Nord Modular G2 und andere Modular-Synths: Im Sog der Möglichkeiten

Roland Kuit: Laboratory of Patching

Wer mit einem Modular Synthesizer Musik macht, genießt unendliche Freiheiten: Beliebige Synthesizer-Strukturen, Effekte, Audio-Processing, Sounddesign – irgendwie ist mit Modular Synthesizern alles möglich. Voraussetzung ist, man bringt etwas Know-how mit. Das – und vieles mehr – liefert Roland Kuit mit seinem eBook Laboratory of Patching: Illustrated Compendium of Modular Synthesis.

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Zwar bezieht sich das umfangreiche eBook auf den Nord Modular G2, aber es ist grundsätzlich allen Modular-Enthusiasten zu empfehlen. Denn…:

  1. es ist ein wertvoller Schatz an Wissen über Synthesizer, Klangsynthese und Audio-Processing.
  2. die Patches lassen sich mit der G2 Demo Software am Rechner nachvollziehen. Man benötigt also nicht unbedingt den Modular G2.

Patches und kein Ende

Das eBook liegt als HTML- sowie als PDF-Version vor, sodass man über Hyperlinks zu den Inhalten gelangt. Wenn man zum ersten mal die Kapitel überfliegt, ist man regelrecht erschlagen von der großen Anzahl der dargestellten Patches. Es handelt sich dabei oft um aufeinander aufbauende Varianten einer Anwendung, die Roland Kuit ausführlich erklärt und damit das Potenzial bestimmter Module oder Kombinationen erkennen lässt. Alle Patches kann man sozusagen am lebenden Objekt studieren, denn sie lassen sich im Modular-Editor öffnen. Ist der Modular angeschlossen, kann man das Patch sofort ausprobieren, hören, spielen.

 

Arbeiten mit dem G2 Demo

Wer den Modular G2 gerade nicht zur Hand hat, kann auf die kostenlose G2 Demo-Software zurückgreifen. Die Software simuliert mit Ausnahme von ein paar Modulen den Modular G2 im Rechner. Leider läuft die G2 Demo auf dem aktuellen Mac OS nicht mehr. Es gibt jedoch die Möglichkeit, die Windows-Version unter der virtuellen Windows-Umgebung Winebottler auf dem Mac zu installieren.

Winebottler ist mit wenigen Handgriffen auf dem Mac installiert und die G2 Demo läuft nach einmaliger Installation ohne Probleme. Die G2-Demo findet man auf der Clavia Website und auch im Archiv von Roland Kuits eBook.

Spielen kann man die Patches entweder über das Virtual Keyboard des Editors oder man schließt einen MIDI-Controller an. Die simulierte Klangerzeugung der G2 Demo ist nur monofon und hat eine gewisse Latenz. Aber als anschauliches Material und zum Austesten der Patches reicht das völlig aus. Viel wichtiger ist: Man kann die Patches in vollem Umfang nachvollziehen, Änderungen von Parametern und Verkabelung ausprobieren, Variationen und eigene Patches speichern. Selbst die Parameter-Pages und die Morph-Funktion des Modular G2 kann man nutzen.

Die Modular G2 Demo-Software läuft auf aktuellen Mac OS nicht, man kann aber die Windows-Version mithilfe von Winebottler installieren.

Alles Schritt für Schritt

Roland Kuit vermittelt Synthese-Grundlagen für Einsteiger, ermöglicht aber auch den sehr tiefen Einstieg in die Materie. Die Erläuterungen sind kurz und knapp gefasst. Man verliert so nie den Fokus und muss auch kein Elektrotechnik-Studium absolviert haben, um den Beschreibungen folgen zu können.

Außerdem motivieren Roland Kuits Anleitungen, selber die Patches zu erforschen und ihr Potenzial zu entdecken. Hier bleibt nichts graue Theorie, denn immer steht eine musikalische Idee im Vordergrund.

Der Inhalt von Laboratory of Patching ist in zwei Parts unterteilt. In Part I findet man elementare Grundlagen zur Klangsynthese. Modular-Einsteiger lernen hier alles, was man über Frequenzen, Signale und Module wissen muss. In Synthesis II geht’s dann schon um komplexe Synthese-Techniken: Additive Synthese, Sync, VOSIM, Waveshaping-Techniken und Frequenzmodulation. Neben vielen Patching-Beispielen mit eher anschaulichem Charakter bekommt man als fertige Patches die Strukturen der legendären Yamaha FM-Synthesizer DX21 und DX7.

Praxisnahe Tipps & Tricks

Roland Kuit liefert hier nicht nur sehr nützliche praxisnahe Beispiele, die man immer wieder verwenden kann. Er zeigt auch sehr anschaulich, wie man mit nur wenigen Modulen komplexe Klangprozesse steuern kann. Um nur ein Beispiel zu nennen: Ein Frequency Shifter mit Modulation durch einen Random-Pattern-Generator. Das Patch erzeugt einen leicht swingenden House-Beat, den man mit nur zwei Reglern ständig variieren lassen kann – dieser Groove wird niemals langweilig.

Grooves über nur einen Regler variieren: Was hier zunächst als eine simple Bassline per Stepsequenzer erscheint, lässt sich mit nur einem Regler auf musikalische Weise variieren. Je stärker die Phasenmodulation, desto mehr verwandelt sich der LFO zum Filter-Envelope. Das Interessante sind die vielen Zwischenstufen, die immer neue Variationen der Bassline entstehen lassen.

Patches mit Groove – Dance/Techno

Beispiele, die mit der Phasenmodulation eines LFO spielen, finden sich auch in den zahlreichen Patches in den zwei Kapiteln Dance/Techno. Der Modular G2 ist mit eben auch ein absoutes Live-Tool. Und Roland Kuit zeigt in diesen Kapiteln wie man Drum-Machines, Basslines und viele andere Groove-Werkzeuge so baut, dass man sie auf clevere Weise steuern und variieren kann. Einfach genial!

Drum Computer mal anders: Elektronische Percussion bekommt mehr Charakter durch Ringmodulation, und Grooves lassen sich drastisch im Sound variieren.

Diggin’ deeper: Part II

Schon der Inhalt von Part I reicht aus, um sich einen kompletten Winter lang in einer einsamen Blockhütte zu verschanzen (sofern es dort Strom gibt). Wer ganz tief abtauchen will, findet dann im zweiten Teil die Kapitel Oscillators, Filters, Logic II, Patterns & Sequencers, Shapers & Audio und Audio Processing II. Auch hier überraschen viele Patches aufgrund ihrer Kompaktheit. Manche wiederum sind der pure Denksport.

Sehr spannend zu sehen, wie mit nur ein paar Logic-Modulen Waveshaping geht oder Beats subtil variieren können oder wie man aus Multiplexer und Sample Delays Digital Filter baut. Selbst eine zunächst simpel erscheinende Bass-Line erweist sich bei genauerer Betrachtung als äußerst clevere Verschaltung mit sehr effizienten Gestaltungsmöglichkeiten. Hier finden sich viele gute Ideen, die einen sofort musikalisch inspirieren.

Patching needs Dedication

Was Roland Kuit mit Laboratory of Patching abliefert, verdient Aufmerksamkeit und Anerkennung. Das eBook ist ein Must-Have für alle Modular-Enthusiasten, denn neben elementaren Grundlagen für Modular-Einsteiger vermittelt diese Sammlung viel musikalische Inspiration und technisches Know-how im Bereich Klangsynthese und Sounddesign. Mit den zahlreichen Patches bekommt man nicht nur anschauliche Beispiele, sondern Ideen und praktische Lösungen, die man als Patch-Bausteine immer wieder in seinen Projekten einsetzen kann.

 

Bemerkenswert ist immer wieder, wie kompakt und effizient die Patches konstruiert sind. Das lässt erkennen, wie viel Wissen und musikalische Idee hinter diesem eBook stecken. Das Schöne ist: Um daraus zu lernen, muss man selber nicht einmal einen Modular G2 haben, denn man kann die Patches in der G2-Demo-Version auf seinem Rechner nachvollziehen. Und selbstverständlich lassen sich die Erkenntnisse grundsätzlich auch auf andere Modular Systeme übertragen.

 

Wer eine gewisse Neugier und auch die Geduld mitbringt, sich mit den Möglichkeiten auseinandersetzen, die die meisten Patches in sich tragen, wird mit Roland Kuits eBook den Weg in eine neue Welt der Klänge finden.

Roland Kuit am Buchla 200 Modular Synthesizer (Foto: K. Schomaker)

Roland Kuit

Das eBook kann man hier kaufen:

https://webshop.donemus.com/action/front/sheetmusic/13662

Infos über Roland Kuit gibt’s auf seiner Website, die auch zu seinen vielseitigen musikalischen Aktivitäten.

https://soundcloud.com/roland-kuit/sets/laboratory_of_patching

 

http://rolandkuit.com

 

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