Praxis

Soul Music – Funk! “Free your mind and your ass will follow!”

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Funk, der animalische Bastard des Soul

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Die Botschaft George Clintons, dem Guru des P-Funk, ist klar: Wenn Soul Herz und Seele anspricht, dann geht Funk eine Etage tiefer und appelliert an die körperlichen Grundbedürfnisse wie Tanz, Ausgelassenheit und die schönste Nebensache der Welt.

Aber hat der Funk heute an Aktualität verloren? Sind es nur die zwei bis drei notorischen Funk-Bands, die jede mittelgroße Stadt aufzubieten hat, bestehend aus Langzeit-Studenten, Muckern und Fricklern, die beim Spielen von vertrackten Synkopen mehr Spaß haben als irgendjemand, der ihnen zuhört? Oder spüren wir den Funk wirklich noch – im Kopf und im Schritt –, wenn wir heute R’n’B, Hip-Hop oder House hören?

„What do you know about funk?“, das fragt der Saxofonist Maceo Parker in einer seiner Nummern. Und der Mann muss es wissen: Als Sideman ist er sowohl mit James Brown als auch mit George Clinton groß geworden – mit mehr Wassern kann man nicht gewaschen werden. Er tourt unermüdlich jahrein, jahraus über unseren Planeten hinweg. Auch in Deutschland füllte er in den letzten Monaten wieder große Hallen, mit einem altersmäßig relativ gut gemischten Publikum – scheinbar wächst da was nach. Auch deutsche Bands halten die Fahne des Funk hoch: So z. B. Mo’Blow aus Berlin. In den Ausgaben KEYBOARDS 1.2012 bis 3.2012 gibt’s Funk-Patterns satt fürs Rhodes mit Hör- und Video-Beispielen, eingespielt vom Funk-Experten Matti Klein – ein Muss für alle Funk-Liebhaber. (Den Workshop findest du nebst der Patterns zum Download in der aktuellen Web-Ausgabe von KEYBOARDS, Anm.d.Red.)

Der Ursprung

Ende der 60er entledigt sich der Soul des unnötigen Wohlfühl-Ballasts aus zu viel harmonischer Denke und wohlgestalteter Melodie. Der Rhythmus tritt nach vorne – und er tritt zu! Musikhistorisch ist das eine Revolution, lange vor Rap und HipHop: Hier geschieht es zum ersten Mal in der Geschichte der Popmusik, dass der Rhythmus der Melodie den Rang abläuft und prominenter wird. So wird nun auch der Gesang, sonst das musikalische Trägermedium, meist hart, dreckig und perkussiv heraus gestoßen, er wird Teil des alles dominierenden Rhythmus’.

Mit diesem Rezept geht der Funk Mitte/Ende der 60er-Jahre auf die Überholspur: Nach dem hysterischen Fan-Geschrei um Elvis’ Hüften oder die Pilzkopf-Frisuren der Beatles führt nun der „hardest working man in show business“, James Brown, seine Musik auf die neue Höchstleiter der aufgegeilten Inszenierung. Toppen sollte dies später nur noch die karnevaleske Show von Clintons Truppe Parliament, bei denen die Bühne zum Landeplatz für funkige UFOs aus dem All wurde.

Weil Funk musikalisch an sich recht elementar, ja rudimentär und gleichzeitig so enorm selbstbewusst daherkam, musste er niemals eine Phase erdulden, in der er total out war. Funk hat die folgenden Generationen von Musikern deutlich hörbar beeinflusst – dank des Funk können wir Megastars wie Prince und die Red Hot Chili Peppers einmal im gleichen Satz nennen! Scannt doch mal das Produktionsteam der frühen RHCP-Alben nach alten Funk-Bekannten. Und in Deutschland schaffte Jan Delay zuletzt für sich und den Funk mit seiner Schnodder-Variante ein Comeback.

Sucht man nach der Ursprungsbedeutung des Begriffes „funky“, landet man bei „erdig“, „schmutzig“ oder „erregt“, schließlich fand die Bezeichnung „funky“ Eingang in die Umgangssprache als Modewort für alles, was kickt oder Pfiff hat (weltberühmt: der Funky Kiosk mitten in Köln, Anm.d. Red.;-).

James Brown, die Legende

Zum Türöffner und Godfather des Funk wurde James Brown. Sein ehemaliger Bassist Bootsy Collins sagte 1990: „Remember James Brown. He opened the door for all of us.“ James Brown wuchs in armen Verhältnissen in Augusta (Georgia) auf, vorübergehend gerät er sogar auf die schiefe Bahn. Nach einem Banküberfall und einer vierjährigen Haft landet er bei der Musik und durchlebt dort das ganze Spektrum: Schlagzeuger und Sänger der Gospel Starlighters, Vertreter des Rock’n’Rollers Little Richard in dessen Live- Band The Upsetters, Plattenvertrag mit der R&B-Band The Famous Flames (1955), die frühen Soul-Projekte unter eigenem Namen,die Wandlung zum Funk-Superstar. Sein Wille und seine Energie zeigen sich bereits 1963, als er gegen den Willen seiner Record Company das Album Live At The Apollo aufnimmt und aus eigener Tasche finanziert – heute zählt es zu den Klassikern des Genres.

Seit den 60er-Jahren treten die rhythmischen Elemente immer stärker in den Vordergrund. James skelettiert manche Stücke bis auf das rhythmische Gerüst, und es gelingt ihm, die Einfachheit und den Drive des R&B mit der rhythmischen Komplexität und Präzision des Jazz zu verschmelzen. Die rhythmische Essenz und seine charismatische Bühnenpräsenz lassen aus simplen „One Riff/One Chord“-Songs echte Erlebnisse werden – wenn dann der legendäre Ruf ertönt: „Take me to the bridge!“, und die Band in den anderen Part wechselt, ist die Stimmung auf dem Siedepunkt.

Die perkussiven Gesangslinien, synkopierten Basslinien, kurzen Bläsersätze und prägnanten Gitarrenriffs fallen jedem Hörer sofort auf, aber der revolutionärste Schritt ist wahrscheinlich der Wechsel vom Backbeat zum Downbeat. Bereits Mitte der 60er ist Brown sein eigener Produzent, und als solcher verordnet er seiner Studioband die neue Zählweise: Statt „eins, ZWEI, drei, VIER“ wurde nun „EINS, zwei, DREI, vier“ der Garant für den vorwärtstreibenden Drive.

Das in den Song gerufene „ONE, two, THREE, four“ in Papa’s Got a Brand New Bag (1965) markiert so vielleicht die Geburtsstunde des Funk. Es ist zugleich sein erster Top- 10-Hit in den Pop-Charts, für den er außerdem einen Grammy erhält. Um das Jahr 1967 wird die Musik von James Brown immer öfter mit dem Begriff Funk in Verbindung gebracht, und in diesem Jahr veröffentlicht er mit Cold Sweat den ersten Song mit einem Drumbreak und mit nur  einem einzigen Akkord – für viele ist das der erste Funk-Song.

James und seine Begleitbands

James Brown Funk hat sein Vermächtnis in langjähriger, mühevoller Arbeit aufgebaut: In seiner fast 50-jährigen Karriere hat er das Publikum live mit dem Funk-Virus infiziert und zahllose Platten veröffentlicht – in Spitzenzeiten absolvierte er bis zu 300 Auftritte jährlich. Er hat aber auch – trotz zahlreicher Konflikte – zahlreiche Mitmusiker geprägt, die das Erbe der Bruderschaft des „Ministers of Super Heavy Funk“ weitertragen. Er selbst hat dazu Folgendes bemerkt: „I taught them everything they know … but not everything I know!“ – an Selbstbewusstsein hat es ihm nie gemangelt.

Als Musiker sind vor allem der Posaunist Fred Wesley sowie der Saxofonist Maceo Parker bekannt geworden – nicht zuletzt auch deshalb, weil sie nach dem Ausscheiden bei Brown und nach ihrem Mitwirken bei George Clinton (als Horny Horns) weiterhin erfolgreich produzierten und tourten. In den 80ern und 90ern waren sie als „The JB Horns“ zusammen und wirkten auch auf dem frühen Album Freaky Styley der Red Hot Chili Peppers mit (von Clinton co-produziert); Maceo Parker arbeitete übrigens später auch mit Prince zusammen.

Einen eher fragwürdigen Ruhm kann der Drummer von James Brown verbuchen: Clyde Stubblefields Schlagzeugspiel auf FunkyDrummer gilt gemeinhin als das meist gesampelte Stück Musik überhaupt. Seine Breaks waren stets ein Sahnestück der Begierde: Als zwischenzeitlich niemand neue Funk-Platten von Brown oder sonstwem kaufen wollte, ja, als sogar Disco tot war, entdeckte die Hip-Hop-Kultur den Funk wieder und bediente sich ungehemmt aus dem Brown’schen Steinbruch: LL Cool J., Public Enemy, De La Soul und die Beastie Boys gehören zu den mehr als 100 Künstlern, die Samples aus Stubblefields Funky Drummer zu in ihren Tracks nutzten. Das Ganze gipfelte in James Browns Album I’m Real: Das von Full Force und James Brown 1988 produzierte Album ist voll mit den Samples aus der Blütezeit des Funk.

Als die komplette Begleitband wegen Geldstreitigkeiten James Brown verließ, engagierte dieser 1969 die Band The Pacemakers aus Cincinnati. Zu der Band gehörte das Brüderpaar Collins: William „Bootsy“ Collins am Bass und Phelps „Catfish“ Collins an der Gitarre. Beide sollten dann später nach Wechsel zu George Clinton eine größere künstlerische Eigenständigkeit erreichen. Die „J.B.’s“ veröffentlichten mit wechselnder Besetzung und teilweise unter anderen Namen (z. B. Maceo And The Macks, Fred & The New J.B. ’s) auch eigene Aufnahmen, die ebenfalls von James Brown produziert wurden.

Mehr über die Funk-Bass-Legende Bootsy Collins und seine Zeit bei und nach James Brown erfährst du auf der Bootsy Collins-Themenseite von Gitarre & Bass!

Playing Skills

Funk bedeutete aber auch, dass die Musiker völlig neue Spieltechniken entwickelten, die wir heute als selbstverständlich verstehen … und sogar als Presets in den kleinsten Tischhupen wiederfinden – so z. B. der Slapbass. Zwar wurde auch schon auf dem Kontrabass an den Saiten gerissen, aber Larry Graham entwickelte die Technik für den EBass, als er in einer Band den Drummer ersetzte und Bassdrum mit Slap (Daumen) und Snare mit Pop (Reißen) (Thumpin’ and Pluckin’) simulierte. Sly and the Family Stone gaben Larry Graham die Möglichkeit, die Technik einzusetzen. Der Song Thank You aus dem Jahre 1969 ist der erste mit einem geslapten E-Bass aufgenommene Song.

Gitarristen wie Jimmy Nolen (bei James Brown bis 1969) oder Wah Wah Watson kreierten funkige Patterns, die auch Nile Rodgers bei Chic oder aktuell bei Daft Punk verwendete. Und was Herbie Hancock oder George Duke mit einem Hohner Clavinet D6 alles anstellten, war damals einfach der heiße Scheiß.

Varianten des Funks

Den Funk gibt es in verschiedenen Spielarten: Der aus den 60er-Jahren weiterentwickelte Soul wird in Abgrenzung zum klassischen Soul als Soulful Funk bezeichnet, hierfür stehen u. a.: Stevie Wonder, Curtis Mayfield, Marvin Gaye, The Temptations, O’Jays, Earth Wind & Fire, Commodores, Rufus + Chaka Khan, Heatwave, Rose Royce und Maze. Als kommerzielle Spielarten von Soul und Funk entwickelten sich der Phillysound aus Philadelphia (The Three Degrees und Barry White) und schließlich Disco mit Protagonisten wie Donna Summer und Gloria Gaynor. Im Funk bzw. Mega Funk rückte die rhythmische Komponente noch mehr in den Vordergrund. Zu den großen Bands dieser Epoche gehören Parliament und Funkadelic (beide mit George Clinton), Kool & The Gang, Rufus, War, Graham Central Station, Average White Band, Mandrill, Tower Of Power, Commodores, Ohio Players und Cameo. Da viele Studiomusiker vom Jazz kamen, war die Weiterentwicklung des Soul zum Jazzfunk eine logische Folge: Roy Ayers, Donald Byrd, The Crusaders (mit dem Pianisten Joe Sample), George Duke, Ramsey Lewis, Les McCann oder Grover Washington Jr. sind Vertreter dieser musikalisch vielgestaltigen Gruppe, die all denen, die musikalisch gerne über den Tellerrand schauen, ein weites Spektrum eröffnete.

Funk Patterns

Funk ist weniger ein Stil für Solo-Piano, sondern er wird fast immer im Bandkontext eingesetzt – synkopierte Patterns entfalten ihre Wirkung gegen einen spürbaren Beat. Wobei nicht unbedingt die Devise gilt: je komplexer, desto besser. Nicht selten bieten einfache Viertelnoten-Akkorde, die die Beats markieren, eine wirkungsvollere Grundlage für synkopierte Bass- oder Unisono-Linien als fein gewebte 16tel-Synkopen-Teppiche, siehe R&B Beispiel 4. Die fünf Beispiele stammen aus dem Toontrack EZkeys MIDI Pack Funk. Sie sind in der Notation auf 2 bis 4 Takte verkürzt worden, während sie im Original meistens acht Takte lang sind und mehr Varianten benutzen. In Beispiel 2 sieht man beispielsweise, in wie vielen Variationen die linke Hand die Beats der rechten Hand umspielt. Die in den EZkeys MIDI Packs von Live-Keyboardern eingespielten MIDI-Patterns, Vamps, Riffs und Licks kann man übrigens in einer DAW genau Ton für Ton nachvollziehen und weiterverarbeiten. Der Klang des Electric Grand Piano stammt aus der Toontrack EZkeys-Serie. Die Beispiele können als MP3 von unserer Homepage heruntergeladen werden.

1. Funky Bassline: Hier ist ein Metronom oder ein einfacher Beat hilfreich. Die Stichnoten deuten an, dass einzelne Töne als rhythmische Füllnoten leiser gespielt werden – nur durch die Dynamik fängt der Groove an zu pulsieren und stirbt nicht an mechanischer Sterilität.

2. Funky „Ping Pong“: Die Hände spielen abwechselnd, der Haupt-Groove liegt jedoch eindeutig in der rechten Hand: Er beginnt auf „2u“ und geht in punktierten Achteln (Drei-Sechzehntel-Note) weiter. Die linke Hand fungiert vornehmlich als Timing-Konstante und füllt die Lücken mit kurzen Noten (Ghost-Notes). Wie im ersten Takt angedeutet, sind daher die dynamischen Akzente zu beachten – die linke Hand spielt eine Oktave tiefer als notiert.

3. Funky James 1: Hier stand James Brown Pate. Die linke Hand spielt eine Bassfigur, die sonst der Viersaiter übernehmen würde. Die Akkorde sind mit Blue-Note-Vorhalten angereichert, dazu kommen die obligatorischen chromatischen Annäherungen an den dominierenden Grund-Akkord.

4. Funky James 2: Die über zwei Notenzeilen aufgeteilten Noten sind manchmal schwierig zu lesen. Deswegen empfiehlt es sich im Zweifelsfall, die Notenhälse mit Bleistift zu verlängern und zu Zählzeitblöcken zu überbalken – vgl. gestrichelte Linien in Takt 1.

5. Funky Unisono Riff: Im Motown Soul sowie im Funk spielen Unisono-Bläserlinien eine wichtige Rolle – solch ein Riff ist die Grundidee dieses Vamps.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Hallo,
    ich finde die MP3 Beispiele leider nicht auf der Homepage.
    Könnten Sie mir bitte einen link schicken, vielen Dank.

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