DJ und Produzent

Japanischer DJ und Produzent Fumiya Tanaka im Interview

Wer ein One-Way Ticket ans andere Ende der Welt kauft, entscheidet sich in der Regel dafür Freunde, Familie und das eigene Heim hinter sich zu lassen, um am Ziel noch einmal ganz von vorne zu beginnen. Der japanische DJ und Produzent Fumiya Tanaka hat im Jahr 2009 der Karriere und der Heimat den Rücken gekehrt und ist vom Land der untergehenden Sonne nach Berlin gezogen, um ein neues Kapitel zu beginnen.

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Anfang der 90er-Jahre war Fumiya noch einer der vielen Tänzer im Nachtleben Osakas, seiner Heimatstadt und der Ort mit den damals weltweit höchsten Lebenshaltungskosten. Die „Küche Japans“ wird die Stadt genannt, und genau hier startet Fumiya Tanaka seine eigene Party-Reihe unter dem Namen „Chaos“, welche er seither hostet, dorthin befreundete Gast-DJs aus aller Welt zu sich einlädt und die Undergound-House-Szene Japans mit gestaltet.

Heute gilt Fumiya nicht nur als feste Techno-Größe im eigenen Heimatland, seine Produktionen werden weltweit gespielt und spannen eine Bandbreite zwischen brachialem Loop-Techno und deep groovendem  House.

Rund 15 Jahre nach dem ersten Release auf dem eigenen Label und einem seither konstantem Strom aus Veröffentlichungen und Gigs fasste Fumiya den Entschluss, Japan zu verlassen, um nach Berlin zu ziehen. Wir trafen Fumiya kurz vor seinem Gastspiel bei der rheinrhythmik-Party im Kölner Gewölbe, um mit ihm über sein Leben in Deutschland, Perlon und vor allem über Musikproduktion zu sprechen.

Fumiya, was hat dich dazu bewogen, nach Berlin zu ziehen und Japan vorerst den Rücken zu kehren?

Es war absolut keine leichte Entscheidung, denn ich hatte mein Leben in Japan, Familie und Freunde und meine Partyreihen, die über die Zeit immer größer wurden. In Japan waren die Gegebenheiten für mich jedoch völlig andere. In Osaka hatte ich auch ein Studio. Allerdings befand es sich in meiner Wohnung, besser gesagt, in einem kleinen Raum mit einem total simplen Setup. Die Decke war niedrig und die Wände sehr dünn, was es wirklich schwer machte, dort zu arbeiten. Die schwere Entscheidung habe ich trotz der schwierigen Sound-Situation in Japan nicht gleich treffen können. Was mich mehr dazu bewogen hat, war vor allem die Einladung meiner deutschen Freunde, welche ich im Laufe der Jahre kennengelernt hatte und die mich um 2005/2006 zum Auflegen eingeladen hatten. 2009 habe ich mich dann endgültig dazu entschlossen, nachdem ich die Stadt einige Male kennenlernen durfte, nach Berlin zu gehen. Dennoch habe ich bis heute nicht all meinen Kram und mein Studio-Equipment nach Berlin verlagert, wodurch ich aber auch die Möglichkeit hatte, mir hier ein neues Studio mit teilweise anderem Equipment aufzubauen.

Erzähl uns von deinem Studio in der Heimat.

Ich musste dort mit einer schlechten Akustik zurechtkommen, welche zudem von ständigen Vibration der Großstadt untermalt wurde.  Als ich dann 1996 nach Tokio gezogen bin, kamen zudem noch die Probleme mit meinen Nachbarn hinzu … Ich bin insgesamt fünfmal umgezogen, jedes Mal mit der Hoffnung, keine Probleme mit den neunen Nachbarn zu bekommen. Aber leider musste ich feststellen, dass die Menschen nachts leider nicht allzu gern laute Musik hören wollen. Eines Tages habe ich dann probiert, mit Kopfhörern zu arbeiten, was es für mich persönlich wirklich schwer machte, den Sound zu verstehen, was sich letzten Endes negativ auf meine Kreativität und Konzentration auswirkte. So habe ich sehr mit der dortigen Studio-Situation und dem dadurch hervorgebrachten Gefühl kämpfen müssen.

Dennoch war der ganze Hick-Hack mit meinen Nachbarn auch eine lustige und teils strange Erfahrung, was mich Mental auf jeden Fall gestärkt hat. Ich war gezwungen, mit der dortigen Situation zu arbeiten und mich stetig weiterzuentwickeln. In Städten wie Tokio oder Osaka sind die Mieten extrem hoch, wodurch man als unbekannter Musiker und Künstler gezwungen wird, einen Zweit- oder sogar Dritt-Job zu bestreiten, sofern man zu seiner Wohnung noch ein separates Studio haben möchte. Doch dafür hatte ich keine Zeit und nicht die Muße, denn ich wollte in erster Linie Musik machen. Es war zu der Zeit immer mein größter Traum, eine Wohnung und ein separates Studio zu besitzen – das war in Japan tatsächlich fast unmöglich.

Wie kam es dazu, dass du dich nun als Teil der Perlon-Familie sehen darfst?

Als ich Zip (Thomas Franzmann, einer der drei Perlon-Gründer) das erste Mal in Tokio sah, war ich direkt beeindruckt – sowohl von ihm als Produzent und vor allem als DJ. Im Jahr 2004 habe ich ihn dann zu meiner eigenen Veranstaltung eingeladen. Wir haben uns gleich super verstanden, und so hat sich unser Verhältnis langsam zu einer richtigen Freundschaft entwickelt. Ein wenig später habe ich dann Ricardo Villalobos kennengelernt und zu uns geholt, es war sein allererster Besuch in Japan als DJ. Wir haben uns auch direkt verstanden und gegenseitig einige Tracks ausgetauscht. Zip hat mich dann 2005 wiederum zu seiner Party in die Panorama Bar eingeladen, und kurze Zeit später habe ich dann auf Perlons Superlongevity-Compilation einen Track veröffentlicht. Seitdem habe ich Thomas mindestens einmal pro Jahr nach Japan gebucht.


Wie genau sieht dein momentanes Studio-Setup aus?

Ich habe eine Menge analoge Maschinen, einen „Ghost“-Mixer von Soundcraft und zudem ein altes Studer-Mischpult (169),  Luzy-Monitore von Martion und ein paar alte Tannoy-Boxen, welche ich zum Gegenchecken nutze. Mein Setup habe ich vor etwa einem Jahr noch mal neu geordnet und ein paar Sachen aussortiert. Ich habe einen ARP Odyssey aus dem Jahr 1972, einen Roland SH-101, Juno-106, eine MC-202, eine customized TR-808, TR-606, Korg EMX-1 und eine ERM Multiclock zum syncen der einzelnen Geräte; als DAW nutze ich Logic Pro.

Am liebsten würde ich jeden Tag einfach im Studio verbringen, allerdings ist das nicht immer mit meinem Leben vereinbar, denn mittlerweile habe ich eine Familie mit Frau und Kind, mit denen ich selbstverständlich auch sehr gerne meine Zeit verbringe. Hinzu kommt noch das Auflegen und die damit verbundenen Reisen an Wochenenden, was extrem viel Zeit in Anspruch nimmt. Wenn ich allerdings am Wochenende spiele, schaffe ich es meist nur einmal die Woche darauf, ins Studio zu gehen, denn es ist für mich total wichtig, einen freien Kopf, einen frischen Geist zu haben und erholt zu sein. Dabei hilft mir die Zeit mit meiner Familie sehr. Außerdem benötigen die einzelnen Gigs auch eine Menge an Vorbereitungszeit für die Musik, die ich spielen möchte. Aktuell ist das eher meine wöchentliche Routine.

Inspiriert dich Hardware, oder ist sie nur ein Werkzeug für dich?

Manchmal gibt mir meine Hardware die nötige Inspiration im Studio, wenn ich an meinen Geräten rumschraube, besonders wenn ich mir neue Geräte zulege.  Außerdem versuche ich auch, stets die Energie meines Umzugs in eine völlig andere Kultur in meine Musik einfließen zu lassen. Da ich nicht so viel Zeit habe, um Musik zu machen, ist es für mich besonders wichtig, direkt Musik mit dem bestmöglichen Ergebnis machen zu können, was aber nur mit dem für einem selbst „perfekten“ Setup möglich ist. Ich suche nicht oft nach neuen Geräten – ich versuche eher herauszufinden, welche Geräte am besten zu mir passen, versuche, diese besser kennenzulernen.

Wie gestaltet sich dein Workflow, wenn du Musik machst? Gehst du oftmals zu Projekten zurück, oder machst du einen Track am Tag?

Nun, dass kommt immer ganz drauf an, was für eine Art Track es ist und was für Ideen mir in den Sinn kommen. Das eigentliche Musizieren ist für mich der wichtigste Part bei der Arbeit im Studio. Egal wie der Track für mich in dem Moment klingt, ich versuche immer, am Ende des Tages eine komplette Session aufzunehmen. Es ist wichtig, sich die Tracks am nächsten Tag mit frischen Ohren anzuhören! So kann ich, wenn mir das Stück gefällt, neue Ideen einbringen oder sie weiter ausarbeiten. Manchmal ist das aber gar nicht mehr nötig – manchmal sind die Aufnahmen super so, wie sie sind. Wenn ich dann im Nachhinein wirklich was editieren muss, mache ich das natürlich. Aber das Wichtigste für mich ist es, die Idee, die in dem Moment des Musizieren entsteht, live einzufangen und festzuhalten.

Was sind deine Hauptgeräte? Gibt es einige Go-To-Synthies, die du gerne für gewisse Sounds nutzt? 

Es kommt immer ganz auf den Sound-Bereich an, den ich in dem Moment beim Produzieren benötige. Beispielsweise nutze ich den Minimoog aus den 70ern oftmals für Basslines oder auch den Roland SH 101 Synthesizer. Für die Bassdrums liebe ich die Jomox MBASE und manchmal die TR-909. Es ist schwer zu sagen, was meine Hauptgeräte wirklich sind, meistens beziehe ich einen Sound von einem Gerät und versuche nicht, alles mit einem Instrument zu erledigen. So kann ich mich besser auf die einzelnen Sounds und die gesamte Mischung konzentrieren.

Gibt es nach diesem Prozess einen separaten Mixdown, und was ist deine Philosophie beim Mischen?

Vor langer Zeit hatte ich einen Vertrag mit einem Major-Record-Label, dort konnte ich natürlich super viel mitnehmen und lernen. Von 1995-99 war ich bei Sony Music in Japan unter Vertag, von 2000-2003 bei Warner Music Japan. Dort hatte ich die Möglichkeit, in riesigen und absolut professionellen Studios mit professionellen Toningenieuren meine Zeit zu verbringen, wobei ich wirklich eine ganze Menge in Sachen Mixdown lernen konnte. Allerdings versuche ich stets, den Sound direkt gut abzumischen, dass heißt, ich mache den Mix direkt, denn ich mag es einfach nicht, etwas aufzunehmen, was ich im Nachhinein noch bearbeiten muss. Dabei verliere ich meist die Balance zwischen Musik und Sounddesign. Ich meine, die Menschen hören Techno-Musik, weil Sie Frequenzen genießen, und diese sollten gut klingen. Letzten Endes war es für mich als Künstler wichtig herauszufinden, wie mein eigener Sound klingen soll. Ich denke, dass ist wichtig als Musiker, denn es gibt nahezu unendlich viele Möglichkeiten, Sounds klingen zu lassen, und da hat jeder nun mal seine eigene Herangehensweise oder besser gesagt, im besten Falle seinen eigenen Geschmack. Ich fühle bi nicht zufrieden, wenn ich Musik mache, die nicht so klingt, wie ich es persönlich für richtig halte – ich muss die Musik fühlen.

Techno und House können extrem hohe Energie enthalten. Hörst du sehr laut ab im Studio, um den Club zu simulieren?

Wenn ich eine Session starte, fange ich natürlich etwas lauter an, um es zu „fühlen“. Es ist wichtig, immer mal eine Pause einzulegen und sich nicht im Sound festzufahren, denn die Konzentration wird doch relativ stark beansprucht. Wann? Das kommt immer ganz drauf an, in welcher Verfassung ich mich befinde und was ich in dem Moment kreiere. Ganz am Ende einer Session, wenn ich dann aufnehme, fahre ich die Lautstärke ziemlich hoch. Außerdem höre ich mir die Tracks auf verschiedenen Sound-Systemen außerhalb des Studios an. In meiner Wohnung stehen zwei Tascam VL-X5-Lautsprecher und ein paar von John Blue Audio, und natürlich teste ich die Tracks am Wochenende in den Clubs, wo ich spiele, und manchmal auch im Auto.

Finden deine Tracks ihren Weg, oder produzierst du deine Musik spezifisch auf Anfrage von Labels und gestaltest dementsprechend den Sound?

Grundsätzlich teile ich meine Musik niemals mit zu vielen Leuten, nur ein paar wenigen Freunden zeige ich neue Sachen, wie zum Beispiel meinen Perlon-Jungs. Mit denen kann ich selbstverständlich gut über Musik sprechen, und ich weiß, dass ich da ein ehrliches Feedback erhalte. Trotzdem bin ich auch ein wenig schüchtern, meine Musik zu präsentieren – ich weiß nicht warum, aber oftmals bin ich selbst nicht zu 100 % überzeugt. Beispielsweise war es bei der Perlon Superlongevity-Compilation so, dass ich Zip zuvor einige meiner Tracks gegeben hatte und er sich dann einen Track ausgesucht hat. Insgesamt spreche ich eigentlich nicht viel über meine Musik, denn für mich zählt mehr der hidden part bei der Musik, welche Gefühle und Emotionen in jedem auslösen kann. Mir ist es also wichtiger, die Musik selbst zu fühlen, statt drüber zu sprechen … das Wichtigste für mich ist es aber, im Club live zu spielen.

 Vielen Dank für das Interview!

www.fumiyatanaka.com

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