More Keys, Please

A Perfect Circle, Eat The Elefant und der neue Piano-Sound

(Bild: Dirk Heilmann)

Von der alternativen Gitarren-Band zum Synthi-Sound? Also gut, die Gitarre haben sie noch lange nicht in die Ecke gestellt. Aber dennoch haben A Perfect Circle eine unkonventionelle Wandlung hinter sich gebracht. A Perfect Circle? Eigentlich eher Billy Howerdel, den Kopf des Quintetts. Woher der Sinneswandel, ein paar mehr Tasten zu nutzen? Wir haben nachgefragt.

Ups, hat sich da ein Artikel von GITARRE &BASS hierher verirrt? Dass bei KEYBOARDS mal ein Artikel zu A Perfect Circle kommt, hätte bis vor einem Jahr vermutlich auch niemand gedacht, oder? Ende der 90er − als die Band entstand − waren Keyboarder in der alternativen Rockszene eher uncool (wenngleich sie doch immer wieder in der zweiten Reihe zu erspähen waren). So war es auch bei dieser Band, die − das muss man betonen − nicht ganz den typischen Mainstream verfolgten und häufiger musikalisch etwas ausprobierten, was andere sich kaum getraut hätten. Will heißen: Klaviere waren ihnen schon damals keine ganz unbekannte Spezies. Aber primär war es doch die Gitarre, die den Perfect-Circle-Sound definiert hat.

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Nichtsdestotrotz klingt ihr viertes und aktuelles Album Eat the Elefant eine ganze Ecke anders als die drei vorherigen, die übrigens allesamt über ein Jahrzehnt älter sind. Der erste Ton des ersten Liedes ist zwar ein A-Perfect-Cirlce-typischer, tiefer, düsterer Klang, jedoch nicht etwa eine Gitarre oder ein Bass, sondern ein Klavier. Sogar vor einem waschechten Synthi, der aus den 80ern zu kommen scheint, haben sie nicht gescheut. Das wirkt für Fans tatsächlich erst mal etwas, hmm … überraschend. Aber im Kontext macht das durchaus Sinn.

Billy, ihr habt lange nichts auf den Markt gebracht. Wie sah eure Zeit nach eurem letzten Album eMotive aus?

eMotive kam 2004 raus. Die Zeit, in der wir dann erst mal nichts gemacht haben, war etwa 2005 bis 2009.

Wahrscheinlich, weil für Sänger Maynard damals der Fokus auf dem Tool-Album 10.000 Days lag?

Ja, genau. 2009 hatten wir dann wieder eine Show gespielt, die uns wieder zusammengebracht hat. 2010 gab’s dann eine Australien-Tour, 2011 waren wir in den USA unterwegs, 2013 in Europa und wieder Australien, es gab also schon immer etwas Bewegung. Aber es ist jetzt schon das erste Mal seit 2004, dass wir mit neuer Musik zurück sind.

A Perfect Circle Eat the Elefant
Greg Edwards übernahm für die Tour James Ihas Position an Gitarre und Keys. (Bild: Dirk Heilmann)

Wessen Idee war es, neue Lieder zu schreiben und aufzunehmen?

Da haben wir (gemeint sind Billy und Maynard James Keenan: Anm.d.Aut.) immer schon drüber geredet. Vor ein paar Jahren habe ich etwas mehr drüber nachgedacht, und vor zwei Jahren etwa hatte ich die nötige Zeit dazu. Dann haben wir mal telefoniert, und er hatte auch Zeit. So einfach ist das manchmal.

Auf dem neuen Album sind wesentlich mehr Synthis und Klaviere zu hören. Was steckt dahinter, wessen Idee war das?

Tatsächlich hatte ich Lust, die Gitarre mal etwas stehen zu lassen und mich stattdessen mit Keys zu befassen. Ich bin kein besonders guter Klavierspieler, aber ich habe inzwischen einiges dazugelernt. Für mich war es gut, mich mal aus meinen Gewohnheiten zu lösen, mich mal etwas durchs Dunkle zu tappen und dort meinen Weg zu suchen. Da kommt man wieder auf neue Ideen.

A Perfect Circle Eat the Elefant
A Perfect Circle, das sind, musikalisch betrachtet, Billy Howerdel (vorne), der das Songwriting betreibt, im Studio Gitarre, Keys und Bass einspielt und stark im Produktionsprozess eingebunden ist, und Sänger Maynard James Keenan (hinten) ist zuständig für die Vocals. (Bild: Dirk Heilmann)

Dann hast du also auch die Pianos auf dem neuen Album geschrieben?

Ja, ich schreibe alles bei A Perfect Circle, außer Vocals, das macht Maynard. Ich spiele auch fast alles ein, nur Schlagzeug nicht und bei By and Down the River und Feathers auch den Bass nicht. Live machen wir das so, dass einige Teile ich auf den Keys spiele und andere Greg Edwards, der für die derzeitige Tour James Iha ersetzt, da James wieder bei der Smashing-Pumpkins-Reunion dabei ist. Greg Edwards spielt aber auch noch Gitarre. James Iha ist übrigens wie ich erst spät dazu gekommen, was das Klavierspielen angeht.

Ich habe mir auch einen Steinway-Flügel von 1909 gekauft, der bei mir zu Hause steht. Das ist für mich eigentlich nicht das Richtige, aber er klingt wirklich wunderschön. Allerdings wurde er nie restauriert, daran ist alles original, und dann hängt auch schon mal was. Und wenn ich dann was aufnehme … na ja, das kann schon frustrierend sein. Aber er klingt schön.

Hast du darauf auch für das Album aufgenommen?

Fast. Insgesamt gab es einige Steinways im Studio: Einmal der Steinway von Dave Sardy, dem Producer, der das gleiche Modell hat wie ich, nur ein Jahr älter von 1908, und zwei 180er Flügel, die etwas heller im Klang sind. Außerdem gab’s noch einen weiteren Steinway, den ich von einem Freund geliehen hatte, der ist sogar noch älter, aus dem 19 Jahrhundert, und er ist viel im Hintergrund zu hören.

A Perfect Circle Eat the Elefant(Bild: Dirk Heilmann)

“MIR IST ES WICHTIGER, DASS MAN MIT EINER EMOTIONALEN WUCHT GETROFFEN WIRD ALS VON EINER AKUSTISCHEN.”

Ihr habt − und das kann man als Markenzeichen von A Perfect Circle betrachten − immer einen sehr tiefen, bassigen Sound, der aber nie diffus klingt. Wie kommt der zustande?

Eigentlich ist das nichts weiter als Geschmackssache. Dave und ich verbrachten viel Zeit im Studio, und ich bat ihn oft, noch einige Kleinigkeiten mehr hervorzuheben. Ich mag einfach Klarheit und Trennung im Klang. Mir ist es wichtiger, dass man mit einer emotionalen Wucht getroffen wird als von einer akustischen.

Und der ganze Zweck von dem Feintuning ist für mich, dass auch musikalische Leihen nicht irritiert werden von Sachen, die sie nicht verstehen. Das ist eine der Hauptsachen.

Benutzt du auch Software-Instrumente?

Ja, sehr viel. Für Synth nutze ich viel von Native Instruments. Vienna Symphonic Library liebe ich, wenn es um »echte« Instrumente geht, also Streicher etc. Damit habe ich mich übrigens erst vor ein paar Jahren angefangen zu befassen. Ansonsten kommt bei mir noch Spitfire häufiger zum Einsatz. Für Gitarren allerdings, da bleibe ich beim Original Amp. Den und die Gitarre nutze ich dafür seit dem ersten Album im Studio und auch auf der Bühne.

Wie lief die Produktion beim aktuellen Album Eat The Elefant ab?

Normalerweise, also bei allen anderen drei Alben, kann ich genau sagen, wie da welche Sounds zustande kamen, weil ich da selbst sehr tief involviert war und nicht nur Musiker, sondern auch Produzent war. Bei Eat The Elefant wollte ich mich, was das produzieren angeht, etwas zurücklehnen, um mich mehr auf meine Aufgabe als Musiker konzentrieren zu können. So ganz kam ich davon noch nicht weg, aber es hat schon besser geklappt.

Engineer war übrigens Jim Marty, der mit Dave Sardy viel zusammenarbeitet, der dann wiederum in der späteren Phase übernommen und für das Feintuning zuständig war, und schließlich habe ich nochmal mit Dave den letzten Schliff gemacht.

Der schon etwas betagte Yamaha S90-Synthesizer − er wurde bereits 2002 auf dem Markt eingeführt − ist die erste Wahl für Keyboarder (und Gitarrist) Greg Edwards.
Billy hingegen mag es lieber moderner. Seine Wahl fällt live auf das Komplete Kontrol S61.

Es gibt auf dem neuen Album auch einige Lieder, und Teile von Liedern, die klingen gar nicht so düster, wie man es sonst von A Perfect Circle gewohnt ist, z. B. So Long, and Thanks for all the Fish. Wie kam das zustande?

Prinzipiell ist es so, dass ich einfach anfange, Lieder zu schreiben, und dann noch nicht weiß, wo mich das hinführt. So Long, and Thanks for all the Fish sollte eigentlich für Ashes Divide (das ist eine andere Band in der Billy spielt; Anm.d.Aut.) verwendet werden. Ich hatte es Maynard mal vorgespielt, und er mochte es einfach. Das hatte mich auch ein wenig überrascht.

Insgesamt bin ich etwas von der Methode weggekommen, dass ich selbst und über alle Lieder entscheide, die wir mit A Perfect Circle machen. Ich habe Maynard jetzt mehr gefragt: »Was denkst du über diesen Song, oder diesen?«, und so kamen einige Lieder hinzu, die vielleicht erst mal nicht so typisch für A Perfect Circle sind. Hourglass ist ein weiteres Beispiel dafür und auch der Titelsong Eat the Elefant.

Die Stimme, die Maynard über die Lieder legt, finde ich übrigens immer wieder extrem gut. Es steckt so viel hinter seiner Stimme − übrigens bei allen Bands, in denen er singt. Seine Melodien sind sehr interessant und gehen oft in eine Richtung, in die ich gar nicht denke. Eine wirklich gute Zusammenarbeit.

Weißt du schon, was bei dir musikalisch als Nächstes ansteht?

Nach der Tour wird das nächste Ashes-Divide-Album gemacht. Aber es gibt noch einige Lieder, die nicht auf Eat the Elefant sind, die ich aber wirklich sehr gut finde. Bisher sind sie noch ohne Gesang. Aber so bald Maynard ready to go ist, dann sind wir ready to go.

A Perfect Circle Eat the Elefant(Bild: Dirk Heilmann)

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Wirklich tolles und informatives Interview, das interessante Einblicke hinter die Kulissen von Billys Arbeit liefert! Danke dafür!

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