Vintage-Sounds mit Soul

Christoph Spangenberg: Keyboarder bei We Are Tony

Als Keyboarder, Pianist, Songschreiber und Produzent spielt Christoph Spangenberg auf zahlreichen Hochzeiten. Seine musikalische Bandbreite ist ebenso umfangreich wie es die klanglichen Facetten sind, die er den verschiedenen Projekten beisteuert. Eines davon ist We Are Tony. Mit dem fünfköpfigen Band-Kollektiv und deren Debütalbum Seven Kinds Of Crazy bewegt sich Christoph unaufhaltsam in die musikalische Champions-League.

(Bild: Juel Schau, Philip Crusius)

We Are Tony steht für modernen Urban-Sound und fusioniert elegant Elemente aus Pop, Funk, Jazz und Soul. Virtuos verspielt und dabei ebenso eingängig wie eindringlich präsentieren sich die 13 Songs des Albums, einschließlich der titelgebenden Hitsingle. Entstanden ist Seven Kinds Of Crazy aus dem Input aller fünf beteiligten Musiker – fünf Klangwelten, die allesamt einen gemeinsamen roten Faden verfolgen, wie Christoph Spangenberg im Interview erläutert: „Die musikalische Idee steht über dem Sound.“

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Dieser Grundsatz gilt nicht nur für We Are Tony. Auch alle weiteren Projekte des Wahl-Hamburgers funktionieren nach diesem Prinzip – sei es der Reggae/HipHop-Mix der Ohrbooten oder der komplexe Rock/Jazz/Pop-Sound seines Fischer Spangenberg Quartetts.

Während der Proben zur kommenden Ohrboten-Tour berichtet Christoph über Synthesizer, Songwriting und sein Faible für den Fender-Rhodes-Sound.

Christoph, welche musikalische Rolle spielst du als Keyboarder in deinen verschiedenen Bands und Projekten?

Meine Funktion ist immer wieder etwas unterschiedlicher Natur. Bei den Ohrbooten und beim Achim Seifert Project bin ich Live- bzw. Studio-Keyboarder. Bei Fischer Spangenberg und Konstantin Reinfeld bin ich, ebenso wie bei We Are Tony, zunächst natürlich auch Pianist bzw. Keyboarder, zudem auch Mitproduzent und Songschreiber. Vor allem wenn letztere Komponente ins Spiel kommt, ist die grundlegende Zielsetzung jedoch immer ähnlich: Ich liefere Akkord-Schemata, Melodien und letztlich Initial-Ideen, die den Songs einen roten Faden verleihen sollen. Dieser rote Faden definiert eine musikalische Grundaussage, die verhindern soll, dass die Musik beliebig wird – Vielfalt ja, Beliebigkeit nein.

Wie sind die Songs von We Are Tony entstanden?

We Are Tony startete ganz klassisch im Übungsraum. Über einen Zeitraum von zwei Jahren haben wir die Songs immer wieder Woche für Woche im Übungsraum durch den Wolf gedreht – und dabei versucht, besagten roten Faden zu finden bzw. nicht zu verlieren. Alle Bandmitglieder brachten ihre Einflüsse mit ein, und dadurch entstand eine neue Form von gemeinsamer musikalischer Freiheit.


Analog-Synthesizer und klassische Keyboards sind Christoph Spangenbergs bevorzugte Alternative zum Flügel. Die musikalische Ausrichtung eines Projekts bestimmt die jeweilige Auswahl der Instrumente.


Du spielst Piano, Rhodes und Synthesizer. Welches Instrument erscheint dir in welcher Situation am besten geeignet?

Für einen klassischen Jazz-Sound bevorzuge ich natürlich den Flügel. Bei Fischer Spangenberg spiele ich – zumindest bisher – ausschließlich Piano. Ich glaube, ich fühle mich am Piano am wohlsten. Das pianistische Handwerk bedeutet mir recht viel, und am Klavier kann ich das am besten ausleben. Es ist eben optimal direkt; noch mehr als bei elektronischen Instrumenten entsteht der individuelle Sound durch die eigene Spielweise. Die musikalische Idee steht dabei über dem Sound.

Steht kein Flügel zur Verfügung, ist oftmals das Fender-Rhodes die erste Wahl. Es erschließt ebenfalls die pianistische Klangwelt, allerdings auf eine ganz eigene Weise. Zudem verbindet es für mich die Welten des Pianos und die der elektronischen Keyboards. Der Sound ist natürlich ebenfalls mit vielen Assoziationen zum traditionellen Jazz besetzt.

Auf Seven Kinds … ist viel schönes „crunchy“ Rhodes zu hören. Wie erzielst du diesen Sound?

Zunächst spiele ich ein altes Mark II. Abgesehen von seinem Legendenstatus ist es meiner Ansicht nach einem aktuellen Mk VII klanglich überlegen. Das Mk II besitzt für mein Empfinden mehr Charakter. Ich hatte das Glück, ein extrem gut erhaltenes Exemplar zu bekommen. Das lasse ich von Jens Lübke, einem echten Rhodes-Spezialisten, warten (www.tasteundtechnik.de). Zudem benutze ich einen erstklassigen Röhren-Preamp namens TRamp, den Jens auf Basis eines Hughes&Kettner Crunchmaster entwickelt hat. Er wird pro Jahr nur etwa 30 Mal gebaut, klingt absolut hervorragend und bringt das Rhodes-Signal auf Line-Pegel. So entsteht ein maximal organischer Sound, ohne Stress mit Amps und Mikros. Ich kann live direkt in eine Aktivbox oder in meinen Submixer gehen, und fertig ist der Sound.


№2/3 2017

  • Editorial
  • Facts & Storys
  • Modular Kolumne
  • Mit Mark Forster auf Tour
  • MANDO DIAO IM INTERVIEW
  • Amy Lives: Xanthoné Blacq
  • Ströme− Eurorack Clubbing
  • MARIO HAMMER & THE LONELY ROBOT
  • Peter Pichler: Bewahrer des Trautoniums
  • NONLINEAR LABS C15
  • AKAI MPC LIVE
  • GIPFELSTÜRMER: NOVATION PEAK
  • Auf Lichtung gesichtet: Bigfoot
  • Gute Vibes im Museum
  • DIE HOHNER-STORY
  • Transkription − Chuck Leavell: Song For Amy
  • Impressum
  • Inserenten, Händler
  • Das Letzte − Kolumne

Verwendest du zudem Effekte?

Nur ein Xotic BB Booster-Pedal als zusätzlichen Zerrer, zusammen dem TRamp. Einen bestimmten Sound versuche ich, möglichst durch meine Spielweise zu erreichen, nicht mit Effekten. Flanger, Chorus usw. erscheinen mir schnell etwas cheesy …“

Bei We Are Tony spielst du reichlich Synthesizer. Wie hast du zu elektronischen Klangerzeugern gefunden?

Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich mit Synthesizern anfreunden konnte. Früher hatte ich mal einen Korg Karma – Herbie Hancock hat damit tolle Sachen gemacht. Die Sounds waren auch ganz okay, haben mich aber nie wirklich inspirieren können. Es war eher ein Kompromiss, weil ich mir zu dieser Zeit noch keine anderen Instrumente leisten konnte.

Irgendwann erwachte die Lust auf analoge Sounds. Ich war neugierig, ob ich damit die gleiche musikalische Aussagekraft wie am Flügel entwickeln kann. Meine Wahl fiel schließlich auf Moog Voyager, Little Phatty und Dave Smith Instruments Prophet 08.

Wie setzt du diese Synthesizer ein?

Den Little Phatty nutze ich bei den Ohrbooten als Bass-Synthi – er ist kompakt und macht ordentlich Dampf. Meinen Voyager spiele ich viel bei We Are Tony. Er ist von Anfang an beim Song-Schreiben involviert und besetzt mittlerweile eine sehr dominante Rolle. Den Prophet wiederum nutze ich ganz anders: Er ist beim Song-Schreiben nicht dabei, dient aber oftmals als charakterspendende „Allzweckwaffe“ für finale Overdubs. Fehlt in dieser Entstehungsphase etwa noch eine Fläche oder ein Sound-Effekt, ist der Prophet gefragt.

Arbeitest du mit Presets?

Beim Prophet lasse ich mich gerne von Presets inspirieren. Ich verwende sie aber nie unbearbeitet, d. h., ich schraube grundsätzlich daran herum, bis der Sound wirklich passt.

Beim Voyager ist die Herangehensweise anders: Ich gehe eher von einer Sinuswelle aus, um dann die Sounds von Grund auf zu erstellen. Das sind dann eher unspektakuläre Sounds, die aber hervorragend in die Songs passen, präsent sind, aber nichts anderes wegdrücken.

Nutzt du hier externe Effekte?

Nein, die Synthis gehen direkt ins Studiopult bzw. in meinen Bühnen-Submixer – ehrlich und gnadenlos …

Du bist bei We Are Tony auch Co-Produzent. Wie wurden die Keyboards in den Mix integriert?

Gemixt wurde das Album von Geoff Peacey im Hamburger Peer-Studio. Geoff hat 30 Jahre Erfahrung als Keyboarder und Mixer. Er ist Spezialist für alle Arten von handgemachter Musik. Wir haben beim Mix vor allem darauf geachtet, dass die Keyboards den Songs Charakter verschaffen und sie nicht dominieren. Um die Keyboards in die passende „Ecke“ zu schieben, haben wir weniger auf Klangbearbeitung gesetzt als viel mehr auf ein stimmiges Arrangement und passende Voicings. Hier und da ist Kompression und EQing schon wichtig gewesen – etwa beim Titelsong. Hier doppelt der Moog den Bass. Im Idealfall blieben die Sounds jedoch so trocken wie möglich. Beste Bestätigung für dieses Konzept ist das Statement eines Front-Of-House-Mixers: „Euch brauche ich nur laut zu drehen, sonst nichts.“

 


Christoph Spangenberg hat einen überraschend ausgefüllten Credit-Katalog vorzuweisen: Eine fundierte Klassikund Jazz-Klavierausbildung in Berlin, Hamburg und New York City sowie Konzertreisen um die ganze Welt bilden die handwerkliche Grundlage für eine hohe musikalische Bandbreite, die Christoph in sehr unterschiedlichen Projekten umsetzt. Er ist Pianist, Keyboarder, Songwriter und Producer für We Are Tony, Fischer Spangenberg Quartett (Echo Jazz 2011, Support für Nils Landgren) und Konstantin Reinfeld, Live- und Studio-Keyboarder für Stanfour (Support für A-ha, Pink), für die Ohrbooten und das Achim Seifert Project. Christoph lebt und arbeitet meist in Hamburg und Berlin.

www.christoph-spangenberg.com

(Bild: Juel Schau, Philip Crusius)

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