Die Scarborough Variations

Transcription: Chris Beier – December Sun

(Bild: ANTJE WIECH)

Er hat es (zum Glück) wieder getan: Mit Scarborough Variations in der Reihe »Piano Works XI« wird Chris Beier Ende Mai einen würdigen Nachfolger seiner ersten CD Aeolian Green von 2008 herausbringen, aus der wir seinerzeit den Titel Daisy in KEYBOARDS transkribiert hatten. Chris Beier ist bzw. war Hochschullehrer am Konservatorium und an der Hochschule in Würzburg und hat z. B. mit Albert Mangelsdorf zusammen gespielt. Am Theater in Nürnberg war er musikalischer Leiter und schrieb u. a. ein Musical, er komponierte für das Overtone Orchestra u.v.m.

Mit December Sun schuf Chris Beier eine wunderschöne, stimmungsvolle Ballade, die nicht auf vordergründige Virtuosität aus ist, sondern durch Raffinesse in den Details glänzt. Wer den Song hört, wird von den märchenhaften Klängen, krummen Takten und mysteriösen Tonarten fasziniert sein.

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Als ich den Song zum ersten Mal hörte, hatte ich sofort ein Bild im Kopf: Die Dezember-Sonne leuchtet durch die angefrorenen und mit Eisblumen verzierten Scheiben ins warme Zimmer hinein und sorgt für ein stimmungsvolles Licht − dann fiel mir ein, dass mir dieses Farbspiel nicht vergönnt sein wird, die heutigen Wärmeschutzverglasungen lassen das nicht mehr zu. Aber dank Chris Beier kann ich die Lichtstrahlen ja akustisch wahrnehmen.

Taktart: Beim ersten Hören fällt der krumme Takt vielleicht nicht sofort auf. Es scheint, dass eine Synkope auf der 4u den Takt nach vorne puscht. Bei genauerem Hinhören und Analysieren wird klar, dass da in jedem Takt eine Achtel fehlt: Es handelt es sich um einen 7/8-Takt, der sich im B-Abschnitt im munteren Wechsel mit einem 4/4 präsentiert. Der vorliegende 7/8-Takt ist als Odd Meter aus 2+2+3 Achteln zusammengesetzt − vgl. die kleinen Noten unter Takt 2. Beim rhythmischen Erfassen stellen also die Achtel die Basis dar, ggf. können auch zwei Viertel und drei Achtel als »flexibles« Metrum dienen.

Was die Sache vertrackt macht: Die Melodie ist triolisch über die ersten beiden Viertel verteilt, und die folgenden drei Achtelschläge werden durch eine Duole bzw. zwei Dreiachtelnoten unterteilt. Rein mathematisch entspricht eine Vierteltriole 1,33 Achteln, während die punktierte Achtelnote exakt 1,5 Zählzeiten im 7/8-Takt dauert. Diese Aufteilung kommt übrigens einer gleichmäßigen Aufteilung von fünf Melodietönen über sieben Zählzeiten (1,4 Zählzeiten) ziemlich nahe.

Die Transkription von vier Seiten Notenmaterial findest du in der Keyboards-Ausgabe 2-3/2018. Hier versandkostenfrei bestellen. 

Übungstipp: Für 7/8-Takt-Neulinge ist es vielleicht schlau, erst mit dem B1-Abschnitt zu starten. Hier kann die Taktart in einfachen rhythmischen Unterteilungen trainiert werden, und die Unterschiede zum 4/4-Takt werden auch erfahren. Wenn dann später Takt 9 rhythmisch sicher ist, können auch die über gebundenen Gruppierungen des C-Abschnitts geknackt werden.

Ein kleines Übungs-Goodie gibt es als Extra-Notenbeispiel: Hier konzentriert sich die linke Hand auf die absoluten Basics des 7/8-Taktes, und die rechte Hand übt die Melodie.

Tonarten: Wie ein Maler seine Perspektive wechselt, so nutzt Chris Beier den Tonartenwechsel als Stilmittel: Die Klangpalette reicht von Ab-Dur − B(H)-Dur − C#(Moll)-Dorisch, G#(Moll)-Aeolisch, C#-Mixolydisch, D#-Lydisch bis hin zu Ab-Dorisch. Vor allem die Eigenheiten der Kirchentonarten verleihen dem Song ihr besonderes Flair. Dazu ein kleiner Exkurs: Kirchentonarten bauen auf den sieben Stufen der ionischen (Dur-)Tonleiter auf. Die dorische (Moll-)Tonleiter beginnt auf der zweiten Stufe, also auf der großen Sekunde, deswegen haben C-Dur und D-Dorisch die gleichen Vorzeichen, nämlich keins. Aus diesem Grunde hat der B1-Abschnitt in C#-Dorisch hat die gleichen Vorzeichen wie der vier Takte lange Part vorher, der in B(H)-Dur steht. Auch G#(Moll) Aeolisch weist im C-Abschnitt als sechster Modus der B(H)-Dur-Tonart ebenfalls fünf Kreuze auf.

Klänge: Mit Akkordangaben sollte man in December Sun vorsichtig sein. Manches bleibt angedeutet, und eindeutige Drei- oder Vierklänge werden weitgehend vermieden. Die harmonische Basis wird in der linken Hand häufig durch die Basstöne Grundton, Quinte und None (1-5-9) gelegt: Daraus resultiert z. B. ein Akkordsymbol D5add9, das anzeigt, dass der Akkord keine Terz enthält. Die Offenheit der Klänge ist ein wesentlicher Bestandteil der Komposition, in der es manche überraschende, scheinbar beiläufig eingestreute Wendung zu entdecken gilt wie z. B. in Takt 44+45. Die Melodiegestaltung wird durch Praller, kurze Vorschläge sowie sich wiederholende und sich rhythmisch verschiebende Motive bereichert − vgl. z. B. Takt 37/38 oder 46−48. Themen werden in anderen Tonarten wieder aufgegriffen und erhalten dadurch einen anderen »Anstrich«.

Alles in allem präsentiert December Sun eine Fülle von kompositorischen Details und Einfällen, sodass man sagen kann: Chapeau.

Noch ein Hinweis zur Notation: An einigen Stellen wird die linke Hand systemübergreifend notiert, dies wird durch gestrichelte Linien und senkrechte Klammern gekennzeichnet.

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