sich auf jeden Fall, ins Original herein zu hören.

Nach den drei Solo-Durchläufen geht es wieder zurück zur langen Unisono-Passage des Anfangs, danach folgen A- und B-Teil, die geringfügig von den früheren Abschnitten 7A und 8B abweichen. Der ausnotierte C-Abschnitt übernimmt die Rolle des rubato zu spielenden Outros, hier wird der Rhythmus auf Achtel-Rhythmik zurückgefahren.

Die Transkription findest du in unserer KEYBOARDS-AUSGABE 4/2019. Hier versandkostenfrei bestellen oder als PDF kostengünstig herunterladen. 

Im Interview spricht Turunen über die strukturelle Idee und die tiefere Bedeutung des Stücks.

Savotta, das kommt aus dem Finnischen, aber was bedeutet es?

Savotta ist wirklich eine wichtige Komposition für mich, inspiriert von meinem Großvater und meinem Onkel. Beide arbeiteten in den 1940er- und 50er-Jahren als Holzfäller in den tiefen Wäldern Finnlands und haben mir in meiner Kindheit viele Geschichten aus dieser Zeit erzählt. Savotta bezeichnet den Bau- und Arbeitsplatz für das Fällen und Weiterverarbeiten des Holzes – aber es bedeutet umgangssprachlich einfach auch nur eine große Plackerei! Ich habe in dem Stück den traditionell-finnischen 5/4-Rhythmus unterlegt, wie wir ihn aus unserem Volksepos, dem Kalevala, kennen – vor diesem Hintergrund fand ich das passend. Und weil mir der Song so wichtig ist, wollte ich ihn auch unbedingt auf meiner Solo-Platte haben.

Was hast du im Gegensatz zur Version mit dem Emil Brandqvist Trio geändert?

Für die Solo-Fassung habe ich insbesondere eine neue kleine Einleitung geschrieben und baue gleich zu Beginn ein rhythmisch sehr dichtes Feeling auf. Rein technisch basiert dies auf der Daumenarbeit mit beiden Händen: Die Daumen sind die kleinen »Trommler«, die die harte Arbeit erledigen und die 16telGhost-Notes beisteuern. Auch wenn ich später im Stück mit der linken Hand den fehlenden Bass aus dem Trio ersetzen muss, versuche ich dennoch, möglichst oft harmonisch anreichernde Quinten, Sexten oder Oktaven einzustreuen – meist wieder mit dem Daumen. Die rechte Hand spielt die Melodie hingegen mit allen Fingern außer dem Daumen, der zusammen mit dem linken Daumen das 16tel-Feeling und die Rolle des Perkussionisten beibehält.

Du hast die Holzarbeit deiner Vorfahren sowie das Volksepos Kalevala erwähnt – inwieweit hat dich neben diesen ideellen Einflüssen deine finnische Heimat musikalisch besonders geprägt?

Ich bin in Ostfinnland groß geworden und habe mir das Klavierspielen zunächst selbst beigebracht, so zwischen 5 und 14 Jahren. Ich habe einfach alleine komponiert und meine eigenen Stücke gespielt, aber auch sehr viel mit meinen Eltern und meinen Geschwistern musiziert, insbesondere finnische Folklore und Evergreens. Mein musikalisches Vokabular gründete damals also tief in der volksmusikalischen Tradition und der mich umgebenden Welt. Jetzt lebe ich bereits seit 15 Jahren im Ausland und erkenne dabei immer mehr, dass sich dieser Background vielleicht als besonderer musikalischer Ausdruck bei mir eingegraben hat, als etwas »einmalig Finnisches«. (lacht)

Wie kamst du dann zum Jazz?

Für Jazz habe ich mich mit 13 Jahren interessiert, inspiriert insbesondere vom Trio Töykeät und ihrem Pianisten Iiro Rantala (vgl. KEYBOARDS 05/2014 und 06/2011). Jetzt wurde mir auch klar, dass es mir ohne fremde Hilfe nicht gelingen würde, moderne Jazz-Improvisation zu erlernen – was mich ans Konservatorium von Joensuu zu einem finnisch-polnischen Lehrer brachte, bei dem ich neben Jazz auch viel Klassik von Bach, Beethoven, Brahms, Chopin, Mozart, Schumann und Sibelius spielte. Im mittelfinnischen Jyväskylä hatte ich mit 20 Jahren zunächst ein Studium der Mathematik aufgenommen. Die sehr aktive Jazzszene dort brachte mich ganz zur Musik zurück und machte mir klar, dass ich meine Zeit ganz der Musik widmen will.

… und weiter zum Emil Brandquist Trio?

2004 zog ich nach Göteborg und begann dort das Studium an der Musikhochschule. Ich war mitten in der nordischen Jazzszene und konnte mit vielen großartigen Lehrern wie den Pianisten Lars Jansson und Anders Persson sowie dem Kontrabassisten Anders Jormin zusammenarbeiten. Zu dieser Zeit begann auch die Kollaboration mit Emil Brandqvist. Nachdem ich mein Musikstudium 2009 abgeschlossen hatte, folgte ich meiner Freundin nach Frankreich. Diese »vorübergehende« Lösung ist immer noch im Gange – allerdings bin ich den größten Teil des Jahres unterwegs. Ich habe einige Nebenprojekte mit französischen Jazzmusikern, aber meine Schwerpunkte sind das Emil Brandqvist Trio und mein Solo Piano.

Tipp: In drei Solo-Konzerten ist Tuomas A. Turunen im Dezember in Essen (14.), Flensburg (15.) und Hamburg (16.) zu hören. Weiteres auf der Homepage von skip records.

In der letzten KEYBOARDS-Ausgabe ist uns ein Fehler unterlaufen: Die neue CD von Tuomas Turunen heißt Ornaments In Time, diese präsentiert er solopianistisch 2020 am 31.01. in Liestal–Schweiz, am 03.04. in Sonneberg und am 30.04. in Kühlungsborn. Er hat darüber hinaus diverse Auftritte als Pianist des Emil Brandqvist Trios, zunächst am 14.02. in Kreuztal und am 20.02. in Lörrach, dann im April bis Mai im ganzen Bundesgebiet – siehe Homepage.

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