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Yamaha DX100 (*1986)

French Kiss von Lil ́Louis gehört zu den absoluten Klassikern der House-Music-Geschichte; der 1998 auf FFRR erschienene Track kombiniert einen unwiderstehlich hypnotischen Groove mit einem innovativen Slow-Down-Break und landete in allen relevanten Dance-Charts seiner Zeit.

Für die groovende Basslinie benutzte der aus der House-Metropole Chicago stammende Produzent den DX100, einen kleinen, aber feinen FM-Synth von Yamaha.

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Dass der Yamaha DX100 einmal ein Kultgerät werden sollte, war ihm nicht in die Wiege gelegt worden; er ist Teil einer Familie von preiswerten und z. T. eher unauffälligen 4-Operatoren-Synthesizern, die dem Mega-Erfolg des DX7 nacheiferten. Neben dem DX100 gehören u. a. der eher ungeliebte DX9, der achtfach multitimbrale DX11 und der DX21(mit Dual/Split-Features) und der (bis auf die normalgroße Tastatur) baugleiche DX27 sowie der DX27S (mit eingebauten Lautsprechern) dazu.

Der kompakte DX100 kam 1986 auf den Markt und wurde von vielen Acts der Elektronikszene benutzt, darunter große Namen wie Orbital, Laurent Garnier, Autechre, Jean- Michel Jarre, Scanner und andere. Aber auch im Popbereich fand das Teil Liebhaber wie Joe Jackson (Live In Japan) oder Swingbeat- Produzent Terry Riley.

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Ein Objekt der Begierde ist der DX100 aber bis heute insbesondere in der Szene der Talkboxfans, die ihre Vocals mit dem Talkbox-Effektgerät verfremden. Populär wurde dieser spezielle Gesangssound vor allem von Roger Troutman, dem Sänger der US-Funkband Zapp, die in den 80ern (auch als Soloact »Roger«) einige Hits hatten und den Westcoast-HipHop nachhaltig beeinflussten und vielfach gesampelt wurden. Troutman, der 1999 durch ungeklärte Umstände starb, singt übrigens den Chorus des von Tupac und Dr. Dre produzierten, bekannten Westcoast-Hip- Hop-Klassikers »California Love«.

Seinen Gesangssound erzeugte er mithilfe einer Electro Harmonix »Golden Throat«-Talkbox und dem Yamaha DX100, dessen Ausgangssignal von einem Horntreiber im Effektgerät in einen Plastikschlauch geleitet wird. Der Schlauch wird in den Mund gesteckt, und der Klang lässt sich dann in der Mundhöhle durch Sprechbewegungen formen.

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Knuffige Hardware

Irgendwie sieht er ja knuffig aus, der Kleine … wie ein DX7 im Vorschulalter. Gegenüber dem großen Bruder bietet er zwar eine eingeschränkte Funktionalität, hat aber auch Vorteile: Man kann ihn mit Batterien betreiben, er bietet statt der ungeliebten Membrantasten griffige Gummitaster, und last but not least lässt er sich auch als Keytar bzw. Umhängekeyboard nutzen. Die Minitasten sind nicht anschlagdynamisch, lassen sich aber trotzdem (im Vergleich zu manch anderen Klein-Keyboards) ganz gut spielen, und man hat hier den Vorteil, auf kleinstem Raum über vier Oktaven zu verfügen.

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Klangerzeugung

Der DX100 bietet eine FM-Klangerzeugung mit achtfacher Polyfonie. Die Zahl der Oszillatoren − im Yamaha-Speak »Operatoren« genannt − wurde gegenüber dem DX7 von sechs auf vier reduziert. Die Operatoren erzeugen Sinus-Wellenformen und sind zu acht Algorithmen mit unterschiedlichen Carrier/Modulator-Kombinationen verknüpft. Jeder Operator hat seine eigene Hüllkurve und ist mit individuellem Level- und Rate-Scaling ausgestattet. Es gibt allerdings nur einen LFO, der auf das Level des Operator- Outputs geroutet und zur Amplituden- Modulation genutzt werden kann. Auf einige Features des DX7 wie z. B. die Fixed-Frequency-Option bei den Operatoren muss man allerdings verzichten. Obwohl die Tastatur des DX100 nicht anschlagdynamisch ist, kann die Klangerzeugung Velocity-Daten (etwa bei externer Ansteuerung) verarbeiten.

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Sound

Trotz der reduzierten Operatorenzahl ist der DX100 in der Lage, viele überzeugende FM- Klänge zu produzieren. Unter den 192 Presets gibt es natürlich haufenweise Ausschuss und viel Material mit hohem Cheese-Faktor. Aber man findet auch sehr gelungene Sounds, wie den legendären »Solid Bass«, der z. B. auf French Kiss oder Orbitals »Lush« eingesetzt wurde. Schön sind u. a. auch die vielen metallischen Klänge, manche harsche FM-Effekte, das Fifth-Pad, das »Sitar«-Patch oder manche Brass-Sounds.

Auch die Programmierung perkussiver Sounds ist dank schneller Hüllkurven kein Problem. Mit dem »Hard Brass«- oder dem »FM Sawtooth«-Preset (mono, mit Fingered Portamento, Portatime auf 17 und zwei Halbtönen Pitchbender-Range) lassen sich übrigens mit einer Talkbox gute Ergebnisse im Stil von Roger Troutman erzielen.

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Eine Art Inkarnation erfährt dieser Synth mit der Vorstellung des neuen Yamaha reface DX, und das nicht nur im Sinne des Formfaktors. Eine optionale Umhängevorrichtung ist für den reface DX im Übrigen auch schon geplant.

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Ich bin gerade dabei mich in die FM Synthese einzuarbeiten. Da es wenig Informationsmaterial für meinen Reface DX dafür gibt, bin ich auf die Idee gekommen, mich an den DX 100 Erfahrungen zu orientieren. Da dieser Dem R.DX ähnlich ist hoffe ich hier einige Programmierbeispiele an meinem Gerät umzusetzen. Auch die Beschreibungen der FM Synthese sind für DX 100 oft lehrreich.
    Ich denke aber dass mit zunehmender Verbreitung des DX 100 auch der Erfahrungsaustausch sich verbessert.

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