Rhythm Is King, Harmony Is Queen

Jazz-Piano mit Matt Cooper 

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Manchmal sind die Dinge ganz einfach: Man fragt einen der bekanntesten (und besten) Jazz-Funk-Keyboarder, ob er nicht einen Workshop für KEYBOARDS schreiben würde – und voilá, Matt Cooper von Incognito zeigt sich ausgesprochen kooperativ und du kannst exklusiv einen Blick in seine rhythmische und (re-)harmonische Trickkiste werfen:

Hallo, ich bin Matt Cooper, und spiele Keyboards in der Band Incognito. Meine erste Erinnerung an Musik war das Live-Album „Graditude“ von „Earth, Wind and Fire“, das ich als kleines Kind aus dem Musikraum meiner Eltern hörte. Mit 6 Jahren begann ich meine musikalische Ausbildung mit klassischen Klavierstunden und spielte das bekannte Repertoire.

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Neben meinem klassischen Klavierspiel entdeckte ich eine „Liebesbeziehung“ zu den Trommeln. Das Schlagzeug beschäftigte mich sogar mehr als das Piano und faszinierte mich so stark, dass ich meine halben Klavierstunden damit zubrachte, meinem Lehrer den neusten Beat zu zeigen, den ich auf den Trommeln gelernt hatte.

Als ich Fortschritte auf dem Klavier machte, fühlte ich das Bedürfnis die Jazzharmonie zu entdecken, denn ich empfand die Welt der klassischen Harmonie beim Spielen und Komponieren als recht einschränkend, und so hörte ich immer mehr Jazz und jazzverwandte Musik. Mein Hunger nach Jazzharmonien erreichte einen Punkt, an dem ich einmal eine kleine None zu einem sich auflösenden Akkord eines klassischen Klavierstückes hinzufügte, woraufhin mein Lehrer sagte: „Das kannst du nicht tun, du hast eine Note geändert!“

In diesem Moment begriff ich, dass es Zeit für mich war, meinen eigenen Weg zu gehen, und ich brachte mir selbst die Jazzharmonik bei. Mit 17 verließ ich die Schule und begann in der Gegend meiner Heimatstadt London mit einer Reihe verschiedener Instrumentalisten wie Byron Wallen (Trompete), Steve Williamson (Saxophon), Ronny Laws (Saxophon) und der Band D*note zu spielen.

Nachdem ich mich in der Live-Szene etabliert hatte, trat das Platten-Label „Dorado Records“ an mich heran, um meine eigene Band zu produzieren. Diese Band hieß „Outside“, weil die Leute häufig meinten, ich würde außerhalb (outside) der vorgegebenen Harmonie spielen. Ich veröffentlichte fünf Alben mit „Outside“ und bekam dann von „Bluey“, dem Bandleader von Incognito, das Angebot, der Band beizutreten.

Darüber hinaus hatte ich neben meiner eigenen Band und „Incognito“ noch mein eigenes Latin/Dance Projekt, das „das Latin Projekt“ genannt wurde – für einen der Songs bin ich sogar einmal für den Grammy vorgeschlagen worden. Mein bisher ungewöhnliches Erlebnis war eine Welttournee mit David Sylvian (Ex-Japan-Sänger), bei der es zu einer Duett-Performance mit Ryuichi Sakamoto in New York kam.

Rhythm Is King

Mein frühes Training als Schlagzeuger hat mein Keyboardspiel stark beeinflusst. Zwar wird das Piano häufig als Percussion-Instrument betrachtet, aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass ich den rhythmischen Aspekt des Spielens verinnerlicht und weitergeführt habe. Ich kann keine konkreten Beispiele geben, wie man das Spielen eines Schlagzeugs direkt in das Spielen eines Keyboards umsetzen kann.

Einfache traditionelle Snaredrum-Übungen mit der Paradiddle-Aufteilung zwischen der rechten und der linken Hand (LRLLRLRR) auf einem Keyboard zu üben, wäre vielleicht etwas zu rudimentär, denn mit dem Keyboard kann man alle drei Komponenten der Musik bedienen: Rhythmus, Harmonie und Melodie – diese sind alle gleichbedeutend für das endgültige Ergebnis. Es folgen einige Beispiele, wie sich Harmonie und Rhythmus zu den Riffs verknüpfen lassen, die ich häufig einsetze.

Funky Rhythm Comping

Fangen wir mit einem Moll-Vamp an, einem typischen Jazz Funk basierten rhythmischen Puls – sehen Sie sich dazu das Notenbeispiel Rhythm 1 Basic an. Dieser Vamp bleibt auf dem Grundton der Tonart, und wir gehen davon aus, dass der begleitende Bassspieler auch dem Grundton treu bleibt. Nun fügen wir etwas Würze zum Basis-Vamp hinzu – vgl. Notenbeispiel Rhythm 2 Chromatic.

Am Ende des ersten Taktes bin ich einen chromatischen Schritt nach oben zu einem Moll9 – Akkord gegangen, der dieselbe Akkordqualität wie die Tonika hat. Es ist auch ebenso möglich hier andere Akkordtypen einzufügen (wie zum Beispiel einen Major7 oder Major9 ) –, aber in diesem Beispiel habe ich die Moll-Stimmung beibehalten.

Jazzfunk-Piano mit Matt Cooper

In Takt 2 habe ich einen ähnlichen chromatischen Wechsel-Akkord eingefügt, dieses Mal bin ich jedoch einen Halbtonschritt tiefer zu Ab m9 gegangen. Weiter in Takt 4 habe ich am Ende des Vamps die alterierte Dominante E7/#5/#9 hinzugefügt. Dafür hätte man auch jede andere Kombination von verminderten oder erhöhten Quinten und Nonen verwenden können, zum Beispiel E7/#5/b9. Die Dominante ist ein passender Übergang am Ende eines Vamps (sowohl in Takt 4 oder in Takt 8) und führt gut zum Grundton zurück Im dritten Beispiel beinhalten die ersten beiden Takte eine eher diatonische Variation des Vamps – vgl. Notenbeispiel Rhythm 3 Diatonic.

Hier habe ich mich anstelle eines chromatischen Aufstiegs dafür entschieden über einen Bm9 zu Cj9 hochzugehen, um dann im dritten Takt auf die Tonika zurückzukehren. In Takt 4 bin ich ähnlich vorgegangen wie in Takt 2, wo es von der Tonika zu Bm9 geht, aber der Unterschied ist, dass der dritte Akkord ein gleichnamiger Moll-Akkord auf C ist – das erzeugt einen sehr typischen Funk-Jazz-Sound.

In allen drei Beispielen sehen Sie, dass die linke Hand ein starkes Gefühl der „Funkiness“ erzeugt, da es die Leerräume mit wechselnden Oktaven füllt und dabei einen ähnlichen Sound wie ein E-Bassist erzeugt, der die Saiten in wechselnden Oktaven anschlägt, ein oft eingesetztes Merkmal des Jazz-Funk. Dieser Spielstil passt besonders zu Rhodes und Clavinet, da beide sehr dynamisch reagieren.

Morning Sun Das nächste Beispiel zeigt die Melodie des Songs „Morning Sun“, den ich für das Incognito-Album „Who Needs Love“ komponiert habe. Ich habe dieses Beispiel ausgewählt, weil der Haupt-Keyboardpart eine gute Übung ist, um die Kombination und Beziehung zwischen Rhythmus und Harmonie zu verdeutlichen. Das Hauptmotiv wird übrigens mit einem elektrischen Piano-Sample über ein Wah-Wah Pedal gespielt – vgl. Notenbeispiel Morning Sun 1 Basic.

Jazzfunk-Piano mit Matt Cooper

Dieses erste Beispiel ist die einfache Basisversion des Motivs ohne jegliche verzierenden Noten oder Substitutionsakkord. Diese Version würden einige Aufnahme-Produzenten bevorzugen, weil dort keine zusätzlichen bzw. störenden Noten oder Akkorde enthalten sind. Wie auch immer, für meinen Geschmack, ist es ein wenig langweilig und flach. Lassen Sie uns sehen, wie wir es ein wenig anfunken können – vgl. Morning Sun 2 Medium.

Der Hauptunterschied liegt in der Bewegung der linken Hand. Bitte beachten sie, wie die Zwischenschläge einen funkigeren Eindruck erzeugen. Im dritten Beispiel (Morning Sun 3 Complex) habe ich die Dinge ein wenig weitergetrieben und nicht nur einfach Umspielungs- bzw. Füll-Noten in der linken Hand hinzugefügt.

Ich habe mir die Freiheit genommen den Eb9 durch einen A7/#5-Akkord vertreten zu lassen in dem ich lediglich die Grundnote von Eb zu A geändert habe. Die obersten Akkordtöne bleiben gleich, lediglich der Bezug der Töne zur neuen Akkordbasis ändert sich: Die None in Eb (f) wird zur #5 in A. Die Terz (g) und die Septime (des) in Eb werden zur Septime und Terz im Substitutionsakkord A7/#5. Und das alles nur durch die Veränderung einer Note in der linken Hand.

Hier geht es zum zweiten Teil! 

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Mat ist ein super Musiker, habe ihn zuletzt 2018 bei den Leverkusener Jazztagen mit Incognito gesehen, einfach geil! ????

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