Das Letzte

Die letzte Raummode am Nordpol

»Tatsächlich, Kollegen! Definitiv Originalrezeptur! Der von uns gerade leergeplünderte Kasten Coca-Cola aus der scheiß Antiquitätenecke da hinten stammt wirklich noch aus den 20ern – Da sieht man mal, wie lange unser Boss im Geschäft ist. Ich bin jedenfalls prall und stramm wie 100 kolumbianische Wikinger. Hahahar!!«, röhrte Rudolphs dunkle Stimme in maskuliner Befindlichkeit seinen beiden ebenfalls behörnten Kollegen hinter ihm zu. Donner und Blitz in ihren schwarzen Bomberjacken brauchten drei Sekunden Ewigkeit, um den Witz ihres Vorgesetzten neurologisch zu verhaften, lachten und zuckten dann zeitgleich in entgleister Zustimmung polternd drauflos und schnaubten wolkenweise testosterongeschwängerten Atemdunst in eine offensichtlich verdammt rau beginnende Nordpolnacht am oberen Ende der Welt.

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Heute machte die üble Rentiertruppe – unter den unentwegt pumpenden Schornsteinen der patriarchalen Spielzeugmanufaktur des mürrischen alten Mannes mit dem sonderbaren Triebtäterbart im Gesicht – die härteste Clubtür unter dem rußverhangenen Polarlicht. Die Zeiten waren tough seit Alibaba und Amazon sowohl die Marzipan- und Persipan-Manufaktur inklusive sämtlicher Vertriebswege übernommen hatten. »Heaven is paved with Gold, but it has to come from somewhere …«, summte irgendwoher eine Liedzeile durch Rudolphs hartgesottenen, aber musikversierten Türsteherschädel. Er besann sich, konzentrierte sich wieder auf seinen Job und – ganz Karateka, der er war – spannte schlagartig alle Muskeln des Oberkörpers an, um so seine metallicrote Bomberjacke einmal laut aufknallen zu lassen. Er liebte es, wenn jemand in seiner Nähe dann zuckte.

Von innen schlugen nun die ersten tiefen Bässe des darken Intros seines neuen Lieblings-Techno-Mixes EXILDSCNT #1812 durch die Wände nach außen. Auf der anderen Seite, im Innern des Gebäudes, brachte eine dieser Druckwellen eine sauber in Reih und Glied aufgehangene Armee von klebrigen Zuckerstangen zum entrückt-exaltierten Tanzen. Eine eher schlecht und zu trocken gelagerte Nürnberger Printe hatte nicht so viel Glück. Als eine behäbige Raummode genau ihre Eigenresonanzfrequenz traf, zerbröselte sie überfordert gleich zu dunklem Paniermehl.

Die raubeinigen Rentierbouncer draußen an der Tür bekamen von diesen stimmungsvollen Details gar nichts mit. Sie waren weisungsgebunden und zur bedingungslosen Autorität beauftragt. Und die ersten Gäste sammelten sich bereits in der Schlange vor der Tür. Donner schaute herunter zu der kleinen, um Einlass begehrenden, albern bemützten Kreatur vor sich. Er drehte sein gewaltiges Geweih in bedeutungsvoller Zeitlupenhaftigkeit zur Seite, wobei er den prüfenden Blick auf den winzigen Gast weit unter ihm keine Sekunde losließ. Mit ganzer aeroben Lungenkraft spuckte er dann plötzlich eine halb zerkaute Zimtstange Richtung Boden. Mühelos durchschoss das Würzprojektil sowohl die 25 cm angefrorene Schneedecke, durchschoss aber auch gnadenlos die harte Eisgrasdecke des stolzen Bodenfrosts, und schaffte es gerade mit den letzten Joules kinetischer Schubkraft sogar noch, den Leib eines in tiefer Winterschlafstasis überwinternden Regenwurmes zu durchtrennen.

Donner setzte sein verächtlichstes Rentiergesicht auf und raunte mit tiefer Stimme herunter zu seinem kleinen Gast: »Winter is coming … hier rein, Elfenohr. Aber du mit deinem bescheuerten Rentier-Schneeflocken-George-Clooney-Pulli ganz sicher nicht. Zieh Leine.«

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