Transkription:

O Tannenbaum … in der Interpretation von Chilly Gonzales

Er hat es wirklich getan: Der Großmeister des Klaviers, die Entertainment-Legende im Bademantel, hat pünktlich zum Fest eine Sammlung selbstarrangierter Weihnachtsklassiker eingespielt. Unter dem Albumtitel A Very Chilly Christmas ist alles dabei, was die Jahreszeit hergibt: Das reicht von Stille Nacht bis O Tannenbaum, aber auch angloamerikanische Klassiker wie God Rest Ye Merry Gentlemen oder Whams Last Christmas erscheinen im neuen Gewand. Und mit The Banister Bough gibt’s auch eine Eigenkomposition, eingesungen von seiner kanadischen Landsfrau Feist.

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Gonzales’ Musik war schon immer reich an Zitaten, gespickt mit Verweisen und Anspielungen – mal tiefgründig subtil, mal ironisch augenzwinkernd. Stets stellt er musikalische Bezüge zu anderen Künstlern oder Titeln, zu Stilen und Epochen her, die der Hörer kennen und wiedererkennen kann. Nicht aus künstlerischer Eitelkeit, sondern als Mehrwert für den Hörer – für ihn als Entertainer kommt eben das Publikum zuerst. Es ist dessen »kollektives Unterbewusstsein «, in das Gonzales musikalisch vordringen will – dieser Ausdruck kommt dem sonst englisch sprechenden Wahl-Kölner sogar auf Deutsch über die Lippen, und er ergänzt: »Künstler, die sich selbst sehr ernst nehmen, befassen sich mehr mit der Suche nach ihrer eigenen, inneren Musik. Ich tue das auch. Aber ich will sie immer auch mit der Musik verbinden, die die Menschen schon kennen, die schon in ihnen lebt!«

Was wäre da besser geeignet als Weihnachtsmusik? Sie lebt in uns allen, sitz tief und fest im kollektiven Unterbewusstsein. Assoziationen, Erinnerungen; Nostalgie oder auch gemischte Gefühle – all das stellt sich beim Hören der Weihnachtsklassiker automatisch ein. Und mit diesen Emotionen kann Gonzales spielen: Ist Musik für ihn ein großer Haufen buntes Spielzeug, dann sind Weihnachtslieder das schönste Spielzeug überhaupt, das er für sein Publikum herausputzt und neu verpackt.

A Very Chilly Christmas ist eine Wundertüte, ein Füllhorn musikalischer Stile, wobei deutliche Anklänge aus dem Jazz hervortreten: »Es ist vielleicht mein jazzigstes Album – eben weil ich die Musik nicht selbst komponiert habe. Ich habe immer gesagt: Mein kompositorischer Ansatz ist stets klassisch, aber mein Approach als Performer ist immer der Jazz, dieses unbekümmert Lässige; nonchalant und casual! Ich suche nach dieser perfekten Imperfektion.«

Je bekannter, je vertrauter ein Titel im Allgemeinen ist, desto mehr Freiheiten genehmigt sich Gonzales im Arrangement. Standards wie Stille Nacht und Jingle Bells müssen sich auf dem Album weit verbiegen und klingen nun in Moll. Und O Tannenbaum brauchte unbedingt eine mutige Re-Harmonisierung, einen »frischen Look«, findet Gonzales: »Das Stück war wegen seiner melodischen Einfachheit reif für eine jazzige Interpretation – aber auch wegen seines 3/4-Taktes.« Gonzales hatte sofort das Waltz-Feeling von Bill Evans oder Vince Guaraldi im Sinn – sehr jazzy, sehr playful. Andererseits interpretiert er das außerhalb Deutschlands wenig verbreitete Maria durch ein Dornwald ging wie auch das hierzulande kaum bekannte In the bleak Midwinter deutlich behutsamer, näher am Original.

Messy Jazzy auf dem Hyper-Piano

Der »casual approach« des Performers zog sich auch durch die Produktion des Albums: Jeden Morgen am Klavier wagte er sich an neue Weihnachtslieder, aber immer nur wenige Male, in wenigen Durchläufen – auf der Suche nach ihrer Magie und beim Versuch, diese einzufangen und neu zu erzählen. Gonzales plant seine Sessions nicht voraus – er will und muss sich auch selbst überraschen können, muss genug Zeit haben »to mess around«, ohne das Gefühl einer Deadline im Nacken. Als »Artist in the moment« beschreibt sich der Künstler selbst in diesem Prozess.

Das Erfolgsrezept seiner pianistischen Veröffentlichungen fußt auf den erprobten, technischen Konstanten, aus denen der typische Gonzales-Sound resultiert. Wir hören den intimen Klang eines Upright-Pianos – Gonzales’ eigenem Bechstein C – aus nächster Nähe, mikrofoniert mit zwei Schoeps-Mikros. Als Sound-Engineer zeichnet Waldemar Vogel aus dem Kölner Maarwegstudio 2 verantwortlich, dem geneigten Leser durch seine Mixing-Workshops bekannt.

Gonzales vergleicht seine Recording-Philosophie mit einer fotografischen Dokumentation des Pianoklangs: Er will das Instrument so einfangen, wie es im Raum zu hören ist – absolut »close up«. Über Kopfhörer nimmt man tatsächlich Gonzales’ Finger auf den Tasten, ja sogar sein Atmen wahr: Das ist schon eine Art Hyper-Realismus. Auch das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten, wie einem Cello oder mit den Gastsängern Feist und Jarvis Cocker, nimmt Gonzales live und gemeinsam auf, ohne Kopfhörer, sondern mit einem Pre-Mix für den ganzen Raum. Auf diese Art stellt er, wenn er wieder alleine am Bechstein sitzt, sogar das Verhältnis von linker zu rechter Hand bereits im Pre-Mix ein. Und einem zu starkem Kompressor-Einsatz bei Mix bzw. Mastering wirkt er ebenfalls schon bei der Aufnahme entgegen, durch eine dynamisch zurückgenommene Spielweise – Gonzales nennt es »dynamically flat«.

Zum Arrangement von O Tannenbaum

Wenn man die »O Tannenbaum«-Version von Chilly Gonzales spielt, bemerkt man schnell, dass man hier einem musikalischen Kosmopoliten folgt. Gonzales verschmilzt klassische, jazzige und bluesige Elemente zu einer Melange, die sich so organisch anhört, als würden ihre Zutaten schon immer zusammengehören. Dafür hat er in seiner reichhaltigen Arrangier-Fundgrube ausgiebig gekramt.

Zum Rhythmuskonzept

Erst swingig, dann klassisch gerade, auch mal agogisch ritardierend als Kontrast zum swingigen Laidback-Spiel – das ist abwechslungsreich. Das variable Ausnutzen der verschiedenen Oktavlagen wird durch ein dynamisches »Call and Response«-Spiel ergänzt: Das Thema »O Tannenbaum, o Tannenbaum« wird eindringlich und laut vorgestellt, bevor die leisere Auflösung mit der biologischen Falschinformation, dass die Blätter grün seien, den Satz beschließt. Form: Eigentlich besteht das Lied aus einer jeweils viertaktigen »A-A-B-A«-Abfolge. Gonzales startet mit einem Intro, außerdem verlängert er den letzten A-Teil in Takt 24–27 durch einen Einschub der charakteristischen »F-Eb7-D7«-Akkordfolge des Intros. Ähnliches geschieht im Outro ab Takt 40.

Harmonik

Reharmonisation heißt das Zauberwort, das zeigt sich z. B. in den chromatisch abwärts führenden Akkord-Klischeelinien. Aber Gonzales kann auch subtiler: Er installiert eine schlichte aufwärts führende Gegenlinie in den Takten 17–20. Und dann »vergreift« er sich am Allerheiligsten: Ab Takt 32 leitet er die Melodie und die Akkorde in andere Bahnen, bevor er den harmonisch-melodischen Ausflug mit einem chromatischen Abwärtsschritt zu G7 auflöst.

Sind das Tricks und Gimmicks, oder ist das edles Handwerk? Egal, es ist höchst unterhaltsam, und genau um das geht es ja. Übrigens: Der Lauf in Takt 39 ist im Vergleich zur Aufnahme zwecks besserer Spielbarkeit leicht reduziert.

Die Transkription findest du in der Sound&Recoring+Keyboards-Ausgabe 06/2020. Hier versandkostenfrei bestellen oder als PDF kostengünstig herunterladen. 

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