Get Real Piano

Online-Piano-Recording in Kanada

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Studiozeit ist Geld! Wenn der perfekte Piano-Take mal wieder auf sich warten lässt, kann man ihn ja schließlich auch einfach noch später in Vancouver aufnehmen. Klingt irre? Vielleicht ein wenig, aber Get Real Piano in Kanada bietet genau das in Kombination mit einem Yamaha Disklavier an.

Alles, was man letztlich für die perfekte Grand-Piano-Aufnahme braucht, ist ein gut in der Produktion sitzender MIDI-Take mit einer virtuellen Piano-Library seiner Wahl − handwerkliches Geschick natürlich vorausgesetzt. Der kanadische Pianist und Recording-Engineer Edwin Dolinski hat sich mit seinem Online-Service »Get Real Piano« genau auf solche Fälle spezialisiert. Mit KEYBOARDS sprach er über die Besonderheit seiner Arbeit, den damit verbundenen Studioworkflow und verriet uns, warum er das Yamaha Disklavier für die Piano-Recording-Variante der Zukunft hält.

Welche Idee steht hinter Get Real Piano?

Als langjähriger Disklavier-Besitzer war ich schon immer von der Idee fasziniert, auch MIDI-Files, die mit anderen Masterkeyboards eingespielt wurden, über das Instrument abspielen zu können. Aber wann immer sich die Gelegenheit bot, dies auszuprobieren, ließ das Ergebnis doch sehr zu wünschen übrig. In den meisten Fällen stimmte die Akzentuierung einer Vielzahl von Tönen einfach nicht, sodass das Ganze am Ende doch sehr künstlich klang. Das Problem ist, dass es sich bei Yamahas Disklavier-Technologie zwar um eine großartige und hochentwickelte Errungenschaft handelt, die aber aus nachvollziehbaren Gründen schlicht und ergreifend nicht für die Wiedergabe »fremder« MIDI-Files optimiert ist und natürlich auch keinerlei native Umwandlungsmöglichkeit bietet.

Ich begann also damit, die Velocity-Werte der problematischen Noten per Hand nach Gehör zu editieren. Mit einiger Übung fand ich heraus, wie ich quasi jedes nur erdenkliche MIDI-File so bearbeiten konnte, dass auf dem Disklavier eine perfekte Performance herauskam. Auch wenn diese Prozedur jede Menge Arbeit erforderte, lohnte sich der Aufwand im Hinblick auf das Ergebnis allemal. Beflügelt von diesen neuen Möglichkeiten entschied ich mich, Get Real Piano zu gründen, um so weltweit Komponisten, Musikern und Produzenten die Möglichkeit zu bieten, ohne viel Aufwand ihre MIDI-Files in eine echte Grand-Piano-Aufnahme zu überführen.


№2/3 2017

  • Editorial
  • Facts & Storys
  • Modular Kolumne
  • Mit Mark Forster auf Tour
  • MANDO DIAO IM INTERVIEW
  • Amy Lives: Xanthoné Blacq
  • Ströme− Eurorack Clubbing
  • MARIO HAMMER & THE LONELY ROBOT
  • Peter Pichler: Bewahrer des Trautoniums
  • NONLINEAR LABS C15
  • AKAI MPC LIVE
  • GIPFELSTÜRMER: NOVATION PEAK
  • Auf Lichtung gesichtet: Bigfoot
  • Gute Vibes im Museum
  • DIE HOHNER-STORY
  • Transkription − Chuck Leavell: Song For Amy
  • Impressum
  • Inserenten, Händler
  • Das Letzte − Kolumne

Worin besteht für dich die größte Herausforderung, wenn du ein MIDI-File für eine Aufnahme vorbereitest?

Die erste Stufe im Umsetzungsprozess besteht eigentlich zunächst immer darin, die beste MIDI-Channel-Lautstärke für die Wiedergabe auf dem Disklavier zu finden. Im Prinzip suche ich erst einmal einen globalen Wert, der mir beim Abspielen auf dem Piano auf der einen Seite die wenigsten Probleme bereitet und auf der anderen Seite die angepeilte Dynamik des Stücks ausreichend beherzigt.

Je nachdem, um was für ein File es sich handelt, kann das in seltenen Fällen schon mal ein bisschen knifflig sein. Einmal bekam ich ein MIDI-File, welches auf einem Keyboard-Controller mit einer extrem exponentiellen Velocity-Kurve eingespielt wurde. Dies endete schließlich in einer Performance, bei der die akzentuierten Noten viel zu laut ausfielen und die weich gespielten deutlich zu leise. Es war eigentlich nicht möglich, beide Enden der dynamischen Skala in ein geeignetes Volumen-Setting zu bekommen. Um das Problem zu lösen, musste ich alle Velocity-Werte über einem Schwellenwert von 96 mit einem Verhältnis von 2:1 komprimieren. Im Anschluss ergänzte ich global jeden einzelnen Ton um einen Wert von 16.

Erst auf dieser Basis konnte ich schließlich mit dem eigentlichen Feintunig beginnen.

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Der Audio-Engineer, Pianist und Keyboarder Edwin Dolinski gründete Get Real Piano mit dem Ziel, Kunden eine möglichst unkomplizierte Möglichkeit zu bieten, die eigene Produktion mit einem echten Grand Piano zu bereichern.

Welche Mikrofonierungstechniken und Mikrofone setzt du bei der Produktion ein?

Das hauptsächliche Stereosignal fange ich direkt über dem Rahmen etwa auf halber Strecke zwischen Saiten und voll geöffneten Deckel ein. Dabei kommt meistens ein Pärchen Neumann KM184 in binauraler Ausrichtung (eins Richtung Bass, eins Richtung Diskant) zum Einsatz. Mit einem dritten Mikro − einem modifizierten Apex 460 Röhrenmikrofon − nehme ich zusätzlich noch die dunkleren Klanganteile unter dem Piano auf, die ich hinterher je nach Bedarf und Geschmack zur Färbung des Gesamtcharakters beimische.

Du hast eine Menge Know-how und Zeit in deine Herangehensweise zur Nutzung des Yamaha Disklaviers investiert. Wie hebt ihr euch mit Get Real Piano von der Konkurrenz ab?

Als wir mit Get Real Piano starteten, recherchierte ich natürlich im Netz auch nach möglichen Mitbewerbern und war wirklich sehr erstaunt, dass es da im Prinzip niemanden gab, der etwas Ähnliches machte wie wir, und das, obwohl es die Disklavier-Technologie ja nun schon bereits seit mehr als 25 Jahren gibt.

Was unseren Service letztlich auszeichnet ist, dass wir wirklich bemüht sind, das bestmögliche Ergebnis für unsere Kunden herauszuholen. Um dies zu erreichen, lassen wir uns neben den reinen MIDI-Daten auch immer eine, meist mit einem Sampling-Piano eingespielte Referenzaufnahme des Tracks mitliefern. Ein MP3-Format reicht da völlig! Das hilft uns während der Produktion enorm, sowohl die gewünschte relative Dynamik als auch die Intentionen des Pianisten in Hinblick auf Akzente oder die Gewichtung einzelner Töne innerhalb eines Voicings besser einschätzen zu können. Falls nötig, passen wir auch noch den Einsatz des Haltepedals speziell auf die Mechanik unseres Flügels an. Da digitale Piano-Libraries in der Regel auch bei unsauberem Pedalspiel durch ein unmittelbares Abschneiden der Töne keine Überlappungen erzeugen, ist dies bei der Übertragung einer MIDI-Performance auf das Disklavier im besonderen Maße zu beachten.

Welche Vorteile bietet die Disklavier-Technologie für das Studio der Zukunft?

Ich denke, dass unser Service schon ein ganz gutes Beispiel dafür bietet, wie diese Technologie zukünftig noch mehr Menschen erreichen kann. Dank des World Wide Web, MIDI und unserer technischen Expertise können progressive Produzenten aktuell auf sehr einfache Art einen echten Yamaha-Flügel in ihre Produktionen einbauen, ohne einen solchen ins eigene Studio schaffen zu müssen. Dies ist definitiv ein komplett neuer Weg, das Thema Pianoaufnahme anzugehen. Die meisten unserer Kunden benutzen während der Produktion zunächst einmal ihre Lieblings-Sample-Library, bevor sie sie schließlich im Mix durch unsere Disklavier-Aufnahme ersetzen.

Piano-Sample-Libraries gibt es jetzt schon seit über 30 Jahren, und auch wenn die Qualität sich ständig weiterentwickelt, gibt es da immer noch so einiges, was dir letztlich nur ein akustisches Klavier bieten kann. Auf einem akustischen Instrument produzierst du eben bei jedem Anschlag eine neue Wellenform, bei der sich all diese sympathischen und harmonischen Resonanzen auf ganz natürliche Weise immer wieder neu entwickeln. Es ist für uns nicht weiter überraschend, dass unsere Kunden selbst hochkarätige Libraries wie Ivory II oder Alicias Keys in der finalen Produktionsphase durch die Aufnahme unseres Disklaviers ersetzen.

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