Die Abhörsituation — „Ich hör nix!“

Recording-Tricks fürs MIDI-Studio

Es muss ja nicht gleich die perfekte Charthit-verdächtige Mischung, sondern vielleicht einfach nur ein MIDI-Arrangement für den nächsten Gig — wichtig ist, dass man seine Sounds richtig beurteilen kann. Schauen wir uns also an, was zu es beachten gibt, damit an den Ohren das ankommt, was die Synthies hergeben. Ansonsten riskiert man schnell, dass man mit dem selber gebastelten Mega-Sound schon bei der nächsten Bandprobe baden geht.

(Bild: Thomas Berg, Markus Thiel)

Wir Musiker haben unser Instrument und die dazugehörigen Gerätschaften oft gut im Griff, aber mit der Beurteilung eines Mixes oder beim Recorden ist es manchmal wie verhext. Klar: Recording ist eben alles andere als Pillepalle, und teuflische Details machen Autodidakten schnell einen Strich durch die Rechnung. Der Unterschied zum Profi ist, dass dieser über die Jahre diese Striche alle mühsam wieder wegradiert hat und sie proportional zur Lernkurve irgendwann weniger wurden.

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Wir brauchen neben etwas Know-how also dringend Zeit und Erfahrung für gute Sounds. Um engagierten Newbies diese Zeit etwas zu verkürzen, sollen deshalb an dieser Stelle ab sofort Recording-relevante Fakten, Tipps und Tricks zu finden sein – die nebenbei bemerkt selbst bei der Arbeit mit einer Keyboard-Workstation sehr von Nutzen sein können.

Also, los geht’s! Und zwar gleich mit dem wichtigsten Thema, wo gibt: mit der Abhörsituation. Damit sind unsere Monitore gemeint, aber auch deren Position an unserem Arbeitsplatz, die dazugehörige Akustik in unserem Raum sowie wir selbst (mit unseren Ohren) an der Hörposition. Fangen wir mit den Lautsprechern an …

Ohren auf beim Monitorkauf

Ein schöner Klang ist bei Monitoren kein Kaufkriterium. Darum sind typische Hi-Fi-Boxen mit ihren meist übertriebenen Bässen und Höhen keine gute Wahl, weil wir dann von den Mitten zu wenig hören und dann auch lahme Mixe prima klingen. Ob aktiv oder passiv, groß oder klein, geschlossen oder Bass-Reflex – das einzige Kriterium, das beim Kauf für jeden zählen sollte, ist das Ergebnis eines eigenen Hörvergleichs. Dieser ist in einem Verkaufsraum im Musikladen schon mal ein Anhaltspunkt, besser aber, wenn der Test im eigenen „Studio“ gemacht wird, dort eben, wo die Monitore auch benutzt werden.

Für einen Hörvergleich bietet sich eine eigens zusammengestellte CD an, u. a. mit einigen guten Referenz-Mixes, aber auch mit „normalen“ und ein paar ausgewiesen schlechten (selbst verbockten?) Mischungen. Je mehr Details auf Anhieb auffallen – gute oder schlechte –, desto besser. Optimal ist es, wenn perfekte Mixe immer noch rocken (Steely Dan, Daft Punk …).

Wohin mit den klobigen Dingern?

Ebenso wichtig wie die Monitore ist deren Aufstellung im Raum. Es wird allgemein geraten, einen gewissen Boxenabstand zu den Wänden einzuhalten. Die meisten Ratgeber und Fachleute verschweigen aber, dass dies nur bei einem Boxen-Wandabstand von über 2 m guten Gewissens zu empfehlen ist und somit nur für riesige Räume gilt. Für normale Räumlichkeiten hat man einen deutlich besseren Frequenzgang im Bass und unteren Mittenbereich, wenn man die Boxen tatsächlich möglichst nah an der Wand platziert bzw. Boxen mit rückseitiger Bass-Reflex-Öffnung bis auf 5 cm an die Wand rückt. Auf diese Weise werden die Auslöschungen durch die tieffrequenten Reflexionen von der Rückwand im Spektrum nach oben verschoben, wo sie deutlich einfacher durch dünnere Absorber in den Griff zu kriegen sind („Absorber & more“ gibt’s in der nächsten Folge).

Eine Box, die mit der Vorderseite 1 m von der Wand entfernt steht, hat z. B. ein 2/3- Oktav breites Loch um 85 Hz. Um Bass oder Kick abzuschätzen, ist das ganz schön ungünstig. Der Bass wird durch einen minimalen Wandabstand automatisch stärker betont, was bei kleinen Boxen aber eher positiv ist. Aktive Lautsprecher mit Filter-Einstelloptionen können ggf. im Bass angepasst werden.

Schräg statt gerade, dann klappt’s auch mit den Erstreflexionen! (Bild: Thomas Berg, Markus Thiel)

Give me the sweet spot!

Der Abstand der Boxen zueinander sollte grob 1 bis 2 m betragen. Ich persönlich finde 1,7 m super, was geschätzt auch etwa dem Abstand der Nahfeldmonitore auf den Mischpult-Pegelanzeigen vieler Studios entspricht.

Im Raum sollte die einheitlichste Seite ausgesucht werden (links Panoramafenster, rechts Sofaecke = gar nicht gut). Dort wird schließlich die Boxenaufstellung symmetrisch zu den Seitenwänden so genau wie möglich ausgelotet. Dabei sollen die Boxen mit dem eigenen Kopf an der Hörposition ein gleichseitiges Dreieck (drei gleichlange Seiten bzw. 3 × 60° Öffnungswinkel) bilden. Dieses „Stereodreieck“ ist übrigens eine ganz wichtige Voraussetzung dafür, dass stereofone Aufnahmen richtig abgebildet werden und wir die Tiefenstaffelung und Ortung so wahrnehmen, wie sich das der Herr Stereo seinerzeit ausgedacht hat.

Je höher eine Frequenz ist, desto gerichteter wird sie abgestrahlt. Deshalb ist es sinnvoll die Boxen so anzuwinkeln, dass die Hochtöner grade auf die Ohren gerichtet sind, sowohl horizontal als auch vertikal, es sei denn, die Boxen haben zu scharfe Höhen, dann kann man sie auch etwas außen oder oben „vorbeischießen“ lassen. Letzteres kann bei sehr nahen Monitoren (<1 m) ohne Einstelloptionen für die Höhen ratsam sein.

Es ist vorteilhaft, die Boxen leicht schräg von oben oder unten strahlen zu lassen, um störende Reflexionen von der Decke oder Arbeitsfläche zu minimieren. Dafür bieten sich gewinkelte Schaumstoff-Isolations-Pads an, welche außerdem die Monitore vom Untergrund entkoppeln und Körperschall-Brücken zwischen den Lautsprechern vermeiden. Zu weich darf die Unterlage allerdings auch nicht sein, da sonst der Rückstoßeffekt die Impulse dämpft. Bezüglich Entkopplung und Reflexionen ist es zudem ratsam, wenn die Boxen auf einzelnen, stabilen und schweren (z. B. mit Sand gefüllten) Ständern hinter dem Tisch oder Mischpult stehen.

Bei seitlich liegenden Boxen sind die Hochtöner üblicherweise außen, da so auch die Stereobasis etwas größer ist. Je nach Arbeitsplatz kann man aber auch Reflexionen vermeiden, wenn die Hochtöner innen sind. Optimal positioniert sind die Monitore, wenn der Hochtöner oberhalb des Bass-Speakers liegt (bei den meisten 2-Wege-Systemen aufrechte Aufstellung). Besagte Reflexionen, besonders die so genannten Erstreflexionen (innerhalb der ersten 15 ms nach Eintreffen des Direktschalls), welche nach dem Prinzip „Einfallswinkel = Ausfallswinkel“ von den Boxen über einen Umweg zur Hörposition gelangen, sind schlecht, weil sie die Klarheit der Musikwiedergabe torpedieren. Meist lassen sich diese aber neben den obigen Maßnahmen durch gesunden Menschenverstand leicht erkennen und vermeiden (keine Discokugel vor der Box!) bzw. durch einfache Maßnahmen eindämmen (z. B. durch Abdecken der Reflexionsfläche mit Schaumstoff).

So, das Stereodreieck steht, wir sind aber noch lange nicht fertig. In der nächsten Folge kommt der zweite Teil mit ein paar wichtigen Basics der Raumakustik. Bis dahin, viel Bass!


My Home is my Studio Teil 2: Die Abhörsituation — Nachhall, Eigenmoden & more

Was es alles zu beachten gibt, damit an den Ohren das ankommt, was aus der Soundkarte hinten rauskommt …

Nachdem wir im letzten Teil unsere Boxen an die richtige Stelle gerückt und unsere Sinne für das wesentlich geschärft haben, kommt nun eine kleine Vertiefung in die verzwickten Feinheiten und Gemeinheiten der Raumakustik. Hier wird es schon etwas anspruchsvoller, leider lässt sich eine gewisse Einarbeitung in die Thematik aber nicht vermeiden, wenn man aus seiner Abhörsituation das Beste rausholen möchte.

Nachhallzeit 

Die Nachhallzeit ist ein wichtiger Parameter einer Tonregie und entscheidet über Klang und Detailschärfe der Musikwiedergabe. Sie wird in der Einheit „RT60“ angegeben und ist folgendermaßen definiert: die Zeit, die vergeht, bis der Schalldruckpegel nach dem plötzlichen Verstummen der Schallquelle um 60 dB abgenommen hat. Allerdings sind 60 dB mehr, als wir vermutlich messen können, deshalb wird die Abklingzeit bei –10 bis –30 dB gemessen und entsprechend hochgerechnet, denn das Abklingverhalten eines Raumes ist freundlicherweise linear.

Während Aufnahmeräume gerne etwas halliger (und dadurch charakterbehafteter) sein dürfen, ist es besser, wenn die Regie recht trocken ist und dabei im Spektrum homogen nachklingt. Nur so kann die Rauminformation innerhalb der Musik beurteilt werden und wird nicht durch den eigenen Raum über- lagert. Für Studios wird deshalb eine kurze Nachhallzeit von max. 400 ms (bezogen auf 60 dB Pegelabnahme) zwischen etwa 200 Hz und 4 kHz empfohlen. Darunter darf es etwas mehr sein, darüber auch weniger.

Die Messung der Nachhallzeit ist schon etwas „advanced“ für ambitionierte Neueinsteiger, die gute Nachricht ist aber, dass übliche 20m2 große Räume mit normaler Möblierung und nicht zu kahlen Wänden meistens schon in einem brauchbaren Bereich liegen.

Clap your hands!

Durch den „Klatsch-Test“ kann man grob abschätzen, ob störende Flatterechos herum- eiern oder ob der Raum trocken ist. Ggf. kann man relativ einfach die Nachhallzeit verkürzen (Teppiche, Vorhänge, Absorber, Diffusoren). Zu trocken sollte der Raum aber auch nicht sein, also nicht alles mit Noppenschaum zu- kleben, zumal so die oberen Frequenzen überproportional gedämpft werden.

Für alle, die es gerne konkret haben, gibt es auch entsprechende Messsoftware wie die Freeware „Carma 4“ (Mac & PC) oder der „Room EQ Wizard 5“ (PC), mit welcher man der Akustik seines Raumes auf den Grund gehen kann. Das Mess-Prozedere samt Interpretation der Ergebnisse ist leider nichts für Zwischendurch, aber es lohnt sich!

Resonanzen 

Der größte akustische Störenfried, nicht nur im Low-Budget-Homestudio, ist die nicht zu vermeidende stehende Welle zwischen den Wänden bzw. Boden und Decke. Immer wenn der Abstand der Wände einer halben Wellenlänge bzw. Vielfachen davon entspricht, haben wir den Salat. Besonders gleiche Seitenlängen sind fatal. Im Internet findet man Rechner (z. B. www.trikustik.at/fit/rechner-raummoden.php), mit denen man u. a. checken kann, ob die eigenen Raumverhältnisse günstig oder eher irrwitzig sind. Optimal ist es, wenn die Resonanzen gleichmäßig verteilt sind und keine Bündelungen um bestimmte Frequenzen auftreten.

Mit etwas Glück entpuppen sich die eigenen Raumverhältnisse als ideal, und man kann sich über eine fantastische Akustik freu- en. Auslöschungen und Überbetonungen im unteren Frequenzbereich sind jedoch normal. So ist es zumindest nicht schlecht zu wissen, wo einzelne Extreme liegen. Ein großes Loch bei 215 Hz könnte z. B. erklären, warum man bei seinen Mischungen dort „taub“ ist und den Grundtonbereich der Sängerin immer zu dick aufträgt. Diese Eigenmoden sind übrigens so heimtückisch, dass man selbst bei den kaum entfernten Nahfeldmonitoren schon beeindruckende Frequenzlöcher an der Hörposition haben kann.

Löchriger Sound? 

Löcher von 20 dB und mehr sind ohne akustische Maßnahmen nichts Besonderes. Wenn wir zudem noch unser vermutlich nicht mehr ganz taufrisches Gehör mit einbeziehen, dann kann man sich vorstellen, wie übertrieben es ist, bei den Monitoren einem linearen Frequenzgang nachzueifern. Unebenheiten im unteren Frequenzgang kriegt man glücklicherweise durch Bassfallen gut in den Griff. Das Schöne daran ist, dass man dafür nicht viel berechnen muss, sondern es gilt der Grundsatz „Viel hilft viel“.

Eine Bassfalle ist ein einfacher, poröser Absorber (günstige Eigenschaften haben z. B. Rockwool Sonorock oder Isover TP1, in Dampfsperre eingewickelt ist es auch nicht so eklig) mit einer gewissen Dicke, um die langwelligen Bässe ausbremsen zu können (T: 20 cm × B: 60 cm × Raumhöhe für eine Glättung um 80Hz,T:30cmfür60Hz,T:45cmfür40Hz). Bassfallen werden am besten in den Raum- ecken aufgestellt, bei plattenähnlichen Gebilden einfach „quer“ über die Ecke mit dahinter liegender Lücke. Durch ein paar solcher Bassfallen kann man die Akustik des Raumes relativ kostengünstig stark verbessern, indem die Auslöschungen und Überbetonungen der Resonanzen geglättet werden.

Unebenheiten im mittleren Frequenzbereich kommen oft durch Kammfilter direkter Reflexionen von Arbeitsfläche, Decke oder Seitenwänden. Neben speziellem Akustik- Schaumstoff (oft Basotect o. Ä.) eignet sich auch Rockwool Termarock50 als günstige Alternative (sofern man eine Lösung findet, dies schön und vor allem nieselsicher zu verpacken).

Lauter!

An unserer akustischen Wahrnehmung können wir zwar wenig ändern, aber es ist trotzdem gut, ein paar Fakten zu kennen. So wird ein fest definierbarer Schalldruck unterschiedlich wahrgenommen, je nach Frequenzbereich, Bandbreite und Schalldauer.

In der Praxis kann man sich einfach merken, dass bei einer niedrigen Abhörlautstärke tiefe und hohe Frequenzen weniger gut wahrgenommen werden als mittlere Frequenzen. Noch praktischer zu wissen ist es, dass das Gehör bei 80 bis 90 dBspl am linearsten funktioniert. In großen Tonregien (>550 m3) werden deshalb Referenz-Abhörpegel von
85 dB SPL empfohlen.

Wer das in seinem 40-m3-Raum versucht, wird schnell keine Freude mehr an seinen Ohren haben. Hier kann man getrost bis zu 10 dB weniger veranschlagen und nur zwischendurch bei besagter hoher Lautstärke den Mix auf Bass- und Höhenbalance kontrollieren. Einige sehr erfolgreiche Engineers mischen bei sagenhaft niedrigen Abhörlautstärken (ca. 40 bis 50 dBspl). Das schont das Ohr und reicht anscheinend auch für preisgekrönte Mixe.

Wer kein Pegelmessgerät zur Hand hat, kann seinen persönlichen Referenzpegel auch grob so ermitteln: Mit ausgeruhten Ohren einen guten, dynamischen Mix (z. B. Infidelity von Skunk Anansie) einlegen und auf eine angenehme Lautstärke einpegeln, bei der Details gut zu hören sind: Voila! Nun kann man mit einem einfachen Pegelmess-App den durchschnittlichen Pegel an der Hörposition ablesen und sich merken. Wer es schafft, den Großteil seiner Arbeit bei etwa diesem Pegel zu absolvieren und nicht allmählich lauter zu werden, der hat gewonnen.

Ja, dann wünsche ich beim weiteren Optimieren der Abhörsituation viel Bass!

Gehörschutz rockt!

Unsere Ohren sind durch die Evolution nicht auf Wacken oder abgefallene Auspuffrohre vorbereitet. Was viele leider nicht wissen: Alles, was die natürlichen Umweltgeräusche übertönt, ist für die Ohren auf Dauer zu viel. Man kann froh sein, wenn durch die tägliche Dauerbelastung unser Hörvermögen nicht proportional zum Lebensalter abnimmt. Wenn man dann aber noch Musiker ist, sollte man wissen: Einerseits brauchen wir unsere Ohren dringender als beispielsweise ein Installateur, andererseits werden sie überdurchschnittlich belastet.

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Besonders Musiker wissen traditionell bei Zimmerlautstärke wenig mit sich anzufangen, aber ein Feedback im Hörgerät ist definitiv nicht so schön wie bei Jimi Hendrix!

 

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