Space Piano

Vintage Park: Farfisa Professional Piano *1974

Kraftwerks Autobahn war in den 70er-Jahren ein Erweckungserlebnis für die elektronische Popmusik. Zum Einsatz kamen neben diversen Synthesizern wie dem ARP Odyssey, dem Minimoog und dem EMS Synthi A auch das Farfisa Professional Piano, das bei vielen Krautrock-Bands wegen seiner elektronischen Sounds eine beliebte Geheimwaffe war.

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(Bild: Dieter Stork, Jörg Sunderkötter)

Polyfone Klänge, die keine Orgelcharakteristik hatten − tatsächlich gab es Anfang der 70er wenig Alternativen zu elektromechanischen E-Pianos, die (wie etwa das Fender Rhodes) ziemlich schwer sind und sich zudem beim Transport auch verstimmen können. Daher wurde die Markteinführung des Farfisa Professional Pianos von vielen Keyboardern begrüßt. Es kam 1971 heraus, wurde bis 1975 gefertigt und gehört zu den frühen E-Pianos mit elektronischer Klangerzeugung.

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In den USA wurde es für 1.099,− Dollar angeboten. Insbesondere Bands oder Musiker, die nicht unbedingt Wert auf einen naturgetreuen Piano-Sound legten und eher an der Erforschung neuartiger Klanguniversen interessiert waren, begeisterten sich für das Professional Piano, dessen einzige ernsthafte Konkurrenz das RMI Electra Piano war (das schon 1967 vorgestellt wurde). Anderen elektronischen E-Pianos der Frühsiebziger (die meist auch aus Italien kamen) wie etwa dem JEN Pianotone (auch als »VOX Piano« bekannt) oder dem Crumar Compac ist das Farfisa Professional klanglich überlegen und bietet auch mehr Einstellmöglichkeiten.

Krautrock-Piano

Farfisas Professional Piano kam bei der Crème de la Crème der deutschen KrautrockSzene zum Einsatz. Bei Kraftwerk wurde es u. a. bei der Produktion des »Ralf & Florian«-Albums (z. B. bei Tanzmusik) und beim Album Autobahn, dessen Titelsong ein internationaler Hit wurde, verwendet. Die Rhythmusarbeit beim letztgenannten Longplayer übernahmen zwei Drumcomputer, der Farfisa Rhythm Unit 10 und der Vox Percussion King, für die Phaser-Effekte sorgten das Mutron Biphase und der Compact Phasing A.

Can

Eine andere stilprägende Band, die Postrock zu einer Zeit vorwegnahm, als Rock noch gar nicht erwachsen war, ist Can, deren Keyboarder Irmin Schmidt die Grooves von Jaki Liebezeit mit einem gewissen abseitigen Space-Faktor veredelte. Der Stockhausen-Schüler Schmidt benutzte neben der Farfisa Professional Organ auch das Professional Piano und schickte beide Instrumente durch sein nach eigenen Wünschen gestaltetes, legendäres modulares Effekt-Unit Alpha 77. Zu hören sind die Farfisa-Instrumente auf zahllosen Can-Songs wie z. B. Sing Swan Song vom 72er-Album Ege Bamyasi, der übrigens als Basis für Kanye Wests Drunk & Hot Girls diente. Can-Werke wurden öfter von HipHop-Acts benutzt, als man denkt; so ist z. B. Vitamin C, der bekannteste Can-Song dieses Albums u. a. von Acts wie Spank Rock, Kurupt und Pete Nice gesampelt worden.

Berliner Schule

Auch die wichtigsten Vertreter der der elektronischen Musik, die sich in den 70er-Jahren vor allem repetitiven instrumentalen Patterns widmete, benutzten das Professional Piano. Es ist (neben Synths wie dem ARP 2600 und dem Odyssey) beispielsweise auf dem Timewind-Album (1975) von Klaus Schulze im Track Wahnfried zu hören. Tangerine-Dream-Kopf Edgar Froese spielte das Professional Piano ebenfalls. Neben anderen Keyboards wie dem Mellotron und dem VCS 3 wurde es z. B. auf der legendären Tour durch englische Kathedralen und auf dem Album Ricochet verwendet.

Beide Acts hatten einen Endorsement-Deal mit Farfisa und setzen auch Farfisa-Orgeln der Professional-Serie ein. Zum Userkreis des Farfisa-Pianos gehörten außerdem die niederländische Progressive-Rock-Band Ekseption und die Sensational Alex Harvey Band.

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(Bild: Dieter Stork, Jörg Sunderkötter)

Cooles Sixties-Design

Hingucker sind vor allem die farblich interessant gestalteten Kippschalter zur Umregistrierung der Klänge. Ein Leichtgewicht ist das Piano allerdings nicht, denn das in ein Alu-Case integrierte Instrument bringt mehr als 13 kg auf die Waage. Die Tastatur ist nicht anschlagdynamisch, umfasst fünf Oktaven und lässt sich splitten. Für die obere und untere Split-Zone stehen folgende Sounds zur Verfügung: Piano, Honkie Tonkie, Harp, Clavichord, Banjo und Special Effect. Außerdem verfügt jeder der beiden Tastaturbereiche über einen Wahlschalter für drei Hüllkurven-Charakteristika.

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Das Professional-Piano besitzt zwei identisch aufgebaute Klanggruppen, die den Split-Bereichen Bass und Diskant zugeordnet sind. (Bild: Dieter Stork, Jörg Sunderkötter)

Die Klangerzeugung

…des Professional Pianos ist vollpolyfon und basiert auf einer Frequenzteiler-Schaltung, wie sie auch bei den meisten TransistorOrgeln zum Einsatz kommt. Die Farfisa-Ingenieure realisierten die verschiedenen Piano-Klänge mithilfe von Festfiltern und Lautstärke-Hüllkurven.

Das Professional Piano klingt charmant, die Sounds haben allerdings so gut wie keine Ähnlichkeit mit einem Piano. Da nützt auch die Piano-ähnliche Hüllkurve nichts. Der Honky Tonk-Sound ist schön verstimmt, und die Clavichord-Einstellung erzeugt einen durchsetzungsfähigen, Cembalo-artigen Sound. Die Einstellung »Special Effect« hat einen Orgel-ähnlichen Klangcharakter mit deutlicher Bassanhebung in den tiefen Lagen. Am besten und (am Krautrock-artigsten) klingt das Instrument, wenn man mehrere Sounds aktiviert und das Signal durch einen externen Delay-Effekt mit Tape-Echo-Charakteristik schickt. Es gibt mehrere Modellvarianten des Professional Piano. Neben zwei Varianten, die einen unterschiedlichen Split-Punkt des Keyboards aufweisen, existiert noch eine rare, wohnzimmertaugliche Version im Holzfurnier.

Farfisas Professional-Serie ist aber vor allem durch ihre Transistor-Orgeln bekannt geworden. Zu den damals beliebtesten Modellen der Professional-Reihe, die die Compact-Serie ablöste, gehören die PP/222 und die zweimanualige Professional Duo. Zum Userkreis gehörten eine große Zahl unterschiedlicher Acts wie Pulp, Sly & the Family Stone, Sun Ra, Jean Michel Jarre, Neville Brothers, Amon Düül II und Van der Graaf Generator.

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Mit den charakteristischen Kippschaltern, die auch bei der Professional Organ-Serie verbaut wurden, lassen sich u. a. diverse Lautstärke-Hüllkurven aktivieren. (Bild: Dieter Stork, Jörg Sunderkötter)

 

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