Quelle des Klanges

Ein Besuch bei C. Bechstein, Berlin

Das Piano ist eines der ältesten Tasteninstrumente und zugleich das wohl beliebteste »Keyboard« aller Zeiten − in den Musikgeschäften ist es einer der wichtigsten Umsatzträger.

Aber egal ob digitaler Hochglanz für daheim, als Stagepiano beim Club-Gig oder Kompaktlösung für kleines Budget: Irgendwie sehen die Instrumente alle gleich aus … und oberflächlich betrachtet klingen sie alle mehr oder weniger gleich: nach Piano halt. Worauf also kommt es beim Klavier eigentlich an? Was erwarten wir, wenn wir ein Digitalpiano spielen?

Um der Frage auf den Grund zu gehen, begibt man sich am besten zur Quelle − zum akustischen Instrument. Schließlich ist dieses bezüglich der Klangerzeugung und des Spielgefühls das Vorbild unzähliger digitaler Varianten. Wir haben dafür die Firma C. Bechstein besucht, die als Traditionsunternehmen mit Hauptsitz in Berlin höchstes Ansehen genießt, sowohl im Konzertbetrieb als auch bei privaten Klavier- und Musikliebhabern. Insbesondere auch ihre Offenheit neuen Technologien gegenüber machte C. Bechstein für uns interessant.

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Es ist allerdings nicht so, dass man neben Uprights und Flügeln nun auch Digitalpianos herstellen würde, um im elektronischen Marktsegment präsent zu sein. Im Gegenteil: Bechstein konzentriere sich mit Hingabe und Leidenschaft auf die Herstellung und Weiterentwicklung hochwertiger akustischer Instrumente, versichert mir CEO Karl Schulze bei meinem Besuch im Berliner Bechstein Centrum in der Kantstraße. Bei der Mitentwicklung der neuen Celviano-Modelle begab man sich in die Zusammenarbeit mit einem Elektronikhersteller, dessen Name für preiswerteste Massenware steht: Casio. Der Kontrast zwischen den beiden Welten − Akustik und Elektronik − könnte also nicht deutlicher ausfallen.

»Wir können sogar froh darüber sein«, bestätigt Karl Schulze, »dass es so eine große Auswahl an Digitalpianos gibt, denn darüber verspüren wir ja letztendlich den Zulauf an neuen Kunden, denen das Digitalpiano überhaupt den Weg zum Klavierspielen geebnet hat. Auch wenn mich die schlechte Qualität so mancher Exemplare immer wieder erschreckt, bin ich mir doch sicher, dass die Qualität der digitalen Instrumente grundsätzlich immer weiter steigen wird, wobei sich das Digitalpiano in bestimmten Aspekten dem Original immer weiter annähert.«

Präzision und Perfektion

Die Verbesserungen in kleineren Zeitabständen erscheinen marginal, bezogen aber auf die gesamte Entwicklung des Digitalpianos hat sich in den letzten 20 Jahren eine Menge getan, und das betrifft nicht nur die Reproduktion des Klavierklangs, sondern sehr gewonnen haben auch die Qualität der Tastaturen und die spielerische Umsetzung. Etwas, das für das akustische Instrument ebenso zutrifft, denn auch hier wird stets optimiert − selbst wenn man hier auf eine über Jahrhunderte währende Entwicklungszeit zurückblickt, in der das Instrument auf ein höchstes Maß an Präzision und Perfektion gebracht wurde. »Man kann, wenn man ständig dranbleibt, immer noch Kleinigkeiten verbessern. Wir verwenden jedes Jahr einen großen Aufwand allein für die Weiterentwicklung, auch wenn es letztendlich nur um Nuancen geht.«

Dabei muss es gar nicht mal ausschließlich um den Klang an sich gehen, sondern auch darum, neue Materialien oder andere Spannungsverhältnisse der akustischen Anlage auszuprobieren oder die Instrumente weniger empfindlich hinsichtlich Schwankungen von Temperatur und Luftfeuchtigkeit zu machen. »Dem sind natürliche Grenzen gesetzt, denn letztendlich darf man nicht vergessen: Wir arbeiten mit Holz, Filz, Metall. Es sind Materialien, die über eine Dekade, manchmal auch über ein Jahr kleine Veränderungen aufzeigen, die man einfach nicht stillhalten kann.«

Die Optimierungen sind ein langwieriger Prozess, denn die große Schwierigkeit dabei ist, dass jegliche Änderung von Konstruktion und Materialien Einfluss auf die Klangeigenschaften hat. »Das beginnt bereits bei Hilfsmaterial wie Leim und Lacken«, erklärt Karl Schulze weiter. »Die Fertigung eines C-Flügels dauert ca. 18 Monate, wobei die meiste Zeit aber für die Ruhezeiten benötigt wird, damit das gezwängte Material sich an die neue Form gewöhnen kann. Das betrifft besonders den Resonanzboden und den Steg.«

Tradition und Zeitgeist. Spricht man mit den Experten über die Materialeigenschaften, kommt man vom Hundertsten ins Tausendste. Es geht um winzige Klangnuancen, die Konzertpianisten die gewünschten Ausdrucksmöglichkeiten vermitteln können. So werden an die Materialien und Konstruktion höchste Ansprüche gestellt. Schulze: »Wenn man überlegt, dass an so einem Flügel über den Daumen 18 Tonnen Spannung drauf sind, und dass die Überhöhung am Steg auf 3 bis 4 mm hoch gehen kann, bekommt man einen Eindruck davon, welchen Kräften die Konstruktion standhalten muss. Trotzdem soll das Material arbeiten können, und darin liegt die Schwierigkeit: Es soll natürlich auch stabil sein. Und die klangliche Abstrahlung soll so viel bringen, dass ich beim feinsten Pianissimo die Tragfähigkeit und die Facetten des Tones hören kann, dann aber beim Fortissimo sagen kann, dass der Flügel vielleicht dominanter als Partner zu einem Orchester klingt, ohne dabei aber zu schreiend metallisch zu wirken.«

Das anzustrebende Ideal ändert sich dabei ständig, schon durch den Zeitgeist. So ist heute bei vielen Orchestern der Kammerton deutlich nach oben geschraubt. »Idealerweise ist ein Instrument auf Kammerton 440 Hz gestimmt«, erklärt Karl Schulze, »und darauf ist auch die Konstruktion ausgelegt. Jetzt gehen wir heute schon bis teilweise 445 Hz hoch, und das heißt, eigentlich wird der Ton nicht mehr in seiner Fülle betrachtet, sondern in seiner Ausdruckskraft.«

Eine interessante Aussage, denn als Digitalpianist ist man sich nicht beim Einstellen des Tunings nicht bewusst, welche Tragweite dies in der akustischen Welt hat. Solche Veränderungen resultieren in neuen Entwicklungen des Instruments hinsichtlich Konstruktion und Material.

Klangerlebnis akustisches Piano

Während ich das Gespräch fortsetze mit Roland Arndt, den Leiter des C. Bechstein Centrum, sowie dem Konzerttechniker Torben Garlin, stelle ich fest, dass ich mich in einer völlig anderen Erfahrungswelt befinde. Während man bei Digitalpianos über Ausstattungsdetails spricht wie Hammermechanik, Simulation von Saitenresonanzen und dergleichen, wäre es hier sinnfrei, denn all diese Dinge sind in der akustischen Welt nun mal gegeben. Indessen geht’s hier um Emotionalität und Ausdruck. Damit soll nicht gemeint sein, dass eine Darbietung an einem Digitalpiano etwa emotionslos wäre! Es geht dabei vor allem um die variationsreichen Möglichkeiten, wie der Klang überhaupt entsteht. Der alles entscheidende Unterschied liegt hier: Während Pianisten den akustischen Klang durch die Anschlagtechnik vielfältig formen, kann ein Digitalpiano nur eine Momentaufnahme dessen wiedergeben. Daran ändert auch die inzwischen weit fortgeschrittene Multisampling-Technik mit vielfachen Velocity-Layern nichts.

Roland Arndt verdeutlicht diesen Vorgang des Spielens und Erlebens des Klanges: »Das zunächst Wichtigste ist ja, wie einen der Klang eines Instruments berührt. Man hört ja nicht nur die Töne, sondern das, was der Spieler mit in die Töne hineinbringt und zusammen mit dem Instrument als Klang und Klangerlebnis schafft. Damit berührt er zunächst sich selber und − in der Konzertform − die Zuhörer. Es geht um das, was wir in möglichst großer Dichte aufbauen an diesem Klangerlebnis.«

Torben Garlin ergänzt: »Dieses Erlebnis ist letztendlich das Ergebnis aus der Konstruktion und der Klangvorstellung, die man in einem Instrument verwirklicht haben möchte. Und da gibt es die unterschiedlichsten Ansätze. Auch wenn man oberflächlich betrachtet manchmal ein 30.000-Euro-Klavier kaum von einem Einsteiger-Klavier für eben nur 3.000 Euro unterschieden kann, hört und spürt man den Unterschied sofort, sobald man die Instrumente anspielt.« Arndt erinnert hier an das Emotionale des Klangs. »Selbst wenn ein Laie vielleicht nicht die feinen Unterschiede hört, kann er wohl aber die Qualität eines Klanges in seiner Fülle und Wärme spüren.«

Seele und Klang

Nicht ohne Grund sprechen viele Musiker von der Seele ihres Instruments, zu welchem sie über die Zeit eine innige Beziehung aufbauen und darin immer wieder neue Ausdrucksmöglichkeiten entdecken. Mit welcher Spieltechnik man welche Klangvorstellungen aus dem Instrument herausholen will und kann, hängt sehr von der Intonation ab. In der akustischen Welt ein hochkomplexer Prozess, bei dem wir uns der Seele des Klanges nähern. Für Konzerttechniker Torben Garlin ist diese in der Summe aus bautechnischen Materialen zu finden. »Man hat zunächst eine Vorstellung von den Differenzierungsmöglichkeiten zwischen pianissimo und fortissimo. Dann hat man eine kategorische Vorstellung, ob man einen warmen oder eher schlanken oder einen obertonreichen oder stimmenartigen Klang haben möchte. Dann verfeinert man weiter, wie der Klang in seinen Bereichen grundsätzlich aufgebaut sein soll und wie man ihn dynamisch zu entwickeln gedenkt. All dies fließt in die Intonation ein, wobei sämtliche Erwägungen wiederum sehr von den Merkmalen des vorhandenen Instruments abhängen.«

Sounddesign vs. Unikat

In der digitalen Welt ist uns dieser Begriff Sounddesign bestens geläufig, er steht für Klanggestaltung im weitesten Sinne und findet Anwendung in Post-Production beim Film über das Produktdesign (auch das Schließen einer Autotür klingt nicht zufällig so, wie es klingt) bis hin zur Preset- Programmierung in Digitalpianos und Software-Instrumenten. Übertragen auf den Klavierbau ist es wiederum anders. Wie entsteht der Klang? Sehr vereinfacht dargestellt wird über eine Tastenwippe ein Hammer beschleunigt, der dann gegen eine Saite knallt, welche dann schwingt. Natürlich ist das Ganze viel, viel komplexer, man darf sich vor Augen führen, dass nur die Tastaturmechanik aus mehr als 8.000 Einzelteilen besteht. »Dann kommt es sehr darauf an, wie sämtliche Komponenten zusammenspielen«, fährt Garlin fort. »Es kommt auf die Beschaffenheit der Gusseisens an, die Mensur, also in welchem Verhältnis ist die Saitenlänge zur Spannung und wo trifft der Hammer auf die Saite, Material und Konstruktion von Steg und Resonanzboden − alles fließt in den Klang ein.«

Na prima, alles Dinge, die ich auch mit meinem Modarrt Pianoteq im Audiorechner nachempfinden kann, denke ich laut. Torben Garlin macht mich in diesem Zusammenhang aber auf eine weitere Eigenschaft der akustischen Flügel aufmerksam: »Ich finde es erstaunlich, was man in Computern simulieren und konstruieren kann, das geht aber nicht mit einem Flügel. Denn dort weiß man tatsächlich erst dann, woran man ist, wenn das fertige Instrument vor einem steht. Jedes Instrument ist für sich ein Unikat, das sein ganz eigenes Potenzial hinsichtlich der Möglichkeiten zur Klanggestaltung mitbringt. Wir sprechen hier über Nuancen, aber selbst baugleiche Flügel können unterschiedlich klingen.«

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Steg und Duplex-Scale: Der Steg bringt die Saitenschwingung auf den Resonanzboden. Rechts oberhalb befindet sich die Duplex-Scale. (Bild: Jörg Sunderkötter)

Die Intonation eines Flügels ist eine Kunst

… und erfordert neben Erfahrung im Klavierbau die Fähigkeit, zu erkennen, welche klangliche Möglichkeiten das Instrument von sich aus mitbringt. Als Konzerttechniker bei C. Bechstein ist Torben Garlin darauf spezialisiert, gemeinsam mit Künstlern den Klang und die Spieleigenschaften des Instruments zu erarbeiten. Dabei sind eine Menge Details zu berücksichtigen − Eigenschaften, von denen wir einige in einem Digitalpiano als Audiokonserve genießen dürfen, denn einer Sampling-Session für ein Digitalpiano geht eine sorgfältige Intonation des Instruments voraus. Einige Klangdetails lassen sich mit Sampling-Technik nur sehr aufwendig nachempfinden, einige gar nicht − so etwa das »Nachfassen« von Tönen, wobei Flageolet-Klänge möglich sind. Ganz zu schweigen von Obertonspielereien durch manuelles Dämpfen der Saiten. Aber auch das Formen des Tons über die Anschlagtechnik − damit beginnt eine Piano-Performance erst zu leben − das alles ist am Digitalpiano unmöglich. Mit den auf universellen Spieleinsatz optimierten Sampling-Sounds kann man sich dem lediglich nähern − vorausgesetzt, man hat diese Spieltechniken einmal an einem akustischen Instrument erlernt.

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(Bild: Jörg Sunderkötter)

Digitale Artikulation

Je aufwendiger das Sampling, desto perfekter gelingt die Illusion, ein echtes akustisches Instrument zu spielen. Dieser Aufwand reicht sogar bis zur detailverliebten Reproduktion der mechanischen Geräusche: Das Sirren beim Abheben der Dämpfer, das Zurückfallen der Hämmer − »Key-On/ Off-Noise«, »Damper-Noise«, so die Bezeichnungen der Parameter. Handelt es sich für den Klaviertechniker um weniger erwünschte Nebengeräusche, ist es für Digitalpianisten eine durchaus authentizitätsfördernde Bereicherung der Simulation.

Ebenso ist das Zusammenspiel leer schwingender Saiten ein wichtiges Ausdrucksmittel − wir lieben es, mit spacigen Flügelsounds im Pedal so richtig wegzufliegen, aber hier wirken auch sehr subtile Zusammenhänge, die Akkorde und selbst einzelne Melodietöne zu einem Gesamtklang verbinden. Bei Digitalpianos nennt sich dies »Sympathetic Resonance«, die auch ganz ohne Haltepedal funktioniert und das Mitschwingen von harmonischen Obertönen beschreibt.

Beim Thema Resonanzen spielt auch die Duplex-Scale eine Rolle. Es handelt sich dabei um die kurzen Saitenabschnitte oberhalb des Stegs. Sie schwingen leer und reichern das Obertonspektrum an. Zu hören ist die Auswirkung meistens in der kurzen Nachschwingzeit bei scharf akzentuierten kurzen Tönen, was wenige Digital-, zumeist Software-Pianos innerhalb eines Release-Samples berücksichtigen.

Eine absolute Ausnahme bei den digitalen Instrumenten ist die Berücksichtigung des Una-Corda-Pedals. Beim Flügel wird mit diesem Pedal die Tastatur mechanisch ein paar Millimeter seitlich verschoben, sodass die Hämmer nur noch zwei Saiten anschlagen − eine Saite schwingt dabei leer mit. Beim Spielen im Una Corda ändert sich der Sound des Instruments. Er wird nicht dumpf − so wie es viele Digitalpianos simulieren − er besitzt weniger Energie und klingt vielleicht ein wenig ausgedünnt, aber auch das dynamische Verhalten ändert sich. Man kann im Una Corda sehr schöne Brillanz herausarbeiten.

Bislang unterstützen vorwiegend Software-Instrumente die Una-Corda-Funktion, der Piano-Sound in Korgs Top-Workstation kann den Mehraufwand an Samples bewerkstelligen, da Streamingtechnik per Solid-State-Disk (SSD) die Basis für die Sampling-Instrumente ist. Diese Ansätze zeigen, dass sich die digitale Reproduktion immer weiter entwickelt − sogar das virtuelle Intonieren geht schon. Während man bei Modartt Pianoteq oder dem Roland V-Piano per Physical Modeling auf viele tonformende Faktoren Einfluss nehmen kann, verbindet Kawai eine innovative wie effektive Kombination aus Sampling mit aufwendiger Filtertechnik. Man darf gespannt sein, welche Innovationen uns in den nächsten Jahren überraschen werden.

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Na endlich kommt “Keyboards” auf den Trichter, dass es auch akustische Instrumente gibt. Diese wurden jahrzehntelang links liegengelassen. Stattdessen wurden Klangerzeuger vorgestellt, die die Welt nicht braucht, und die das durch ihre eingebaute Obsoleszenz zum Ausdruck brachten.

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