Mini-Max-Musik

Christopher Kah über sein aktuelles Album Limited Resources Vol.1

Angeblich fördern Einschränkungen der Produktionsmittel die Kreativität. Der französische Techno-Produzent Christopher Kah ist von dieser These überzeugt und hat sie für sein drittes Studioalbum konsequent in die Tat umgesetzt. Das Ergebnis: maximaler Sound mit minimalen Mitteln.

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Einige Tracks von Limited Resources Vol.1 dürften seit ihrer Veröffentlichung im Mai dieses Jahres ihren festen Platz in den Playlists zahlreicher DJs gefunden haben, bietet das Album doch in der Mehrzahl echte Floor-Füller: knallig, schnörkellos, geradeaus und dennoch mit reichlich dunkler Atmo angereichert, sind Tracks wie La Mosure oder Flush perfekte Smasher für Primetime und Afterhour. Groove, Arrangement und Sounddesign ergänzen sich vorbildlich und zeigen sich ebenso reduziert wie effizient.

Effizienz ist auch das Konzept hinter der Produktionsweise von Limited Resources. Christopher hat sich bewusst auf eine kleine Auswahl von Tools − vor allem Hardwaregeräte − beschränkt und versucht, diesen Instrumenten ausnahmslos das maximal Mögliche zu entlocken. Das Ergebnis hat nicht nur tanzenden Fans, sondern auch Herstellern wie Elektron und Roland reichlich Lobpreisungen entlockt. Christopher wiederum hat daraufhin den Umgang mit seinen Instrumenten in Form zahlreicher Videos anschaulich gemacht. Wir hatten Gelegenheit, mit Christopher über den Werdegang von Limited Resources Vol.1 zu sprechen.

Christopher, was ist so aufregend daran, mit einer limitierten Equipment-Auswahl zu arbeiten?

Für meine ersten Tracks habe ich alles verwendet, was ich in die Finger bekommen konnte. Neben Musik haben mich Computer interessiert, also habe ich mit Plug-ins gearbeitet − zudem waren die vergleichsweise kostengünstig zu bekommen. Heute gibt es zahllose Plug-ins, wirklich für alles. Die Sound-Möglichkeiten sind zweifellos großartig und buchstäblich unendlich. Aber was bringt das? Die Optionen werden so unüberschaubar, dass man sich hoffnungslos darin verlieren kann. Somit habe ich beschlossen, praktisch noch einmal von vorn anzufangen und mich auf das Wesentliche zu konzentrieren − und dazu ist keine Materialschlacht notwendig! Hätte ich nur ein einziges Instrument zur Verfügung, müsste ich mich einhundertprozentig darauf einlassen, um meine musikalischen Ideen umsetzen zu können. Das finde ich ungemein spannend.

“MIT HARDWARE ARBEITE ICH EHER AUS DEM BAUCH HERAUS”

Aktuell arbeitest du fast ausschließlich mit Hardware − warum?

Spontanität − das ist der Schlüssel! Die Arbeit mit einer DAW empfinde ich eher als Kopfarbeit. Nutze ich dagegen Hardware-Instrumente, arbeite ich eher mit meinem Körper und aus dem Bauch heraus. Das finde ich spannender. Habe ich ein Instrument so richtig gut im Griff, entsteht eine Art von Austausch, die ich mit der virtuellen Welt nicht habe.

Bevorzugst du besondere Geräte für bestimmte Aufgaben und Sounds?

Momentan bin ich großer Fan von Elektron-Instrumenten. Es braucht zunächst eine Weile, um sich richtig auf sie einzulassen. Ist das aber einmal geschafft, kann ich damit Ideen sehr schnell und intuitiv umsetzen. Ganz besonders Digitakt und Octatrack mag ich sehr!

Wie erzeugst du deine Drumsounds?

Für die Drums nutze ich sehr gerne Samples. Ich bearbeite sie häufig in Ableton Live und lade sie dann in meine Hardeware-Sampler. Drum-Patterns programmiere ich fast ausschließlich mit meiner Roland TR-09 − richtig »oldschool«. Letztlich ist es auch eine Stimmungs- und Geschmacksfrage, warum die Wahl auf ein bestimmtes Instrument fällt. Wenn ich Lust auf etwas Neues habe, probiere ich es aus. Wenn ich dann Geschmack daran gefunden haben sollte, wird ein anderes Gerät verkauft. Ich bin absolut kein Sammler. Riesige Equipment-Stapel will ich nicht haben − sonst stehe ich ja wieder vor dem eingangs beschriebenen Problem …


Christopher Kahs Studio

… vereint eine Auswahl aktueller Hardware mit einem Ableton-Live-Setup:

Kompakt und übersichtlch: Christopher beschränkt sich bewusst auf wesentliche Tools
Ableton Live mit einer handvoll Plug-ins und zwei Controllern bilden das Rechner-Setup. Der Jomox T-Resonator II ist immer für schräge Sounds und Effekte gut.
Die Hardware-Abteilung: Hier finden sich vor allem Rolands hauseigene Clones, Korg Minilogue, Akai APC40 sowie N.I. Komplete Control und Traktor Controller.
Zählen zu Christophers Lieblings-Tools: Elektron Octatrack und Digitakt

Einige deiner Maschinen basieren auf alten Klassikern − vor allem die Roland-Geräte. Hast du jemals Lust verspürt, die Originale auszuprobieren?

Bisher bin ich mit meinem Equipment sehr glücklich. Ich glaube, ich bin nicht wirklich ein Vintage-Freak … Was ich jedoch an den alten Teilen sehr schätze, ist deren Größe. Die sind nicht so fummelig zu bedienen wie viele der neuen Geräte. Das könnte mir sehr gefallen.

Also, liebe Hersteller − baut bitte größere Clones! Angenommen, ein Hersteller würde dir anbieten, dein Traumgerät zu bauen. Wie könnte das aussehen?

Das wäre dann sicher kein Klangerzeuger, sondern ein DJ-Tool, nämlich ein Mix aus NIs Traktor S5 − ohne Rechner − und Richie Hawtins Model-1-Mixer (vom kalifornischen Hersteller Play Differently; Anm. d.Red.). Als DJ ist es für mich sehr wichtig, nicht nur Tracks in ihrer Originalversion zu mixen, sondern zudem bestehende Tracks mit eigenen Sounds zu etwas ganz Neuem zu machen.

Zurück zu Limited Resources − auf welche Weise ist dein entsprechendes Konzept in die Album-Tracks eingeflossen?

Ich habe mich auf eine sehr überschaubare Auswahl von Instrumenten beschränkt − Drumcomputer, Sampler, wenige Synths, ein paar Effekte. Zum Aufnehmen nutze ich Ableton Live, aber auch hier ist die Auswahl an Plug-ins bewusst sehr reduziert. Ich will mich eben nicht in eintausend Optionen verzetteln.

Wie sah dein Workflow bei Limited Resources aus?

Zuerst suche ich fast immer nach einem Sound, der dem Track als Earcatcher dient. Das muss ein Sound sein, der den Track trägt, ihm eine Richtung gibt und ihm Wiedererkennungswert verleiht. Das kann irgendetwas sein − und hängt von meiner Stimmung ab oder auch von der Konstellation der Planeten … (lacht) Ein solcher Sound ist in jedem Track zu finden. Den Track selbst baue ich um diesen Sound herum. Dabei erstelle ich Loops, die ich live auf den Synths, Drummaschinen und Effekten einspiele.

Die ersten Loops sind meist sehr schnell entstanden, eben weil sie von der effizienten und intuitiven Arbeitsweise auf den Hardwaregeräten profitieren konnten. Für die Arrangements habe ich Ableton verwendet und alle Spuren aus den Hardwaregeräten über meine Roland MX-1-Soundcard überspielt. In Ableton passiert dann auch die Feinarbeit an den Sounds und der Mix. Da kommen dann auch noch einmal einige Plug-in-Effekte ins Spiel. Das klangliche Feintuning ist reichlich Arbeit, aber es macht auch super viel Spaß.

Was hat dich dazu geführt, diese tollen Hands-On-Videos zu produzieren?

Ich finde Tutorial-Videos sehr hilfreich und nutze sie gerne, wenn ich ein Instrument neu erworben habe. Während ich mich mit dem Limited-Resources-Konzept beschäftigt habe, schien mir jedoch, dass man Tutorial-Videos spannender gestalten könnte. Das habe ich dann probiert. Der Gedanke war, den Leuten anschaulich zu zeigen, wie man mit nur ganz wenigen Maschinen komplette Tracks erzeugen kann.

Hast du Feedback von den Herstellern und Künstlern bekommen?

Ja, es gab sehr bald Feedback und Reposts auf Facebook, Twitter und Instagram, sowohl von Roland und Elektron als auch von Native Instruments – da hatte ich ein Video zu Traktor S5 gemacht. Das meiste Feedback bekam und bekomme ich jedoch direkt von Musikern und Hardwarefreunden, und ich freue mich sehr darüber!

www.christopherkah.com

Christopher Kah ist Vollblutmusiker: Vor dem Beginn seiner Karriere als Techo-Produzent und DJ liegen zehn Jahre Klassik- und Jazz-Erfahrung als Organist. Seit 2005 bespielt Christopher zunehmend populärere Clubs und Festivals. Seine Tracks werden bei so renommierten Labels wie International Gigolo Records, Get Physical, CR2 und Datapunk veröffentlicht. In seinem Werk finden sich zahlreiche Kollaborationen mit Größen wie Laurent Garnier, Dr. Motte, Dave Clark oder DJ Hell. Limited Resources ist erschienen bei Highwav Records.

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