Der Brute-Faktor

Wie Arturias Analogsynth MiniBrute entstand

Mit dem MiniBrute landete der der französische Hersteller Arturia 2012 einen Volltreffer. Der Analog-Synthesizer war gleichermaßen der Vorreiter weiterer erfolgreicher Synthis wie MicroBrute, MatrixBrute und dem MiniBrute 2. Die Nachfrage nach dem MiniBrute 1 konnte damals – nicht zuletzt auch wegen unglücklicher Startschwierigkeiten – kaum bedient werden, denn der kleine Synth aus Grenoble wurde schnell der Verkaufsschlager schlechthin.

Arturia MiniBrute(Bild: Jörg Sunderkötter)
Ohne Frage eine äußerst erfreuliche Entwicklung. Dennoch fragt man sich, wie in einer Zeit, in der man jeden erdenklichen Sound im Audiorechner erzeugen kann, gerade ein monofoner analoger Synth so massiv erfolgreich sein kann. Sound, Flexibilität, günstiger Preis – das machte auch den Korg MS-20 zu einem der erfolgreichsten Synthesizer, aber das fand unter ganz anderen Vorzeichen statt.

 

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Einen Anhaltspunkt für den Erfolg liefert sicher der Blick auf die stets steigende Nachfrage nach Vintage-Synthesizern, die die Preise für selbst weniger gute Exemplare aus den 70ern weiter und weiter in die Höhe treibt. Nicht unterschätzen sollte man dabei die Kosten für die Instandhaltung der alten Schätzchen, denn mit den Jahren wird die Technik anfällig, und Bauteile lassen sich teils sogar gar nicht mehr beschaffen. Über das Echte und das Wahre lässt sich trefflich streiten, und es gibt glücklicherweise seit einigen Jahren einen eindeutigen Trend hin zu neuen analogen Synthesizern mit frischen Konzepten – und dazu darf man den MiniBrute auf jeden Fall zählen.

Arturia-Chef Frédéric Brun (Bild: Jörg Sunderkötter)

Analog aus Tradition

Als Besonderheit muss man gelten lassen, dass der MiniBrute nicht etwa aus dem Haus eines traditionellen Herstellers von Analogsynthesizern stammt – so wie etwa Moogs Minitaur. Arturia ist nämlich bekannt für hochwertige Vintage-Synth-Plug-ins – die analogen Originale hat man dafür bis auf den letzten Schaltkreis hin erforscht, um deren Klangverhalten mit liebevoll gestalteten Plug-ins zu emulieren. Dabei war Arturia einer der ersten Softwarespezialisten, die Dinge wie Saturations- oder Tuning-Verhalten der analogen Schaltkreise konsequent angegangen sind – True Analog Emulation, oder kurz TAE, nennt Arturia diese Technologie, die bereits in den ersten Versionen des Modular V – und heute bei einer ganzen Palette von beliebten Softsynth-Klassikern – für den authentischen und fetten Sound sorgt.

Einen Teil der Originale, die für die Plugins Modell standen, finde ich im Demo-Room der Arturia-Zentrale in Grenoble vor: Minimoog, Roland Jupiter-8, Oberheim SEM und OB-Xa, Sequential Circuits Prophet-5 etc. Die Beliebtheit der Arturia-Plugins ist sicher ein Beleg dafür, dass man in Grenoble offensichtlich etwas von analogen Synthesizern versteht.

Arturia-Mitarbeiter Antoine Back
Arturia-Mitarbeiter Antoine Back stellte die Verbindung zu Yves Usson her und entwickelte mit ihm gemeinsam den MiniBrute. (Bild: Jörg Sunderkötter)

„Sicher hatten wir unsere Idee von einem eigenständigen, echten Analogsynth“, verrät Arturia-Chef Frédéric Brun, „aber einen solchen zu bauen, unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von der Softwareherstellung. Mit dem Origin und dem Origin Keyboard konnten wir ja bereits viele Erfahrungen mit Hardware sammeln, ebenso mit den Analog-Factory-Bundles als Hard- und Software-Kombination. Dies sind aber alles digitale Geräte, bei denen sich die analoge Signalverarbeitung auf einen kleinen Teil beschränkt. Beim MiniBrute dagegen ist alles analog aufgebaut, während die digitale Technik sich auf wenige Bauteile für Dinge wie MIDI und USB beschränkt.

Mit Yves Usson, hatten wir aber den perfekten Partner für die Entwicklung – ein großartiger Kenner, was analoge Synthesizer betrifft, und außerdem lebt er ebenfalls in Grenoble. Was lag also näher, ihn für das Projekt ins Boot zu holen.“ Der Arturia-Mitarbeiter Antoine Back stellte die Verbindung zu Yves her und arbeitete mit ihm gemeinsam an der Entwicklung des MiniBrute.

DIY MiniBrute
Man würde es auf Anhieb nicht erkennen, aber dieser Wust aus Draht
und Bauteilen ist der erste MiniBrute.
(Bild: Jörg Sunderkötter)

Von DIY zum MiniBrute

Yves Usson gilt wegen seiner Selbstbauprojekte in der DIY-Szene als Koryphäe. Der promovierte Molekularbiologe betreibt das Ganze aber aus reinem Hobby, wie er selber betont. Yves hat etliche Synthesizermodule und -schaltungen entwickelt, die er über seine Website yusynth.net teilt. Bei unserem Besuch in Grenoble konnten wir auch in Yves Studio vorbeischauen, um seine Synth-Sammlung und seine selbst entwickelten Modularsysteme zu bestaunen – mehr darüber im Online-Video, wo Yves auch einige Tricks zum MiniBrute verrät.

uch einige Tricks zum MiniBrute verrät. „Zunächst einmal war der MiniBrute eine Idee“, erklärt uns Yves, „ein kleiner monofoner Synthesizer, einfach zu bedienen, aber doch mit einer gewissen Flexibilität und ein paar speziellen Eigenschaften, die ihn von anderen Synthesizern unterscheiden und ihm einen eigenen Klangcharakter bescheren.“

Das kann man nur als gelungen bezeichnen, denn was hier aus dem klassischen Synthesizerkonzept herausgeholt wird, lässt andere Instrumente blass aussehen. Allein die Vielfalt an Sounds, die man aus nur einem Oszillator ableitet, ist immens: Die Wellenformen Sägezahn plus Ultrasaw, Rechteck mit variabler Pulsweite und Dreieck mit der einzigartigen Waveshape-Möglichkeit können gemischt und separat moduliert werden, was schon ohne Einsatz des Filters krasse Klangformungen ermöglicht.

„Die ersten Ideen zum MiniBrute“, fährt Antoine Back fort, „haben wir also an Yves Modularsystemen gepatcht. Man kann sich ja alles Mögliche ausdenken, aber erst wenn du mit einem Synth spielst und experimentierst, erkennst du, ob er auch gut funktioniert. Dabei ist es nochmals ein großer Unterschied, ob du ein Modularsystem-Patch oder eine fertig designte Hardware vor dir hast, wo ja vor allem auch ergonomische Dinge eine Rolle spielen. Dort geht es um die Fragen: Wie soll der Synth aussehen, wo müssen die Wellenformen, wo das Filter usw. sein, damit ich damit gut performen kann? Auch beim Design ist man gewissen Limits unterworfen, denn die Signalführung auf der Hauptplatine will hier berücksichtigt werden.“

„Nicht zu vergessen sind ökonomische Erwägungen“, ergänzt Arturia-Chef Frédéric Brun, „denn letztendlich geht es auch darum, ein Produkt in einer bestimmten Zeit zur Marktreife zu bringen, und dies zu einem konkurrenzfähigen Preis. Auch wenn es sich ‚nur‘ um einen kleinen Synth handelt: In solch ein umfangreiches Projekt sind eine Menge Kräfte involviert, die es zu koordinieren gilt. Dann muss man ständig abwägen, mit welchen Bauteilen man die angestrebte Qualität erreichen kann. Natürlich war uns wichtig, einen Synthesizer mit guten Klangeigenschaften zu bauen, aber die Hardware sollte ebenso von bester Qualität sein. Leider hatten wir bei Serienfertigung in China anfangs inakzeptable Qualitätsschwankungen, was uns zu einem Wechsel zwang. Daher hatte der MiniBrute etwas Startschwierigkeiten.“

Wie die Umfrage bei einigen Händlern ergab, ist dies glücklicherweise längst überwunden, dennoch ist der MiniBrute wegen der großen Nachfrage vielerorts ausverkauft.

Vom Prototyp zum Serienprodukt

Aus den Patch-Ideen kristallisierte sich mehr und mehr ein in sich geschlossener Synth, den es nun als Schaltung aufzubauen galt. Der erste MiniBrute war noch weit entfernt von einem Synthesizer mit Bedienfeld und Controllern – er bestand aus einer frei verdrahteten Schaltung, eine Ansammlung von Bauteilen, Platinen, Drähten, Buchsen, Potis und Schiebereglern, nicht mehr. Aber zum Experimentieren reicht das ja schon mal.

Als die Basis der Funktionalität weitgehend feststand, wurde am Design von Gehäuse und Bedienfeld gearbeitet, was verschiedene Stadien durchlief. Dabei wurden Erwägungen gemacht, ob alle Regler als Potis ausgeführt werden sollen, wobei sich ein Mix aus Dreh- und Schiebereglern ergab. Letztere verleihen dem MiniBrute ein Aussehen, das ein wenig auch an Rolands Kultsynth SH-101 erinnert. Tatsächlich ist die Handhabung der Envelopes per Schiebregler in der Praxis sehr von Vorteil.

Studio Yves Usson
Blick in Yves’ Studio (Bild: Jörg Sunderkötter)

„Aber gerade auch beim Mixer“, erklärt Antoine. „Das ist ideal verknüpft mit der Möglichkeit, die Wellenformen stufenlos zu mischen – wie ich finde, ein sensationelles Feature des MiniBrute. Die meisten Synthesizer haben einen Mixer mit Drehreglern, und überhaupt brauchen sie für diesen Zweck mehr als einen Oszillator. Es ist grundsätzlich schon richtig: Zwei Oszillatoren klingen fetter als ein einzelner, aber der MiniBrute hat ein paar tolle Funktionen, die einen zweiten Oszillator gar nicht vermissen lassen. Den Sägezahn kannst du mit Ultrasaw modulieren, was dem Klang mehrerer, leicht gegeneinander verstimmter Oszillatoren sehr ähnlich ist. Diese Funktion z. B. kannst du viel besser mit Potis handhaben – wir haben uns zu den Bedienelementen viele Gedanken hinsichtlich ihrer musikalischen Anwendung gemacht. Unabhängig vom Ultrasaw kannst du übrigens noch mehr Schwingung erzeugen, indem du die Pulsweite per LFO modulierst – um diese massiven Sounds zu bekommen, musst du bei anderen Synthesizern schon ganz schön tricksen und kommst letztendlich doch nicht wirklich an den Sound des MiniBrute heran.

Yves Usson
Der promovierte Molekularbiologe Yves Usson betont, dass er Synthesizer als Hobby und aus Leidenschaft zur elektronischen Musik entwickelt und selber baut. (Bild: Jörg Sunderkötter)

Der MiniBrute mag für den einen oder anderen erst einmal unscheinbar wirken, aber in diesem Konzept stecken jede Menge Möglichkeiten. Dabei wollten wir dennoch nicht die einfache Handhabung außer Acht lassen – gerade für Einsteiger sollte der Synth schnell beherrschbar werden.

Yves Usson im Interview

Trotzdem bin ich sehr gespannt was da geht, wenn die ersten Elektroniktüftler mal einen Blick unter die Haube werfen. Die DIY-Szene wollten wir auf keinen Fall unberücksichtigt lassen, und die wichtigsten Punkte auf der Platine sind bereits beschriftet – okay: offiziell sind es erst mal Messpunkte, (lacht) aber wir denken darüber nach, die Schaltpläne zum Modden des MiniBrute verfügbar zu machen. Mal sehen, was uns dazu noch einfällt …“

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