Kleine Geschichte der elektronischen Musik

Geschwister des Minimoog

Noch’n Gerücht: Analog = Minimoog. Logisch: Rund 12.000 Stück davon hat Moog zwischen 1970 und 1981 gebaut; die ersten 300 waren so stimmstabil wie ein heiserer Fußballfan. Das legte sich mit der Zeit, der Sound aber blieb griffig, fett wie Sau und sickig wie Elbschlamm.

Sprichwörtlich wussten Gitarristen von nun an, wo der Hammer hängt! Der Jazzpianist und Keyboarder Jan Hammer (Mahavishnu Orchestra) zeigte, wie man mit einem Minimoog extrem ausdrucksstarke Solos spielt.
Sprichwörtlich wussten Gitarristen von nun an, wo der Hammer hängt! Der Jazzpianist und Keyboarder Jan Hammer (Mahavishnu Orchestra) zeigte, wie man mit einem Minimoog extrem ausdrucksstarke Solos spielt.

>> Vintage Synthesizer <<

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Und tatsächlich nutzten Musik-Heroen wie Jan Hammer oder Manfred Mann die Gunst der Stunde, uns Kollegen mit dem offenen Mund zu zeigen, wie wir in den kommenden Jahrzehnten mit Monosynths spielen sollten: eine Hand an den Modulationsrädern, die andere mindestens an Filter-Cutoff, Attack und Resonance, und die dritte auf der Tastatur, um Läufe daherperlen zu lassen, die selbst Al Di Meola die Verzweiflung ins Gesicht trieb (obwohl diese Story eher Klaus Schulze und seinen Sequenzern nachgesagt wird).

Aber schon Pink Floyds Shine On You Crazy Diamond ist geprägt von einem EMS Synthi AKS, auf Band gebannt 1975 (!). Mancher bekommt bei den ersten Takten der Platte noch heute eine Gänsehaut wie unsere Eltern bei einer Callas-Arie; über Jahre gab es kaum einen Doku-Film über Ölkatastrophen, der ohne diese Musik auskam − wie nur wenig später, ab 1976, kein Astronomie-Feature ohne Jean Michel Jarres Oxygène.

Sequential Circuits Pro-One: Das Bedienfeld-Design des Kompaktsynthesizers weist gewisse Ähnlichkeiten zu Moogs Kompakten auf.
Sequential Circuits Pro-One: Das Bedienfeld-Design des Kompaktsynthesizers weist gewisse Ähnlichkeiten zu Moogs Kompakten auf.

Und noch jemand fand irgendwann in den frühen 1970ern, dass in Sachen Minimoog noch was geht, und schenkte der Welt ein Synthesizer-ExpanderModul, SEM: Das leider in einer Art KrankenhausBeige gehaltene, monofone, aber überaus sahnig klingende Kistchen sollte dem Mini eigentlich nur als eine Art Sidekick dienen, schrieb aber auf ganz anderem Wege Geschichte: Irgendwann schraubte sein Schöpfer Tom Oberheim nämlich mehrere davon zusammen − Polyfonie!!!

Ebenfalls schon länger im Rennen: A.R. Pearlmans ARP 2600. Das Ding galt vielen damals als eine Art Minimoog mit Hornbrille: mehr Skills, allerdings nicht ganz so massiv und breitbeinig. Den typischen, etwas reibenden und zuweilen wolkig-sentimentalen Klangcharakter dieses Instruments kann man zum Beispiel auf Wolfgang Riechmanns Album Wunderbar erfassen (dessen Release er leider nicht mehr erlebte − Riechmann wurde wenige Tage vorher beim Zigarettenholen überfallen); eine gehörige Portion ARP kann man sich aber durchaus auch bei Genesis abholen: Tony Banks war ein bekennender heavy User.

Und natürlich bei Kraftwerk, die ausgesprochen massiv auf Zapps und Blips aus Minimoog und ARP setzten und damit die Musikwelt kurz anhielten, um sie darauf umso schneller weiter drehen zu lassen.

1 Als »kleiner« Minimoog konnte der Multimoog mit einigen Features punkten: Seine Tastatur bietet eine Aftertouch-Funktion (Pressure) für z. B. Oszillator-Sync oder Filter Frequenz ...
Als “kleiner” Minimoog konnte der Multimoog mit einigen Features punkten: Seine Tastatur bietet eine Aftertouch-Funktion (Pressure) für z. B. Oszillator-Sync oder Filter Frequenz …

Kleine Synthis müssen her!

Aber es gibt natürlich noch einige weitere Synthesizer, die dem Kompaktkonzept des Minimoog folgen sollten. Ebenfalls aus dem Hause Moog kamen die kleineren Modelle Micromoog und Multimoog. Noch kompakter, aber natürlich auch ein wenig abgespeckt waren diese Synthesizer, wobei der Micro mit nur einem Oszillator und kleinerer Tastatur auskommen musste. Der Multimoog, im gleichen schwarzweißen Understatement-Design übrigens, hat wiederum eine Oktave mehr sowie zwei Oszillatoren zu bieten und war einer der ersten erschwinglichen Synthesizer mit Aftertouch (!).

... und au- ßerdem stufenlos einstellbare Wellenformen.
… und außerdem stufenlos einstellbare Wellenformen.

Alles eine Frage der Kontrolle

Synthesizer des deutschen Herstellers PPG würden die meisten sicher spontan im digitalen Lager einordnen, anfangs aber baute Wolfgang Palm analoge Synthesizer. So z. B. das Modell 1002 − ein extrem seltenes Gerät, das einige Besonderheiten zur Klanggestaltung aufweist − beispielsweise die stufenlose Überblendung der Oszillatorwellenform von Dreieck auf Sägezahn. Der Synth ist aber auch ein Beispiel dafür, dass Controller wie etwa die zwei Handräder des Minimoog oder der Ribbon-Controller bei Micro- und Multimoog keine Selbstverständlichkeit waren. Ein als Schieberegler ausgeführter “Octave Bender” ist doch etwas unhandlich. Aber das traf auch für viele andere Geräte zu − wenn überhaupt Controller an Bord waren. So etwa bei den oben genannten ARP 2600 oder EMS VCS 3 − praktisch zwar die Ausführung als Expander mit externer Tastatur, aber für Rockmusiker haben die Teile sicher eher spröden Charme. Als externe Tastaturen bot EMS damals verschiedene Varianten an − das Synthi DK.2 und eine schicke Folientastatur, ähnlich dem Synthi AKS.

Synthesizer-Pionier Jean Micheal Jarre z. B. hat daher einen extra Controller an seinen ARP 2600 schrauben lassen, mit dem er die Cutoff-Frequenz des Filters steuern kann. Bei seinen Live-Konzerten bringt damit die dynamische Ausdruckskraft dieses Synthesizers zum Vorschein − und Konzerthallen zum Beben.

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