Modular-Kolumne mit Martha

Die Kunst, mit Modularsynthesizern aufzutreten

Panic_Girl Martha Bahr
Martha Bahr aka. Panic Girl

Den Schritt vom eigenen Studio zum Auftritt vor Publikum zu wagen ist nicht jedermanns Sache. Für die einen ist das Spielen am Modularsynthesizer eine reine Freizeitbeschäftigung ohne weitere Ambitionen, für die anderen ist das Case eine Experimentierwiese, die sich gut zum Absampeln eignet.

Mein erster Auftritt mit Modularsynthesizer hat auch eine Weile auf sich warten lassen, bis mir schließlich angeboten wurde, auf der Superbooth in Berlin aufzutreten − die Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen. Seither sind Live-Gigs eine Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte, vielmehr noch − ich kann jedem wärmstens empfehlen, es auch mal zu probieren.

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In den eigenen vier Wänden kann man sich unendlich viel Zeit lassen, einen Patch zu entwickeln, ihn abzuändern, komplett neu anzugehen, zu verwerfen oder auch einfach mal eine Weile ruhen zu lassen. Man trödelt gerne vor sich hin, geht neue Ideen an anstatt alte fertig zu machen, lässt sich gerne mal ablenken. Sobald man für einen Gig gebucht wird, entsteht Termindruck, der bekanntermaßen auch für einen Kreativitätsschub sorgt. Man feilt deutlich fokussierter an einer Idee, die man bis zum geplanten Gig auch ausgearbeitet haben möchte − im Idealfall inklusive dem einen oder anderen Probedurchlauf. Im speziellen Fall eines Auftritts mit Modularsynthesizer möchte man allerdings auch nicht zu früh mit seinen Vorbereitungen beginnen, da das Case dann ja schließlich für andere Projekte blockiert ist. Man muss sich also einschätzen können und abwägen, wie viel Vorbereitungszeit man beispielsweise für ein 30 bis 40 Minuten Set braucht.

Möchte man ein experimentelles Set spielen? Ein tanzbares? Soll es ein generativer Patch werden, den man beispielsweise auf einer Ausstellung laufen lassen möchte? Gibt es musikalische Anforderungen seitens des Veranstalters? Spielt man in einem Club, auf einer Messe, in einem Theater oder gar Outdoor?

Eines der ersten Dinge, mit denen man sich auseinandersetzen muss, sind die Transportmöglichkeiten und wie groß das Setup, möglicherweise inklusive Mischpult, Effektgeräten und sonstigem Outboard Equipment, demnach werden darf. Muss man Fliegen? Zug fahren? Kann man alles mit dem Auto transportieren? Wie weit ist der Weg, den man zu Fuß mit seinem Equipment zurücklegen muss? So ein Case hat ja ein nicht unerhebliches Gewicht, und je nachdem wie schwer und sperrig es werden darf, kann man auch seinen Patch entsprechend planen und aufbauen.

Minimiert man sein Setup auf 104-TE-Skiff-Größe? Möchte man ein Koffergehäuse mit zwei oder drei Reihen nutzen? Oder gestaltet man es aufwendiger mit wuchtigeren Cases? Möchte man ein puristisches Setup nur aus Modulen bestehend, oder sollen auch andere Geräte wie beispielsweise ein iPad, Laptop oder sonstige Instrumente und Effektgeräte Teil des Ganzen sein? Nach den organisatorischen Details gilt es, sich an die Komposition, den Patch zu machen. Der interessanteste Aspekt hierbei ist aus meiner Sicht der Perspektivwechsel, der sich durchaus positiv auf die Musik auswirken kann. Man patcht nicht mehr nur im Privaten für sich, sondern für ein Publikum. Neben der Technik, die man im Griff haben sollte, um keine bösen Überraschungen auf der Bühne erleben zu müssen − man hat ja schließlich eine Verantwortung gegenüber den Ohren der Zuhörer −, möchte man darüber hinaus auch eine gute Zeit auf der Bühne erleben, gemeinsam mit dem Publikum.

Ich habe mir inzwischen angeeignet, vor jedem Auftritt ein paar Probedurchläufe aufzunehmen und diese anschließend in Ruhe anzuhören. Das war vor allem bei den ersten Auftritten sehr aufschlussreich − man nimmt den eigenen Patch während der Durchläufe, wenn man selbst mitten drin ist, oftmals sehr anders wahr als im Nachgang als Zuhörer. Ähnlich wie auch der technische Perspektivwechsel Gold wert ist, also beispielsweise seinen Mix aus Sicht des Konsumenten auf diversen Abhören wie Laptop-Lautsprechern, Kopfhörern, Küchenradios oder Autoradios zu checken, so ist es ebenso ratsam, seine eigene Musik aus Sicht des Zuhörers zu checken, bevor man damit auf die Bühne geht, und entsprechend den ein oder anderen Part zu justieren.

Last but not least ist so ein Gig eine gute Gelegenheit, sich mit anderen Modularisten zu connecten, sich auszutauschen und − wer weiß − vielleicht auch mal gemeinsam zu jammen. In diesem Sinne, ich geh dann mal patchen.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Wirklich ein schöner Artikel!

    Aber ist es wirklich eine besondere Kunst, wenn man mit einem Modularsystem Livemusik macht?
    Ich denke nicht.

    Wie jeder andere Klangerzeuger ist das auch nur ein Instrument!
    Für mich macht es keinen Unterschied, ob da akustische Instrumente, ein Kompaktsynthesizer, ein Sampler oder ein vollmodulares System auf der Bühne stehen. Klar, so ein Modularsystem macht optisch viel her, spiegelt eine gewisse Fachkompetenz vor und ist immer ein Eyecatcher, wenn da alles so schön blinkt. Aber das was, man dann so davon hört, ist sehr oft enttäuschend und/oder wäre mit jedem anderen Synthesizer genau so oder sogar besser möglich gewesen.
    Das “eine Patch” wird dann wie der heilige Gral behandelt und ist nach fünf Jahren immer noch unverändert auf der Kiste verkabelt.
    Das muss natürlich nicht so sein, habe ich aber schon häufig erlebt.

    Oft wird ein Konzert explizit mit “mit Modularsystem” beworben, aber besteht dann nicht eine gewisse Gefahr, das zu dem Konzert überwiegend Synthnerds erscheinen, die sich weniger für die Musik interessieren, als für die Maschinen?

    Sollte der Fokus letztendlich nicht viel mehr auf einer guten Komposition und dem Arrangement der Musik liegen, statt sie auf das Equipment zu reduzieren?
    Worauf kommt es denn bei einem Konzert eigentlich an?

    Bernie

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    1. Hi Bernie, danke für dein ausführliches Feedback! Für mich ist es durchaus eine Kunst mit Modularsynth aufzutreten – allerdings sehe ich es genauso auch als Kunst an, mit einer Violine, einer Gitarre, einem Sampler oder sonstigen Klangerzeugern auf die Bühne zu gehen. Jedes Instrument hat so seine Eigenheiten, seine Vor- und Nachteile, die man dementsprechend auch berücksichtigen und “meistern” muss.
      Was den Fokus anbelangt stimme ich dir vollkommen zu, die Musik sollte immer das wichtigste bei all dem sein, das versteht sich aber – hoffe ich – von selbst. Sich neues Gear zuzulegen macht sicherlich Spass, Modularsynths im speziellen sehen toll aus, keine Frage, aber letztendlich geht doch immer um das Resultat. Die Geräte sind nur (schöne) Mittel zum Zweck 🙂
      Und ich gestehe, dass ich ab und an auf Konzerte gehe, eben weil sie “mit Modularsystem” beworben werden. Das ist meist reine Neugierde, was andere aus diesem Instrument herausbekommen. Ich hatte da bislang auch oft Glück und habe mir tolle Kompositionen anhören können. Ein Highlight war zb Sam Prekop, er hat zumindest meinen Geschmack getroffen ( http://www.frameless-muenchen.de/?p=504 )
      5 Jahre? Wow, bei mir dauert es keine 5 Minuten bis ich alles rausgerupft habe und mich an den nächsten Patch mache, aber wie sagt man so schön – leben und leben lassen!

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  2. Und was das für eine Kunst ist.!!! Es ist ein riesiger Unterschied, ob man mit einem Modular- oder Patchwork-Set oder mit programmierten Kompaktsynths oder Loop-DAWs auf die Bühne geht. Allerdings ist wirklich die Frage, ob das was häufig live geboten wird auch Kunst oder eher Technik (im Sinne von technischer Bedienung) ist. Das schwierige und somit die wahre Kunst an analogen oder modularen Performances besteht darin, zwischen nuancierter Improvisation und grooviger Vorbereitung eine Linie zu finden, die die Gefühlswelt zwischen “kleinstem gemeinsamen Nenner” und “größtem gemeinsamem Vielfachen” im Publikum anspricht. Das ist großteils auch situationsbedingt. Alles andere sind in der Tat eher Sweeps, Holds und Loops für Nerds.

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