Respektvolle Tonsprache im Zusammenspiel

Jazz-Pianistin Julia Hülsmann

(Bild: Markus Thiel)

Die Pianistin Julia Hülsmann versteht es auf eine beispiellose Art, ihre unverwechselbar eigene und immer respektvolle Tonsprache im Zusammenspiel mit anderen Musikern zu einer ganz besonderen Entfaltung zu bringen.

Die Musikerin engagiert sich aber auch politisch für den Jazz. 2012 ruft sie zusammen mit anderen Jazzern die Initiative für einen starken Jazz in Deutschland ins Leben und reformiert infolgedessen die seit 1973 existierende Interessenvertretung »Union Deutscher Jazzmusiker« (UDJ).

Anzeige
Anzeige

Wir trafen Julia Hülsmann zusammen mit ihrem Trio im Rahmen der exklusiven Konzertreihe »femaleJazz« im Bürgerhaus Kalk in Köln.

Wie kamst du zum Jazz?

Spät. Das ist am Anfang überhaupt kein Thema bei mir gewesen. Ich hab ganz normalen klassischen Klavierunterricht gehabt. Erst als ich mit ungefähr 15 mit dem Unterricht aufhörte, ging es so richtig los mit dem Spielen. Ich habe mit Leuten aus der Schule eine Band gegründet, das war eher so Richtung Pop, vielleicht sogar so ein bisschen Fusion. Und dann wollte ich irgendwann in dem Bereich doch noch mal einen Lehrer haben. Meine Mutter hatte aber zunächst trotz intensiver Suche niemanden gefunden. Durch Zufall bin ich dann bei der Musikschule in Bonn Graurheindorf gelandet − bei einem Jazzlehrer. Ich dachte, naja, geh ich mal gucken. Der Lehrer, ein älterer Herr, war einfach super. Der hat lauter Sachen für mich rausgehört. Mir war damals gar nicht klar, wie gut das war, wie toll ich da gelernt hab. Sehr ganzheitlich. (lacht)


№2/3 2017

  • Editorial
  • Facts & Storys
  • Modular Kolumne
  • Mit Mark Forster auf Tour
  • MANDO DIAO IM INTERVIEW
  • Amy Lives: Xanthoné Blacq
  • Ströme− Eurorack Clubbing
  • MARIO HAMMER & THE LONELY ROBOT
  • Peter Pichler: Bewahrer des Trautoniums
  • NONLINEAR LABS C15
  • AKAI MPC LIVE
  • GIPFELSTÜRMER: NOVATION PEAK
  • Auf Lichtung gesichtet: Bigfoot
  • Gute Vibes im Museum
  • DIE HOHNER-STORY
  • Transkription − Chuck Leavell: Song For Amy
  • Impressum
  • Inserenten, Händler
  • Das Letzte − Kolumne

Das heißt, es ging ab da auch viel über das Gehör …

Letzten Endes habe ich auch über die Ohren gelernt, weil er tatsächlich Soli von unterschiedlichen Leuten für mich rausgehört hat − nicht nur Pianisten, das waren auch Trompeten-Soli. Alles eher so im alten Stil: Louis Armstrong und so ein Kram, Erol Garner − halt echte Swing-Klassiker, die ich dann zu den Aufnahmen gespielt habe. Zum Lernen war das genial, nur halt nicht besonders modern. Dazu hat er auch Sachen für mich rausgeschrieben, das war ziemlich geil! Mein damaliger Freund war Gitarrist, und er hat auch für uns zusammen Sachen rausgehört − zum Beispiel Django Reinhard, und wir haben dann im Duett Zeug gespielt. Also, das war wirklich toll.

Hat dich das nachhaltig geprägt?

Jein. Also irgendwie schon. Mein Lehrer hatte mir eigentlich immer gesagt: »Mach das bloß nicht als Beruf, weil es viel zu stressig ist! Und da auf ’nen grünen Zweig zu kommen, das geht gar nicht!« Der war allerdings auch ein bisschen in der Stilistik hängen geblieben.

Toll war auch, dass er mir irgendwann so eine Mix-Kassette gegeben hatte, und da war Bill Evans drauf − das hat schon sehr mein Interesse geweckt. In dieser Richtung habe ich mir dann die ersten Jazz-Platten gekauft − bis dahin war das eigentlich bei mir immer eher Zeug von The Who und ähnlichen Bands.

Als ich das erste Mal eine Platte von dir gehört hab − das war Scattering Poems mit Rebekka Bakken −, fand ich es auf Anhieb großartig, wie lyrisch und feinfühlig sich dein Pianospiel mit der Stimme ergänzt. Du hast einen bemerkenswert eigenen sensiblen Stil.

Das wird immer so gesagt. Man selber weiß es ja immer nicht so. Ich mach halt das, was ich für richtig halte, das, was ich mag. Wenn man jetzt wie in diesem Fall Gedichte vertont, muss man auch versuchen, diese Stimmung wiederzugeben. Und wenn man eine Sängerin wie Rebekka hat, ist es wichtig, dass diese Stimme zur Geltung kommt, dass das getragen wird. Es braucht halt ein bisschen Platz. Dieses Zuballern ist einfach nicht meins, war nie meins. Und ich brauch auch keine virtuosen Kaskaden, nur um der Virtuosität wegen. Das muss für mich irgendwie musikalisch sinnvoll sein. Wenn es dann diese Energie hat und überschäumt und man loslegt, das ist natürlich auch geil. Aber mich zieht’s häufiger in die andere Richtung.

 Ich finde, dir gelingt da eine sehr feine Gratwanderung, die man selten bei Pianisten findet: Raum geben zu können, ohne dabei gleich zum reinen Begleiter zu werden.

Schön, das freut mich!

Die weiteren Mitglieder des Julia Hülsmann Trios: Marc Muelbauer (Bass) und Heinrich Köbberling (Schlagzeug) (Bild: Markus Thiel)

Du hast dich zuletzt auch sehr intensiv mit Weill beschäftigt?

Das ist ja schon wieder durch. Wir haben gerade vor zwei Wochen die neue CD mit dem Trio aufgenommen, die dann nächsten März erscheint. Also sind wir wieder zurück sozusagen. Weill ist aber ein wichtiges Thema gewesen. So ein bisschen war das auch initiiert durch das »Kurt Weill Fest« in Dessau. Das Programm entstand aus einem Projekt, wo es um Kurt Weill in Amerika gehen sollte.

Was hat dich an Weill so gereizt?

Weill war ein ganz vielseitiger Komponist. Man kennt ihn vor allem in der Brecht-Kombination. In der amerikanischen Phase hat er unheimlich viel Musical-Sachen geschrieben, und das ist zwischendurch auch so ’ne Gebrauchsmusik, hat aber immer mal wieder ein paar interessante Ecken und Kanten drin. Und ich habe für diese Platte Material gefunden, das nie aufgetaucht ist − »Unsung Weill« wurde das genannt. Es sind einfach Stücke, die aus Musicals rausgeschmissen wurden. Da sind ein paar total geniale Stücke bei, und es ist schön, dass es die jetzt mal aufgenommen gibt.

Das fand ich auch wirklich spannend, denn beim Namen Weill stürzt man sich ja gemeinhin doch eher auf die Klassiker. Wie sieht es nun aktuell aus? Geht es erstmal mit dem Trio weiter?

Die letzten zwei Jahre waren wir unfassbar viel unterwegs. Vor allem international − das ist auf einmal so explodiert: letztes Jahr Amerika, noch mal Amerika, Kanada, China, dann waren wir in Peru, und dieses Jahr hatten wir eine Tour durch Zentralasien. Das ist schon ’ne verrückte Zeit gewesen. Das letzte halbe Jahr war dann ein bisschen ruhiger, und das ist auch gut so. Das brauchten wir natürlich auch. Neben dem Trio haben wir aber auch ein paar Quartett-Konzerte mit Theo in New York gemacht. Und nebenbei ist da »on the road« ein Programm gewachsen, bei dem irgendwann klar war, dass wir dieses Material mal aufnehmen müssen. Das fand Manfred Eicher auch.

Das Trio ist für mich auch so eine Basis. Ich mag es gern, die Leute um mich zu haben, mit denen ich mich gut verstehe, die wissen, wie wir miteinander arbeiten können. Das hat eine Stärke, wenn man sich so lange kennt. Auf der anderen Seite muss man aber auch aufpassen, dass man nicht immer die gleichen Knöpfe drückt, immer das Gleiche spielt, dass man wach bleibt und nach neuen Ideen sucht.

Wie lang spielt ihr in der Besetzung zusammen?

Seit 2002 − Heinrich, Marc und ich − davor war’s noch ein anderer Schlagzeuger. Also, wir sind schon so ein paar Jährchen dabei. (lacht) Und es wächst und macht weiter Spaß. Am Anfang war es so, dass ich eigentlich alles gemacht hab, und irgendwann − mit ECM, sprich ab 2008 ungefähr − fing es an, dass die Kollegen auch Stücke mit reingebracht haben. Und das find ich total gut, weil das so ’ne andere Sprache ist, da kommen ein paar andere Welten mit rein.

Und das ist eben auch wichtig. Und du hast auch einen Preis bekommen, bzw. du bekommst ihn noch!

Am 25. Oktober krieg ich den »SWR Jazz Preis«. Ja, das ist tierisch! Ich will jetzt nicht den anderen Preisen unrecht tun, und ich bin jetzt nicht jemand, der viele Preise bekommen hat, was ja auch gar nicht schlimm ist. Aber das ist ein gut dotierter − das hilft richtig. Wir sind ja alle freischaffend − da muss man halt gucken. Wenn dann Geld reinkommt und damit klar ist, ok, jetzt kann ich nochmal ein bisschen anders planen in der nächsten Zeit, das find ich echt super!

Was bedeutet das Klavier für dich?

Tja. Das ist das Instrument, auf dem ich mich ausdrücken kann, was ich auch irgendwie meine zu verstehen. Im Gegensatz zu Gitarren oder so. Ich schreib jetzt auch grad Arrangements für Gitarre, und das ist für mich immer wie ein Rätsel, wie dieses Instrument funktioniert. Und beim Klavier ist es so schön einfach. Da gibt’s eine Taste, da drückt man drauf, und dann kommt ein Ton raus.

Eigentlich gibt es nur eine Sache, die ich beim akustischen Klavier schade finde, dass man den Ton, sobald er einmal gespielt ist, nicht mehr gestalten kann. Also, wenn er gespielt ist, ist er gespielt. Das ist halt ein großer Unterschied.

Das ist ein klares Manko, wenn man es so will …

Ja, genau. Dementsprechend muss man sich genau überlegen, wie man ihn spielt. (lacht)

(Bild: Markus Thiel)

Dann hat sich für dich auch nie die Frage nach einem anderen Instrument gestellt?

Lustigerweise üüüberhaupt nicht − ich hab noch mal Querflöte angefangen, aber das war mehr deswegen, weil ich Flöte halt schon mal gespielt hab … Da wusste ich, das ist nicht so ganz furchtbar schwierig, da kann ich anknüpfen …

In der Hochschule hab ich Schlagzeug gespielt, das fand ich schon auch noch spannend, aber das hab ich auch nicht weiter verfolgt.

Wo geht’s ab hier für dich hin?

Habt ihr schon Pläne? Ich habe viele Pläne. Also ich habe gerade eben noch ’ne Mail mit möglichen Tourdaten bekommen, und das sieht nicht schlecht aus. Ich bin mal gespannt. Ich habe eine tolle Bookerin, die habe ich erst seit ein paar Jahren, und die macht eine super Arbeit. Ich bin mal gespannt, wie das nächste Jahr wird.

Also, das heißt, da sind wir erst mal schön auf Tour, und dann wird man sehen. Ich hab ganz viele Projekte, mit denen ich spiele: ein Duo mit der norwegischen Sängerin Torun Eriksen, das ist etwas, was mir sehr viel Spaß macht, wo ich bestimmt noch mehr machen werde.

Außerdem habe ich da noch ein Projekt, was auch ganz spannend ist, initiiert vom »Women in Jazz«- Festival in Halle: das Julia Hülsmann Oktett. Ich weiß, ein ganz langweiliger Name, aber es macht wahnsinnig viel Spaß. Ursprünglich war das eine Auftragsarbeit. Für diese habe ich mir dann drei Sängerinnen aus verschiedenen Kulturrichtungen geschnappt, eine norwegische − Live Maria Roggen, eine aus Serbien − Jelena Kuljić und die afrikanische Sängerin Aline Frazão, die unter anderem auch portugiesisch singt. Dann habe ich noch eine Geigerin, eine Cellistin, eine Schlagzeugerin − Eva Klesse, Eva Kruse am Bass und natürlich ich.

Für das Programm habe ich auch neue Sachen geschrieben, aber vor allem Lieblingslieder von mir rausgesucht, die sind halt ganz anders. Das sind eher Songs − von Alanis Morissette, Ani Difranco oder Archive. Und das läuft ganz gut. Das ist ein lustiger Haufen − so ’n Frauenhaufen. Es ist sehr dynamisch und macht riesig viel Spaß. Ist ein bisschen anders als das, was ich sonst mache, viel Song-lastiger und grooviger. Das find ich auch ganz schön.

Das ist das Anknüpfen an meine alten Fusion-Zeiten, weil ich ja eigentlich so ’ne Fusion-Tante war, die ja auch alles an Keyboards vom DX7 bis zum D-50 hatte − hab ich auch immer noch − und mein Rhodes neben der hinzugekommenen Nord-Fraktion.

Das ist jetzt bei ECM gerade nicht aktuell, heißt aber nicht, dass ich das nicht mitbringen dürfte, ist halt zurzeit kein Thema. Aber kann definitiv wieder eins werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: