Produkt: Keyboards 03/2019
Keyboards 03/2019
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Der Erbe des Trautoniums

Peter Pichler Live am Trautonium

(Bild: Dirk Heilmann)

Eine Stummfilmvorführung, begleitet von Livemusik? Das war vor 100 Jahren Gang und Gäbe, ist heute jedoch eine seltene Gelegenheit, einen Film zu genießen. Umso mehr, wenn es sich bei der Begleitung um ein Trautonium, die Mutter aller Synthesizer, handelt − wie an diesem Abend mit Peter Pichler im Frankfurter Filmmuseum.

Seit Oskar Salas Tod 2002 ist es sehr still geworden um die Kiste mit außerirdisch wirkender »Tastatur« − um genau zu sein, war es eigentlich nie besonders laut um das vor knapp 90 Jahren entwickelte Trautonium.

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Dabei begann seine Geschichte eigentlich vielversprechend: Mit den im Trautonium integrierten Filtern war es erstmals möglich, den Ton selbst in seiner Hüllkurve und in den Obertönen zu variieren, und das sogar während des Spielens. Was heute selbst der billigste Synthesizer bietet, war eine Weltneuheit und schlichtweg zu dieser Zeit (im wahrsten Sinne) unerhört. Trotzdem schaffte es kein einziges Modell bis zur Serienfertigung.



№4 2017

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Am kommerziellen Misserfolg des Instruments waren letztlich mehrere Faktoren beteiligt. Zum einen war selbst das Volkstrautonium, eine abgespeckte Version von Telefunken aus den 30er-Jahren, trotz einer User-freundlichen Ein-Kabel-Konnektivität zum Volksempfänger, zu einem Preis von 400 Mark schlichtweg viel zu kostspielig für Ottonormalverbraucher (zum doppelten Preis gab es schließlich bereits ein Automobil), zum anderen waren sämtliche Kompositionen bis dato (und das hat sich auch bis heute kaum geändert) von Freunden der E-Musik wie Paul Hindemith, Oskar Sala und Harald Genzmer komponiert und aufgrund ihrer komplexen Rhythmik und Harmonik nicht geeignet, um Einsteiger mit dem Instrument vertraut zu machen. Laut Peter Pichler kam zudem noch der erschwerende Umstand hinzu, dass Hindemith in die USA emigrierte und Sala bis zum Schluss ein ziemlicher Eigenbrötler blieb.

Pichler hatte das Glück, Sala noch selber kennenlernen zu dürfen, und ist heute einer der wenigen, die in der Lage sind, dieses exotische Instrument zu spielen, und wohl der weltweit einzige, der zudem das kompositorische Repertoire der alten Trautonienmeister beherrscht und zur Aufführung bringt.

Peter Pichler wurde auf das Trautonium noch während seines Studiums über alte Filmmusik aufmerksam, zu welcher er klanglich kein ihm bekanntes Instrument zuordnen konnte. Nach einiger Recherche erfuhr er schließlich, worum es sich dabei handelte. Ohne selbst ein eigenes Trautonium zu besitzen, geschweige denn, gar spielen zu können, begann er, Musik dafür zu schreiben, was ihm schließlich 1996 eine Privataudienz bei Oskar Sala einbrachte, von der er  sich die Beachtung seiner Kompositionen erhoffte. Sala zeigte allerdings kaum Interesse an seinem Projekt, abgesehen von finanziellen Möglichkeiten, die für ihn dabei herausspringen würden.

Dennoch ließ Pichler sich nicht entmutigen. Er besuchte Sala in seinen letzten Jahren noch häufig, begleitete ihn auf Konzerten und lernte die ersten Schritte auf dem Instrument.

Bis heute hat Pichler sein Spiel in unzähligen Stunden verfeinert und viele klassische Werke eingespielt, von denen es viele bislang nur ausnotiert auf Papier gab. Mit seinem Programm tourt er seit einiger Zeit schon quer durch die Republik. Am heutigen Abend jedoch vertont Pichler mit seiner eigenen Musik den Stummfilm Salomé von 1923.

Das Konzerttrautonium besitzt zwei Manuale, die sogenannten Hilfstasten dienen primär zur Orientierung. Für die Filmvorführung ergänzt Pichler das Trautonium noch um eine dritte Trautoniumschiene von Doepfer, mit der er hauptsächlich Effekte zum Film beisteuert. (Bild: Dirk Heilmann)

Peter, du spielst hier wahrscheinlich nicht auf dem Original von Oskar Sala?

(lacht) Nein, ich spiele auf einem Nachbau von Oskar Salas Konzerttrautonium, welches im Original im Deutschen Museum in München steht. Da ich praktischerweise auch selbst da wohne, war es nicht besonders schwierig, es genau zu vermessen.

Du hast es selbst nachgebaut?

Nein, darum hat sich die Firma Trautoniks von Jürgen Hiller gekümmert. Durch die Restauration einiger dieser seltenen Instrumente hat er sich das Know-how erarbeitet, exakte Kopien der Originale bauen zu können. Inzwischen vertreibt er die Instrumente auch in verschiedenen Modellvarianten. Das Mixturtrautonium stellt dabei immer noch die Meisterklasse dar.

Die bei meinem Modell verwendeten Knöpfe sind im Übrigen eine Spezialanfertigung nach dem Vorbild von Salas Trautonium. Da muss ich immer wieder Überzeugungsarbeit leisten, da Hiller das Instrument als Techniker baut. Für mich als Musiker sind diese Knöpfe aber wirklich essenziell − die fassen sich einfach anders an als Standardknöpfe, und genau so und nicht anders brauche ich das.

Beschreibe uns doch bitte einmal das Funktionsprinzip des Trautoniums.

Das Prinzip ist eigentlich ganz einfach: Wir haben eine Saite und unter der Saite eine Metallschiene. Wenn ich nun die Saite auf die Metallschiene drücke, schließt sich ein Stromkreis und ein Ton entsteht. So kann ich z. B. auch ganz einfach Glissandi machen. Das ist die eigentliche Idee. Dazu kann ich die Dynamik über den Druck auf die Schiene variieren – bei mir funktioniert das am oberen Manual über einen Glyzerintopf, früher gab es das auch mit einem Kohlefaserdruckwiderstand, den benutze ich am unteren Manual.

Bei dem Konzert- oder Mixturtrautonium ist noch ganz wichtig zu erwähnen, dass wir einen Subharmonischen-Generator haben, der es mir ermöglicht, pro Manual noch einmal drei Töne hinzuzuschalten. Das sind quasi die Obertöne, nur gespiegelt, allerdings nicht in gewohnter wohltemperierter Stimmung, weshalb es immer ein bisschen falsch klingt. Genau das ist aber der eigentliche Reiz des Klangs. Wenn man mit anderen Instrumenten zusammenspielt, muss man das etwas vertuschen, durch pizzicato zum Beispiel.  Diese Spannung und die Reibung, das ist wirklich krass.

Die bis zu vier für jedes der Manuale einstellbaren subharmonischen Töne kann ich dann noch mit einem Fußpedal oder in der langsameren Variante per Hand hin und her schalten. Das Fußpedal gebrauche ich bei den klassischen Stücken, da es da um Geschwindigkeit geht. Bei Filmmusik, wo ich mehr Zeit habe, ist es eigentlich mit der Hand bequemer.

Die Obere Sektion erinnert an ein Modularsystem. Was kann man hier alles einstellen?

Für jeden Ton und Unterton kann ich hier einzeln das Filter verändern. Das war das eigentlich neue damals. Außerdem habe ich noch das integrierte Schlagwerk für perkussive Sounds.

Ich muss das alles vorher einstellen, weil es eben analog ist, und dann auch während des Spielens umstellen. Inzwischen bin ich sehr, sehr schnell geworden, und es klappt alles recht flüssig. Für den Film nutze ich trotzdem noch eine Doepferschiene für Effekte und einen Looper, sonst geht das einfach nicht.

 

Während der Filmvorführung erklingt das Trautonium in seinem vollen Klangspektrum, und ich bin überrascht, wie warm und wenig synthetisch besonders die subharmonischen Sounds klingen. Um ehrlich zu sein, ist das Gerät noch heute vielen Synthesizern in puncto Klangtiefe um Lichtjahre voraus, damals sowieso. Der Unterschied zum Doepfer A100-System, welches Pichler gerne ergänzend nutzt, ist mehr als deutlich zu hören. Es klingt im direkten Vergleich um einiges härter und »synthetischer«.

Vor Kurzem hat Pichler mit dem Trautonium eine CD mit eigenen Stücken aufgenommen, die bald erscheinen wird. Auf die Frage, was da genau zu hören sein wird, antwortet er: »Das ist die Musik, die die Jungs von Kraftwerk gehört haben, bevor sie dann ihre eigene produzierten«.

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Keyboards 03/2019
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