Transkription

Federico Albanese: Shadow Land Part 1

Eigentlich ist es ja naheliegend, dass Tastenspieler die Möglichkeiten elektronischer Klangerzeugung nutzen: E-Piano, Keyboard, Synthesizer und Sampler warten ja nur darauf, wachgeküsst zu werden. Layer-Sounds, Splits und Multi-Sounds stehen in den Tasteninstrumenten en masse zur Verfügung, oder sie können per MIDI angesteuert werden, falls − und das ist der Knackpunkt für Akustikpianisten − falls eine entsprechende technisch nutzbare Schnittstelle vorhanden ist.

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Wenn es mit dem Live-Ansteuern von Ergänzungssounds nichts wird, bleibt nur die Möglichkeit, die Audiosignale des Klavieres zu bearbeiten, zu loopen und ggf. zu bearbeiten oder vorbereitetes Material hinzuzufügen. Der Looper ergänzt als Klangspeicher Audiosignale, die live abgegriffen und frisch recycelt per Fußdruck ins Musikgeschehen zurückgeworfen werden. Allerdings kann das Audiomaterial auch bereits vorbereitet sein, um ab einem bestimmten Zeitpunkt gestartet zu werden. Wo früher ein Desktop-Computer − und später ein Laptop − stand, erobert nun das Tablet den Platz auf dem Klavier oder Flügel, um die Audios einfliegen zu lassen. Damit wird der Klavierklang um eine atmosphärische Klangkomponente erweitert.

Schwierig wird es bei rhythmisch sensiblem Material, das eine konstante Synchronisation verlangt und das auf kleine Tempo-Abweichungen allergisch reagiert. Anders liegt der Fall, wenn parallel abgespieltes Material mit atmosphärischen Sounds zusammen erklingt und sich einfadende Flächen und Melodielinien rhythmisch tolerant zeigen. Da blubbert, rauscht, röchelt (Roland D-50 lässt grüßen), klirrt und flittert es, und elegische Streicherlinien stellen die Verbindung zum musikalischen Jenseits her. Genau auf diesem Terrain bewegt sich Federico Albanese mit seinem Song Shadow Land Part 1.

Federicos Einflüsse reichen von Black Music über Folk und elektronische Musik bis hin zur Klassik. 2007 wurde er Teil des Avantgarde-Duos »La Blanche Alchimie« mit der Sängerin Jessica Einaudi (der Tochter von Ludovico Einaudi), mit der er zwei Alben veröffentlichte. 2014 erschien sein Solo-Debütalbum The Houseboat and the Moon, und es wird berichtet, dass er wegen des besonderen Klanges alles mit einem Uher Royal-Deluxe-Tonbandgerät aus dem Jahre 1969 aufnahm.

Die Noten findest du in unserer Keyboards-Ausgabe 01/2018. Hier versandkostenfrei bestellen.

2016 erschien sein Album The Blue Hour, auf dem sich auch der Transkriptionstitel befindet. In diesem Jahr wird sein drittes Album By The Deep Sea erscheinen, das er sicherlich auch in seinem Konzert am 17. April 2018 im Großen Saal der Elbphilharmonie vorstellen wird, bei dem er von einem Streichensemble begleitet wird.

Die Tradition, den Klavierklang zu erweitern, reicht weit zurück, bereits John Cage hatte u. a. mit der Sonata II for prepared Piano in den 50er-Jahren das präparierte Klavier mit mechanischen Erweiterung wie Schrauben, Nägel, Papier u.v.m. eingesetzt. Im New Age eines George Winston in den 80er/90erJahren rückte dagegen die meditative und romantisierende Komponente in den Vordergrund. Ludovico Einaudi hat diese pianistische Tradition weitergeführt und als Filmkomponist auch orchestrale Momente hinzugenommen. In den Songs Night und Twice (CD Elements) arbeitet er mit parallellaufenden Atmo-Audiospuren. Innovativ waren die klanglichen Verfremdungen durch den Einsatz des virtuellen Gitarren-Pre-Amps POD 2.0 von Line 6, mit dessen Hilfe der Jazzpianist Esbjörn Svensson den Klavierklang »verbog«. Die heutigen Protagonisten der Szene wie z. B. Nils Frahm führen als Klavier-Elektroniker und Tasten-Sinfoniker diese Tradition fort.

Diese neue Klaviermusik ist durchaus minimalistisch angelegt: Bestimmte Wendungen werden ostinat wiederholt, harmonische Verwerfungen und Modulation sind verpönt und werden der sphärischen und hypnotischen Wirkung der Klänge untergeordnet. So kommt es letztlich zu einer Gratwanderung zwischen einer im »worst case« belanglos dahinplätschernden Klaviermusik und einer meditativen, hypnotischen Wirkung, die den Hörer in ein erweitertes Klang-Ambiente hineinzieht.

Gestandene Komponisten wie Ludovico Einaudi haben ein feines Gespür für Details entwickelt: Ein melodischer »Haken«, eine harmonische Wendung oder ein bestimmter Klang helfen ihnen, ein allzu vordergründiges, klischeehaftes Kadenz-Einerlei zu vermeiden.

 

Noch ein Hinweis zur Klavierstimmung: Diese liegt im Original um über einen Halbton tiefer − ich habe mich an der Tonart der Live-Version orientiert. Noch ein Tipp: Durch den Einsatz von Sprüngen in die tieferen Register des Diskant könnte die Dynamik des Songs erweitert werden.

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